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Interview

«Ich habe keine schlaflosen Nächte»

Bundespräsident Guy Parmelin trotzt mit bewundernswerter Gelassenheit der Krise. Im Interview erzählt er, wie er Wutbürger mit einem persönlichen Telefonanruf überrascht und was er zur verzweifelten Lage der Restaurantbetreiber meint.

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Fabian Hugo
25. Januar 2021

Guy Parmelin

Bauer, Winzer, Politiker

Guy Parmelin, 1959 in Bursins VD geboren, machte die Matur und führte später mit seinem Bruder als ausgebildeter Landwirt und Winzer den väterlichen Bauernhof. Seine politische Karriere begann er als SVP-Gemeinderat, danach ging es stetig die Karrieretreppe hinauf: zuerst Grosser Rat von Waadt, dann Na- tionalrat, 2015 schliesslich Bundesrat. Drei Jahre später gab er das Militärdepartement an Viola Amherd (58) weiter und übernahm das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Parmelin ist verheiratet, lebt in Bern und Bursins. Dort hat er eine schöne Sammlung Comics aus der Zeit, als er noch nicht Bundesrat war. «Besonders gerne las ich ‹Asterix und Obelix›.»
 

Bundeshaus Ost in Bern. Guy Parmelin betritt mit Maske den Konferenzraum. Der Smalltalk, auch Warm-up genannt, beschränkt sich auf ein Minimum. Jede Minute in seinem eng getakteten Tag zählt. Einen netten Eindruck macht der höchste Schweizer trotzdem. Er legt die Maske ab, da die Abstände am riesigen Tisch mehr als gewahrt sind. «Allez-y!», sagt er. Los gehts.

Guy Parmelin, es gibt bessere Jahre, um Bundespräsident zu sein.

Das Amt ist momentan eine grosse Herausforderung, setzt aber auch zusätzliche Kräfte frei. Ich bin mir der Verantwortung der Aufgabe bewusst und dass die Erwartungen der Bevölkerung gross sind. Ich habe deswegen aber keine schlaflosen Nächte, zum Glück – ausser vor jener Bundesratssitzung Mitte Januar, bei der wir die Massnahmen verschärfen mussten.

Wie viel Schlaf brauchen Sie?

Normalerweise sechs Stunden. Am Wochenende, wenn ich in Bursins im Waadtland bin, versuche ich ein wenig länger liegen zu bleiben oder eine Siesta einzulegen. Leider ist es nicht immer möglich.

Das klingt nach einer hohen Kadenz.

Es braucht deshalb Disziplin. Mein Körper hat sich daran gewöhnt, dass der Tag um fünf Uhr morgens beginnt und er durchhält bis abends um 23 Uhr. Morgens um sechs bin ich im Büro und habe dann eine ruhige Stunde, in der ich Dossiers lese und die ersten E-Mails beantworte, bevor es um 7.15 Uhr mit der ersten Sitzung losgeht.

Als Bundespräsident waren Sie für das Bundesratsfoto verantwortlich. Wäre es nicht ein starkes Signal gewesen, wenn der Bundesrat darauf Maske getragen hätte?

Ein Bild mit dem maskierten Bundesrat wäre in die Geschichte eingegangen. Mir reicht es aber schon, dass ich der einzige Bundesrat war, der bei seiner Wahl zum Bundespräsidenten Maske tragen musste! Ein Foto mit Maske würde nur das Thema Corona abbilden. Deshalb fand ich es wichtig zu zeigen, dass wir uns auch in der Krise ein menschliches Antlitz bewahren. Ohne Maske soll es Hoffnung machen, dass wir aus der Krise finden. Deshalb haben wir uns für eine Fotomontage entschieden, weil wir so nahe zusammen auf das Bild mussten.

Woher rührt Ihre Gelassenheit, die Sie ausstrahlen?

Das hat wohl mit meinem Charakter zu tun. Und wer länger in der Politik mitwirkt, legt sich automatisch eine dicke Haut zu. Ich habe schon einige Krisen erlebt und harte Kritiken einstecken müssen. Man muss Nehmerqualitäten zeigen in solchen Momenten und nicht einknicken, auch als Signal gegenüber der Familie oder den Mitarbeitenden, die unter den Attacken manchmal fast mehr leiden.

«Ich habe schon einige Krisen erlebt und harte Kritiken einstecken müssen.»

Guy Parmelin

Trägt auch ein gutes Glas Wein zur Gelassenheit bei?

Durchaus, am liebsten ein Chasselas aus der Region, aber nicht zu oft. Und vor allem nicht während der Arbeit!

Haben Ihre beiden Quarantänen Ihren Blick auf die Pandemie verändert?

