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Interview

«Heute kann kaum mehr jemand malen»

Wolfgang Beltracchi (70) hat Hunderte Gemälde von grossen Künstlern aus vier Jahrhunderten gefälscht und musste dafür hinter Gitter. Der Deutsche gilt als Meister seines Fachs. Heute lebt und arbeitet er im luzernischen Meggen.

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Herbert Zimmermann
02. Juli 2021
Einnehmende Persönlichkeit: Wolfgang Beltracchi wirkt,  als könnte er kein Wässerchen trüben.

Einnehmende Persönlichkeit: Wolfgang Beltracchi wirkt, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Wolfgang Beltracchi, haben Sie jemals ein Werk eines lebenden Künstlers gefälscht?

Nein, das habe ich nie gemacht. Einzig von Joseph Beuys habe ich – als er noch lebte – mal Objekte gemacht. Da hat er aber nichts dagegen gehabt. Eines dieser Objekte von mir müsste heute noch in einer Sammlung in den USA sein.

Sie lernten ihn 1970 kennen, als Sie überlegten, bei ihm zu studieren.

Ich habe danach tatsächlich vier Jahre studiert, aber ich habe mich gelangweilt. Ich konnte kaum etwas lernen. Aber ich war sowieso immer bekifft oder auf LSD. Das war ich 20 Jahre lang.

«Es gibt kein elitäreres Pack als Kunstexperten.»

Wolfgang Beltracchi

Es scheint keine bleibenden Schäden hinterlassen zu haben.

Früher hatte ich noch Flashbacks, heute nicht mehr. Ich habe eh einige genetische Defekte. Zum Beispiel, dass ich in Bildern eine ‹Handschrift› erkennen kann. Oder auch, dass ich keine Angst habe. Ich weiss nicht, was Angst ist, selbst wenn ich – wie einst in Marokko – mit einem Messer bedroht werde. Und ich habe als Kind immer geschlafwandelt und war hyperempfindlich.

Haben Sie das ‹zweite Gesicht›?

Es geht in diese Richtung. Vor allem kann ich in meinen Träumen reisen. Auch in meinen Bildern, Hunderte von Jahren zurück. Das ist toll, wie Kino.

Sie steigen in vergangene Welten ein, wenn Sie Bilder schaffen?

Wenn ich so etwas träume, ist es so real wie die Situation hier. Was mich daran besonders interessiert, ist die Zeit. Ich möchte wissen, wie es damals, als ein Bild gemalt wurde, neben dem Rahmen aussah. Wie geht das Bild neben den Rändern weiter? Was fühlten und spürten die Leute auf dem Bild? Ich reise dann in dieses Gemälde und bin dort.

Können Sie das erläutern?

(Er deutet auf ein Gemälde.) Schauen Sie: Ich weiss, dass ausserhalb des Randes hier links ein Galgen stand. Mit zehn war ich mit Verwandten in Den Haag zum ersten Mal in einem Museum. Vor einer Szene mit Schlitten, Eis und Kindern aus dem 17. Jahrhundert hatte ich mein Schlüsselerlebnis. Ich roch das Kaminfeuer und hörte die Geräusche der Schlittschuhe, die Hunde und Krähen.

Ist das etwas für den Neurologen?

Nein, das ist einfach in meinem Kopf. Als wir das Museum verliessen, dachte ich: ‹Deshalb also gehen die Leute in die Museen, weil sie so was Tolles erleben.› Zu dem Zeitpunkt war ich auch noch nie im Kino gewesen, ich war auf dem Land aufgewachsen, im Teutoburger Wald. Mein erstes Auto sah ich mit sechs Jahren.

Das klingt, als wäre schon der zehnjährige Wolfgang auf LSD gewesen.

