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Interview

«Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit»

Wir bewegen uns im Hamsterrad, rennen von einer Aufgabe zur nächsten und vergessen uns dabei selber. Im Interview erklärt Psychotherapeutin Felizitas Ambauen, wieso wir auch mal blaumachen sollten und warum Selbstfürsorge nicht egoistisch ist.

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Mischa Christen
21. Mai 2021
Felizitas Ambauen (39): Das schlechte Gewissen gehört dazu. Die Auszeit dürfen wir uns trotzdem nehmen.

Felizitas Ambauen (39): Das schlechte Gewissen gehört dazu. Die Auszeit dürfen wir uns trotzdem nehmen.

Felizitas Ambauen, wer Self-Care oder Selbstfürsorge hört, denkt schnell an Yoga oder Entschlackungskuren. Ist das einfach wieder einer dieser Trends?

Selbstfürsorge ist viel mehr als eine Wellness-Kur. Es geht darum, seine Bedürfnisse zu spüren und gut zu sich zu sein. Sich fragen: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Wenn wir langfristig psychisch und physisch gesund bleiben wollen, müssen wir alle fürsorglich mit uns selber umgehen. Doch zu sich selbst zu schauen, macht nicht nur Spass.

Warum nicht?

Self-Care kann auch heissen, Dinge nicht zu machen, obwohl man Lust darauf hätte. Wenn man sieht, dass man an seine Grenzen kommt, sagt man lieber das Wochenende mit den Freundinnen ab, bevor es zu viel wird. Selbstfürsorge hat viel mit Selbstreflexion zu tun, und das ist nicht immer angenehm. Es ist ein anstrengender und langer Prozess.

Warum fällt es uns so schwer, Auszeiten zu nehmen? Es ist ja schon fast verpönt.

Das hängt mit unserer Sozialisation und den Glaubenssätzen unserer Leistungsgesellschaft zusammen. Ganz im Sinne von: Erst wenn man vor Erschöpfung umfällt, hat man genug geleistet. Selbstfürsorge wurde den meisten von uns nicht vorgelebt, erlaubt oder gelehrt. Es sind die autoritären Stimmen in uns, die sagen: Wer nichts macht, ist faul und nicht leistungsfähig.

«Man muss dorthin schauen, wo es wehtut.»

 

Woher kommen diese Stimmen?

Sie haben auch mit der autoritären Erziehung zu tun, die die meisten von uns erhielten. In der Erziehung verpasst man es häufig, den Kindern beizubringen, wie sie auf sich selbst schauen können. Stattdessen haben wir leistungs­orientierte Grundsätze gelernt: Entweder wurde es explizit gesagt oder vorgelebt. Deshalb ist Selbstfürsorge auch in der Erziehung enorm wichtig. Würden wir unseren Kindern das anerziehen und vorleben, hätten wir eine viel gesündere Gesellschaft. Zusätzlich spielt die Sozialisierung je nach Generation oder Geschlecht eine Rolle. Gerade Frauen sind oft so sozialisiert, dass sie zunächst die Bedürfnisse anderer und dann erst ihre eigenen befriedigen.

Sollen wir also immer zuerst auf uns selber schauen?

Ja, ausser das Gegenüber ist in existenzieller Gefahr. Das ist wie bei der Sauerstoffmaske im Flugzeug: Ich kann niemandem eine anlegen, wenn ich vorher selber ohnmächtig werde.

Ist das nicht egoistisch?

Egoismus wäre es, wenn es mir grundsätzlich egal ist, wie es anderen geht, und ich nur die Optimierung meiner Position im Sinn habe. Das gibt es fast nie. Sich und seine Energien im Blick zu haben und dementsprechend zu handeln, ist nie egoistisch! Es kann aber trotzdem sein, dass man sich abgrenzt und jemand anderes das nicht so toll findet. Das gehört dazu. Ich bin nicht dafür verantwortlich, Entscheidungen zu treffen, die alle immer gut finden.

Und das schlechte Gewissen?

Das müssen wir aushalten. Es muss uns bewusst sein, dass es dazu gehört. Wir dürfen uns die Auszeit trotzdem nehmen. Das ist ein wichtiger Leitsatz: Es trotzdem tun. Trotz der Ängste, trotz des schlechten Gewissens, trotz autoritärer Stimmen.

Wie weiss ich, was mir guttut? Und wie kann ich solche Momente in den Alltag einbauen?

Da braucht es viel Selbstreflexion. Die erste Aufgabe wäre zu schauen, was meine Bedürfnisse sind und wie ich sie befriedigen kann. In der Schema-Arbeit spricht man davon, sich selbst ein gutes Elternteil zu sein. Das heisst, sich zu fragen: Was würde man von einem guten Elternteil brauchen? Dort muss ich ansetzen und mir erlauben, mit mir selbst so umzugehen, wie mit einem Kind in meiner Situation. Es kann auch helfen, sich eine Liste zu machen, auf der man aufführt, was einem wann guttut. Verschiedene Stress-Level verlangen nach verschiedenen Strategien. Was man auch probieren kann, ist Selbstgespräche zu führen. Die autoritären Stimmen auszusprechen, kann nämlich sehr spannend sein.

Wäre es nicht sinnvoller, sich in eine Therapie zu begeben, wenn man dauerhaft am Anschlag ist?

