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Interview

«Wir haben meistens die Vorhänge auf»

Daniel Brühl wohnt in einem Mietshaus am Prenzlauer Berg in Berlin. Im Interview erklärt er, ob allzu viel Nähe mit den Nachbarn gut ist, wie er die Gentrifizierung wahrnimmt und ob es in Ordnung ist, Zitrone über Fisch zu träufeln.

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Getty Images
23. Juli 2021

Daniel Brühl zählt zu den populärsten Schauspielern im deutschsprachigen Raum, wobei er dies mit anspruchsorientierten Filmen wie «Good Bye, Lenin» oder «Lila, Lila» geschafft hat. Nun kommt der 43-jährige Sohn eines deutschen Vaters und einer spanischen Mutter mit seinem Regie-Erstling «Nebenan» ins Kino – einem Kammerspiel, in dem er den Schauspieler und Schnösling Daniel darstellt, der in einer Kneipe erstmals seinen Nachbarn Bruno wahrnimmt. Und der weiss viel über ihn. Viel zu viel.

Daniel Brühl, wie viel wissen die Nachbarn von Ihnen?

Ich bin immer offen auf die Nachbarn zugegangen und die Nachbarn auf mich. Wir haben ein gutes Verhältnis miteinander, und ich erzähle ihnen auch gerne, was mich gerade umtreibt, wenn ich danach gefragt werde. Ich hoffe natürlich trotzdem nicht, dass sie so viel von mir wissen wie Bruno, der im Film von seinen Nachbarn die intimsten Details kennt. Vis-à-vis von mir wohnt übrigens ein bekannter deutscher Schauspieler. Wir könnten uns, wenn wir wollten, gegenseitig in die Karten schauen. Wir tun es aber nicht.

Kümmert es Sie, wie Ihre Nachbarn über Sie denken?

Ich habe mich an diese klassische Berliner Hinterhof-Situation, in der man wie selbstverständlich so einiges vom anderen mitkriegt, gewöhnt. Mir gefällt es, so dicht an dicht zu leben. Ich glaube auch nicht, dass in unserer Nachbarschaft irgendwelche Stalker wohnen. Das Fenster zum Hof mit einem Typen, der mit dem Fernglas die anderen beobachtet, gibt es bei uns nicht. Deshalb haben wir auch meistens die Vorhänge auf. Wenn ich mich affig verhalte und es wirklich mal knallt, dann mache ich mir darüber keine Gedanken. Man schaut hier respektvoll aneinander vorbei und lässt den anderen leben.

Sie selber hängen nicht am Fenster, um zu schauen, was die anderen machen?

Von meinem Lieblingsplatz aus, einer Sauna auf einem meiner Balkons, kann ich den Menschen gegenüber beim Leben zuschauen, ohne wirklich Details zu erkennen. Dafür ist die Distanz zu diesem Haus zu gross. Aber wenn ich wirklich etwas erkennen könnte, würde ich wohl kaum länger hinstarren. Das wäre mir peinlich.

Ist eine grosse Nähe unter Nachbarn gut?

Ich muss nicht mit allen Mitbewohnern im Haus eine enge Beziehung haben. Mit ein, zwei Parteien gibt es das, was man ein freundschaftliches Verhältnis nennen könnte. Wir laden uns gegenseitig ein oder quatschen länger miteinander, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Wie sind Sie auf das Thema Nachbarschaft als Filmthema gekommen?

Mich hat schon immer fasziniert, wie viele Parteien in solchen Mietshäusern über-, unter- und nebeneinander wohnen. Den Ausschlag gab ein Erlebnis in Barcelona vor über zehn Jahren. Ich war unheimlich stolz, dass ich in der Stadt wohnte, und wollte das alle wissen lassen – auch jene, die das gar nicht interessierte. Als ich in einem Tapas-Lokal zu Mittag ass, bemerkte ich einen Brocken von einem Mann, der mich beobachtete. Es war mir sofort klar, dass der mich nicht mochte, wie ich da mit dem Kellner laut über den FC Barcelona palaverte, in meinem Mäntelchen und mit dem Rollköfferchen, gerade aus Deutschland eingeflogen. Und ihm passte auch nicht, dass ich Zitrone über den Fisch träufelte. Das mache man nur, wenn der Fisch nicht frisch sei, sagte er.

Klingt nach einer ziemlich unangenehmen Situation.

Genau. Später stellte ich mir vor, wie das wäre, wenn genau dieser Typ in meinem Haus wohnen würde – und er alles über mich, den eitlen, herumreisenden Schauspieler, wissen würde. Diese Idee liess mich nicht mehr los, bis ich sie aufgriff, um einen Film daraus zu machen.

«Man schaut hier respektvoll aneinander vorbei.»

