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«Heute bin ich eine Nullkommafünf»

Eine Ski-WM ohne Hubertus von Hohenlohe? Undenkbar! Im Interview erinnert sich der Prinz, der für Mexiko startet, an seine schönsten Rennen und die knallharten Analysen von Peter Müller. Und er erklärt, wie sich der Skirennsport neu erfinden sollte.

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Hubertus Prinz von Hohenlohe, Getty Images, RDB by Dukas
08. Februar 2021
 Jetsetter und Weltenbummler: Hubertus Prinz von Hohenlohe, mit seiner Mutter Ira von Fürstenberg Anfang Jahrtausend.

 Jetsetter und Weltenbummler: Hubertus Prinz von Hohenlohe, mit seiner Mutter Ira von Fürstenberg Anfang Jahrtausend.

Hubertus von Hohenlohe ist ein Globetrotter: Der Prinz, Fotograf, Unternehmer und Skirennfahrer lebt in Liechtenstein, Spanien und Österreich. Ausserdem hat seine Frau Simona Gandolfi (55) eine Wohnung in Cortina d’Ampezzo (I), wo in diesen Tagen die Ski-WM stattfindet. «Für mich ist das ein totales Heimspiel», sagt der 62-Jährige, «hier habe ich auch das Skifahren gelernt.»

Hubertus von Hohenlohe, werden Sie unterschätzt?

Weshalb?

Weil die Zuschauer nach einem Rennen zuerst Ihren grossen Rückstand sehen und weniger, dass Sie eigentlich ein hervorragender Skifahrer sind.

Es gibt sicher Leute, die mich unterschätzen. Aber die, die etwas vom Skirennsport verstehen und wissen, dass ich 14 Mal in Kitzbühel die Streif bezwang und mindestens 16 Mal das Lauberhorn-Rennen fuhr, die wissen, dass ich Ski fahren kann.

Es gab aber auch schon Fans, die im Ziel standen und ein Spruchband mit den Worten «Lieber Prinz, wir bitten Dich, komm nach Haus bei Tageslicht» hochhielten.

Nein, nein, es hiess: «Lieber Prinz enttäusch uns nicht und komm nach Haus bei Tageslicht.» Das war bei meiner ersten Weltmeisterschaft 1982 in der Abfahrt in Schladming, wo ich knapp zehn Sekunden auf Sieger Harti Weirather verlor. Ich fand es schon ein wenig gemein. Da büsst man so wenig Zeit ein und wird mit einem solchen Transparent empfangen. Aber der Reim war gelungen, und sie hatten es ja gut gemeint.

Nach den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010 sagten Sie bestimmt: «Jetzt höre ich auf!» Elf Jahre später sind Sie immer noch dabei und nehmen mit 62 Jahren an der Ski-WM in Cortina d’Ampezzo teil.

Ja, und zwar deshalb, weil es noch immer einigermassen gut ausschaut, wenn ich auf den Skis den Berg runterfahre. Ich sehe mir meine Läufe jeweils auf Video an und entscheide dann, ob es noch vertretbar ist. Es liegt doch in der Natur des Menschen, jugendliche Aktivitäten so lange wie möglich beizubehalten und das Aufhören nach hinten zu schieben. Zudem macht es mir Spass zu schauen, wie lange ich mit wechselndem Material, wechselnden Techniken und wechselnden Regeln noch zurechtkomme. Habe ich aber das Gefühl, ich sehe aus wie ein Greis auf Holzlatten, dann höre ich auf.

Wie hat sich der Skisport in den letzten Jahren verändert?

Zumindest macht es mehr Spass als noch vor fünf oder sechs Jahren. Mit den Riesenslalom-Skis kann man wieder fahren und bringt sie auch um die Kurve. Aber es gibt momentan im Skisport generell viele Sachen, die nicht logisch und konsequent durchdacht sind. Zum Beispiel, dass man eine Abfahrt wie in Bormio im Dezember durchführt. Im Februar wäre die Sicht um einiges besser. Aber da stehen die TV-Stationen mit ihren Fernsehrechten der Gesundheit der Athleten im Weg. Ich sehe noch viel Optimierungspotenzial.

Mit Ihrer Erfahrung wären Sie der optimale Nachfolger von Gian Franco Kasper, dem amtierenden Präsidenten des Internationalen Skiverbandes, oder nicht?

Als Nachfolger sehe ich mich nicht, aber als guter Berater schon. So lange, wie ich im Skizirkus dabei bin, war das bisher tatsächlich noch niemand. Keiner kennt die Probleme der Athleten, des Marktes, der Firmen und vor allem das Zusammenspiel dieser Komponenten besser als ich. Hinzu kommt: Ich bin nicht bestechlich! (Lacht.)

Was würden Sie konkret ändern?

Bei der Vergabe der Rennen – also wo diese stattfinden sollen. Jedes Land, das Rennen durchführen will, darf heute drei Rennen oder noch mehr haben. Das ist doch kompletter Blödsinn. Die Skirennen sollen dort stattfinden, wo die Leute sie sehen wollen und es interessant ist. Ein positives Beispiel ist der Nachtslalom in Schladming. Der ist ein riesiges Happening. Alle Slaloms sollten ausschliesslich bei Nacht durchgeführt werden. Die Stimmung mit dem Flutlicht ist einmalig.

