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«Keine Lust auf Drama»

Stefanie Heinzmann erklärt im Interview, dass das Leben manchmal ein Irrweg ist. Schlimm findet die Walliser Sängerin das aber nicht.

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Pascal Triponez
17. Mai 2021
Ein Bild mit Symbolcharakter: Im Labyrinth von Evionnaz legt Stefanie Heinzmannauch mal eine Pause ein.

Ein Bild mit Symbolcharakter: Im Labyrinth von Evionnaz legt Stefanie Heinzmannauch mal eine Pause ein.

Stefanie Heinzmann hat sich für das Treffen das «Labyrinthe Aventure» in Evionnaz VS ausgesucht. Fürs Fotoshooting wagt sich die 32-jährige Walliserin dann aber nur ein paar Meter weit ins grösste Naturlabyrinth der Welt hinein, dessen Irrgarten drei Kilometer lang ist. «Nicht, dass ich mich hoffnungslos verirre.»

Was ihre Karriere anbelangt, sind solche Befürchtungen allerdings unbegründet. Seit Stefanie Heinzmann vor mittlerweile 14 Jahren als Siegerin des Casting-Wettbewerbs «SSDSDSSWEMUGABRTLAD» – bitte einmal fehlerlos aufsagen! – einer grösseren Öffentlichkeit bekannt wurde, blieb sie in der Schweiz und Deutschland stetig auf der Erfolgsspur. In Berlin hängen haushohe Plakate mit ihrem Konterfei in den Strassen, in den populären «Sing mein Song»-Shows ist sie ein gern gesehener Gast; in der neuen SRF-Sendung «Stadt Land Talent» ist sie als Jury-Mitglied vorgesehen. Doch damit nicht genug: In diesen Tagen erscheint ihr sechstes Studioalbum «Labyrinth», das nicht zufällig so heisst.

Stefanie Heinzmann, wir treffen uns hier im Naturlabyrinth in Evionnaz. Verirren Sie sich manchmal auch im Leben?

Ich glaube, es gehört zur menschlichen Natur, dass man sich hin und wieder verirrt. Und das ist gut so.

Wozu soll das gut sein?

Ohne Verirrungen wäre der Lernprozess im Leben viel kleiner. Leider sind wir es in unserer Kultur nicht gewohnt, Fehler machen zu dürfen. Ich finde das schade. Wir sollten viel mehr über Fehler reden und uns auch eingestehen können, dass wir uns falsch entschieden haben. Dann hätte ein Irrweg auch nicht die Bedeutung, die er heute hat. Ich selber brauchte lange, um zu merken, dass auch ich Fehler machen darf. Ich schämte mich und begann zu zweifeln. Leider an allem.

Das ist heute nicht mehr so?

Es macht vielleicht immer noch weh, wenn ich mich irre. Aber diese immensen Selbstzweifel, die alles infrage stellen, sind weg. Heute höre ich eine innere Stimme in mir, die sagt: «Okay, jetzt ist es gerade blöd, aber das wird schon wieder.» Ich habe keine Lust mehr auf Drama. Lieber rede ich mir gut zu … ich bin ja die Meisterin des Selbstgesprächs. Also sage ich mir Dinge wie: «Besinn dich auf das Positive!» oder «Stefanie, es ist viel los, aber das ist doch auch spannend!»

Und das funktioniert?

Ja. Ich fand mich lange doof. Auch der Erfolg änderte nichts daran. Ich war viel zu streng mit mir selber und forderte einen Perfektionismus von mir ein, den ich gar nicht bedienen konnte. Das war bisher der grösste Irrweg in meinem Leben.

«Ich war lange Zeit viel zu streng mit mir selber»

Stefanie Heinzmann

Es waren also nicht die anderen, die Druck auf Sie ausübten?

Der grösste Druck kam von mir selber, aber natürlich bekommst du auch mit, was die anderen von dir denken. Als 18-Jährige mit dem, was manchmal auf den sozialen Medien über dich hereinbricht, umzugehen, ist nicht einfach. Da geht es oft um Äusserlichkeiten. Es brauchte seine Zeit, bis ich merkte, wie wichtig das alles ist: nämlich gar nicht. Kommt noch hinzu, dass ich nicht gut mit Konflikten umgehen kann. Ich bin harmoniesüchtig. Lange sagte ich zu allem Ja, auch wenn mir eigentlich nach einem Nein zumute war. Acht Jahre powerte ich mich ohne Pause aus, die Energie wurde kleiner und kleiner. Irgendwann begann mein Körper zu rebellieren und zu kränkeln. Doch ich wollte es mir immer noch nicht eingestehen. «Stell dich doch nicht so an!», giftete ich mich in meinem Wahn nach Perfektion selber an.

