«Ich spürte, dass ich eine Superkraft habe» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

«Ich spürte, dass ich eine Superkraft habe»

Alle Augen auf Gjon’s Tears: Am Eurovision Song Contest zählt der Fribourger zu den Favoriten auf die Gesangskrone. Im Interview erzählt er von der besonderen Beziehung zu seinem Grossvater und seinen albanisch-kosovarischen Wurzeln.

23. April 2021
Gjon's Tears: «Ich bin froh über meinen multikulturellen Hintergrund.»

Gjon's Tears: «Ich bin froh über meinen multikulturellen Hintergrund.»

Hallo Gjon, was nehmen Sie aus Broc zum Eurovision Song Contest nach Rotterdam mit, Käse oder Schokolade?

Gute Frage, beides! (Lacht.) Ich mag vor allem Käse mit einem kräftigen Geschmack wie Gruyère oder L’Etivaz, esse aber auch sehr gerne Schokolade.

Was wenig erstaunt, schliesslich wird in Ihrem Dorf die Cailler-Schokolade produziert. Schon mal einen Nebenjob dort gehabt?

Nein, aber als ich in der Primarschule war, rannten wir manchmal in die Schokoladenfabrik und naschten bei den Degustationen, bis sie uns irgendwann wegschickten.

«The next big thing» aus Broc ist nun aber nicht Schokolade, sondern Gjon’s Tears …

Vielleicht, ich hoffe es! (Lacht.)

Wie viele der 2650 Einwohner des Dorfes kennen bereits Ihr Gesicht?

Ich weiss es nicht. Bei der 100-Jahr-Feier unserer Schule habe ich «La donna è mobile» aus «Rigoletto» gesungen. Daran werden sich vielleicht einige Einwohner erinnern.

Wie sind Sie zu Ihrem Künstlernamen gekommen?

Als ich neun Jahre alt war, hat mich mein Grossvater gefragt, ob ich seinen Lieblingssong «I Can’t Stop Falling In Love» von Elvis Presley für ihn singen könnte. Danach weinte er. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn, den ich nur als starken Mann kannte, so rühren könnte.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Ich spürte, dass ich als Sänger eine Superkraft habe. Wenn ich ihn zum Weinen bringen kann, kann es mir auch bei anderen Menschen gelingen. Wobei mich fasziniert, dass Tränen aus verschiedensten, aber immer sehr starken Gefühlen herausfliessen können: Traurigkeit, Freude, Melancholie, Wut.

Wie fühlen Sie sich vor Ihrem Halbfinal beim Eurovision Song Contest?

Ich bin begeistert, dass ich in Rotterdam dabei sein darf. Ich bin nicht erschöpft, aber es war eine sehr lange Reise. Eigentlich wäre ich dort ja schon vor einem Jahr mit «Répondez-moi» gestartet, doch dann wurde das Event wegen Corona abgesagt. Ich habe mich zwar sehr gefreut, als ich gefragt wurde, ob ich nochmals antreten wolle, aber ich brauchte – weil es das Reglement vorschreibt – ein neues Lied. Es ging also alles noch einmal von vorne los.

Wie kam es überhaupt zu Ihrer Teilnahme am ESC?

Wettbewerbe sind in unserer Familie sehr beliebt. Ich war 2011 schon bei der Castingshow «Die grössten Talente Albaniens» und 2012 bei «Die grössten Schweizer Talente» dabei, bevor mich meine Mutter 2019 ohne mein Wissen für «The Voice France» anmeldete. Darauf wurde ich zu einem Songwriter-Camp der Suisa eingeladen und erfuhr erst dort, dass dabei der Schweizer ESC-Beitrag 2020 entstehen sollte. «Répondez-moi» entstand schon in der ersten Session innert wenigen Stunden. Ich zögerte aber bis kurz vor der Deadline, ob ich ihn einreichen sollte.

Aus welchem Grund?

Ich war mir sicher, dass er nicht ausgewählt würde. «Il pleut de l’or», das letzte französischsprachige Lied am ESC, lag schon zehn Jahre zurück, wobei es von Michael von der Heide gesungen wurde. Und der ist ja Deutschschweizer. Kathy Leander, die letzte Künstlerin aus der Romandie, sang vor 25 Jahren.

Gjon's Tears hat keinen Grund für Tränen: Den ESC-Halbfinal am 20. Mai sollte er problemlos überstehen.

Gleich beide Lieder sind von Ihrem Falsett-Gesang geprägt. Was macht die Kopfstimme für Sie speziell?