Glücklicherweise musste ich präventiv in die Quarantäne und nicht, weil ich erkrankt war. Das macht einen grossen Unterschied. Unangenehm war es trotzdem, mein Aktionsradius beschränkte sich auf mein Zimmer und Zuhause. Allzu oft brauche ich das sicher nicht.

Die Bürgerlichen wollen die Wirtschaft möglichst wenig einschränken. Genau das müssen Sie aber tun, ungeachtet ihrer bürgerlichen Zugehörigkeit! Kein Widerspruch für Sie?

Wir heben oder senken nicht einfach den Daumen. Vielmehr wägt der Bundesrat die Interessenlagen ständig ab. Verglichen mit anderen Ländern haben wir zwar nicht alles richtig gemacht, unter dem Strich aber stehen wir noch gut da. Die Situation kann sich jedoch schnell ändern. Wir können der Bevölkerung nicht einfach sagen: Voilà, in drei Monaten ist der ganze Spuk vorbei. Jetzt geht es mit der Verschärfung der Massnahmen darum, das exponentielle Wachstum der neuen Virus-Variante zu brechen. Wir sind guter Hoffnung, dass die Impfung ihre Wirkung entfalten wird, die gefährdeten Personen dadurch besser geschützt sind und das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Für die Läden ist das kein Trost. Auch wenn sie die Schutzmassnahmen noch so konsequent durchgeführt haben, müssen sie schliessen.

Das ist so, aber die neue Virus-Variante zwingt uns dazu. Wir versuchen zwar dort, wo es geht, möglichst wenige Einschränkungen auszusprechen. Die Auswirkungen sind trotzdem einschneidend und das nicht nur für die Läden. Denken Sie an die Jungen: Die Beschränkung auf maximal fünf Personen, die sich treffen dürfen, dass sie nicht mehr wie gewohnt ausgehen können – das ist für sie alles nicht leicht zu verstehen. Wir dürfen deshalb die psychischen Auswirkungen für die Bevölkerung nicht vergessen.

Antworten Sie auch persönlich verzweifelten Bürgern, die Ihnen schreiben?

Ja, das kommt vor. Seit ich Bundespräsident bin, kommen doppelt so viele Schreiben. Manchmal rufe ich auch an.

Wie reagieren die Leute, wenn plötzlich der Bundesrat am Hörer ist?

Sie sind natürlich vor allem überrascht. Viele von ihnen sind wegen einer Sache wütend und denken zuerst, da mache einer auf der anderen Seite der Leitung einen Scherz mit ihnen. So ein Anruf ist eine gute Möglichkeit, um Meinungsverschiedenheiten zu verkleinern.

Die Deutschschweizer Medien bezeichnen Sie gerne als «den netten Herr Parmelin». Wie denken Sie darüber?

Nett ist ein Synonym für freundlich und angenehm. Ganz ehrlich, lieber so als das Gegenteil. Wenn es aber eine ironische Anspielung ist, dass nett auch naiv bedeutet, dann berührt mich das nicht. Solche Sticheleien gehören in der Politik dazu.

Guy Parmelin (61) ist seit 2015 Bundesrat: «Wer länger in der Politik mitwirkt, legt sich eine dicke Haut zu.»

Was macht ein welscher Bundesrat besser als ein Deutschschweizer?

Joker! Mir fällt nichts dazu ein. Jeder hat seinen Charakter. Ueli Maurer zum Beispiel ist sehr spontan und mit der besonderen Fähigkeit gesegnet, mit den Menschen ganz leicht ins Gespräch zu kommen. Auch ich mag den Kontakt mit der Bevölkerung, bin aber zu Beginn wohl ein wenig zurückhaltender.

Welcher Verzicht wegen Corona schmerzt am meisten?

Ich vermisse viele Dinge! Ich ging gerne an ein klassisches Konzert. Oder an einen Fussball- oder Eishockeymatch.

Sie haben selber Fussball gespielt. Waren Sie da auch nett?

Ich wurde jedenfalls nie des Feldes verwiesen. Ich spielte auf der Position des Liberos oder als Vorstopper und war eher der Stratege auf dem Rasen. Später wurde ich Schiedsrichter …

… wofür es auch eine dicke Haut braucht.

Ich habe es nie bereut. Ich begann übrigens zu pfeifen, weil ich als Spieler dem Referee in einem Match zugerufen hatte, dass ich selber der Schiedsrichtergilde beitreten wolle – dann steige das Niveau endlich. Er zeigte mir daraufhin umgehend Gelb. (Lacht.)

Im Juni stimmt die Schweiz über zwei Initiativen ab, die den Einsatz von Pestiziden verunmöglichen wollen. Warum sind Sie dagegen?