Ja, aber das mit den Drogen kam erst später. Ich habe diesen Blick auch nicht bei jedem Bild. Aber bei diesem ersten Gemälde habe ich die Handschrift bereits erkannt. Ich arbeite seit ein paar Jahren an diesem Thema. Ich versuche, anderen Menschen zu vermitteln, wie man in ein Bild dreidimensional und sogar in der vierten Dimension, der Zeit, hineinkommt. Ich selber kann es, aber es wäre schön, wenn ich das mit jemand anderem machen könnte, sodass der mit mir reist, als Begleitperson.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein spezielles Talent hatten?

Das ist kein Talent, sondern ein Defekt. Talent wird generell überschätzt, es macht bei einem Künstler vielleicht fünf bis zehn Prozent des Könnens aus. Talent heisst nur, dass du eine gewisse Fazilität hast und daher schneller bist als andere. Wer kein Talent hat, übt vielleicht mehr und überholt den Talentierten. Das Wichtigste aber ist Wissen. Als Künstler muss man so viel wissen wie ein Experte.

Tun das die heutigen Künstler?

Inzwischen relativ selten. Die gucken wohl nur fern oder weiss ich was. Heute kann ja kaum mehr jemand malen, das verkümmert schon seit längerer Zeit. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren malen Computer besser als die Menschen.

Hatten Sie seit der Haft Kontakt zu Käufern Ihrer gefälschten Bilder?

Ja, zum Beispiel zum US-Verleger Daniel Filipacchi, der mein Gemälde ‹La Forêt› von Max Ernst gekauft hat. Er rief mich an, als ich im offenen Vollzug war, und meinte: ‹Du solltest jetzt nur noch mit deiner eigenen Unterschrift signieren!› Er liebt das Bild, es hängt tatsächlich in seinem Apartment.

War er sauer?

Nein, meine Bilder sind ja manchmal viel besser als die Originale. Mein ‹Rotes Bild mit Pferden› von Heinrich Campendonk wurde als ‹Schlüsselwerk der klassischen Moderne› beschrieben. Warum? Weil es das ist! Die ganze Essenz der Künstlergruppe der Blauen Reiter und von Campendonk, wie sie sich im Jahre 1914 präsentierte, ist in dieses Bild eingeflossen. Das Bild ist 1914 in meinem Kopf entstanden, von Campendonk. Nur deshalb ist es so gut.

Es gibt Sammler, die Fälschungen aus Ihrer Hand behalten möchten?

Ja, wir haben die Käufer dazu aufgefordert, Fälschungen zurückzugeben, aber keiner hat sich gemeldet. Hingegen kamen viele der Besitzer, die irgendeinen Schinken hatten und hofften, dass er von mir wäre.

Können Sie die Sammler und Händler verstehen, die Millionen für Ihre Bilder ausgegeben haben und nun enttäuscht oder wütend sind?

Bis zu einem gewissen Grad. Kunsthandel ist ein heisses Geschäft. Wenn ein Kunsthändler 800 Millionen schwer ist, muss man sich schon fragen, wie viele Leute der betrogen hat. Ich weiss aus Erfahrung, dass vielen Händlern ein Gewinn von 100 Prozent nicht reicht, sie möchten 500 Prozent.

Das ist die Robin-Hood-Leier: Sie nehmen es den Bösen und geben es den Bedürftigen, also Ihnen.

Das ist nur ein Aspekt. Ich habe ja viele Maler in deren Handschrift neu gemalt, die dazumal gar nicht teuer waren. Zum Beispiel Heinrich Campendonk. 1985 verkaufte ich in New York ein Bild von ihm für 25 000 Dollar. 2009 wurde es an der Art Basel für 2 Millionen verkauft.

Sind Sie nicht an derselben Geldgier gescheitert, die Sie Kunsthändlern und -sammlern vorwerfen?

Nein! Ich streite nicht ab, dass ich ab und zu Geld brauchte. Aber ich habe gemerkt, dass es zu Ende geht, und wollte aufhören. Ich wollte mich mit der Renaissance beschäftigen, und dazu einen Palazzo in Venedig kaufen. Dazu hätte ich fünf Millionen für den Palazzo und nochmal so viel gebraucht, um mich fünf Jahre lang damit beschäftigen zu können. Dafür malte ich an einem Tag zwei Bilder, und Christie’s gab uns dafür ein Mindestgebot von zehn Millionen. Die Bilder haben wir nicht mehr verkauft, sie wurden dann beschlagnahmt.

