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Interview

«Männerschönheit ist kein Tabu mehr»

Kulturwissenschaftlerin Ulrike Langbein befasst sich vor allem mit Mode und ihrer Bedeutung. Sie weiss, warum Männerkleidung immer knapper wird und was das mit Migration, Feminismus und der Reformation zu tun hat.

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Heiner H. Schmitt
22. Oktober 2021
Ulrike Langbein: «Mode wird als oberflächlich betrachtet, weil wir in der Tradition der Aufklärung stehen.»

Ulrike Langbein: «Mode wird als oberflächlich betrachtet, weil wir in der Tradition der Aufklärung stehen.»

Ulrike Langbein, müssen Sie sich als Wissenschaftlerin oft rechtfertigen, dass Sie zu Mode forschen?

Es gibt viel Interesse, aber auch die eine oder andere hochgezogene Augenbraue oder ein süffisantes Lächeln, wenn man zu Mode forscht. Obwohl jeder weiss, welch wichtige Rolle Kleidung dabei spielt, wie wir wahrgenommen werden. Darum gibt es etwa Ratgeber zur richtigen Kleidung für Vorstellungsgespräche oder Einladungen, die den gewünschten Dresscode benennen. Kleidung ist unsere Oberfläche, wir kommunizieren damit und werden auf den ersten Blick eingeordnet. Gleichzeitig wird Mode in der Wissenschaft oft ignoriert, als oberflächlich betrachtet, weil wir in der Tradition der Aufklärung stehen. Es muss immer um Tiefe, um den Geist gehen. Wobei: In anderen Ländern ist man weiter. In England etwa sind die Fashion Studies viel etablierter.

Weshalb die wissenschaftliche ­Auseinandersetzung mit Mode?

Einzelne wissenschaftliche Disziplinen haben unterschiedliche Modekonzepte. Eine Kunsthistorikerin würde sich eher mit sehr erlesenen Kleidern befassen. In der Kulturanthropologie verstehen wir darunter nicht nur das besonders schöne oder raffinierte Kleidungsstück, sondern etwa auch Arbeitskleidung. Wir glauben: Über das, was man trägt, wie man sich schminkt und schmückt, positioniert man sich in der Welt. Oder theoretischer ausgedrückt: Mode ist eine grundlegende Ausdrucks- und Vollzugsform von Gesellschaft. Gesellschaft passiert also unter anderem über Mode.

Manch einer sagt ja, er interessiere sich nicht für Mode. Ist das überhaupt möglich?

Wenn man Mode im Sinne von Trends versteht, ja. Aber selbst wer sagt, er folge diesen nicht, oder sich ohne Überlegung kleidet, artikuliert sich ja über Mode. Die Message ist dann: Das ist mir gleichgültig. Auch jede Verweigerung der Mode ist eine Mode, weil sie eine Ausdrucksform ist.

Und solche Messages verstehen nicht nur Mode-Experten?

Im Unterbewusstsein trifft jeder über die Erscheinung Zuordnungen: Ob jemand eher aus der Stadt oder vom Land kommt, ob er eine Migrationsgeschichte hat, welchen Beruf er haben könnte. Und wir bewerten die Erscheinung abhängig von unserer eigenen Position in der Gesellschaft. In alteingesessenen bürgerlichen Milieus etwa wird zu viel Körperlichkeit verurteilt. In eher proletarischen oder bäuerlichen Milieus war der Körper wichtig, weil er immer auch Arbeitsinstrument war. Er ist also eine positive Ressource wie in der klassischen bürgerlichen Welt der Geist.

Früher haben vor allem Frauen ­darauf geachtet, wie ihr Körper ­aussieht, und ihn mit Kleidung in Szene gesetzt. Jetzt befassen sich plötzlich Männer extrem mit ihrem Körper, und ihre Kleidung wird knapper. Wie kommt das?

Zuerst müssen wir fragen: Weshalb erstaunt es uns, dass Männer sichtbar werden? Denn ihre Unsichtbarkeit in der Mode ist ein historisches Produkt. Im höfischen Zeitalter liessen es die Männer der Oberschicht krachen: Sie trugen grosse Halskrausen und bunte, enge Strümpfe mit ausgepolsterten Schamkapseln in der Mitte. Sie vergrösserten und inszenierten das Genital, denn Potenz stand für Männlichkeit und Macht. Mit opulenter Kleidung und kostbarem Schmuck vermittelte der adlige Mann seinen gesellschaftlichen Status. Dieser wurde damals noch durch Geburt vererbt. Wir befanden uns noch nicht in der Leistungsgesellschaft.

