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Interview

Der Ordnung halber: Das ist Herr Wehrli

Mit seinen verspielt-absurden Ideen des Aufräumens kennt man Ursus Wehrli seit 20 Jahren. Dabei liebt der Kabarettist des Duos Ursus & Nadeschkin vor allem das Chaos.

05. November 2021
Ursus Wehrli im Flohmi an der Militärstrasse in Zürich, der aus  einem Lager für Theaterrequisiten hervorgegangen ist.

Ursus Wehrli im Flohmi an der Militärstrasse in Zürich, der aus einem Lager für Theaterrequisiten hervorgegangen ist.

Ursus Wehrli, seit 20 Jahren räumen Sie auf: Kunstbilder, einen Parkplatz, im neuen Buch laut Titel sogar die Welt. Gibt es Dinge, die Sie nicht aufräumen?

Auf jeden Fall gibt es Dinge, die man nicht aufräumen soll. Ich mag eigentlich das Chaos. Es ist wichtig für die Weiterentwicklung. Neue Ideen entstehen vor allem aus dem Chaos, der Unordnung.

Was treibt Sie dann an aufzuräumen, wenn Sie das Chaos doch so lieben?

Mir gefällt die Absurdität, dass man versucht, das vermeintliche Chaos in eine Ordnung zu bringen, von der man glaubt, sie sei schön. Zwar erkennen wir dann die Struktur darin, aber das Ganze verliert seinen Sinn. In meinen Büchern blicke ich ironisch auf das Aufräumen.

Und warum? Steckt hinter dem Aufräumen eine Botschaft?

Ich sehe mich nicht als Botschafter. Ich halte dem Publikum nur einen Spiegel vor oder werfe Fragen auf: Was suchen wir? Was wollen wir? Wo fühlen wir uns wohl im Spannungsfeld zwischen Chaos und Ordnung? Aber man kann ganz viele Botschaften darin sehen, allen voran, dass Ordnung nicht besser ist als Chaos, auch wenn es gesellschaftlich so definiert ist.

In welcher Welt wollen Sie lieber leben? Chaos oder Ordnung?

Ich finde, es braucht beides. Das Mass ist entscheidend. Das Bild der Punks ist malerischer als die Banker im Sitzungszimmer. Aber gesellschaftlich sind Letztere höher angesehen.

Weshalb?

Vielleicht, weil es nach besser Verdienen aussieht. Schön ist, dass über solche Dinge diskutiert wird. Ich finde es perfekt, wenn die Leute nicht wissen, was sie eigentlich besser finden.

Ihre Bücher sind sehr erfolgreich und wurden in etwa 20 Sprachen übersetzt. Das Bedürfnis, sich aufgeräumte Dinge anzusehen, ist offenbar in allen Kulturen vorhanden.

Es ist faszinierend, aber die Ordnung ist ein urmenschliches Bedürfnis. Auch in einfachen Zivilisationen sind die Menschen versucht, eine Ordnung zu bilden. Und auch jedes Kind weiss eigentlich, was Ordnung heisst.

Zumindest wünschen sich die Eltern, dass das Kind das weiss.

Richtig.

Für ein Kind muss es der Horror sein, wenn der Vater das Aufräumen dermassen kultiviert. Musste Ihr Sohn unter Ihrer Kunst leiden?

Nein, keine Angst, mein Sohn und meine Frau sehen das aus der Distanz und nehmen es mit Humor. Mein Sohn mochte früher nicht zu viel Zeug um sich herum. Das klassische Kinderzimmerchaos gab es bei ihm nicht, schon aus Mangel an Material.

«Ich halte dem Publikum nur einen Spiegel vor.»

 

Ist der private Ursus Wehrli auch so pedantisch wie der Künstler?

Pedantisch bin ich definitiv nicht, aus- ser wenn es um die Arbeit geht. Es ist eher so: Weil ich so viel Zeit damit verbringe, an Orten aufzuräumen, wo es keinen Sinn ergibt, komme ich nicht dazu, dort aufzuräumen, wo ich sollte. Das heisst aber auch, ich merke, wenn Unordnung herrscht. Und tief in mir drin ist vielleicht doch auch diese Sehnsucht nach einer Ordnung.

Nun kennt man Sie nicht nur als Aktionskünstler, sondern auch vom Duo Ursus & Na­deschkin. Glauben viele, dass Ihre Bühnenpartnerin Nadeschkin Ihre Frau ist?

Ja. Diese Frage müssen wir ständig beantworten. Ich nehme das aber niemandem übel. Ich gehe nicht davon aus, dass alle, die etwas von uns hören, auch unsere Geschichte kennen. Das geht mir genauso. Wenn ich zwei Personen auf der Bühne sehe, frage ich mich sofort, in welcher Beziehung die privat zueinander stehen.

Warum ist Nadia Sieger eigentlich nicht Ihre Frau?

