Die Marathon-Frau | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Reportage

Die Marathon-Frau

Marthe Keller steht auch mit 76 Jahren immer noch fleissig vor der Kamera – wie im neuen Schweizer Film «Wanda, mein Wunder». Dabei war die Schauspielerei für sie nichts weiter als ein «Unfall».

TEXT
FOTOS
Aliocha Merker
31. Mai 2021
«Ich kann schon  fast nicht mehr Schweizerdeutsch.»  Die Baslerin Marthe Keller ist in Paris  und der Romandie zu Hause.

«Ich kann schon fast nicht mehr Schweizerdeutsch.» Die Baslerin Marthe Keller ist in Paris und der Romandie zu Hause.

Marthe Keller seufzt tief. «Ach, wissen Sie, ich mag wirklich nicht mehr über mein Leben erzählen», sagt die 76-Jährige. Zum Glück tut sie es dennoch immer wieder. Denn einerseits spricht die Dame mit erfrischender Offenheit – «Ich bin so spontan, das ist nicht immer gut» –, andererseits wäre es schade, eine so aufregende Vita für sich zu behalten. Denn klangvolle Namen säumen den Weg der Basler Schauspielerin: Yves Montand (1921–1991), Dustin Hoffman (73), Marlon Brando (1924–2004), Al Pacino (81). Doch der Reihe nach.

Eigentlich hatte Marthe Keller in ihrem Leben von Kindesbeinen an nur einen einzigen Traum: «Ich wollte Tänzerin werden!» Doch bei einem Unfall verletzte sie sich am Fuss, womit ihre Karriere nach vielversprechendem Start im Basler Ballett im Keim erstickt wurde. «Seither habe ich nie mehr konkrete Pläne gemacht, sondern liess mich treiben, wohin mich der Wind wehte.» Das Schicksal hatte einen Plan B für sie bereit, der sie von ihrer Heimat am Rheinknie nach München führte, wo sie ein Stipendium für die Schauspielschule erhielt. Nach Bühnen-Engagements in Heidelberg und Berlin wehte sie der Wind nach Frankreich. Regisseur Philippe de Broca (1933–2004) inszenierte die Theaterschauspielerin 1968 in «Pack den Tiger schnell am Schwanz» an der Seite von Star Yves Montand und verliebte sich in sie. Aus der Beziehung von de Broca und Marthe Keller ging Sohn Alexandre (50) hervor.

Ein Freund fürs Leben

Doch auch Frankreich sollte nicht das Ende ihrer Reise sein, sondern eher Sprungbrett in die Bel­etage des Films. «Hollywood war ein Zufall», erzählt Marthe Keller. «In Cannes wurde mir spontan die Rolle für den ‹Marathon-Mann› angeboten.» Und schon stand die Schweizerin an der Seite von Superstar Dustin Hoffman vor der Kamera. Damit war der internationale Durchbruch geschafft, und weitere Filme führten sie mit Hochkarätern wie Al Pacino und Marlon Brando zusammen. Als sie mit Al Pacino auch noch eine Beziehung einging, lernte Marthe Keller die Schattenseiten der amerikanischen Traumfabrik kennen.

«Ich habe heute mehr Angebote als mit 40.»

Marthe Keller

«Ich versuchte, das Rampenlicht zu umgehen», seufzt sie. «Diese Szene war so oberflächlich und langweilig!» Deshalb – und weil ihr immer wieder ähnliche Rollen in Thrillern angeboten wurden – verliess Marthe Keller Hollywood zu Beginn der Achtzigerjahre wieder und kehrte nach Paris zurück. Auch von Al Pacino trennte sie sich, jedoch im Guten: «Wir pflegen bis heute eine Freundschaft und hören uns zweimal pro Woche. Das ist eine wunderschöne Beziehung.»

Rückzugsort Romandie

In Paris wohnt Marthe Keller bis heute. Aber nicht nur. «Die Kraft, die ich immer noch habe, kommt aus der Schweiz.» Sie sei mit so viel Liebe aufgewachsen, dass sie auch heute noch davon zehre. Nur mit dem Schweizerdeutsch fühlt sich die Charakterdarstellerin nicht mehr so ganz wohl. Denn mit ihrer Geburtsstadt Basel verbindet sie nur noch ihr Bruder, der dort mit seiner Frau wohnt. Der Rest ihres Umfelds befindet sich in der Romandie. Marthe Keller geniesst es, Zeit in ihrem Haus im Waadtland zu verbringen – gerade während der Pandemie: «Paris ist so anstrengend und depressiv ohne Restaurants und Kultur. In Lau­sanne ist die Energie zurück, ich bin wunderbar glücklich am Genfersee.» Heimat sei da, wo man am meisten Zeit verbracht habe, findet sie.

«Wanda, mein Wunder» ab 3. Juni im Kino.

 

«Die Kraft, die ich immer noch habe, kommt aus der Schweiz.»

Marthe Keller

Somit ist Marthe Kellers Heimat auch die Bühne, sei es im Theater, Film oder Kino. Und sie denkt gar nicht daran, mit der Schauspielerei aufzuhören. Zumindest nicht, solange sie noch Lampenfieber vor jedem Bühnenauftritt habe – und noch so gefragt ist. Denn während viele Schauspielerinnen über zu wenige Rollen in der zweiten Lebenshälfte klagen, sagt Marthe Keller: «Ich habe mehr Angebote als mit 40.» Sie mag herrlich chaotische Charaktere wie jene Rolle in «Schwesterlein», für die sie letztes Jahr den Schweizer Filmpreis erhielt und etwas weniger Figuren wie jene der Elsa Wegmeister-Gloor, die in «Wanda, mein Wunder» von ihrem wohlhabenden, bettlägerigen Ehemann erniedrigt wird. «Ich würde nie so reagieren», ereifert sie sich. «Würde ich betrogen werden, dann würde ich aufs Geld pfeifen und einfach gehen!» Denn der schnöde Mammon bedeutet Marthe Keller nicht viel – ausser eines: «Geld ist der Luxus, abzusagen, wenn ich keine Lust habe. Ich habe einen alten Jeep, keinen Schmuck und viel Freiheit.»

Auch im Herbst ihrer Laufbahn bleibt sich Marthe Keller treu: «Ich denke nicht an meine Karriere, sondern gehe dorthin, wos schön ist, wo man mich will und wo die Leute nett sind.» Da, wo der Wind sie hinweht. 

Marthe Kellers Filmografie

103 Rollen in 50 Jahren

Auch ohne ihre zahlreichen Theater- Engagements umfasst Marthe Kellers Filmografie über 100 Titel. Beachtlich ist, dass sie allein in den letzten zehn Jahren in 23 Produktionen mitspielte. Ihre bekanntesten Filme:

  • 1969: Pack den Tiger schnell am Schwanz
  • 1976: Der Marathon-Mann
  • 1977: Schwarzer Sonntag, Bobby Deerfield
  • 1978: Fedora
  • 1980: Die Formel
  • 1981: Der zweite Mann
  • 1987: Schwarze Augen
  • 1989: Georg Elser – einer aus Deutschland
  • 1997: K – Das Zeichen des Bösen
  • 2008: Cortex
  • 2015: Amnesia
  • 2018: The Witness
  • 2020: Schwesterlein