Was hat diese verändert?

Im bürgerlichen Zeitalter wurde der Adel zum Feindbild: Er leistet nichts und hat seinen Wohlstand nur geerbt. Nun galt ein anderes Ideal: Der bürgerliche Mann muss sich seine Position erarbeiten, in der Welt wirksam und erfolgreich sein. Um seinen Status zu zeigen, schmückt er sich nicht selbst, sondern seine Frau. Sie wird zur Hüterin der Innenwelt, kümmert sich um die Familie und begleitet ihren Mann im öffentlichen Leben. Mit diesen neuen Rollen gehen die Geschlechter modisch komplett auseinander. Vorher durften sich beide schmücken, Status repräsentieren und auffällig kleiden. Nun wurde die Mode zu einem weiblichen Phänomen. Farben, Schmuck und aufwendige Silhouetten bleiben den Frauen vorbehalten. Männer tragen schwarze Anzüge. Man nennt diesen Prozess die Verschwärzlichung der Männermode. Auch die Reformation hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Inwiefern?

Vergeistlichung, Verinnerlichung und Reduktion waren die Devise. Das Äus­sere wird schlichter. Statusunterschiede können natürlich weiter erkennbar gemacht werden: über die Art der Materialien, Stoffmengen, Verarbeitungen. Dennoch: Die Kleidung wurde schwarz, das sieht man deutlich auf Porträts von Zwingli, Calvin und Luther. Das Farbige, Glamouröse, Kreative wurde fortan weiblich codiert. Männer, die sich weiterhin schminken oder farbig kleideten, galten nicht mehr als richtige Männer. Dieser schwarze Kleidercode hält sich bis heute.

Wo?

Man sieht Schwarz bei Männern oft auf Bällen und Hochzeiten oder in den Roben der Richter und Pastoren, die später Richterinnen und Pastorinnen übernahmen. In der Geschäftswelt finden sich neben Schwarz auch Dunkelblau oder Dunkelgrau. Das ist die tradierte, protestantisch codierte Farbwelt, die für Männer und für die Berufswelt verbindlich wurde. Im Vatikan herrscht eine andere Farbordnung, weil sich hier die vorbürgerliche Kleiderordnung hielt. Wo sonst können Männer im Beruf lila Kopfbedeckungen, grosse Ringe und Ketten oder rote Schuhe tragen? Auch Reisen öffnen den Blick: In den Städten Italiens haben Männer weniger Berührungsängste mit Farben und Mode. Schaufenster widmen ihnen gleich viel Aufmerksamkeit wie Frauen. Spanien und Frankreich hatten starke Monarchien mit viel Putz und Prunk, die Mode gesellschaftlich legitimierten. Das war in grossen Teilen Deutschlands und in der Schweiz anders. Hier wirkte die Reformation stilbildend für die ganze Kultur.

Und warum hat sich die Männermode nun verändert?

Das hat verschiedene Gründe. Einen Beitrag leistet der Feminismus, der herkömmliche Geschlechterrollen ins Wanken bringt. Jeder Freiraum, den sich Frauen erkämpfen, schafft ja ebenfalls Freiräume für Männer. Die Geschlech­tergrenzen öffnen sich auch in der Mode.

Ulrike Langbein lehrt an der Universität Basel Modetheorie und -geschichte.

Was hatte sonst noch einen Einfluss auf die Männermode?

Migration. Plötzlich sehen die eher traditionell gekleideten deutschen und Schweizer Männer auf der Strasse Männer aus Kulturen, die anders mit Körper und Kleidung umgehen, etwa aus Italien oder der Türkei. Seit einigen Jahren werden zahlreiche Barbershops und Coiffeur-Läden nur für Männer eröffnet. Ihre Schönheit ist kein Tabu mehr. Daran hat auch die Industrie Interesse. Männer sind der Wachstumsmarkt für Mode und Kosmetik, jener für Frauen stagniert. Bei den Männern wird nun auch ausdifferenziert und beworben. Jede Unterscheidung und Veränderung verspricht Gewinn. Ein weiterer Faktor ist, dass die Leistungsgesellschaft Sport zu einer wichtigen Praxis der Selbstoptimierung macht. Den hart erarbeiteten Körper möchte man natürlich präsentieren. Enge Kleidung ist bei Männern weniger mit Schönheit oder Sexualität konnotiert wie bei den Frauen, sondern eher mit Leistung und Kraft. Und dann ist da noch die globale Musikkultur.

