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Er gibt uns Buch und Spiele

Daniel Fehr ist ein eher spät Berufener. Mit 36 erst veröffentlichte er sein erstes Spiel und sein erstes Bilderbuch. Dafür gleich bei renommierten Verlagen. Doch seither gehts rasant voran.

FOTOS
Christoph Kaminski
19. April 2021

Der Journalist hat im Laufe der Jahre schon den einen oder anderen Spieleerfinder in seinem Atelier besucht. Und all diesen Arbeitsstätten war eines gemeinsam: das kreative Chaos. Hier ein Berg mit Prototypen von Spielfiguren, dort ein Stapel Spielplanentwürfe, Leimtuben, Kartonreste, eine Tasse mit eingetrocknetem Kaffee, ein halbes «Eile mit Weile», der Arbeitstisch voll belegt.

Bei Daniel Fehr ist das anders. «Mein Arbeitszimmer muss aufgeräumt sein, damit ich mich konzentrieren kann», sagt der 41-Jährige aus Winterthur ZH. In den Gestellen stehen belletristische Bücher in Reih und Glied, darunter viele Klassiker. Von Spieleschachteln und Bilderbüchern, die man bei einem Spieleentwickler und Bilderbuchautor erwarten würde, fast keine Spur. Das geht so weit, dass der Fotograf das eine oder andere Utensil auf dem Schreibtisch platzieren muss, damit der Vordergrund auf dem Foto nicht ganz leer ist.

Freude bringen, Welten öffnen

Fehr gehört zu den eher spät Berufenen in der Gilde der Spieleentwickler und Bilderbuchautoren. 36 Jahre alt war er, als er seine ersten beiden Spiele und sein erstes Bilderbuch veröffentlichte. Doch dies – wir schreiben das Jahr 2016 – gleich bei renommierten Verlagen: Kosmos und Atlantis. «Ich hatte Glück», sagt er.

Glück? Zwar gibt es keine offizielle Ausbildung zum Bilderbuchautor und Spieleentwickler, doch müsste man eine auf die Beine stellen, sie würde wohl genau Fehrs Werdegang folgen: Nach dem KV besuchte er den Vorkurs an der Schule für Gestaltung, studierte dann an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich sowie der School of Visual Arts in New York fünf Jahre Fotografie und machte schliesslich an der Princeton University (USA) seinen bislang letzten Abschluss, in Germanistik und Medienwissenschaften. Seine Dissertation über politisch-religiöse Konversionserzählungen liegt im Moment auf Eis – «und das dürfte auch so bleiben», sagt der Mann, der in verblüffender Weise an den früheren «10 vor 10»- Moderator Stephan Klapproth (63) in jungen Jahren erinnert: runde Brille, gescheiteltes, gerades Haar, Dreitagebart – bloss der Schnauz fehlt.

Daniel Fehr hat also eine geradezu massgeschneiderte Ausbildung für seine heutige Tätigkeit durchlaufen. Was er dagegen nicht hat, ist eine Mission. «Ich verfolge mit meinen Büchern und Spielen weder didaktische Interessen, noch will ich eine moralische Botschaft vermitteln», sagt er. Er wolle den Leuten Freude bringen, Welten öffnen und sie zum spielerischen Nachdenken anregen. «Ich freue mich, wenn ich sehe, dass der Samen aufgeht, den ich gestreut habe.» Heisst: «Wenn ich in einer Schulklasse aus meinen Büchern vorgelesen habe und mir danach eine Mutter berichtet, dass ihr Kind nach Hause gekommen sei und begonnen habe, selber Geschichten zu schreiben.»

«Ich habe früh beschlossen, mich international zu orientieren»

Daniel Fehr

International unterwegs

Seit den ersten Veröffentlichungen vor fünf Jahren ist die Zahl seiner Bücher und Spiele kontinuierlich auf über 20 gestiegen. Allein in den letzten sechs Wochen kamen drei neue Bilderbücher auf den Markt. Allerdings, nicht alle Bücher und Spiele sind auch auf Deutsch erhältlich. «Ich habe früh beschlossen, mich international zu orientieren», sagt Daniel Fehr und unterscheidet sich auch hier von der überwältigenden Mehrheit in seinem Metier. Dazu passt, dass er keinen Stammverlag hat. Das Spiel «Narabi» zum Beispiel ist bei einem russischen Verlag erschienen, der es in verschiedenen Ländern lizenziert hat. Und so gibt es das Spiel des Winterthurers zwar unter anderem auf Japanisch und Russisch, nicht aber auf Deutsch.

Und was tut der aktuell wohl erfolgreichste und produktivste Spieleentwickler und Bilderbuchschreiber unseres Landes, wenn er grad keine Spiele entwickelt oder Bilderbücher schreibt? Er spielt Spiele und liest Bilderbücher. So gründete er zusammen mit seiner Partnerin einen Spieletreff und einen Spieleentwicklertreff. Und beruflich ist Fehr noch auf einer dritten Schiene unterwegs: In seiner 40-Prozent-Stelle beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien leitet er den Schweizer Vorlesetag (findet dieses Jahr am 26. Mai statt).

Die überbordenden Sammlungen von Spielen und Bilderbüchern, die man in seinem Arbeitsraum vergeblich sucht, gibt es in Fehrs Wohnung natürlich auch: aber in einem anderen Zimmer. Gut 200 Spiele («für einen begeisterten Spieler ist das nicht besonders viel») und rund 1500 Bilderbücher und Graphic Novels («vor allem zeitgenössische Werke») füllen hier die Regale.

Vor Kurzem erschien Daniel Fehrs Überarbeitung des Spiels «Schweizer Reise» (Carlit), Fr. 39.95, erhältlich bei Coop City.

Spielerisch durch die Schweiz reisen»