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Interview

«Jeder mixt sich die Wahrheit zurecht»

Michael Elsener ist wieder auf Tour – mit «Fake me happy». Im Interview gibt der Comedian zu, dass er manchmal zu Fake News greift. Und er erklärt, wann Roger Federer zurücktritt und weshalb seine Löckchen lange ziemlich einträglich waren.

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Christoph Kaminski
15. Oktober 2021
Mit dem Salzstreuer den Drink veredeln ? Michael Elsener liebt Verrücktheiten, nur bei Pizza Hawaii endet der Spass: «Das gehört bestraft.»

Mit dem Salzstreuer den Drink veredeln ? Michael Elsener liebt Verrücktheiten, nur bei Pizza Hawaii endet der Spass: «Das gehört bestraft.»

Michael Elsener, stimmt es, dass Sie es bei der letzten Facebook-Panne sechs Stunden ohne Whatsapp, Instagram und Co. fast nicht aushielten?

Als Erstes dachte ich mir: Es muss etwas Dramatisches passiert sein. Weil innert Kürze hatte ich auf meinem Smartphone zig verpasste Anrufe von guten Freunden drauf. Dann las ich auf Twitter: Ah, Facebook ist down. Für mich selber waren die sechs Stunden Pause nichts Ungewöhnliches: Ich schalte mein Handy ja jeden Tag erst um 13 Uhr ein, weil ich die Frische in meinem Kopf morgens gerne dafür verwende, um an meinen Programmen zu schreiben.

Wie kam es dazu, dass Sie morgens bewusst offline bleiben?

Ich überlegte mir, was ich an Ferien am meisten schätze: Nämlich ohne Ablenkung von aussen selbstbestimmt zu entscheiden, was ich in den nächsten Stunden tun möchte. Habe ich das Handy eingeschaltet, gebe ich das aus der Hand. Jeder Anruf, jede Message reisst einen aus dem heraus, was man gerade tut. Kann ich mich hingegen voll einer Sache widmen, bedeutet das für mich Lebensqualität. Diese möchte ich jeden Tag haben, also schalte ich das Handy bewusst aus. Und sehr bewusst wieder ein, um mich mit meinen Freunden und Arbeitskollegen auszutauschen.

Ihr neues Programm heisst «Fake me happy». Stimmt es, dass Sie schon Fake News erzählt haben?

Jeder mixt sich doch die Wahrheit zurecht. Letzte Woche sagte mir jemand: «Michael, wir müssen unbedingt abendessen gehen.» Ich fand: «Sorry, geht leider nicht, ich habe grad jeden Abend einen Auftritt.» Was natürlich nicht stimmt, aber die Lage für mich extrem entspannt hat.

«Jeder mixt sich die Wahrheit zurecht.»

Michael Elsener

Ehrlich ist es aber nicht.

Ich fände es auch besser, wenn ich es schaffen würde, der Person direkt ins Gesicht zu sagen, dass ich für einen näheren Umgang mit ihr keinen Bedarf habe. Doch so weit bin ich noch nicht. Ich arbeite aber an mir. Bis ich es kann, geht es nicht ohne Fake News.

Weitere Beispiele für Fake News Ihrerseits?

Wenn wir über unsere eigene Biografie reden, zeichnen wir unangenehme Dinge gerne kleiner, als sie waren. Wie zum Beispiel jenen Auftritt als Student in Luzern, bei dem ich gebombt habe.

Gebombt?

Das ist ein Ausdruck der Stand-up-Comedy und bedeutet, dass die Pointen nicht gezündet haben. Es war auf einer offenen Bühne, auf der Breakdancer, Zauberer und Jongleure auftraten. Mittendrin ich: Ein junger Schnösel, der die ersten Schritte als Comedian macht und viel zu fest am vorbereiteten Text klebt. Heute kommt es vor, dass ich bis zu 70 Prozent der geplanten Gags fallenlasse, weil das Angebot an spontanen Witzen an diesem Abend viel besser ist.

