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«Ich dachte: Euch werde ich es zeigen!»

Rockstar Jon Bon Jovi erzählt im Exklusiv-Interview von seinem grössten Geschenk, das ihm die Eltern mitgaben, und wie er zuletzt monatelang Geschirr spülte.

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Clay McBride
15. März 2021
Jon Bon Jovi (59) hat das Lachen auch in Zeiten von Corona nicht verloren: «Die Familien sind wieder näher zusammengerückt.»

Jon Bon Jovi (59) hat das Lachen auch in Zeiten von Corona nicht verloren: «Die Familien sind wieder näher zusammengerückt.»

Hallo Jon, vor 20 Jahren haben wir schon einmal ein Interview per Videostream gemacht. Damals mussten wir uns dafür noch in professionelle Studios begeben ...

Ist es nicht grossartig? Wenn man vor einem Jahr zu mir gesagt hätte, ob ich mit jemandem ein Zoom machen würde, hätte ich nur gelacht und gesagt: «What the hell is Zoom?» (Lacht.) Nun finde ich es viel angenehmer und effizienter, auf diese Art Interviews zu geben, als dafür rund um den Globus zu jetten.

Dann können Sie mir nun via Computer erklären, weshalb Sie in Ihrer neuen Single «Story Of Love» die Liebe zwischen Eltern und Kindern thematisieren.

Ich sass vor einiger Zeit in diesem Raum, war in Schreibstimmung und spielte auf meiner Gitarre herum. Zuerst wollte ich ein Lied für meine Tochter schreiben, doch dann realisierte ich, dass ich das vor längerer Zeit schon einmal gemacht hatte – und meine Söhne seither auf sie eifersüchtig sind. Also waren sie an der Reihe. Eins führte zum anderen. Schliesslich erkannte ich, dass es um mehr geht: meine Familie, meine Eltern, den Kreislauf des Lebens. Und alles passte zu den verrückten Dingen, die 2020 passierten.

Wie meinen Sie das?

Das war das Jahr, in dem viele Familien wegen Covid-19 wieder näher zusammenrückten. Deshalb musste das Lied unbedingt auf unser Album «2020» kommen.

Wie unterscheidet sich die Art, wie Sie Ihren Kindern Ihre Liebe zeigen, von der Art, wie Ihre Eltern sie Ihnen zeigten?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass Eltern ihre Kinder heute viel enger begleiten. Meine Mutter erzählte mir eben erst an meinem 59. Geburtstag, dass mein Vater damals bei meiner Geburt gar nicht dabei sein durfte. Heute schneiden die Väter sogar die Nabelschnur durch. Sie besuchen jeden Sportanlass des Kindes und helfen bei den Hausaufgaben. Mein Vater kam während meiner ganzen Jugend nur zu zwei Football-Spielen von mir, und meine Eltern haben mich mit den Hausaufgaben allein gelassen. Dagegen hat meine Frau schon fünfmal die Highschool abgeschlossen – einmal selbst und viermal mit unseren Kindern!

Waren Ihre Eltern trotzdem Vorbilder für Sie?

Das grösste Geschenk, das sie mir machten, war, dass sie mir erlaubt haben zu träumen. Als die Musik meine Leidenschaft wurde und ich mit 17 in Bars spielte, in denen ich noch gar nicht hätte auftreten dürfen, hielten sie mir keine Standpauke, wenn ich um zwei Uhr nach Hause kam, sondern sagten: «Okay, du musst in sechs Stunden wieder in der Schule sein. Aber wir haben Verständnis für das, was du tust: Denn du verfolgst deinen Traum.»

Welche Künstler haben Sie beeinflusst?

Der wichtigste Musiker war ein Nachbar, der mir eine Gitarre in die Hand drückte. Er ermutigte mich, obwohl ich nicht sehr gut war. Wenn Sie auf meine Gitarre schauen, sehen Sie «AP 95» eingekerbt, denn sein Name war Al Paranello, er starb 1995. Es gab auch Gesangslehrer, die sagten: «Du kannst es nicht.» Und das war gut, weil ich dachte: «Euch werde ich es zeigen!»

Ihr Hit «Livin’ On A Prayer» wurde auf Youtube 771 Millionen Mal angeklickt. Was denken Sie, wenn Sie sich ihn mal wieder anschauen?

Ich denke dann: Good job, Jon! Als Gitarrist Richie Sambora, Co-Autor Desmond Child und ich den Song im Keller von Richies Mutter geschrieben haben, ahnte keiner von uns, dass er unser Leben komplett auf den Kopf stellen würde.

«Ich bin sehr glücklich, dass es noch immer meine eigenen Haare sind.»

Jon Bon Jovi

Sie hatten damals noch blonde Haare!

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht: Aber ich bin glücklich, dass es noch immer meine eigenen Haare sind! Schon vor 30 Jahren prophezeite ich: «Ich werde nie ein Fünfzigjähriger sein, der seine Fingernägel schwarz lackiert und ‹bitch› auf seinen Bauch tätowiert! Nein, ich werde demütig zu dem Mann reifen, der ich dann bin.» Als ich mich mit grauen Haaren zeigte, dachte ich: «Wenn ich einen tollen Song schreibe, werden ihn die Fans hören wollen. Wer nur an gebleichten blonden Haaren und Botox im Gesicht interessiert ist, sollte sich schnellstens jemand anders suchen.»

Gab es auch einmal eine Zeit, in der Sie egoistischer, hedonistischer und ungesünder lebten?

Ja, die gabs. Als ich mit 21 meinen ersten Plattenvertrag bekam, war ich nur darauf fokussiert, Sänger einer erfolgreichen Rock ’n’ Roll-Band zu sein und Spass zu haben. Das absolute Klischee von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll also! Wobei ich nie Drogen konsumiert habe.