Daniel Brühl

Thematisiert wird auch die Gentrifizierung der Städte: Dass also die Alteingesessenen durch wohlhabendere Neuankömmlinge verdrängt werden. Wie erleben Sie das?

Dieser Prozess findet derzeit in allen grossen Städten statt, wobei ich das Gefühl habe, dass es in Berlin noch nicht komplett gekippt ist, zumindest nicht in jenem Viertel, in das ich gezogen bin. Da gibt es noch dieses Nebeneinander verschiedener Gesellschaftsschichten. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das in fünf oder zehn Jahren auch noch so ist.

Sie sind ja selber ein Gentrifizierer!

So habe ich mich auch immer gefühlt. Ich komme aus der Mittelschicht, aus Köln, wo die Grenzen zu den verschiedenen sozialen Klassen fliessend waren. Von meinen Eltern bekam ich eine Erziehung mit einem klaren politischen Bewusstsein. Als junger Typ hatte ich dann aber schon bald Erfolg und verdiente deutlich mehr als mein Umfeld, das damals studierte. Indem ich an den Prenzlauer Berg zog, wurde ich auto- matisch Teil dieses Gentrifizierungs-Prozesses. Tief im Innern fühlt es sich merkwürdig und widersprüchlich an. Ich bin nicht schuld an der Gentrifizierung, aber ich bin Teil des Prozesses.

Waren Sie auch so schnöselhaft wie der Filmheld Daniel?

Natürlich gibt es Parallelen zwischen uns, aber der Film-Daniel ist überzeichnet. Ich habe mich gezielt in die Überhöhung begeben, um klarzumachen: Ich spiele hier eine Figur und nicht mich selbst. Vieles davon ist sehr nah an meinem Leben, aber nichts davon ist privat. Die Filmfigur Daniel hat sich im Beruf und im Ruhm, den dieser mit sich bringt, verloren. Ihm ist auch jegliche Sensibilität gegenüber den anderen abhandengekommen. Alles kreist sich bei ihm nur noch um ihn selber. Das sind Dinge, die ich in 20 Berufsjahren beobachten konnte. Zum Glück erinnerte ich mich, als so vieles auf mich einprasselte, immer wieder an die Worte meines Vaters: «Immer schön 50 fahren und auf dem Teppich bleiben!»

Hatte der Brocken am Nebentisch in Barcelona, den Sie erwähnten, recht? Sollte man wirklich keine Zitrone auf den Fisch träufeln?

Man muss darauf achten, dass man den Fisch nicht mit Zitrone ertränkt. Ich habe es beibehalten ... vielleicht auch aus Trotz. (Lacht.) Es wäre spannend, wenn ich ihn nach all den Jahren wieder treffen würde. Dann würde ich zu ihm hingehen und ihm sagen, dass ich dank der Zitrone und des Fisches einen Film über ihn gedreht habe.

Als Mitbesitzer einer Tapas-Bar in Berlin dürfen Sie ja selber bestimmen, was kulinarisch geht und was nicht. Was macht die spanische Küche so besonders?

Sie ist unglaublich vielfältig und spannend. Jede Region hat ihre eigenen Spezialitäten und Besonderheiten. Mit unserer Tapas-Bar betreiben wir Aufklärungsarbeit, dass die spanische Küche nicht bloss aus der Pflaume im Speckmantel besteht. Deshalb veranstalten wir in unserem Restaurant eine Rundreise und tauchen jede Woche in eine andere Region ein. Eine richtige Paella zum Beispiel wird in Valencia gemacht. Da merkt man, dass eine jahrhundertealte Tradition dahintersteckt.

Essen Sie auch wie ein richtiger Spanier erst nach 22 Uhr?

Wenn meine Mutter zu Besuch kommt, wird es tatsächlich so spät, bis wir anfangen. Sonst kann es schon mal auch 21 Uhr sein. Wichtiger als die Uhrzeit ist jedoch, dass man sich Zeit nimmt. Mit Freunden seinen Tapas-Teller zu teilen und sich gegenseitig probieren zu lassen, ist auch sozial ein schönes Erlebnis.

Sie sind ein grosser Fussballfan. Wem haben Sie an der EM die Daumen gedrückt – Deutschland oder Spanien?

Ich bin da immer Opportunist. Zu Beginn eines Turniers bin ich für beide und mache es dann davon abhängig, wer mich mehr beeindruckt. Weil Deutschland dieses Mal früher draussen war, schlug mein Herz für Spanien – und da muss ich mich bei Ihnen entschuldigen. Weil wir gegen die Schweizer ja unheimlich viel Glück hatten. Und mich bedanken, weil ihr in einem berauschenden Spiel Frankreich rausgeworfen habt.

Daniel Brühl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.