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Interview

«Wir benötigen alle Muskeln»

Heidi Diethelm Gerber, die Olympia-Dritte von Rio, räumt mit Vorurteilen gegenüber dem Schiesssport auf und verrät, was Gegnerinnen versuchen, um sie aus der Konzentration zu bringen.

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Christoph Kaminski
02. Juli 2021
Heidi Diethelm  Gerber will in Tokyo nochmals eine olympische  Medaille holen – danach hat sie ausgeschossen.

Heidi Diethelm Gerber will in Tokyo nochmals eine olympische Medaille holen – danach hat sie ausgeschossen.

Was überwiegt bei Ihnen im Vorfeld der Olympischen Spiele, Freude oder Bedenken wegen der ganzen Situation rund um Corona?

Natürlich freue ich mich, ein gewisser Respekt ist aber schon vorhanden. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren.

Inwiefern hilft Ihnen dabei Ihre mentale Stärke, die beim Schiesssport eine grosse Rolle spielt?

Die hilft mir enorm. Früher war ich viel emotionaler und nervte mich über Sachen, bei denen ich heute überlege: Lohnt es sich, mich darüber aufzuregen? Ich bin als Person ausgeglichener.

Wie funktioniert Mentaltraining?

Bei meinem Training ist der mentale Aspekt schon von Grund auf ein grosser Bestandteil und wird, gekoppelt mit dem eigentlichen Schiessen, trainiert. Daher auch die langen Übungseinheiten. Es geht darum, über einen langen Zeitraum die Konzentration aufrechtzuerhalten. Vor einem Wettkampf hingegen lege ich auch grossen Wert auf das Visualisieren von einzelnen Abläufen oder ganzen Wettkämpfen. Ich beschäftige mich mit Fragen wie: Was kann passieren, was treffe ich vor Ort an? Oder auch: Wie verhalte ich mich in unangenehmen Situationen, die mich aus der Konzentration bringen könnten?

Von welchen Situationen sprechen Sie? Gibt es bei Wettkämpfen auch Trashtalk?

Trashtalk wie es ihn beispielsweise im Eishockey gibt, habe ich noch nie erlebt. Aber es gibt Gegnerinnen, die einen vor dem Wettkampf bewusst in ein Gespräch verwickeln wollen. Auch wenn dies auf freundlicher Basis passiert, ist die Absicht klar: Sie wollen einen aus der Konzentration bringen und vom Wesentlichen ablenken.

Nach den Spielen treten Sie zurück.

Das ist der Plan. Klar, manchmal tue ich mich mit dem Gedanken noch schwer. Aber ich habe ein gutes Angebot des Verbandes erhalten ...

... ​als neue Nationaltrainerin.

Genau. Dabei kann ich meine Erfahrungen aus den letzten zwölf Jahren weitergeben und jungen Athleten aufzeigen, dass vieles möglich ist, auch wenn man ab und zu an sich zweifelt. Auf der anderen Seite reizt es mich doch manchmal noch, weiterzuschiessen. Vor allem, weil wir nach dieser langen Pause nun wieder an Wettkämpfen teilnehmen konnten. Aber mein Entschluss steht fest. Auch darum, weil ich in den letzten Jahren mit Verletzungen zu kämpfen hatte.

Aber der Schiesssport ist eine Sportart, die man länger ausüben könnte als andere, oder nicht?

Ganz klar. Obwohl wir auch Abnützungserscheinungen haben, da das Schiessen eine sehr einseitige Belastung ist. Und es wird im Alter nicht einfacher. Auch wegen des Gesamttrainings, das wir absolvieren müssen.

Was gehört da alles dazu?

Viel Haltetraining. Entweder mit der Pistole selbst oder mit Hanteln, die ein wenig schwerer sind. Im Kraftbereich geht es bei uns aber nicht darum, die grosse Muskulatur zu trainieren, sondern die feinen Muskelfasern. Hinzu kommen viele koordinative Übungen auf beweglichen Unterlagen, um die Balance zu trainieren und diese vor allem über einen längeren Zeitraum halten zu können. Da gehört alles dazu: Arme, Beine, Rücken und der gesamte Rumpf.

Trotzdem meinen viele Menschen, dass der Schiesssport kein richtiger Sport sei.

Im Grundsatz verstehe ich die Leute, die denken: ‹Ja, was benötigt das schon?› Von aussen betrachtet sieht es wirklich nicht spektakulär und anstrengend aus. Trotzdem würde ich sie gerne mal in ein Schiesstraining einladen, damit sie am eigenen Körper erfahren, was es heisst, über einen längeren Zeitraum still zu stehen und die Stabilität von Kopf bis zu den Füssen zu halten, gekoppelt mit der Koordination und Konzentration, die man braucht. Ich vergleiche den Schiesssport gerne mit Kunstturnern auf einem Balken. Klar, wir bewegen uns nicht und sind eine statische Sportart. Trotzdem benötigen wir alle Muskeln, um uns in dieser Stabilität zu halten.

Es braucht also definitiv viel mehr, als man von aussen sieht.

Auch weil man voll auf sich fokussiert ist und einem niemand helfen kann. Was zu einer gewissen Introvertiertheit führt. Wir können nach einem guten Schuss unsere Emotionen nicht ausleben – der nächste würde danebengehen.

Wohin denn mit den Gefühlen?

Für mich war das vor allem zu Beginn der Karriere nicht einfach. Ich kam ja vom Volleyball, einer Teamsportart, bei der man seine Emotionen zeigen kann. Ein krasser Gegensatz zum Schiesssport, wo man ein bis zwei Stunden quasi in sich gefangen ist.

Kann dieser Umstand auch zur Vereinsamung führen?

Eine interessante Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Klar, ich habe unzählige Stunden für mich allein im Schiesskeller trainiert – aber einsam fühlte ich mich dabei eigentlich nie. Aber ich habe viel über mich selber herausgefunden. Und mein innerer Kommentator bringt mir immer wieder neue Herausforderungen.

Zum Schluss noch: Wilhelm Tell, Robin Hood oder Lucky Luke?

Lucky Luke!

Das kam jetzt wie aus der Pistole geschossen!

Heidi Diethelm Gerber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Trifft ins Schwarze

Heidi Diethelm Gerber

Heidi Diethelm Gerber (52) aus Märstetten TG startete ihre Karriere im Spitzensport erst im Alter von 34 Jahren. Mit 47 sicherte sie sich bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (BR) die Bronzemedaille (25 m Sportpistole). Diesen Erfolg möchte sie in Tokyo (JP) wiederholen. Danach ist für die Thurgauerin, die mit ihrem Coach Ernst Gerber verheiratet ist, Schluss. Das Angebot des Verbandes als Nationaltrainerin hat sie angenommen.