Das war interessanterweise immer klar. Beides würde auch nicht funktionieren. Wenn wir ein Paar geworden wären, stünden wir heute sicher nicht zusammen auf der Bühne. Wir hatten von Anfang an Meinungsverschiedenheiten. Und doch haben wir gemerkt, dass wir zusammen Dinge machen können, die mit anderen nicht funktionieren. Ich staune selber, dass wir nach so langer Zeit noch immer zusammen auf der Bühne stehen. Wir hatten von Anfang an gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Das hat uns in der Entwicklung geholfen. Und damit sind wir beim Thema von eben. Harmonie ist nicht besser als Disharmonie, es ist höchstens einfacher. Aus der Meinungsverschiedenheit entsteht etwas Neues, Besseres. Wichtig ist, den Respekt voreinander zu behalten.

Wie haben Sie sich gefunden?

Wir waren beide noch nicht 20 und hatten uns zu einem Ferien-Zirkuskurs in Wiesbaden in Deutschland angemeldet. Der Kurs war so schlecht, dass wir ihn geschwänzt und in der Fussgängerzone kleine Auftritte absolviert haben – wir fuhren beide Einrad, ich konnte etwas jonglieren und Nadja konnte Breakdance.

Aus dem neuen Buch: Die Punks vor dem Graffiti und die Banker vor der Powerpoint-Präsentation. Bei Ursus Wehrli sind alle Bilder inszeniert und fotografiert. Keines ist am Bildschirm entstanden.

Stimmt es, dass Sie damals schon im ZDF aufgetreten sind?

Das stimmt. Das ZDF brauchte für eine Sendung Zirkusartisten im Hintergrund und hat den Leiter unserer Zirkusschule angefragt. Drei Tage später hat er uns Anfänger in der Fernsehsendung platziert. Weil Nadja und ich die Einzigen waren, die nicht wirklich viel konnten – wir hatten ja immer geschwänzt –, hat er uns zwei rote Nasen aufgesetzt und gemeint: «Ihr seid die Clowns!»

Das lesen jetzt sicher alle Clowns gern: «Ihr könnt nichts, ihr seid die Clowns!»

(Lacht.) Das ist wahr. Aber für uns wars ein prägendes Erlebnis. Und wir haben gelernt, dass der Clown nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch unter den Künstlern eine Sonderrolle hat.

Haben Sie sich mal überlegt, was Sie heute wären, wenn Sie Nadja nicht kennengelernt hätten?

Ja, das habe ich, aber ich bin zu keiner Lösung gekommen. Ich hätte vermutlich etwas Ruhigeres gemacht, denn vor Leuten auftreten ist nicht meine Stärke …

… sagt einer mit 34 Jahren Bühnenerfahrung?

Es klingt komisch, ich weiss. Aber wenn ich an einem privaten Anlass vor 15 Leuten etwas sagen muss, fühle ich mich unwohl und bin extrem unsicher. Ich verliere dann den Faden, wenn ich frei etwas erzählen sollte. Auf der Bühne geht das, da kann ich die Figur losschicken, der fällt dann schon etwas ein.

Ihr schlimmstes Bühnenerlebnis?

Das schlimmste gibt es nicht, aber schlimme kenne ich, wenn man das Gefühl hat, kein Mensch finde interessant, was man macht, und man selber dann denkt: Was für einen Quatsch erzähle ich hier? Es ergibt keinen Sinn, ist nicht lustig. Das kann durchaus passieren.

Macht Ihr Körper noch alles mit?

Alles nicht, nein. Einen Rückwärtssalto könnte ich nicht mehr machen. Das ist aber auch nicht schlimm, weil ich den noch gar nie konnte ... Ich mache heute viel mehr für den Körper, vor allem Krafttraining. Interessanterweise ist das aktuelle Programm das bewegteste, das wir je gemacht haben – jetzt, mit über 50. Aber irgendwann wird der Bruch kommen. Dann stellen wir zwei Stühle auf die Bühne und setzen uns. Vielleicht mit 85. Bis dahin bewegen wir uns noch, so viel wir können!

Ursus Wehrli, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Ursus Wehrli

Passionierter Aufräumer

Ursus Wehrli (52) ist als Urs Wehrli in Aarau aufgewachsen. Seit 1987 tritt er zu­sammen mit Nadja Sieger (53) als Kabarett-Duo Ursus & Nadeschkin auf. Daneben hat er sich als Aktionskünstler und Fotograf einen Namen gemacht. Wehrli lebt mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen Sohn Jodok (15) in Zürich.

In seinem Buch «Welt aufräumen» sortiert Ursus Wehrli den Globus. Erschienen im Verlag Kein & Aber. Zurzeit sind Ursus & Nadeschkin mit ihrem Programm «Der Tanz der Zuckerpflaumenfähre» auf Tournee. Mehr unter: www.ursusnadeschkin.ch