Vermutlich ist die Liebe zu Ihrem Highschool-Schatz Dorothea Ihre «Beautiful Drug».

Ich sehe dieses Lied als Hymne auf die Liebe, die uns als einzige durch diese schweren Zeiten tragen kann. Ursprünglich war das ja nur ein unbedeutender augenzwinkernder Song in der Art von «Bad Medicine». Als uns dann mit voller Wucht die Pandemie traf, nahm ich ihn hervor und arbeitete ihn um.

Jon Bon Jovi (vorne in der Mitte) und seine Bandmitglieder: Seit bald vier Jahrzehnten eine Macht im Rockgeschäft.

Sie engagieren sich mit Ihrer Jon Bon Jovi Soul Foundation. In den Social Media war zu sehen, dass Sie selbst Hand anlegen. War das mehr als PR für eine gute Sache?

Absolut. Ich bin keiner, der nur seinen Namen gibt und einen Check ausstellt. Bevor ich nach einer traurigen Beobachtung die Stiftung gründete, suchte ich jemanden, der mich in Sachen Obdachlosenhilfe kompetent beraten konnte, und fand diese Expertin in Sister Mary, einer Nonne. Bis 2008 sammelten wir Geld, mit dem wir für 1000 Menschen Unterkünfte bauten. Als die Wirtschaftskrise kam, sagte Dorothea, nun müssten wir zuerst den Hunger der Menschen stillen. Es begann mit einer Suppenküche in einem Kirchenkeller, in der mein Vater am Herd stand, meine Frau servierte und ich den Abwasch machte. Heute haben wir drei «Soul Kitchen»-Restaurants, die nach einem von uns selbst entwickelten Modell funktionieren.

Wie funktioniert dieses Konzept?

Wenn jemand Bedürftiges dort essen möchte, kann er sich seine Mahlzeit mit Freiwilligenarbeit im Restaurant verdienen. Wer genug Geld hat, bezahlt so viel, dass damit noch jemand anderes verköstigt werden kann. Als vor einem Jahr Covid-19 kam, konnten wir jedoch nicht mehr mit ständig wechselnden Freiwilligen arbeiten. So kehrte ich wieder an den Spültrog zurück, fünf Tage in der Woche, drei Monate lang. Als die Armut infolge des Lockdowns noch zunahm, aber die Restaurants schliessen mussten, haben wir den ganzen Sommer hindurch Lebensmittelspenden von Firmen gesammelt, in Plastiktaschen verpackt und den Leuten abgegeben. So konnten wir 25 000 Menschen helfen. Danach musste ich einen Leistenbruch und die Schulter operieren lassen und bin noch immer in Physiotherapie. Ich habe mich wirklich nicht geschont!

Sie haben Joe Biden unterstützt. Was wünschen Sie sich von ihm?

Ich hoffe und glaube, dass er ein toller Präsident sein wird. Insbesondere dürfte er der richtige Präsident zur rechten Zeit sein – unabhängig davon, ob man Trump gemocht hat oder nicht. Biden hat viel mehr Erfahrung. Auch im Vergleich zu Obama, der nach nur einer Amtszeit als Senator bereits Präsident wurde. Biden kennt den Staatsapparat, die Regierenden der Welt und wie es ist, Macht zu haben und zu verlieren. Weil er auch persönlich enorm viel durchgemacht hat, ist er empathisch gegenüber Menschen, die Verluste verkraften müssen. So denke ich, dass die aktuelle Lage geradezu nach jemandem wie ihm verlangt.

Was lässt Sie daran glauben, dass die Menschheit ihre grossen Herausforderungen bewältigen wird?

Um ehrlich zu sein: Alles, was man tun kann, ist zu hoffen, denn alte weisse Männer wie ich und Sie haben es vermasselt. Aber wenn ich mit meinem 16-Jährigen rede, sagt er zu mir: «Ich muss einbezogen werden und will mich kümmern, nicht nur für meine Kinder, auch für mich.» Er versteht, dass wir bald tot sein werden, er und seine Kinder aber noch bis zum Ende der Party dabei sein werden.

Was wussten Sie in seinem Alter?

Auf der Highschool habe ich nicht einmal über Politik nachgedacht! Ich hatte keine Ahnung. Die heutigen Kids wissen, was Klimawandel, Verlogenheit, Rassismus, Globalisierung und Pandemie bedeuten. Deshalb habe ich viel Vertrauen in die Generation unter 25.

Ihr Grossvater mütterlicherseits hatte Schweizer Wurzeln. Haben sich 2018 bei Ihrem Konzert in Bern Verwandte bei Ihnen gemeldet?

Nein, aber meine Frau hat mir zu Weihnachten die gesammelten Recherchen für einen Stammbaum geschenkt. Wir stecken mittendrin in unserer Ahnenforschung. Danach kann ich Ihnen vielleicht mehr sagen.

Jon, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Weltbürger

Jon Bon Jovi

Jon Bon Jovi, 1962 in New Jersey (USA) geboren, heisst bürgerlich John Francis Bongiovi Jr. Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber und seine 1983 gegründete Rockband Bon Jovi stiegen mit dem Album «Slippery When Wet» und den Singles «Livin’ On A Prayer» und «You Give Love A Bad Name» zu Superstars auf. Sie haben über hundert Millionen Alben verkauft und vor 34 Millionen Fans Konzere gegeben. Das aktuelle Album «2020» erreichte in der Schweiz Platz 3. Jon Bon Jovi ist seit 1989 mit Dorothea Hurley (59) verheiratet und hat mit ihr eine Tochter (27) und drei Söhne (25, 18, 16).