«Plattenläden inspirierten uns» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

«Plattenläden inspirierten uns»

Büne Huber (59) über die Pandemie, seine Drogenerlebnisse ohne Drogen und darüber, was die «MTV Unplugged»-Premiere mit «Bälpmoos» macht.

16. September 2021

Unplugged-Konzerte, Konzerte also, in denen Pop-Hits mit akustischen statt elektrisch verstärkten Instrumenten gespielt werden, wurden 1989 durch «MTV Unplugged» zur Marke. Die Klubat-mosphäre und der entspannte Sound kamen beim breiten Fernsehpublikum so gut an, dass viele Mitschnitte zu Bestsellern wurden. Eric Claptons Album verkaufte sich 26 Millionen Mal und ist damit das erfolgreichste Live-Album aller Zeiten. Legendär ist auch Nirvanas «MTV Unplugged in New York», das erst fünf Monate nach dem Tod ihres Sängers und Gitarristen Kurt Cobains (1967–1994) veröffentlicht wurde. Patent Ochsner erhalten als erster Schweizer Act den Ritterschlag, ein Teil dieser Reihe zu werden.

MTV ist vor 40 Jahren auf Sendung gegangen. Hatte der Musiksender Einfluss auf die Gründung von Patent Ochsner zehn Jahre später?

Wo denken Sie hin?! Ich glaube, wir hatten in den ersten Jahren noch nicht mal einen Fernseher. Ich wurde erst Mitte der Achtzigerjahre mit MTV konfrontiert, wobei mich diese Mainstream-Videoclips nicht wirklich interessierten. Eher noch Eigenproduktionen wie die Sketche mit Beavis and Butt-Head, Signete und andere grafische Sachen. Musikalisch war ich damals ganz woanders unterwegs.

Wo denn?

Sie müssen sich das vorstellen: Wir orientierten uns am Buch «Nada Brahma» von Joachim-Ernst Berendt. «Die Welt ist Klang!» (Amüsiert.) Da haben wir gesucht und herumexperimentiert. Ich versuchte, die Musik der Aborigines zu verstehen. Das war ziemlich weit weg von der MTV-Welt.

In welchen Medien haben Sie Ihre Inspiration gefunden?

Ich glaube, die hiessen Plattenläden. Wir hingen intensiv im «Zickzack» in Thun oder im «Bebop» in Bern herum. Wenn ich etwas nicht kannte, kaufte ich es und vertiefte mich darin. Das hat mir wahnsinnig gefallen.

«Enttäuschung auszudrücken, ist eine neue Dimension.»

Büne Huber

DRS 3 haben Sie nicht gehört?

Doch, die Abendsendung «Sounds», die es immer noch gibt. Ich geniesse es heute noch, mich stundenlang mit Black Music oder World Music zu beschäftigen.

Waren Sie eher Rolling Stones oder Beatles?

Ich bin nicht in der Beatles- oder-Stones-Welt aufgewachsen, mich haben diese Abgrenzungen nicht interessiert. Aber ich finde nach wie vor: Viel Kreativeres als die Beatles hat die Popmusik bis heute nicht gesehen. Die Stones haben mir schon auch gefallen. Es gab vieles, was wichtig war: etwa das Rohe, etwas weniger Gesittete. Aber die grosse, weite, bunte Welt dessen, was die Musik sein kann, haben mir die Beatles gezeigt.

Sind Sie textlich von Mundartkünstlern inspiriert oder spielt die Sprache keine grosse Rolle?

Mundarttexte waren für mich nicht sonderlich wichtig, ausser jene von Kuno Lauener. Seine sind wirklich stark. Er hat diesen Raum überhaupt erst richtig aufgetan. Ansonsten habe ich in der Literatur und in der internationalen Musik mehr gefunden, was mich faszinierte, vorneweg bei Elvis Costello, Bob Dylan, Nick Cave, Patti Smith und R.E.M. Solche Texte habe ich immer geliebt. Das ist, wie wenn man ein Drogenerlebnis hat, ohne Drogen genommen zu haben.

Wie meinen Sie das?

Sie als Journalist sind der Wahrheit und Präzision verpflichtet und müssen präzis beschreiben, was ist. Ein Songschreiber muss das nicht. Er kann lügen oder alles in die Luft jagen und neu zusammensetzen. Das istextrem spannend. Wenn ich nur schon an Bob Dylan denke, den ich Jahrzehnte völlig falsch interpretiert habe!

Während der Coronazeit spielten Sie Konzerte am Blausee und im Berner Bierhübeli. Wie wars?

Die sechs Konzerte am Blausee vor einem Jahr waren wie eine Erlösung, nachdem wir lange zum Stillsein verdammt gewesen waren. In unserer Euphorie hatten wir schon gehofft, im letzten Winter wieder auf Tournee gehen zu können. Kurz darauf war alles Makulatur. Das war hart. Ich bin da in eine situative Depression gestürzt. Diesen Juni kamen dann die 3-G-Testkonzerte im Bierhübeli. An den vier Abenden gabs erstmals wieder Indoor-Konzerte mit je 500 Fans. Mit Maske, aber auch mit Konsumation. Das Publikum war irrsinnig gerührt, dass so etwas wieder möglich war.

Fürchten Sie nicht, dass solche Konzerte zu Superspreader-Events werden könnten?