Was passierte dann?

Ich hatte gerade einen richtig anstrengenden Zyklus mit Album, Promotion und Konzerttournee hinter mir und war bei meiner besten Freundin zu Besuch. Als ich ihr sagte, dass ich nun wieder für zwei Wochen weg sein würde, schaute sie mich fassungslos an: «Weshalb das denn?» Ich antwortete ihr, dass ich doch neue Songs schreiben müsse. «Schon wieder?», fragte sie, «geht das nun immer so weiter?» Ihre Fragen schlugen wie eine Ohrfeige ein und rüttelten mich auf. Ich musste zugeben: Stimmt, ich habe gar kein Leben. Ich habe keinen Partner, keine Hobbys, koche nicht für mich und habe keine Zeit für meine Freunde. Alles war einzig und allein auf meine Arbeit fokussiert. Seitdem gebe ich auch meinem Privatleben einen Wert. Ich musste erst 27 Jahre alt werden, um erstmals in meinen Business-Kalender auch private Termine einzutragen.

Was war der erste Termin, den Sie sich so freischaufelten?

Die Heirat einer guten Freundin. Die trug ich fix in den Kalender ein. Vorher hätte ich sicher gesagt: Ich muss noch schauen, ob es mir dann an deine Hochzeit reicht. Das klingt nach einer kleinen Sache, war aber ein ganz grosser Schritt für mich.

Wie reagierte Ihr Management?

Ich stellte mich damals gerade neu auf. Meinen beiden neuen Managern, die sich die Arbeit aufteilen, teilte ich offen mit, dass ich mich an einem schwierigen Punkt befinde.

Das ist sicher nicht einfach, so offen Schwäche zu zeigen.

Es war aber genau das Richtige. Ehrlich zu sein, erleichtert die Kommunikation. Als Erstes trugen sie gleich drei Monate Ferien in meinen Kalender ein. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Wäre ich nicht von Anfang ehrlich gewesen, hätten sie mir den Kalender mit Terminen gefüllt. Vorher erklomm ich einen Berg und machte mich gleich daran, den nächsten zu erklimmen. Das ist jetzt anders: Oben angekommen, bleibe ich einen Moment stehen und geniesse die frische Walliser Luft.

Auf was verzichten Sie bewusst, wenn Sie eine Pause einlegen?

(Zeigt auf ihr Handy.) Der grösste Unterschied ist, dass ich nicht immerzu auf das «hüera Grät» schauen muss. Wenn ich arbeite, bin ich viel am Handy, checke Mails, plane Termine, verfolge das, was auf Social Media läuft. Das Handy saugt enorm Energie ab. Ich geniesse es an freien Tagen auch, dass die Zeit keine Rolle spielt. Also am Morgen aufwachen, ohne dass bereits der Wecker klingelt. Oder dann zu essen, wenn man Hunger hat – und nicht zu einem lange vorher festgesetzten Termin. Seit ich mir regelmässig solche Pausen gönne, unternehme ich mehr. Vorher schlief ich von morgens bis abends, wenn ich mal freihatte.

Was unternehmen Sie denn neu?

Ich habe das Wandern entdeckt. (Lacht.) Das hätte ich noch vor ein paar Jahren nie für möglich gehalten. Vor allem das Wallis möchte ich erwandern, das Goms, die Belalp mit ihrer tollen Aussicht, die ich liebe. Da habe ich grosse Pläne für den kommenden Sommer. Und es soll ein paar Viertausender geben, auf die man hinauf wandern kann, ohne dass man klettern muss. Auf die will ich hinauf.

Dass Sie sich gerade viele Gedanken übers Leben machen, ist Ihrem neuen Album «Labyrinth» deutlich anzuhören.

Für uns Kulturschaffende brach letztes Jahr mit Corona all das weg, was wir so gerne mit anderen Menschen teilen. Ich kam deshalb an einen Punkt, bei dem ich mich fragte: Wars das jetzt mit den Tourneen, den Konzerten und dem vertrauten Zusammensein? Man kommt dann sehr schnell auf existenzielle Fragen: Bin ich mir trotzdem genug, auch wenn der soziale Status plötzlich ein anderer ist, ich weniger verdiene oder ich auf Social Media nicht mehr präsent bin?

Wie lautet Ihre Antwort?