Beltracchis Fälscherkarriere endete, als 2008 in der Farbe des vermeintlichen Gemäldes von Heinrich Campendonk «Rotes Bild mit Pferden» Spuren von Titanweiss gefunden wurden, das es zur angeblichen Entstehungszeit noch nicht gab. Der kleine Fehler führte 2010 zur Verhaftung des Paars, 14 Monaten Untersuchungshaft und einer fünfjährigen Strafe im offenen Vollzug.

Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden?

Ja, ich würde kein Titanweiss mehr verwenden. (Lacht.) Nein, ernsthaft: Ich würde das nicht nochmal machen, ich würde einen anderen Weg finden. Aber man wird ja auch nicht Fälscher, indem man sich das vornimmt. Ich war 18, 19 Jahre alt, als ich gemerkt habe, dass ich das kann.

Haben Ihre Kinder Ihr Talent geerbt?

Meine Tochter. Sie hat ein extrem gutes Auge, hat Kunst und Fotografie studiert, und sie hat einen Master in Kunstgeschichte. Also genau so, wie man es machen sollte. Jetzt hat sie ein kleines Atelier in London und arbeitet unter anderem auch für mich.

Unter dem Namen Beltracchi?

Ja. Sie lernt noch immer dazu. Malen und zeichnen lernen ist so eine Sache: Unter zehn Jahren läuft da nix. Sie sucht ihren Weg, und das ist schwer.

Vor allem im grossen Schatten dieses Vaters.

Sie dachte daran, auf Film umzusatteln. Sie hat gesagt: ‹Ich werde niemals so gut malen wie du.› Aber so hoch muss man die Latte ja nicht legen.

Hat sie Ihnen verziehen, dass ihre Eltern ins Gefängnis mussten?

Sie hatte nie Probleme damit.

Kein Knicks in der Biografie?

Es war ein Schock für sie und ihren Bruder. Sie war bei der Festnahme in einem Internat am Bodensee. Der Hauptkommissar ist sogar dorthin gefahren und hat versucht, die Direktorin zu bequatschen, im Sinne von: ‹Die Kinder müssen doch etwas wissen.› Meine Frau und ich sind ja niemals von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft vernommen worden, sondern kamen direkt in U-Haft. Dieser Prozess hätte unter Umständen Jahre gedauert, was niemand wollte. Die für den ersten Prozess eingeladenen Experten und Händler lehnten es ab, zu kommen. Wer ist schon so bescheuert zuzugeben, dass er keine Ahnung von seinem Beruf hat?

Da würden die Kunstexperten bestimmt widersprechen.

Natürlich, sollen sie doch. Deren Szene ist gruselig und hochmütig. Es gibt kein elitäreres Pack.

Wie ging es danach weiter?

Wir haben der Staatsanwaltschaft einen Vorschlag gemacht. Sie hatten ja keine Beweise. Ich habe eineinhalb Stunden geredet und versucht, alle anderen zu schützen. Mein Vorschlag war, dass wir in den offenen Vollzug gehen. Sie waren froh darum, weil sie den Prozess nie hätten durchführen können oder wollen.

Wolfgang Beltracchi in seinem Atelier in Meggen LU, dem Saal eines alten Hotels.

Aber Sie waren 14 Monate in Untersuchungshaft.

Ja, das war gruselig. Schlimm. Das hat gereicht. Es ist auch nicht rechtens. U-Haft in Deutschland dauert maximal sechs Monate. Nach sechs Monaten wirst du entlassen, wenn keine Anklage erfolgt, aber nach einer halben Stunde ergeht ein neuer Haftbefehl, und schon bist du wieder in U-Haft.

Hat die Haft Ihre Kunst verändert?

