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«Ich mache lieber,  als mich zu erklären»

Slam-Poetin Lara Stoll (34) gibt auf der Bühne alles. Sie wird laut, singt und überrascht ihr Publikum mit unerwarteten Gedankengängen. Für das Beantworten von Interviewfragen braucht sie aber vor allem eins: Mut.

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Christoph Kaminski
22. September 2021
Die mediale Präsenz nach dem Gewinn des Salzburger Stiers war Lara Stoll zu viel. Jetzt hat sie aber wieder Energie. 

Die mediale Präsenz nach dem Gewinn des Salzburger Stiers war Lara Stoll zu viel. Jetzt hat sie aber wieder Energie. 

Lieber würden Sie den Abwasch erledigen, als auf Interviewfragen zu antworten, sagten Sie einmal. Wieso sitzen Sie heute trotzdem hier?

Das frage ich mich auch grad. (Lacht.)

Wirklich?

Nein. Das habe ich in einer Phase gesagt, in der die mediale Präsenz enorm war. Das war zu viel. Ich fühlte mich nach all diesen Fragen ausgeweidet. Das war ein extremer Moment in meinem Leben. Jetzt war aber etwa ein halbes Jahr Ruhe und ich habe wieder Energie für solche Dinge. Aber grundsätzlich mache ich lieber, als mich zu erklären.

Sie wurden damals mit dem Salzburger Stier, dem renommiertesten Kleinkunstpreis im deutschen Sprachraum, ausgezeichnet. Sorgen diese Vorschusslorbeeren für mehr Druck?

Es war ja nicht mein erstes oder zweites Programm, sondern mein viertes. Langsam weiss ich, wie es läuft. Darum haben mich die Vorschusslorbeeren zum Glück auch nicht zu sehr gestresst. Der Moment war goldrichtig, da ich gerade mit einem neuen Programm startklar war.

«Ich fühlte mich nach all diesen Fragen ausgeweidet.»

Lara Stoll

Was hat Ihnen diese Auszeichnung bedeutet?

Sehr viel. Der Salzburger Stier stand natürlich schon auf meiner To-do-Liste. Da die Schweiz eine eher überschaubare Szene von Künstlerinnen und Künstlern hat, hab ich mir einfach gedacht, wenn ich meinen Job nur lange genug mache, dann müssen sie ihn mir ja irgendwann geben. (Lacht.)

Hat sich Ihre Kunst durch den Preis verändert?

Ich habe mehr Auftritte und kann jetzt in fast allen Kleintheatern der Schweiz spielen. Man muss auch nicht immer Angst haben, dass zu wenig Leute an den Auftritt kommen. Wobei, das hat man natürlich immer, aber die Chance ist sicherlich kleiner geworden, dass zum Beispiel in Biel dann nur 15 Nasen vor mir sitzen. Das alles gibt mir ein Sicherheitsgefühl, was meine Existenz betrifft. Früher habe ich mich oft gefragt, ob das, was ich tue, tatsächlich das Richtige ist. Das ist heute keine Frage mehr.

Vor dem Preis sind Sie bereits  viele Jahre auf der Bühne gestanden. Mit Poetry-Slam haben Sie sehr jung gestartet.

Ich war gerade 18 Jahre alt. Jünger durfte ich ja auch nicht sein.

Wieso?

Weil es bei Poetry-Slam-Wettbewerben eine Flasche Whiskey als Preis gibt und die darf man halt minderjährig gar nicht gewinnen.

Wie sind Sie überhaupt zum Poetry-Slam gekommen?

Für mich war es das Naheliegendste. Irgendwie habe ich die Bühne immer gesucht. Als Kind und Jugendliche im Laientheater. Als ich dann einen ersten Poetry-Slam besucht habe, wusste ich, dass ich das ausprobieren möchte. Es war dann aber nicht so einfach, wie ich gedacht habe.

Was war anders als in Ihrer Vorstellung?

Ich hatte null Erfahrung, und es war auch ein wirklich schlechter Auftritt, den ich da hingelegt habe.

Können Sie sich daran erinnern, was Sie damals auf der Bühne erzählt haben?

Ich habe über den Montagmorgen gesprochen. Ich habe das auch bei anderen Slam-Poetinnen beobachtet, dass man sich am Anfang auf Klischees stürzt. Die grosse Kunst ist es, Berührungspunkte mit dem Publikum zu finden.Trotzdem gab es einen zweiten, dritten und viele weitere Auftritte. Mir ging es damals nur darum, weiterzumachen, bis ich einmal nicht mehr so schlecht abschneide. Erst dann wollte ich wieder aufhören.

