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«Meine Zunge ist aus Metall»

Vom Koch zum Social-Media-Star: Der Berner Oluyomi Scherrer erobert die Videoplattform Tiktok mit geschmolzenem Käse und einem iPad.

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Pascal Triponez
20. August 2021
Mal ganz ernst: Oluyomi Scherrer, besser bekannt als Thispronto.

Mal ganz ernst: Oluyomi Scherrer, besser bekannt als Thispronto.

Schwarzes T-Shirt, schwarzes Käppi, schwarze Handschuhe und ein breites Grinsen auf dem Gesicht: So kennen Tiktok-Userinnen und User den Berner Oluyomi «Olu» Scherrer. Thispronto nennt sich der 22-Jährige auf der beliebten Videoplattform. «Meine Mutter hat immer gesagt, ‹das Essen ist pronto›, daher der Name», so Olu. Innert nur einem Jahr ist er mit seinen Koch-Tutorials zum grössten Tiktok-Creator der Schweiz geworden: Rund zwölf Millionen Follower weltweit schauen sich regelmässig seine Clips an, Tendenz steigend. Dabei hat ursprünglich alles mit einem Katzenvideo angefangen: «Als ich im Februar 2020 meinen Account startete, probierte ich verschiedene Sachen aus. Die meisten Likes erhielt ich für ein Video meiner Katze», sagt Olu mit einem Lachen. Aus einer Laune heraus bereitete er eines Abends ein gigantisches Steak zu und benutzte dabei sein iPad als Schneidebrett. Das Video ging auf seinem Tiktok-Account sofort viral und Olu wurde vom Influencer-Virus gepackt. «Mir war sofort klar, dass ich diese Chance nutzen muss.»

Talentierter Koch und Fischer

Olus Idee, Tiktok mit seinen Kochkünsten zu erobern, kam nicht von ungefähr: Er ist gelernter Koch. «Der Umgang mit Lebensmitteln, die Kreativität, das hat mich schon immer fasziniert. Und ich esse einfach gerne, das war schon immer so», sagt Olu in breitem Berndeutsch. Die unregelmässigen Arbeitszeiten an Abenden und Wochenenden begannen ihn aber doch irgendwann zu stören. «Ich hatte immer frei, wenn die anderen arbeiteten. Kommt dazu, dass der Umgang in Restaurantküchen ziemlich rau ist.» Nach der Kochlehre bereiste er Europa, träumte zwischendurch von einem eigenen Foodtruck und fand schliesslich, zurück in der Schweiz, eine Stelle im Tropenhaus in Frutigen BE. Sein Aufgabengebiet: Schlachten, Fischverarbeitung und Herstellung von Kaviar. Was sich für viele wenig reizvoll anhört, war für den leidenschaftlichen Hobbyfischer eine tolle Zeit: «Ich fing schon als kleiner Junge mit dem Fischen an. Das Angelfieber hatte mich bei einer Reise nach Norwegen gepackt und danach wollte ich es unbedingt auch lernen.»

Ohne Käse geht nichts: Tiktok-Star Thispronto macht seine Fans insbesondere mit geschmolzenen Käsebrocken verrückt.

Wäre Tiktok nicht dazwischengekommen, würde er wohl heute noch im Tropenhaus arbeiten, so Olu. Als sein Kanal nach dem ersten Video durchstartete, versuchte er, alles unter einen Hut zu bekommen: «Das war eine echt stressige Zeit. Ich arbeitete von Montag bis Freitag und produzierte am Wochenende alle Videos für die kommende Woche.» Daneben studierte der Neo-Creator ganz genau, welche Trends ankommen und was erfolgreiche Tiktokerinnen und Tiktoker richtig machen. «Klar habe ich mir auch das eine oder andere abgeschaut. Aber das, was mich auszeichnet, das kommt von mir.» Olus Wiedererkennungswert ist hoch, der Schweizer Akzent, das iPad und das schwarze Setting sind seine Markenzeichen.

Am meisten lieben ihn die Fans wohl aber für die Rezepte, die seinen mehrheitlich jugendlichen Zuschauern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Das kommt nicht von ungefähr, die Gerichte scheinen auf die Teenies von heute zugeschnitten zu sein: Saftige Burger, knusprige Chickenwings oder Glace aus Oreo-Guetzli und deren Zubereitung gehören zu den meistgeschauten Thispronto-Videos. Es wird frittiert, was das Zeug hält und was noch viel auffallender ist, kaum eines seiner Rezepte kommt ohne Käse aus. «Die Leute wollen Käse sehen, geschmolzenen Käse, das habe ich schnell gemerkt.» Seine Kreationen schmecken ihm persönlich auch sehr, so Olu. Deshalb gehört das Reinbeissen in seine dampfend heissen Gerichte auch zu jedem Video dazu. Den Mund verbrennt er sich dabei nicht: «Ich erhalte häufig staunendes Feedback. Um meine Fans zu beruhigen, sage ich ihnen, dass ich eine Zunge aus Metall habe», meint Olu scherzhaft.

Medialer Vollzeitjob

Man solle sich zwischendurch etwas gönnen, so Olu über die gluschtigen Kalorienbomben, die er für seine Follower kocht. «Niemand soll sich ausschliesslich so ernähren, das ist klar. Aber Essen soll Spass machen.» Privat darf es gerne etwas leichter sein, Poulet mit Gemüse etwa. Schnäderfrässig ist Olu nicht, «ich habe vieles gern». Aber schnell muss es meist gehen, denn der ehrgeizige junge Mann hat einen straffen Terminkalender. Inzwischen ist er Vollzeit-Creator, anders würde es gar nicht gehen. «Meine Tage sind voll durchgetaktet. Ich suche online nach Trends, produziere meine Videos und brauche auch viel Zeit, um das Küchenchaos aufzuräumen, das wird oft unterschätzt.»

Ausserdem tauscht er sich mit Fans und anderen Tiktokern aus, betreut seinen Youtube-Kanal, der inzwischen auch über 120 000 Follower hat, und widmet sich verschiedenen Projekten. «Ich plane eine Kochshow auf Youtube und soeben ist meine erste Single erschienen, ein Deutschrap-Song.» Selbstzweifel hat Tausendsassa Olu keine: «Die würden mich nur ausbremsen. Ich möchte aus dieser Chance einfach alles rausholen und dafür arbeite ich Tag und Nacht.»