Hatten Sie an jenem Abend nicht Lust, alles hinzuschmeissen?

Nein. Ich dachte mir: Ab nach Hause und weiter an mir arbeiten! Es gibt keinen einzigen guten Comedian, der nicht schon einen totalen Flop erlebt hätte. Das gehört zum Berufsrisiko.

Welche Fake News finden Sie lustig?

Aprilscherze finde ich super. Ich freue mich immer, wenn ich einen in der Zeitung entdecke. Amüsant finde ich auch, wenn man etwas als Fake News einschätzt, obwohl es der Wahrheit entspricht: So glauben immer noch viele nicht, dass ich eigentlich von Mike Müller gespielt werde.

Im Hörbuch «Globi und Roger» sind Sie Roger Federer. Wie fühlte sich das an?

Auf der Bühne bin ich Federer nur für wenige Minuten – als Karikatur von ihm. Da übertreibe ich alles. Fürs Hörspiel hingegen habe ich mich als Comedian zurückgenommen und war viel näher am Original. Wir haben der Familie Federer denn auch eine Aufnahme zugeschickt, damit sie ihr Okay geben. Sie fanden, ich hätte gut gefedert.

Was hätten Sie gerne, was er hat?

Den Werbevertrag mit Lindt.

Stimmt es, dass Sie Federer schon getroffen haben?

Nein, es gab aber mal ein metaphysisches Erlebnis mit ihm. Nachdem er und Mirka zum ersten Mal Eltern von Zwillingen geworden waren, tat ich auf der Bühne in Basel so, als würde ich zwei Kinder gleichzeitig wickeln. Eine Moderatorin fragte mich, ob ich das überhaupt könne, und ich antwortete mit Federer-Stimme: «Jo i mein, isch ganz klar, ich ha au e unglaublichi Technik.» Zwei Wochen später wurde Federer beim Siegerinterview auf dem Platz gefragt, ob er denn selber auch die Kinder wickle. Er sagte: «Jo i mein, isch ganz klar, ich ha au e unglaublichi Technik.»

Das klingt nach Fake News.

Es war aber genau so. Ich habe nachher ganz viele Anrufe von Freunden erhalten, die sein Interview gehört hatten. Und ich fragte mich: Wer macht hier eigentlich wen nach? (Lacht.)

Stimmt es, dass Sie On-Schuhe tragen?

Ich selber trage noch keine. Ich weiss aber aus erster Hand, dass es bei On-Schuhen genau gleich läuft wie bei den Kindern von Roger Federer: Es gibt immer gleich zwei aufs Mal.

Wie hat Federer an Olympia in Sydney Mirka angebaggert?

Ich glaube nicht, dass er gebaggert hat. Eher hat er beim

Vorbeilaufen kurz backhand ihre Hand ergriffen.

Und: Wann tritt er zurück?

Ich hoffe noch lange nicht. Er nimmt sich ja jeweils längere Auszeiten, kehrt dann zurück, um sich die nächste noch etwas längere Auszeit zu nehmen, um dann eine noch längere zu nehmen, bis diese wohl irgendwann so lang ist, dass es niemanden mehr gibt, der ihn überhaupt spielen gesehen hat. Den Rücktritt gibt es offiziell nie. Eine geniale Strategie.

Stimmt es, dass Ihre Löckchen von einer Dauerwelle herrühren?

(Lacht.) Mein absolutes Lieblingsthema. Seit ich 19 war, habe ich mit einem meiner besten Freunde eine Wette laufen, dass in jedem Interview, das ich führe, irgendwann um meine Haare geht. So wie jetzt. Er glaubte es mir nicht und wettete dagegen. Einsatz: pro verlorene Wette ein Nachtessen. Irgendwann habe ich ihn dann davon befreit, weil es zu teuer für ihn geworden wäre.