Warum findet man Sie heute lustig?

Einerseits, weil ich sicherlich einen relativ experimentellen, zugegeben manchmal auch sehr doofen Humor habe, der die bereits erwähnten Berührungspunkte mit dem Publikum schafft, dann aber auch wieder damit bricht. Das kann auch mal extrem werden. Im Prinzip geht es einfach darum, die Leute zu überraschen. Dann haben sie Spass. Zum anderen hängt es wohl auch mit meiner Erscheinung zusammen. Man traut mir einfach nicht zu, dass ich ausrasten kann. Wenn ich es dann doch tue, sind die Leute ganz entzückt.

Auf der Bühne sind Sie laut und energisch, sprechen schnell und dann wieder betonen Sie  jedes Wort einzeln. Dann singen Sie plötzlich laut und schief. Braucht das Mut?

Nein, gar nicht. Für solche Interviews wie dieses oder normales Socializing brauche ich mehr Mut.

«Ich mach das jetzt einfach fürs verdammte Geld und zieh es durch.»

Lara Stoll

Weil Sie sich nicht hinter einer Kunstfigur verstecken können?

Das auf der Bühne ist keine Kunstfigur. Das bin schon auch ich. Oft ist es für mich natürlicher, die Bühnen-Lara zu sein. Leider kann ich sie aber in solchen Situationen wie dieser hier nicht einfach abrufen. Auf der Bühne habe ich die komplette Kontrolle und muss mich nicht einer unangenehmen Situation aussetzen. Es kommt vor, dass das Publikum nicht auf einen reagiert. Das ist doch auch unangenehm. Da versucht man natürlich, zuerst allen anderen Dingen die Schuld zu geben. (Lacht). Man kann einen Text hundertmal in verschiedenen Situationen vortragen, und die Reaktionen werden immer anders sein. Ich probiere, es nicht persönlich zu nehmen und herauszufinden, inwiefern es an mir gefehlt hat und ob ich nochmals über die Bücher muss. Aber oft sind es Sachen, auf die man gar keinen Einfluss hat.

Wann fühlten Sie sich auf der Bühne gar nicht wohl?

Das Schlimmste, das ich erlebt habe, war bei einem Weihnachtsanlass eines Gemüselieferanten im Kühlhaus. Dort hat man mir wüste Beleidigungen zugerufen. Der Chef dachte wohl, es sei eine gute Idee, mich für seine Angestellten zu buchen. Doch die wollten einfach ihren Fleischkäse essen und ihren Abend geniessen, anstatt einer Slam-Poetin zuzuhören.

Wie reagiert man in solchen Situationen?

Lustigerweise werde ich dann fast selbstsicherer. Wenn ich das Gefühl habe, das Publikum kann oder will mich nicht verstehen, legt es bei mir einen Schalter um und ich denke: Ich mach das jetzt einfach fürs verdammte Geld und zieh es durch.

Im Oktober treten Sie am Mundart-Festival in Arosa auf. Haben Sie ein schweizerdeutsches Lieblingswort?

«Schnäderfrääsig». Habe ich lange nicht mehr gehört. Ich stelle mir dabei immer einen Mund vor, der schnell Auto fährt.

Sie wuchsen im Thurgau auf. Wie ist das Verhältnis zu Ihrem eigenen Dialekt?

Ich habe mit meinem Dialekt Frieden geschlossen. Es gibt sicher viele, die sagen, es gebe schönere. Ich finde den Ostschweizer Dialekt auch nicht sonderlich schön, aber immerhin versteht man mich überall in der Schweiz gut.

Welchen Dialekt mögen Sie besonders gern?

Ich mag Baseldeutsch. Das sagen bestimmt nicht viele. Auch die Walliser höre ich gerne. Da war ich erst kürzlich zum ersten Mal. Ich dachte, die reden alle wie Rainer Maria Salzgeber, aber das stimmt gar nicht. Die reden wie Rainer Maria Salzgeber, der ein Murmeli im Mund hat. Ich hab kein Wort verstanden, aber das spielt keine Rolle. Auch der Bündnerdialekt gefällt mir. Ich mag die Exoten und finde in jedem Dialekt etwas Schönes.

Lara Stoll, wir danken Ihnen für das Gespräch.