Heute gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu informieren, ohne dass man gleich

in die Therapie muss, zum Beispiel Workshops, Bücher oder Podcasts. Aus diesem Grund habe ich gemeinsam mit der Journalistin Sabine Meyer den Podcast «Beziehungskosmos» ins Leben gerufen. Um zu sensibilisieren, aufzuklären und Strategien an die Hand zu geben. Zudem sollte man genügend Pausen einplanen und sich erlauben, diese auch einzuziehen. Eine gute Übung basiert auf dem Motto «Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit». Man darf aufräumen, muss aber vorher Pause machen.

Einfach eine Pause zu machen, geht ja vor allem im Arbeitsalltag oft schlecht.

Stimmt! So gut es eben geht. Auch simple Sachen können helfen. Auf der Arbeit kann man sich zum Beispiel jede Stunde ein paar Minuten nehmen, um durchzuatmen. Oder man kann einfach langsamer aufs WC gehen oder den längeren Weg nehmen. Das sind Nischen, bei denen ich nicht gelten lasse, dass es sie nicht gibt.

Selbstoptimierung ist für Felizitas Ambauen ein regelrechtes Reizwort: «Es hat oft etwas Zwanghaftes.»

Darf man auch einfach mal «blaumachen»?

Unbedingt! Die sogenannte sensorische Diät oder die präventive Bettruhe kann sehr hilfreich sein. Aufhören, bevor man krank ist. Das ist nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Privatleben sehr wichtig. Zum Beispiel in Familien mit kleinen Kindern. Auch hier kann man es sich trotzdem rausnehmen, auch mal Pause zu machen. Aber es braucht eine gute Selbstreflexion und Planung. Eine Beziehung auf Augenhöhe mit einem Partner, der Verantwortung übernimmt.

Wenn sich jeder beim Arbeiten so viele Auszeiten nimmt, leidet dann nicht die Produktivität?

Das ist ein Trugschluss. Ein Modell aus Schweden hat das gezeigt. Das Arbeitspensum wurde massiv nach unten reguliert und die Produktivität hat trotzdem nicht gelitten. Vielmehr sorgte die längere Regenerationszeit dafür, dass effizienter gearbeitet werden konnte. Wenn es jedem gut geht, kann man auch im Team leistungsfähiger sein. Individuelle Selbstfürsorge kommt auf jeden Fall auch dem Kollektiv zugute.

In den Sozialen Medien wird Selbstfürsorge oft mit Selbstoptimierung verwechselt. Warum ist das gefährlich?

Selbstoptimierung ist für mich ein regelrechtes Reizwort. Und zwar, weil es die autoritären Stimmen bestärkt, die wir eigentlich schwächen wollen. Selbst­optimierung hat oft etwas Zwanghaftes und achtet nicht auf die Grenzen, die es für gute Selbstfürsorge braucht. Heisst konkret: Auch mal ein Training ausfallen zu lassen oder sich einen Teller Spaghetti zu gönnen, obwohl man gerade keine Kohlenhydrate essen will. Selbstfürsorge heisst, auf seine Bedürfnisse zu achten. Selbstoptimierung bedeutet, oft seine Grenzen zu überschreiten, nicht im Sinne des Erweiterns der Komfortzone, sondern um sich zu quälen oder irgendeinem willkürlichen Ziel nachzurennen.

Behindern uns Soziale Medien in unserer Selbstfürsorge?

Es kommt drauf an, wem ich folge. Alle Vergleiche, die uns abwerten, sind wieder die autoritären Stimmen, die uns kleinhalten wollen. Vergleiche, die uns bestärken und ermutigen, können uns hingegen wachsen lassen. Was ich mit vielen Klienten mache, ist, den Instagram-Feed auszumisten. Zu schauen, welcher dieser Posts das Gefühl auslöst, dass ich nicht gut genug bin.

Das müsste man im «realen Leben» eigentlich auch machen.

Genau. Ich sollte mich nicht mit einer Person treffen, die mir ein Gefühl der Unzulänglichkeit gibt. Man kann ein Schema erstellen, auf dem man Bekannte verschiedenen Kreisen zuordnet. In den A-Kreis kommen nur die Kernfamilie und die besten Freunde. Sprich die Beziehungen, die man nicht hinterfragt, sondern die man unbedingt in seinem Leben haben will. In den B-Kreis kommen zehn bis fünfzehn Leute. Diejenigen, bei denen man aktiv Zeit in die Beziehung investieren will. Der Rest kommt in den C-Kreis. Bei diesen sucht man nicht mehr aktiv den Kontakt. Das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment. Wie man es umsetzt, ist eine andere Frage.

Selbstfürsorge kostet viel Energie. Wenn man ohnehin schon Stress hat, warum sollte man es trotzdem tun?

Wenn wir ohnehin schon Energie aufwenden müssen, dann investieren wir diese Energie lieber in etwas, das langfristig hilfreich ist. Selbstfürsorge hat mit intensiver Reflexion zu tun. Man muss dorthin schauen, wo es wehtut. Aber es lohnt sich. Denn langfristig ist Selbstfürsorge der Weg zu einem psychisch und physisch gesunden und glücklichen Leben.

Felizitas Ambauen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.