Ja, ich bin mir genug! Unser Leben ist auch so wertvoll. Wir sind uns dessen viel zu wenig bewusst. Okay, die Pandemie hat unsere Welt durcheinandergebracht. Und trotzdem atme ich, laufe ich, spreche ich und fühle ich mit meinem Herz. Nutzen wir die paar Jahre, die wir auf diesem Planeten leben, um das zu tun, was wichtig für uns ist.

Anfang letzten Jahres war Ihnen wichtig, Ihr Aussehen radikal zu ändern, indem Sie Ihren Kopf kahl rasierten.

Seit ich 17 war, wollte ich mir eine Glatze schneiden. Mit den Jahren hat sich dieser Wunsch verstärkt. Vor jedem Konzert musst du an deinen Haaren herummachen. Mit dem Wind, der gerade bläst, wären meine Haare auch beim Fotoshooting hier im Labyrinth ganz sicher ein Thema gewesen. Mich machte das wahnsinnig … auch dass Schönheit so sehr über die Haare definiert wird. Ich aber wollte mich nur noch mit meinem Gesicht auseinandersetzen. Also weg mit den Haaren.

Wie waren die Reaktionen?

Natürlich unterschiedlich. Ich wollte damit nicht schockieren und auch nicht ein Vorbild sein. Sondern ich habe einfach das getan, was ich schon seit 15 Jahren in mir als Wunsch herumtrug. Es war also etwas, das ich für mich selber gemacht habe, weil ich ehrlich mit mir sein wollte. Eine Bedeutung gegeben haben dem Ganzen erst die anderen, die Menschen und die Medien.

Was ist das nächste auf Ihrer To-do-Liste?

Was mein Äusseres anbelangt, sind nicht mehr viele Punkte offen. (Lacht.)

DJ Antoine sprach von ein paar wenigen «Bigs» in der Schweizer Musikszene, die Corona finanziell problemlos überstehen würden: er selber, Gölä, DJ Bobo, Bligg und Beatrice Egli. Sie auch?

Ja, ich glaube, ich bin da tatsächlich auch privilegiert. Als keine Konzerte mehr möglich waren, arbeitete ich an meinem Album. Oder ich bin in Fernsehshows dabei. Nie würde ich aber sagen, dass deshalb alles in Ordnung sei. Viele der Menschen, mit denen ich in der Branche zusammenarbeite, sind in einer ganz schwierigen Lage. Das lässt mich nicht kalt. Ich habe deshalb das Album vorgezogen, damit alle zu tun haben. Ich vermisse vor allem die Konzerte enorm. Wenn ich Bilder von Festivals sehe, bei denen Menschen Schulter an Schulter vor der Bühne stehen, könnte ich losheulen.

«Ich vermisse vor allem die Konzerte enorm.»

Stefanie Heinzmann

Sie sind Botschafterin für vegane Ernährung.

Ja, das ist auch deshalb lustig, weil ich selber nur halb vegan esse …

… halb vegan?

Ja. (Lacht.) Als ich von den Anbietern die Anfrage bekam, ob ich dafür zur Verfügung stände, machte ich darauf aufmerksam, dass ich mich gar nicht zu hundert Prozent vegetarisch, geschweige denn vegan ernähre. Ich bin – wie sagt man so schön – Flexitarierin. Zwischendurch mal ein schönes Stück Fleisch vom Bauern aus der Region finde ich mega fein. Das war für sie absolut okay. Darum gehe es auch gar nicht, erklärten sie.

Sondern?

Entscheidend sei das Bewusstsein, dass es Alternativen gibt. Wir haben das Jahr 2021 und wissen über so vieles Bescheid. Da darf es nicht mehr sein, dass wir die Nachteile der Massentierhaltung ignorieren. Ich bin denn auch immer auf der Suche nach feinen Ersatzprodukten. Als sie mir das erste Päckchen mit den veganen Produkten nach Berlin schickten, hoffte ich inständig, dass sie mir schmecken. Sonst wäre es für mich nicht infrage gekommen. Zum Glück waren sie dann wirklich lecker. Denn Essen hat für mich mit Genuss zu tun.

Stefanie Heinzmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Stefanie Heinzmann

Wenn sich das Leben wieder normalisiert, startet Stefanie Heinzmann nächsten März ihre neue Tournee, die in 22 Städten in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Luxemburg Halt macht. Wer nicht so lange warten will, kann sich mit ihrem neuen Album «Labyrinth» trösten. Die 32-Jährige ist liiert und lebt in Eyholz im Wallis, das, so die Sängerin, im Winter leider vier Monate ein Schattendasein fristet. «Umso grös­ser ist die Freude, wenn wieder die ersten Sonnenstrahlen durchdringen.»