Ja, ein wenig. Ich arbeite seither noch mehr mit dem Thema Engel. (Lächelt.) Ich habe in meinem Leben viele Leute kennengelernt, die schräg waren, aus dem Milieu stammten oder am Rande der Legalität unterwegs waren. Aber derart bösartige Menschen wie im Gefängnis, komprimiert auf einem Haufen – dass es das gibt, konnte ich mir nicht vorstellen. Das war extrem, und ich war dem ausgeliefert.

Die Engel als Kontrapunkt?

Ja, ich habe schnell gemerkt, dass ich Schutz brauche.

Sie haben Häftlinge gezeichnet.

Ja, und zwar Hells Angels, das hat mich geschützt. Wenn man die in seine Zelle einlädt und zeichnet, macht dich keiner mehr an. Niemand spricht dich mehr an. Da bist du tabu.

Wie haben die Haftkumpel auf Ihre Taten reagiert?

Ich war natürlich der Exot. Sie lasen von mir in der Zeitung, dann hatte ich sie an den Socken. Die wollten wissen, was vom Geld übrig geblieben ist. Man muss sich vorstellen: Wenn ich ihn gezeichnet habe, schlossen die Beamten meine Zelle auf, liessen ihn hinein, schlossen die Zelle von aussen ab, und dann war ich zwei Stunden alleine mit diesem Verbrecher. Das ist, wie wenn man einen wilden Tiger in seine Zelle liesse: Du weisst nicht, was als Nächstes passiert. Diese Typen haben eine Wut in sich, da braucht es nur wenig, dass die hochgehen. Ich benahm mich wie ein Priester, habe sie zuerst mal beruhigt und suggestiv ein wenig eingeschläfert: ‹Entspann dich mal, mach mal die Augen zu.› Da sind sie eingenickt und blieben ruhig. Wenn sie gingen, hatten sie immer ein gutes Gefühl und wollten wiederkommen.

Haben Sie in der Haft Pläne für danach gemacht?

Ja, und zwar im Detail: Wir planten Bücher und Filme, denn uns war klar, dass wir in Zukunft ganz gradlinig unsere Sachen machen und wieder arbeiten werden. Als Häftling verlässt man das Gefängnis ja ohne irgendetwas: kein Pfennig, kein Bankkonto, kein Auto, keine Wohnung. Die meisten, die rauskommen, gehen direkt in ein Wohnheim. Wir haben uns gesagt, dass wir sofort durchstarten müssen. Und zum Glück hatten wir Freunde. Einer hat uns sofort ein kleines, geflicktes Auto gebracht. Ein anderer ein Handy, einer ein bisschen Geld. Besonders die französischen Freunde haben sehr zu uns gehalten.

Bleiben Sie nun in Meggen, um hier Ihren Ruhestand zu verleben?

Den werde ich nie haben, weil ich so lange arbeite, wie es geht. Mein Vater hat bis 89 gemalt, ich bin erst 70. Ich möchte zwar weniger malen, aber besser. Und trotzdem unseren Lebensstandard halten. Ich fühle mich sehr wohl hier, die Leute sind sehr nett. Wir haben in der Nähe eine Wohnung, von der aus ich immer auf die Hühner und auf den Bauern gucken kann, den ich gut kenne und bei dem ich meine Eier hole. Und im Winter fahren wir gerne irgendwo in die Sonne. Ich brauche keinen Ferrari und kein Schloss.

Wolfgang Beltracchi, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Wolfgang Beltracchi

Meister der Fälschungen

Der Sohn eines Restaurators erkannte mit 10 Jahren seinen speziellen Zugang zur Kunst und mit 20 sein Talent für das Nachahmen grosser Meister. Er fälschte und erfand rund 300 Bilder, etwa von Max Ernst, Henri Matisse oder August Macke – Schadensumme: rund 40 Millionen Franken. 2011 wurden er und seine Frau Helene zu 5 Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt. Sie leben heute in Meggen LU.