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«Wenn das Töten leicht wird, sollte man aufhören»

Herbstzeit ist auch Jagdzeit. Célina Bapst, Botschafterin der Schweizer Jagd, spricht über ihre Emotionen und erklärt, warum Frauen für die Jagd prädestiniert sind.
 

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Valentin Flauraud
10. September 2021
Tier-, Naturschutz und die Jagd gehören zur ihrer Arbeit als Teilzeit-Jägerin: Célina Bapst.

Tier-, Naturschutz und die Jagd gehören zur ihrer Arbeit als Teilzeit-Jägerin: Célina Bapst.

Bald beginnt wieder die Hauptjagdsaison. Und Statistiken zeigen: Die Jagd wird weiblicher. In der Geschichte der Jagd und in der Mythologie gibt es durchaus weibliche Vorbilder mit Jagdgewehr oder Pfeil und Bogen. Allen voran Artemis, die Göttin der Jagd, die gleichzeitig Hüterin der Jungtiere war. Und es gibt bekannte Frauen – neben all den jagenden Blaublüterinnen –, die offiziell einen Jagdschein besitzen. Etwa Pop-Königin Madonna (63), US-Schauspielerin Eva Longoria (46) oder das deutsche Model Claudia Schiffer (51). Aber: Bedeutet die Jagd für Frauenetwas anderes als für Männer? Die Frage geht an Célina Bapst (29), passionierte Teilzeit-Jungjägerin aus Fribourg. 

Célina Bapst, in Ihrer Familie gibt es einige Jäger. Hatten Sie auch weibliche Vorbilder? 

Ja, meine Grossmutter, die in einer traditionsreichen Jägerfamilie aufgewachsen ist und die die Jagdkultur immer hochgeschätzt hat – auch wenn sie selbst nie aktiv war. Sie ist heute 82 Jahre alt, stolz auf mich und versteht meine Entscheidung als Hommage.

War das ein Grund, Jägerin zu werden? 

Ich bin mit einem grösseren Bruder aufgewachsen, der auch Jäger ist. Ich wollte als Mädchen das können, was er und die Jungs tun, auch wenn wir nicht dieselbe körperliche Kraft besitzen. 

Glauben Sie, dass man als Frau mit dem Erlangen des Jagdpatents an Selbstvertrauen gewinnt? 

Mit einer Jagdausbildung wird die Entscheidung gefällt, die Rolle desjenigen zu übernehmen, der schiesst. Mir hat das ein Gefühl von Unabhängigkeit geschenkt – und ja, auch Selbstvertrauen.

«Respekt wird auch dadurch gezollt, dass man sich für alles genug Zeit nimmt.»

 

Was war die Hauptmotivation? 

Ich wollte, wenn ich Fleisch konsumiere, in der Lage sein, mir dieses selbst zu «besorgen»; sonst wäre ich jetzt Vegetarierin. Es muss allen bewusst sein, dass ein Stück Fleisch von einem getöteten Lebewesen stammt. Das ist die Realität. Wer damit nicht umgehen kann, sollte eigentlich kein Fleisch essen.

Es braucht viel Mut, um ein Lebewesen zu töten ... 

Ja, das ist sehr schwierig. Es ist ein sehr emotionaler Akt. Vor allem weisst du nie, wie du auf die Geschehnisse reagierst, wenn es so weit ist. Ich war mir bis zum Abschluss der Ausbildung nicht sicher, ob ich das kann. Denn ohne das Jagdpatent darf niemand ein Tier erlegen. Du kannst das Töten im Vorfeld nicht üben. 

Wie war es, dieses erste Mal? 

Ein Jäger sucht sich im Vorfeld ein Tier aus, beobachtet es über Tage, lernt sein Revier kennen, wie es lebt. Ich habe mir dafür viel Zeit genommen. Dann kam der Moment des Abschusses. Wir hatten eine Gämse im Auge. Ich war sehr angespannt und zum Glück war mein Vater, auch ein Jäger, bei mir. Dann sah ich in die Augen des Tieres. Es war hart.

Was hilft? 

Du musst genau wissen, was du tust. Du musst das Tier zielsicher treffen, damit es so rasch wie möglich stirbt und nicht leidet. Es geht um den perfekten Schuss. Da hilft natürlich Erfahrung und der volle Fokus auf die Sache. Mir hilft es auch, mich davor zu erden, etwa indem ich mich auf den Waldboden lege.

Was passiert, nachdem der Schuss gefallen ist?

Ich nähere mich dem Tier sachte und habe dann ein paar Rituale, die ich durchführe und die mir sehr wichtig sind. Als Erstes danke ich dem Tier. Ich bringe es in eine respektvolle, friedvolle Haltung und lege einen kleinen Zweig oder Gras in sein Maul. 

Alte Jägertraditionen?

Sie sollen den Dank ans Tier ausdrücken. Respekt wird auch dadurch gezollt, dass man sich für alles genug Zeit nimmt. Auch fürs Ausnehmen, das folgt. Nichts geschieht in Eile, alles erfolgt mit Achtsamkeit. 

Welches Tier ist schwierig zu jagen? 

Das Wildschwein. Er ist ein nachtaktives Tier, schnell, aber auch unberechenbar. Ein bisschen wie ein Gespenst. Der Hirsch ist auch schwer zu jagen. Er hat ein sehr feines Gehör und ist äusserst vorsichtig.

Wird man mit der Zeit abgebrühter? 

Nein. Es bleibt schwierig. Und wenn das Töten leicht wird, man keine Trauer mehr empfindet, ist es an der Zeit, aufzuhören. Das Emotionale ist etwas Dringliches bei der Jagd. Deshalb sind wir Frauen dafür prädestiniert. Der grosse Respekt vor dem Leben ist das, was gute Jäger ausmacht. Es ist so viel besser, Tränen zu vergiessen, als den Respekt verloren zu haben.

Das klingt belastend. Warum reizt Sie das Jagen dennoch? 

Der Jägerstand soll hier nicht verzerrt dargestellt werden. Ich muss pro Jahr vier bis maximal fünf Tiere schiessen. Die Bestände werden damit ja reguliert. Sie müssen wissen, dass es nur wenige Monate im Jahr gibt, in denen wir jagen dürfen. Die restliche Zeit des Jahres besteht unsere Aufgabe darin, die Natur zu beobachten, Tiere aufzuspüren, zu lernen, ihre Spuren zu erkennen, ihr Biotop zu erhalten und vieles mehr. 

Was macht Ihnen bei der Jagd am meisten Spass? 

Ich liebe den Moment, in dem man allein im Wald mit den Tieren ist. Es gibt nur wenige Momente im Leben, in denen dem Menschen bewusst ist, dass auch er ein Tier ist. In dieser Stille ist der Mensch nicht mehr nur Zuschauer, sondern Akteur in seinem eigentlichen Ökosystem. 
Frau Bapst, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Célina Bapst

Amt mit Anspruch

Eigentlich Englisch- und Handarbeitslehrerin, engagiert sich Célina Bapst seit 2014 im Jagdbetrieb, seit vier Jahren besitzt sie das Patent. Die Freiburgerin ist die amtierende «Schweizer Jägerin 2020–2022». Bapst ist verheiratet und wurde letztes Jahr zum ersten Mal Mutter.