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Porträt

«Ich klebte am Bildschirm»

Sie will auf dem Mond leben und zum Mars fliegen. Die Wahlzürcherin Lavinia Heisenberg greift nach den Sternen.

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Christoph Kaminski
23. April 2021
Den Blick nach vorne und vor allem nach oben gerichtet. Lavinia Heisenberg träumt von einem Flug ins Weltall.

Den Blick nach vorne und vor allem nach oben gerichtet. Lavinia Heisenberg träumt von einem Flug ins Weltall.

Die Meldung war den meisten Medien Mitte Februar nur ein paar Zeilen wert: «Die europäische Raumfahrtbehörde (ESA) sucht erstmals seit zwölf Jahren neue Astronautinnen und Astronauten.» Vor allem Frauen seien ausdrücklich ermutigt, sich zu bewerben. Die ESA wolle ganz generell mehr Diversität in ihren Reihen fördern, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Alter oder beruflichem Hintergrund.

«Das war und ist ein so starker Wunsch, dass mein gesamter Werdegang dadurch erheblich geprägt wurde.»

 

An der ETH Zürich freute sich Lavinia Heisenberg riesig über diese Nachricht. Denn die 37-jährige Deutsche hat einen grossen Traum: Sie will ins Weltall reisen. «Das war und ist ein so starker Wunsch, dass mein gesamter Werdegang dadurch erheblich geprägt wurde.» Natürlich wäre es sehr schön und bereichernd, die Schwerelosigkeit zu erleben. Aber es stecke für sie viel mehr dahinter. Als Wissenschaftlerin sehe sie sich in der Pflicht, die Grenzen des menschlichen Wissens voranzutreiben. Sie nehme die Welt und die Menschheit sehr wichtig. Und sie betrachte ihre berufliche Laufbahn als eine privilegierte Möglichkeit dafür, durch wissenschaftliche Erkenntnisse und Fortschritte in Forschung und Technik einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Menschheit leisten zu können. Und, es wäre ihr eine grosse Ehre, wenn sie die Möglichkeit erhielte, junge Menschen zu inspirieren und vor allem junge Frauen zu motivieren, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.

Heisenberg, die in verschiedenen Teilen der Welt studierte und sechs Sprachen fliessend spricht, denkt gross, ganz gross – und trotz ihres jungen Alters zählt sie in der globalen Wissenschaft zu den führenden Köpfen. 2020 gewann sie an der ETH Zürich für ihre detaillierte Analyse der Schwerkraft den prestigeträchtigen Latsis-Preis. Es muss wohl ein Wink des Schicksals gewesen sein, dass fast zeitgleich mit der Preisverleihung im vergangenen Februar die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA mit einer unbemannten Mission den Mars erreichte – und in manchen Menschen einen alten Traum weckte: die Reise zum mystischen Roten Planeten, wo seit jeher Spuren von Leben vermutet werden. «Das war ein Meilenstein», sagt Heisenberg zur Landung des Perseverance Rover auf dem Mars: «Ich klebte am Bildschirm.»

Der Mars lockt

Die Frage, ob sie sich für eine Marsmission zur Verfügung stellen würde, betrachtet sie lachend schon fast als Affront: «Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als auf einem fremden Himmelskörper Experimente durchzuführen.» Dass das Leben in der Schwerkraft auch über einen langen Zeitraum möglich ist, steht für sie ausser Zweifel: «Weshalb sollte es nicht möglich sein – auch wenn dies nicht unserer Vorstellungskraft entspricht?» Genau in diesem Bereich werde derzeit intensiv geforscht: «Die Hin und Rückreise würde je sechs bis zehn Monate dauern – mit einem Aufenthalt von anderthalb Jahren auf dem Mars.»

Doch vielleicht ist auch der Mond Heisenbergs nächstes Ziel. Das momentan wieder intensiver diskutierte Szenario der Besiedelung des Erdtrabanten erachte sie als «sehr realistisch» und verweist aufs ESA-Programm «Moon Village». Darin werden Forschungseinrichtungen, vor allem für astrophysikalische und kosmologische Untersuchungen auf der dunklen Seite des Mondes, geprüft. Die Wissenschaftlerin selber würde dort das perfekte Umfeld finden, um ihre Forschungen im Bereich der Astrophysik und Kosmologie weiter voranzutreiben: «Es wäre toll, wenn man von der dunklen Seite des Mondes aus mit Teleskopen weiter ins Universum blicken könnte.»

Lavinia Heisenberg will sich keine Grenzen setzen. Doch in ihrem Alltag stösst sie zuweilen daran – geschlechtsbedingt. Sie stelle leider fest, dass eine wissenschaftliche Karriere für Frauen selbst heutzutage besonders schwierig sei. Es bestünden noch immer Vorurteile über die Fähigkeiten von Frauen in der Wissenschaft. Auch selber erlebe sie es, dass sie schnell in eine Schublade gesteckt werde. Das koste Kraft: «Ohne einen unnachgiebigen Willen wäre es mir kaum möglich gewesen, wieder auf die Füsse zu kommen und nach vorne zu schauen. Meine Überzeugung war stets, dass ich meinen Weg gehen kann, wenn ich meine ganze Willenskraft und meine Fähigkeiten dafür einsetze.»

Der Traum bleibt real

Auf ihre eigene Karriere bezogen, sagt sie: «Ich habe zwei Nachteile: Ich versuche über die standardisierte Sichtweise hinauszugehen und arbeite an neuen Konzepten, und ich bin eine Frau. Stellen Sie sich vor, Albert Einstein wäre eine Frau gewesen und hätte gewagt, Newtons Theorie der Schwerkraft zu vervollständigen?» Ihre eigenen Arbeiten über die Schwerkraft, die Einsteins Relativitätstheorie vervollständigen sollten, stiessen bei manchen Menschen auf grosse Vorurteile. Oft habe sie sich nur deshalb rechtfertigen müssen, weil sie kein Mann sei: «Viele erachten es quasi als Frevel, dass ich als Frau die Lehren von Einstein fortsetze.»

«Ich erfülle alle akademischen, physischen und psychischen Voraussetzungen, die es braucht.»

 

Und wie stehen die Chancen, dass Heisenberg dereinst die Erdatmosphäre verlassen wird? Die Angesprochene gibt sich selbstbewusst: «Ich erfülle alle akademischen, physischen und psychischen Voraussetzungen, die es braucht.» Und der Zeitpunkt der Bewerbung kam für sie wohl noch im exakt richtigen Moment: «Die letzte Ausschreibung war 2008 – und die ältesten Kandidaten waren 37 Jahre.» Mit anderen Worten: Der Traum vom Weltall bleibt für Lavinia Heisenberg real. Und jedes Mal, wenn sie nachts zu den Sternen blickt, fühlt sich das Universum ein bisschen wie ihr künftiges Zuhause an.