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Interview

«Mein Name ist ein Volltreffer»

Francine Jordi ist in ihrer Karriere nichts geschenkt worden. Im Interview erzählt die Berner Sängerin, wie gross die Belastung gerade in jungen Jahren war und warum die Deutschen Mühe mit ihrem Namen haben. Und sie nennt den unterschätztesten Musiker.

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Kostas Maros
15. November 2021

Francine Jordi, Sie durften den Interview-Ort wählen und entschieden sich für den «Spycher» in Interlaken. Warum?

Mit dem Album «Herzfarben» kehre ich zu meinen Wurzeln zurück – im «Spycher». Mit neun hatte ich hier meine ersten Auftritte. Im Saal nebenan gewann ich 1998 die Schweizer Vorentscheidung für den Grand Prix der Volksmusik.

Welche Bilder haben Sie von damals im Kopf?

Die Auftritte schweissten unsere Familie zusammen. In den Schulferien traten wir viermal in der Woche auf, meist vor Asiaten, die unter dem Motto reisten: drei Tage Europa, wovon einer in der Schweiz. Die kamen in Zürich an, dann ging es hurtig auf die Kapellbrücke und aufs Jungfraujoch. Den Abend verbrachten sie im «Spycher» – nudelfertig von der Zeitverschiebung und vom Höhenunterschied. Die mussten wir unterhalten, sonst wären sie weggedöst. Also liessen wir sie «löffele», tanzen, Alphorn blasen. Das hat mich geprägt: Ich halte die Zuschauer auch heute noch auf Trab.

Wussten Sie damals schon: Das ist mein Leben?

Nein. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdient. Wir selber sahen ja nie Geld, sondern hatten jeder für sich ein Konto, auf das unsere Eltern nach jedem Auftritt einen Betrag einzahlten. Erst mein Sekundarlehrer brachte mich darauf: «Gesang könntest du seriös lernen und davon dein Leben bestreiten.» Nach der Handelsschule in La Neuveville ging ich in Neuenburg aufs Konservatorium. Ich bin also ausgebildete Opernsängerin …

… singen aber vornehmlich Schlager.

Es war eine Superausbildung, ich bekam nichts geschenkt und musste alle Fächer besuchen, obwohl ich bis zu 180 Konzerte pro Jahr hatte. Zehn Jahre dauerte diese Doppelbelastung. Trotzdem würde ich es nochmals so machen. Wenn du klassisch ausgebildet bist, kannst du alles davon ableiten, Jazz, Pop, Rock und eben auch Schlager.

«Beatrice Egli und ich sind keine Konkurrentinnen.»

 

Frau Lehmann …

… für die Zeitung bitte Frau Jordi. Ein Berner Geschlecht. Jordi geht überall …

… aber Lehmann auch, erst recht seit der Lehman-Krise.

Nein. Francine Lehmann war viel zu lang. Heute bin ich dankbar für meinen Künstlernamen. Lehmann bewahrt mir eine gewisse Anonymität. Ich überlegte mir gar nicht so viel, aber mein Name ist ein Volltreffer. Nur die Deutschen haben Mühe mit ihm. Wegen meines Vornamens denken sie, dass auch mein Nachname Französisch klingen muss und sprechen ihn «Schordi» aus.

Wie waren die Reaktionen, als Sie Ihren Namen änderten?

Die Leute akzeptierten ihn. Wir steckten in meinem Heimatdorf Richigen ein Rundschreiben in alle Briefkästen. In diesem erklärten wir, dass ich nicht geheiratet hätte, sondern mein neuer Künstlername so laute. Das kombinierten wir gleich mit der Bitte, beim Grand Prix der Volksmusik für mich anzurufen.

Auf was sind Sie stolz?

Auf mein ganzes Leben. Im Speziellen aber, wie ich die ersten 30 Jahre gemeistert habe. Man untersteht in jungen Jahren dem Einfluss der Eltern, der Mitschüler, später des Lehrbetriebs. Bei mir kam die Öffentlichkeit dazu, die genau beobachtete, was ich tat. Man ist jung, weiss nicht recht, wohin der Weg führen soll, muss aber liefern. Der Druck ist riesig, für alle in diesem Alter. Dass ich da meinen Platz gefunden habe, ist meine grösste Leistung und macht mich, ja, sehr stolz.

Was würden Sie anders machen?

Einige Konzerte würde ich nicht mehr geben. Zum Beispiel die Mallorca-Partys, wo ich feststellen musste, dass ich da nicht hingehöre. Meine Musik ist auch sehr fröhlich, aber ein bisschen zuhören muss man bei meinen Liedern trotzdem noch. Ein DJ hätte da besser hingepasst. Aber ich habs trotzdem durchgezogen.

2002 nahmen Sie am European Song Contest teil und wurden Drittletzte. Flossen nachher Tränen?

Nein. Das war eine Riesensache. Auf der Bühne habe ich abgeliefert. Was danach passierte, darauf hatte ich keinen Einfluss. Spricht mich jemand auf

den ESC an, sage ich, dass ich Dritte wurde. Und wenn die Leute dann staunen, sage ich noch: Dritte von hinten. (Lacht.) Heute würde ich nicht mehr teilnehmen, das ist eher eine Popshow geworden. Aber damals brachte mir die Teilnahme viel, ich war ein halbes Jahr nur auf Promo-Tour und werde gerade im Ausland immer noch mit dem ESC in Verbindung gebracht.

Das beste ESC-Lied aller Zeiten?