Meine Frage haben Sie aber noch nicht beantwortet.

Sie sind echt.

Sie haben kürzlich vor Bauarbeitern an einer Diplomfeier gespielt. Wo haben diese am meisten gelacht?

Als ich interne Begebenheiten aufs Korn nahm. Vor solchen Anlässen hole ich mir Unmengen an Informationen ein, was in einem Unternehmen oder einer Institution so läuft. Auf der Bühne bringe ich dann alle Jokes zum ersten Mal und komme mit den Leuten ins Gespräch. Die Gefahr, abzustürzen …

Michael Elsener (36) an der Bar des Restaurants LaSalle im Zürcher Schiffbau.

… oder zu bomben …

… ist riesig. Umso schöner, wenn es funktioniert. Das sind dann die magischen Momente, bei denen das Publikum und der Comedian denken: Das gibt es nur heute Abend so.

Viele Bauarbeiter müssen frühpensioniert werden, weil ihr Job so hart ist. Stimmt es, dass Sie bis 100 arbeiten müssten, wenn man die Bauarbeiter als Massstab nimmt?

(Lacht.) Das Risiko als Comedian ist nicht zu unterschätzen. Viele laufen in ein Burn-out rein. Ist man erfolgreich, hat man viele Auftritte. Das braucht extrem Kraft. Denken Sie an Ihre Ferien: Wenn Sie da nach der Anreise in Hamburg im Hotel ankommen, ruhen Sie sich erst mal aus. Als Comedian aber begebe ich mich gleich nach Ankunft ins Theater und performe dort noch zwei Stunden lang.

Wie viele Punkte auf einer Skala von 1 bis 10 für Emil?

10. Er ist eine internationale Ikone. Wenn ich in Deutschland auf Tournee bin, kommen Leute zu mir, die sich freuen: «Endlich wieder ein Schweizer! Wir haben vor 40 Jahren Emil gesehen.»

Andreas Thiel?

Frisurentechnisch? 10!

Ist es wahr, dass sich Parodierte schon bei Ihnen beschwert haben?

Nein. Im Gegenteil. Manchmal melden sich Politiker, die wissen wollen, ob ich an einer kommenden Veranstaltung Witze über sie machen werde. Die fragen nach, weil sie sicher sein wollen, dass sie vorkommen. Weil sie wissen: Gibt es keine Witze über sie, bedeutet das, dass sie unwichtig sind.

Über welches Essen können Sie lachen?

Pizza Hawaii. Wobei … wenn ich mir das recht überlege, ist Pizza Hawaii gar nicht lustig, sondern eines der traurigsten Food-Verbrechen. Das gehört bestraft: Wer einmal eine Pizza Hawaii isst, muss danach ein Leben lang Riz Casimir essen.

Riz Casimir als Höchststrafe?

Ja, denn ich bin auf dem Land mit dem Satz aufgewachsen: «Heute essen wir mal etwas Asiatisches. Riz Casimir!» Was auch immer verkochte Dosen-Kirschen mit Asian Food zu tun haben sollen … (Lacht.)

Stimmt es, dass Sie schon wissen, was dereinst auf Ihrem Grabstein stehen wird?

Eigentlich nicht. Aber man könnte hinschreiben: «Er hats nicht überlebt.»

Michael Elsener, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Michael Elsener

Stand-up-Virtuose

Michael Elsener, 1985 in Zug geboren, machte an der Uni Zürich den Master in Politikwissenschaften und Publizistik und bildete sich in Schauspiel und Improvisationstheater weiter. Seit 2006 tritt er als Comedian auf; er ist bekannt für seine Parodien, etwa von Roger Federer. Derzeit tourt Elsener mit dem Programm «Fake me happy» durch die Schweiz. Er pendelt – kein Fake – zwischen Zug und Zürich und seinen Lieblingsdestinationen Kopenhagen (DK) und Lecce (I).