Ich habe in meiner Kindheit auf den Rat meines Grossvaters Songs von Whitney Houston und Céline Dion gesungen. Als mir mein Gesanglehrer sagte, dass ich wohl durch den Stimmbruch die Fähigkeit, so hohe Noten zu singen, verlieren würde, wollte ich herausfinden, was ich tun kann, um sie zu bewahren. Ich habe am Konservatorium Operngesang studiert, lernte die richtige Technik und habe sehr viel geübt. Deshalb hasse ich es, wenn man mir sagt: «Oh, du hast Glück, mit so viel Talent gesegnet zu sein!» Da steckt sehr viel Arbeit drin. Mir ist nichts in den Schoss gefallen. Es ist aber nicht so, dass ich nur die hohen Stimmen liebe. Grace Jones und David Bowie gefallen mir ebenso gut.

Weshalb haben Sie zu «Tout l’univers» einen Videoclip gedreht, in dem es so aussieht, als würden Sie nach einem Autounfall sterben, wenn Sie Ihr Alter Ego nicht retten würde?

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die verschiedene Interpretationen zulässt. Auf drei Aspekte legte ich besonders Wert: Ich habe eine spezielle Beziehung zu Autos und hatte selbst schon einen brenzligen Moment. Auf einer Ferienreise mit einem Freund geriet unser Fahrzeug in Brand. Wir bangten um unser Leben, konnten aber rechtzeitig anhalten und blieben unverletzt. Ausserdem wollte ich mit diesem Bild von der Grenze zwischen Leben und Tod darauf hinweisen, dass dort, wo etwas zu Ende geht, wieder Neues entstehen kann.

Und der dritte Aspekt?

Selbst wenn wir – wie jetzt wegen Corona – das Gefühl haben, das alles schiefläuft, sollten wir die Zeit nutzen, um zu überlegen, wie wir nach der Krise unseren Traum leben können.

«Wettbewerbe sind in unserer Familie sehr beliebt.»

 

Als Céline Dion vor 33 Jahren mit «Ne partez pas sans moi» den letzten Sieg für die Schweiz holte, freuten sich die Kanadier wohl auch ein wenig. Würden Sie ebenfalls für mehr als ein Land gewinnen?

Ja, ich denke, die Menschen in Albanien und Kosovo, woher meine Eltern stammen, würden sich sicher mitfreuen. Bereits bei «The Voice» haben sie mitgefiebert. Obwohl ich damals nichts erwartete, schrieben drei oder vier Zeitungen über mich. Das sind warmherzige und sehr leidenschaftliche Leute!

Spielten diese Wurzeln in Ihrer Jugend eine Rolle?

In der Schweiz hatte ich in der Schule keine Probleme. Unangenehm fand ich einzig, dass ich, weil ich Gjon und nicht Jean heisse, von den Klassenkameraden immer zuerst gefragt wurde, woher ich komme. Das weckte in mir das Gefühl, als sei ich nicht von hier. Und wenn wir in Albanien oder im Kosovo Verwandte besuchten, fühlte ich mich fremd, weil ich andere Kleider trug und im Gegensatz zu den dortigen Kindern ziemlich dick war. (Lacht.) Ausserdem sprach ich nicht gut Albanisch. Jeder wollte wissen, wem ich mich denn zugehörig fühle.

Wie gingen Sie damit um?

Ich bin froh, einen multikulturellen Hintergrund zu haben. Ich interessiere mich für alle Ausprägungen der Musik, des Essens und der Kunst, habe sogar Jodeln, indischen und chinesischen Gesang gelernt. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen nochmals eine kleine Geschichte über meinen Grossvater erzählen, die dazu passt ...

Sehr gerne!

Er hat mir verraten, dass er nicht genau weiss, wann er geboren worden ist, weil seine Mutter das Datum erst viel später bei den Behörden meldete und sie sich nicht mehr an den genauen Geburtstag erinnerte. Ich fragte ihn, was er dabei fühle. Und er antwortete: «Ach, das ist nicht so wichtig.» Das Thema Herkunft und Identität hat mich dann zu «Répondez-moi» inspiriert und mir die Türe zum Eurovision Song Contest geöffnet.

Gjon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Gjon's Tears

Singender Primarlehrer

Gjon’s Tears, 1998 als Gjon Muharremaj in Broc FR geboren, studierte am Konservatorium Bulle Operngesang. Der Schweizer, dessen Eltern aus Albanien und Kosovo stammen, nahm an verschiedenen Pop-Castingshows («Albania’s Got Talent», «Die grössten Schweizer Talente» und «The Voice France») teil. Nachdem der Eurovision Song Contest 2020 wegen Corona abgesagt wurde, zählt der ausgebildete Primarlehrer 2021 mit «Tout l’univers» wieder zu den Favoriten.