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Interview

«Ich bin nicht der hysterische Typ»

Schauspielerin Sigourney Weaver überzeugt in ihren Rollen durch Intelligenz und unerschrockene Entschlossenheit. Im Zoom-Interview erklärt sie, wie sie im Haifischbecken Hollywood überlebt hat und wieso das Kino weiterexistieren wird.

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imago/ZUMA Press
08. März 2021

Sigourney Weaver, es ist unfassbar: Sie sind im vergangenen Herbst bereits 71 Jahre alt geworden …

… deshalb bevorzuge ich einen eleganten Zahlendreher: Ich bin 17 geworden.

Dann wird von Ihnen nie zu hören sein: «Dafür bin ich zu alt!»?

Nein, noch nie! (Kichert.) Schauspieler passen ja schon von Berufs wegen gut auf sich auf. Heutzutage kann man so viel tun, um sich fit zu halten. Ich fühle mich stark und gesund – und das macht mich glücklich. Es überrascht mich selbst, wie jung ich mich fühle.

Haben Sie nie den «Ageism» Hollywoods – die Altersdiskriminierung – zu spüren bekommen?

Ich glaube nicht an das Klischee, dass Schauspielerinnen ab ihren Vierzigern keine Rollen mehr bekommen. Natürlich hatte ich karrieretechnisch Glück, weil ich nie auf romantische Rollen festgelegt war. Das geht auch schlecht bei einer Grösse von 1,83 Metern ...

... mit der Sie oft Ihre männlichen Pendants überragten.

Ja, als ich um die 20 war, wusste keiner so recht, was er mit mir anstellen soll – die grosse Frau, die dauernd die Klappe aufmacht. Nur unkonventionelle Regisseure trauten sich, mit mir zu arbeiten. Und das ist heute noch so. Ich habe immer schon mein eigenes Ding gemacht, also werden mir nach wie vor starke Charakterrollen angeboten, die nicht auf ein bestimmtes Alter beschränkt sind. Ich habe in meiner Karriere wohl ein paar gute Entscheidungen getroffen – und wenn ich ehrlich bin, werden mir momentan die interessantesten Rollen meiner Karriere angeboten.

Allein James Cameron hält Sie mit vier «Avatar»-Folgen bis 2028 in Schach. Und in der Netflix-Serie «Call My Agent!» spielen Sie köstlich mit Ihrem Image als Hollywood-Diva.

(Lacht.) Mich schockiert es ja immer wieder, was die Leute so für Vorstellungen von mir haben. Als wäre ich ein totaler Glamour-Star.

Sind Sie das nicht?

Na, auf dem roten Teppich vielleicht, aber sonst ganz sicher nicht! Ich hatte grossen Spass, mit diesem Image zu spielen und gnadenlos zu übertreiben. Die Schauspieler durften noch am Set die ganze Zeit am Skript herum ändern und die Figuren stärker überzeichnen, bis zur Karikatur. Es war eine tolle Chance, sich selbst und die Branche auf den Arm zu nehmen! Die Serie macht sich über die ganze Filmbranche lustig, und am lautesten lacht die Branche selbst.

Deswegen spielt die ganze Riege französischer Leinwand-Lieblinge mit wie Charlotte Gainsbourg oder Jean Reno ...

Ich bin ein grosser Fan, seitdem mir ein französischer Freund davon erzählte. Insgeheim habe ich sogar ein wenig davon geträumt, dass man mir eine Rolle anbietet. Aber ausser meinem Mann habe ich das natürlich niemandem anvertraut. Umso überraschter war ich, als ich dann wirklich kontaktiert wurde. Zum ersten Mal habe ich sofort für eine Rolle zugesagt, ohne mir das Drehbuch durchzulesen.

Sie haben das spontane Ja nicht bereut?

Nein. Die Arbeit mit den französischen Kollegen war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Ich weiss, wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, aber unsere Arbeit vereint uns. Gerade komödiantische Arbeit funktioniert überall auf der Welt gleich. Zu Hause haben mein Mann und ich durch den Lockdown fast nur ausländische Filme geschaut, vor allem Werke von jungen Regisseurinnen wie Chloé Zhao.

Sie wirken so ganz anders, uneitler als viele Stars. Was erledigt zum Beispiel ein Agent für Sie?

Ich bin überhaupt nicht der hysterische Typ, deshalb rufe ich meine Agenten nur im Notfall an. Ich liebe meine Agenten, sie sind clever und verstehen es, Drehbücher so zu lesen, dass sie besondere Stoffe sofort herausfischen. Wir sind fast befreundet, aber wenn ich ihnen befehlen würde, mir wie in dieser Netflix-Episode mal einen neuen Ehemann zu suchen, würden sie mich auslachen. Okay, ich bin mit meinem Gatten ja auch sehr zufrieden.

Hollywood ist als Arbeitsplatz nicht immer gemütlich. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie von Aasgeiern umkreist werden?