Nachdem es unter den 2000 Fans im Bierhübeli keinen einzigen Coronafall gegeben hat, habe ich volles Vertrauen in die 3-G-Regel. Sie scheinen momentan der einzig gangbare Weg zu sein. Aber vielleicht wähnen wir uns in einer trügerischen Sicherheit, denn ich bin davon überzeugt, dass Covid noch nicht ausgestanden ist. Falls die vierte Welle im falschen Moment ihren Höhepunkt hat, kann unsere «MTV Unplugged»-Tournee vielleicht nicht wie geplant im Februar stattfinden. Die Kiste ist so gross, dass sich die Konzerte nicht rechnen, falls nur 500 Leute erlaubt sein sollten.

Gibt es zuvor selbstverständliche Dinge des Alltags, für die Sie seit der Pandemie viel dankbarer sind?

Das ist einfach: Die Sachen, die ich vorher schon mochte, liebe ich jetzt noch viel mehr! Das Zusammenkommen, das Kochen und Miteinanderessen. Diesen Lebensstil vermisse ich sehr. Jetzt können wir ihn zwar langsam wieder pflegen, aber nicht mehr so wild.

Haben Sie während des Lockdowns neue Sachen für sich entdeckt?

Extrem eingefahren ist mir, als es keine Flieger mehr am Himmel hatte und es vor der Hütte still war. Plötzlich kamen Vögel auf unsere Terrasse, die ich noch nie gesehen hatte. Das war extrem schön. Wir hatten auch viel Zeit mit den Kindern, mussten uns nicht an einen Rhythmus halten, weil sie nicht zur Schule mussten. Manchmal waren sie bis spät in der Nacht um uns herum. Wir haben auch massiv mehr Fernsehen geschaut. All das stärkte das Gemeinschaftsgefühl.

«Wenn sie an ein Konzert kommen wollen, müssen sie sich eben testen lassen. Punkt.»

Büne Huber

Sie sind ein Nonkonformist ​...

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das bin.

Dann sicher ein Freigeist.

Das glaube ich schon.

Wie denken Sie über einen Impfzwang?

Ich respektiere alle Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Aber dann müssen sie auch die Konsequenzen tragen. Wenn sie an ein Konzert kommen wollen, müssen sie sich eben testen lassen. Punkt. Ich habe mich so schnell impfen lassen, wie das möglich war, auch als Akt der Solidarität. Und ich habe mich danach enorm befreit gefühlt, viel freier, als ich erwartet hatte.

Haben Sie während des Lockdowns viele Songs geschrieben?

Nein, ich habe viel gemalt, gezeichnet und Nonsens gemacht, aber für mich als Songschreiber war es die beschissenste Zeit meines Lebens. Wenn monatelang alles um die Zahl der Toten und Infizierten kreist, killt das meine Kreativität.

Wann wurde Ihnen mitgeteilt, dass Sie als erster Schweizer Künstler «MTV Unplugged» machen können?

Die Anfrage kam im Spätsommer 2020. Sie hat uns zunächst nicht wahnsinnig ins Konzept gepasst, da ein solches Projekt nicht im Vorbeigehen zu realisieren ist. Wir wollten damals Konzerte geben, die meine Bilderausstellung ergänzen sollten, und ein neues Album machen. Doch das war dann plötzlich nicht mehr möglich.

Wie haben Sie reagiert?

Wir mussten zuerst die Fakten sichten: Was bedeutet das genau? Auch wirtschaftlich. Zwingen sie uns auch auf eine Festivaltour? Dann haben wir versucht, alles reinzuziehen, was es in diesem Format schon gegeben hat, um herauszufinden, wo wir hinwollen, was uns wichtig ist. Das «MTV Unplugged» mit Nirvana Mitte der Neunzigerjahre hatte ich noch in Erinnerung. In letzter Zeit habe ich mich nicht mehr so sehr darum gekümmert – bis mich die beiden Udo-Lindenberg-Ausgaben wieder reingezogen haben.

Wie sind Sie an die akustische Umsetzung Ihrer Lieder herangegangen?

Bei altem Songmaterial, das wir lange nicht mehr gespielt hatten, überlegten wir uns, wie die Songs entstanden waren. Der historische Zugang machte auch deshalb Sinn, weil Patent Ochsner mittlerweile eine komplett andere Band ist.

Welches Lied war besonders problematisch?

«Bälpmoos» hat den Hintergrund, dass mich auf dem Weg zur Arbeit Fernweh befiel, wenn ich Flugzeuge starten und landen sah. Dieses Gefühl stand in Zusammenhang mit der Behinderung meines Vaters. Seit ich 18 war, sass er im Rollstuhl und war pflegebedürftig. Ich konnte nie reisen, wie ich wollte. So wuchs ein Fernweh, das fast unstillbar war. Weil die Wut vorherrschte, haben wir den Song immer muskulös und angriffig gespielt, aber im Kern stecken Trauer und Melancholie.

Und was machen Sie nun daraus?

Enttäuschung auszudrücken, ist eine völlig neue Dimension. Doch sie gefällt mir, zumal wir den Song auf einer Festivalbühne nicht mehr bringen können, ohne dass das Publikum zu grillieren oder Frisbee zu spielen beginnt.

Welche Gäste wirken mit?

Darüber dürfen wir noch nicht reden, tut mir leid! Nur so viel: Unsere Liste hat am Anfang anders ausgesehen, aber alle haben noch eigene Projekte am Laufen. Sven Regener stand oben auf der Liste, veröffentlicht jedoch ein neues Buch. Aber es wird genügend interessante Leute dabei haben. Wir proben gerade und haben einen wunderschönen Austausch.

Büne Huber, wir danken Ihnen für das Gespräch.