Welche Rolle spielt diese?

Im Rap zum Beispiel wird alles andere als zimperlich mit Körperlichkeit umgegangen. Dieser sexualisierte Stil fliesst über die Jugendkultur in die Gesellschaft. Das gab es schon früher. In den durch die 68er geprägten 70er-Jahre etwa setzte man das Leben in Kommunen und eine neue Sexualmoral der bürgerlichen Familie entgegen. Schwule Männer wurden sichtbarer. Diese Liberalisierungen machten Männer wieder zu sichtbar sexuellen Wesen. Das zeigte sich auch in der Mode: Junge Männer trugen enge Jeans und weit aufgeknöpfte Hemden. Künstler wie David Bowie oder Freddie Mercury standen mit weissen Jeans, knappen Ledershorts oder einem hautengen Catsuit auf der Bühne. Da blieben kaum Geheimnisse.

Wieso ist diese freizügige Männermode wieder verschwunden?

Das hat der englische Modehistoriker Shaun Cole nachgezeichnet, der sich mit der Geschichte der Männerunterwäsche befasste. Unterwäsche steht in Beziehung zur Oberbekleidung: Sind es darüber weite Baggy Jeans, wird darunter ebenfalls etwas Weites getragen. Ist es oben eng, muss auch darunter etwas ­Enges her. Etwas Weites hätte ja keinen Platz. Entsprechend trugen Männer in Zeiten der erwähnten offensiven Kleidung knappe Höschen. Cole zeigt, dass diese stark sexualisierte Männerwäsche mit dem Aufkommen von Aids verschwindet, weil in der Folge Sexualität – vor allem männliche Sexualität – stark problematisiert wurde. Deshalb kamen damals diese gewebten, weiten Boxershorts wieder auf, die die Männer untenrum optisch amputierten. Darüber kann man wiederum nur weite Hosen tragen.

Während Männermode aufreizender wird, passiert bei Frauen das Gegenteil: Sneakers statt High Heels, Mom Jeans statt engen Hosen. Wegen der Gleichstellung?

Politische Kontexte sind wichtig, aber manchmal ist die Wirtschaft schneller als der politische Protest. Sie ist auf wechselnde Trends angewiesen. Trotzdem spielt auch eine Rolle, dass es nun mehr Frauen in der Modebranche gibt, gerade als Designerinnen. Sie bringen ihre eigene Körpererfahrung mit und wissen, dass es nicht lustig ist, den ganzen Tag auf hohen Schuhen zu gehen oder Kleider zu tragen, in denen man sich nicht bewegen kann. Die Kundinnen wiederum sind vermehrt berufstätig und kaufen entsprechende Kleidung. Die veränderte weibliche Lebenswelt findet ihr Pendant in der Mode.

Erleben wir mit Corona wieder ­einen Umbruch der Mode?

Wir alle haben ein neues Kleidungsstück, die Maske, die in Farbe, Form, Material und Dekor variiert. Auf Anti-Corona-Demos gibt es auffällige Moden, etwa weisse Kleidung oder Aluhüte. So werden politische Botschaften visuell mitgeteilt. Ich denke, auch das Distanzgebot beeinflusst die Mode – in zwei Extremen. Szenen, die gerne anecken, könnten sich noch offensiver verhalten. Aber insgesamt könnte die Mode distanzierter und körperferner werden. Manche meiner Berufskolleginnen sagen: «Wenn Corona rum ist, wird es wie in den 20er-Jahren: ein wildes Fest des Lebens und eine Orgie der Mode.» Ich bin da vorsichtiger, denn Corona ist den Menschen aufs Gemüt geschlagen, viele haben Jobs verloren, das Geld ist knapper. Menschen treten sich nicht mehr so unbefangen gegenüber. Das Virus brachte Abstandsregeln und distanzierte uns voneinander. Es kann dauern, bis wir uns von all dem wieder erholt haben.

Ulrike Langbein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Fäden im Blut

Ulrike Langbein

Ulrike Langbein (55), die von einer langen Reihe selbstständiger Textilfachfrauen abstammt, arbeitet am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Uni Basel. Dort hat sie den Studienschwerpunkt «Kulturanthropologie der Mode» aufgebaut, in dessen Rahmen sie Lehrveranstaltungen zu Modetheorie und -geschichte anbietet. Sie lebt mit ihrem Mann in Freiburg (D).