Mein Vater war einer der Chefs bei NBC, er entwickelte die «Tonight Show» im Fernsehen. Daher hörte ich schon von klein auf von den Schattenseiten. Aber ich finde, dass die Freude an meinem Beruf so viel schwerer wiegt! Mich beglückt die Arbeit mit anderen Schauspielern. Oft gibt es die Konflikte und Reibungen auch nur zwischen den Agenturen, sodass die Schauspieler oft gar nicht im Bilde sind, was da hinter den Kulissen abgeht. Davon werden wir abgeschirmt – und das soll ein Agent ja tun: seinen Schauspieler schützen.

«Was die Leute so für Vorstellungen von mir haben!»

Sigourney Weaver

Wie haben Sie als New Yorkerin die Pandemie bisher erlebt?

Ich hatte das große Glück, den Anfang des Lockdowns mit meinem Mann und meiner Tochter zu verbringen. Wir kamen gerade von der Berlinale nach Hause. Man kann über New York sagen, was man will, aber ich liebe die Stadt, und meine Erfahrung war, dass die New Yorker aufeinander aufpassen und füreinander da sind. Ich fühlte mich dort sehr sicher. Ein paar Wochen später habe ich die Stadt verlassen, an einen ruhigeren Ort, aber mein Herz blieb bei den vielen Menschen dort, die jeden Tag ihr Leben riskierten und Unglaubliches leisteten, um für andere da zu sein.

Wie betrachten Sie als Umweltschützerin die Lockdowns? Seit 2009 engagieren Sie sich für den Schutz der Ozeane und schrieben Blog-Beiträge über den Klima-schutz.

Der Umwelt wurde durch Corona eine Pause geschenkt. Wir müssen uns plötzlich neue Fragen stellen, zum Beispiel, was uns wichtig ist und worauf wir uns konzentrieren sollen, sowohl beim Thema Klimawandel als auch beim Gesundheitssystem. Covid hat gezeigt, dass wir in einer Notlage schnell handeln können, um uns zu schützen – dann können wir das auch, um den ganzen Planeten zu retten. Wir müssen nur für dieses Ziel einstehen! Ich hoffe sehr, dass in den USA endlich die nötigen Veränderungen dafür stattfinden werden.

Glauben Sie, dass es nach der Corona-Krise noch Kinos geben werden? Einige Ketten kollabieren schon.

Leider. Bereits als mein Vater das Live-Fernsehen entscheidend mitgestaltete, gab es die Befürchtung, dass die Filmbranche stirbt, wenn das Fernsehen zu stark wird. Aber mein Vater glaubte schon damals, dass das nicht passieren würde. Je mehr Unterhaltung, desto besser! Ich glaube, dass in uns der Wunsch bestehen bleibt, mit unseren Freunden ins Kino zu gehen, um einen Film zu schauen. Ich bin mir sicher, dass das Kino nach Corona wieder kommen wird, vielleicht sogar noch stärker.

Was ist Ihnen lieber, Kino oder Fernsehen?

Ich kann nicht mehr sagen, dass ich das Kino dem TV vorziehe. Ich habe in ein, zwei Mini-Serien mitgespielt wie «Political Animals». Aber: Lange Serien bedeuten auch eine lange Verpflichtung. Und viel Arbeit. Vielleicht bin ich ja nur zu faul dazu. (Lacht.) Bei Serien musst du immer gleich für sieben Jahre unterschreiben, bevor auch nur eine Szene gedreht wird – das ist Usus. Und das törnt mich irgendwie ab. Ich bin wie eine Hummel, die von einer Blüte zur nächsten jagt. Meine nächste Rolle ist die einer Frau, deren bester Freund ein Schaf ist. Ich habe ein Herz für skurrile Filme.

Dann stimmt es also, wie Sie einmal erklärten, dass Sie am liebsten grässliche Leute spielen?

Ja, ich spiele wirklich gern furchtbare Figuren. Es macht mir keine Angst, dass die Leute irgendwann denken könnten: Die Weaver ist wohl wirklich so, wenn sie ständig furchtbare Typen spielt. Ich finde aber, man sollte nicht dauernd liebenswürdige Frauen spielen, sondern in den fiesen Figuren so tief graben, bis man auf goldene Seiten stösst.

Würden Sie sich an einem Filmset derzeit sicher fühlen?

Ich weiss, dass die grossen Produktionen einiges an Sicherheitsvorkehrungen treffen. Die Studios in Pinewood oder die Sets in Australien sind sehr gut organisiert und haben sich auf Sicherheitskonzepte eingestellt. Beim Dreh sind die Crews in einer Art Gruppen-Quarantäne. Meist leben auch die Schauspieler unter demselben Dach, so gibt es kaum Kontakt mit aussen. Dann kann eigentlich nichts passieren. Ich freue mich jedenfalls, bald schon wieder mit der Arbeit anzufangen.

Sigourney Weaver, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Sigourney Weaver

Weltall-Amazone

1949 als Susan Weaver geboren, wollte die New Yorkerin nicht «Susi» genannt werden und änderte ihren Vornamen auf Sigourney. Den Durchbruch schaffte sie 1979, als sie im Science-Fiction-Hit «Alien» mitwirkte – die Geburtsstunde der Actionfilm-Heldin. Weaver ist viel beschäftigt, drehte schon fünf Filme in einem Jahr. Sie ist mit Regisseur Jim Simpson (65) verheiratet und hat eine Tochter, Charlotte (30).