Weil wir diese Pflanzenschutzmittel brauchen, um die Pflanzen zu schützen und Parasiten zu vermeiden. Wir haben schon jetzt sehr restriktive Vorschriften. Diese gilt es sorgfältig umzusetzen. Wenn Sie aber die Pflanzenschutzmittel komplett verbannen wollen, riskieren Sie deutlich höhere Kosten. Sie wissen ja selbst am besten, dass Bio mehr kostet als die traditionellen Produkte. Die Folge wäre, dass weniger inländische Ware gekauft und mehr importiert wird. Das wäre nicht sinnvoll.

Ein wichtiges Thema ist auch das CO2-Gesetz. Warum braucht es dieses und mit ihm die Steuern, die erhoben werden sollen? Reicht die Verantwortung des Einzelnen nicht aus?

Der Bundesrat engagiert sich in dieser Sache, indem er das Pariser Klima- abkommen mitunterzeichnet hat. Erstes Ziel ist es, unsere Treibhausgase bis 2030 um mindestens 50 Prozent zu senken. In einem zweiten Schritt wollen wir den Wert auf Netto-Null senken, und das bis 2050. Um das zu schaffen, müssen wir die entsprechenden Vorkehrungen treffen. Dazu gehören auch die zusätzlichen Abgaben, die jedoch ganz gezielt erhoben werden. Das CO2-Gesetz ist eine politische Entscheidung, ge­staltet wurde es vom Parlament. Wir werden sehen, was das Volk entscheiden wird.

«Leider befanden sich schon vor der Pandemie viele Restaurants in Schwierigkeiten.»

Guy Parmelin

Waren Sie vor dem Lockdown ein Beizengänger?

Ja, ich gehe gerne in ein Restaurant, mit meiner Frau oder mit Freunden. Es ist hart für die Wirte, aber auch für die Hoteliers, Reisebüros, Fitnesscenter, für die ganze Welt. Man hört Stimmen, die fordern: «Lassen Sie uns arbeiten!» Oder: «Sie sind im Begriff, die Wirtschaft zu killen.» Auf der anderen Seite gibt es jene, die fordern: «Sie müssen mehr tun! Schliessen Sie alles!» Bei unseren Überlegungen geht es darum, die menschlichen Kontakte zu verringern.

Die Restaurants verschaffen sich aber am meisten Gehör.

Ja, vielleicht sind sie am besten organisiert. Wir haben ja beschlossen, die Bedingungen für Härtefall-Gelder zu vereinfachen. Es ist unser Ziel, allen Betrieben, die eine Perspektive haben, zu helfen. Leider befanden sich schon vor der Pandemie viele Restaurants in Schwierigkeiten. Gastrosuisse selber hat davon gesprochen, dass rund 60 Prozent aller Restaurants keine genügende Rendite erzielen.

Sie sind auch der Bildungsminister. Was macht eine gute Schule aus?

Eine gute Schule erlaubt es ihren Schülern, die nötigen Kompetenzen für die schulische und nachher berufliche Karriere, vor allem aber für ein erfülltes Leben zu erlangen.

Für Schulen und Bildung kann die Schweiz gar nicht genug Geld ausgeben. Einverstanden?

Dieses Geld kommt immer vom Steuerzahler. Auch wenn es richtig ist, in unsere grauen Zellen zu investieren – endlos viel Geld steht auch dafür nicht zur Verfügung. Für die kommenden vier Jahre wird der Bund 28 Milliarden in die Bildung, Forschung und Innovation investieren. Das ist eine riesige Summe, für die man sich vor dem Parlament zuerst einmal rechtfertigen muss.

Waren Sie ein guter Schüler?

Ohne mich selber rühmen zu wollen: Ja. Meine Noten waren gut.

Ihr Lieblingsfach?

Mit Physik konnte ich gar nichts anfangen, dafür umso mehr mit Französisch und Latein.

Ein Lateinvers, mit dem Sie unsere Leserschaft beeindrucken können?

Arx tarpeia Capitoli proxima. Hochmut kommt vor dem Fall. Auch schön: Errare humanum est perseverare diabolicum. Irren ist menschlich, an seinem Fehler festzuhalten teuflisch.

Ihre Frau ist Deutschlehrerin. Gibt sie Ihnen manchmal Noten für Ihr Deutsch?

Nein, aber sie korrigiert mich gerne und sagt mir, wann ich mich gut und wann weniger gut ausgedrückt habe. Sie würde gerne mit mir Deutsch sprechen, aber ich höre die ganze Woche Deutsch, deshalb will ich zumindest am Wochenende Französisch sprechen! (Lacht.) Wenn ich in der Familie Deutsch spreche, dann mit meiner Schwiegermutter. Sie redet bayerisch, was ich noch schlechter verstehe als Walliserdeutsch.

Guy Parmelin, wir danken Ihnen für das Gespräch.