(Singt.) Ne partez pas sans moi. Laissez- moi vous suivre. Na, wer ist es?

Céline Dion?!

Richtig.

Gerade noch die Kurve gekriegt. In Ihrem Song «Ab 44» heisst es: «Was nicht mehr passt, verliert sich.» Was hat sich bei Ihnen verloren?

Zwischendurch muss man sich fragen: Stimmt mein Leben? Wohne ich dort, wo es mir gefällt? Bin ich mit den richtigen Leuten zusammen? Mache ich den Job, der mir Spass macht? Wenn etwas nicht stimmt, ändere ich es. So konsequent meinem Herzensweg zu folgen, musste ich aber auch erst lernen. Ungefähr ab 30 vertraute ich immer mehr meinem Herzen.

Das sagt sich immer so leicht, dass man den Verstand ausschalten soll …

Es stimmt aber. Der Verstand weiss, was in der Vergangenheit und in der Gegenwart richtig war und ist. Das Herz aber spürt, was die Zukunft bringen kann. Ich bin dankbar dafür, dass ich schon mit 30 begonnen habe, meinem Herzensweg zu folgen und nicht erst mit 50 oder 60.

Sie sind nebst Beatrice Egli die bekannteste Junggesellin der Schweiz.

Die bekannteste vielleicht, aber nicht die einzige. (Lacht.) Single zu sein, ist keine Krankheit. Liebe kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn man sie krampfhaft suchen geht, dann stimmt es für mich nicht. Alles hat seine Zeit. Zurzeit ist meine Zeit dafür da, dass ich vollkommen bei mir bin und mich selber glücklich mache. Nicht ein Partner ist für mein Glück verantwortlich, sondern ich selber.

Gehen Ihnen die Fragen über Ihren Beziehungsstatus auf den Geist?

Nein. Ich verstehe, dass ich das gefragt werde. Die Leute wollen das lesen. Herzensdinge sind immer interessant.

Ist Beatrice Egli eine Konkurrentin?

(Sie lacht lange.)

Ich meine jetzt nicht, was die Liebe anbelangt, sondern im Musikgeschäft.

Nein, wir sind keine Konkurrentinnen. Es gibt genug Fans für alle. Beatrice und ich sind anders, und das macht es doch spannend. Ich esse ja auch nicht gerne jeden Tag Spaghetti, sondern zwischendurch darf es auch mal ein Schnitzel sein. Ich freue mich für jede im Schlagergeschäft, die erfolgreich ist.

Francine Jordi (44) mit ihrem Hund Theo im «Spycher» in Interlaken BE: «Hier mussten wir die Asiaten unterhalten, sonst wären die uns weggedöst.»

Im Song «Verflucht» heisst es: «Verflucht und verdammt nochmal.» Das sind ja ganz neue Töne!

Ach nein. Von mir hört man oft: «Shiiiiiiit!» Oder: «Scheisse!» Dazu stehe ich. Im erwähnten Lied geht es um eine toxische Beziehung, wie sie wohl schon jeder und jede erlebt hat. Eine toxische Beziehung ist auch deshalb etwas Dummes, weil man genau weiss, dass sie einem nicht guttut und trotzdem kann man sich nicht von ihr lossagen.

Sie haben grosse Namen kennengelernt. Wen finden Sie cool?

Da fällt mir als Erster Roland Kaiser ein. Toll, wie er auch nach seiner schweren Lungenkrankheit performt. Dann Heino, mit dem ich auf Tournee war und der unglaublich professionell und zugleich sehr lustig ist. Auch Mary Roos finde ich eine grossartige Künstlerin. Bei Caterina Valente beeindruckt mich, wie sie sagte: «Jetzt ist Schluss.» Und das seitdem konsequent durchzieht. Ich bin mit ihr mal im gleichen Flieger geflogen: Ein Weltstar, der total auf dem Boden geblieben ist. Beeindruckend! Und wissen Sie, welcher Schweizer Musiker total unterschätzt wird?

DJ Bobo?

Pepe Lienhard. Unfassbar, mit wem er schon zusammenspielte. Frank Sinatra, Quincy Jones, natürlich Udo Jürgens. Ich finde ihn total unterschätzt.

Welches Lied aus dem Francine- Jordi-Fundus empfehlen Sie für einen Karaoke-Abend?

Am meisten Emotionen weckt immer noch «Das Feuer der Sehnsucht». Das rührt die Leute zu Tränen.

Ich will aber nicht weinen, sondern singen.

Dann versuchen Sie es mit «Voyage, Voyage» aus meinem neuen Album. Das Lied stammt aus einer Zeit, als wir die Hitparade noch mit dem Kassettenrekorder aufnahmen.

Francine Jordi, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Francine Jordi

Dauerhaft im Gespräch

Mit dem Sieg am GP der Volksmusik 1998 wurde Francine Jordi (44) einem breiteren Publikum bekannt. Seitdem hält sie sich dauerhaft in den Schlagzeilen – als erfolgreiche Sängerin, als Moderatorin volkstümlicher TV-Shows, weil sie sich wegen Brustkrebs einer Bestrahlung und Chemotherapie unterziehen musste, aber auch wegen ihres Liebeslebens. Mit Radprofi Tony Rominger (60) war sie von 2009 bis 2011 verheiratet, mit Sänger Florian Ast (46) hatte sie eine viel diskutierte Beziehung. Heute ist Hund Theo, ein Labrador, ihr treuer Weggefährte.