 Hubertus Prinz von Hohenlohe als Skifuzzi, der für Mexiko startet.

Und sonst?

Es werden immer mehr Medaillen vergeben, gerade an Olympischen Spielen. Das haben wir den Verbänden und dem Internationalen Olympischen Komitee zu verdanken. Die wollen die grossen Nationen mit Edelmetall überschütten. Es gibt deshalb immer mehr Disziplinen. Verfolgungsevents im Eisschnell- lauf oder im Biathlon. Da kannst du, wenn du gut bist, bis zu sieben Medaillen gewinnen. Mixedstaffel, kurzer Sprint, langer Sprint und so weiter ... Am Schluss rennt jeder im Olympischen Dorf mit einer Medaille herum. Dadurch wird alles viel zu gross und niemand kann die Spiele mehr durchführen – ausser eben die ganz grossen Nationen, die diesen Aufwand noch meistern können.

Sie finden mehr Medaillen nicht gut? So steigen Ihre Chancen, vielleicht auch noch eine zu ergattern!

Gäbe es eine Medaille fürs beste Outfit, hätte ich schon lange eine um den Hals.

Was ist Ihr sportliches Ziel für die WM in Cortina d’Ampezzo?

Mit meiner neunzehnten Weltmeisterschaft einen Rekord für die Ewigkeit aufzustellen. Und natürlich will ich dabei eine gute Figur abgeben. Durch den Lockdown hatte ich viel Zeit, um meinen Körper zu trainieren. Ich bin besser vorbereitet als je zuvor.

Ihre schönste Erinnerung?

Wenn ich eine raus picken muss, nehme ich die, als ich 1984 bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo mit der mexikanischen Flagge ins Stadion einlaufen durfte. Eigentlich hätte ich ebenso für Liechtenstein starten dürfen, da ich auch diesen Pass besitze. Die Verantwortlichen meinten aber, dass ich zu schlecht sei. In der Abfahrt büsste ich dann gegenüber ihrem Fahrer nur gerade drei Zehntel ein, ohne einen gros-sen Verband im Rücken – als Privatier. Das war eine grosse Genugtuung.

Gibt es in Mexiko Skigebiete?

Skigebiete nicht, aber Schnee. Ganz oben auf den Vulkanen. Mein Vater ist da einmal zusammen mit Hansi Hinterseer mit dem Helikopter rauf und dann mit den Skis hinuntergefahren. Ganz ungefährlich war dies glaub ich nicht.

Wer ist im Skirennsport der Beste aller Zeiten?

Also, der Schwede Ingemar Stenmark war schon Top of the Tops.

Haben Sie noch Kontakt mit Schweizer Skifahrern von früher?

Manchmal mit Bruno Kernen und ab und zu über Instagram mit Peter Müller. Dieser war früher immer punktgenau mit seinen Analysen und sagte mir jeweils: «Skifahrerisch bisch nöd schlächt, aber athletisch ä Null.» Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Wobei ... (Pause.) Weil ich wegen Corona so viel trainieren konnte, bin ich jetzt wahrscheinlich eine Nullkommafünf.

Welchem Schweizer oder welcher Schweizerin trauen Sie bei der WM am meisten zu?

Da haben so ziemlich alle, die teilnehmen, eine Chance auf eine Medaille. Die Schweiz hat momentan ein unglaublich gutes Team. Marco Odermatt ist sicher ein Kandidat fürs Podest, Loïc Meillard fährt unfassbar gut und dann ist natürlich auch immer mit Beat Feuz zu rechnen. Ich würde sagen: Die Schweiz ist das Beispiel einer richtigen Mannschaft. Man spürt den Teamspirit und darum haben sie meiner Meinung nach im Gigantenduell mit Österreich die Nase klar vorne.

Sie wuchsen im Nobelhotel Ihres Vaters im spanischen Marbella auf, wo die Weltprominenz ständig ein und aus ging. Welche Stars sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Gut befreundet waren wir mit Audrey Hepburn und Gina Lollobrigida. Auch Michael Jackson oder Freddie Mercury waren unsere Gäste. Speziell erinnere ich mich auch an den Formel-1-Star James Hunt und an Günter Netzer. Mit ihm verabrede ich mich noch heute zum Mittagessen in der Kronenhalle in Zürich, wenn ich vor Ort bin. Danach fahren wir oft noch eine Runde mit 30 km/h in seinem Ferrari – in der Schweiz darf man ja nicht schneller fahren.

Hubertus Prinz von Hohenlohe, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hubertus Prinz von Hohenlohe

Im Skisport ist Hubertus Prinz von Hohenlohe, wie er korrekt heisst, wohl die schillerndste Figur – zusammen mit Alberto Tomba (54). Ihm hat der 62-Jährige mittlerweile etwas voraus: Während «Tomba la Bomba» immer noch auf der Suche nach der Richtigen ist, hat der Prinz 2019 seine Langzeitfreundin Simona Gandolfi (55) geheiratet. In seiner Jugend wurde er auf ein Elite-Internat in Österreich geschickt. «Es war düster dort», erinnert er sich, «aber es gab einen Lichtblick: das Skifahren. Ich nutzte jede Chance dazu.»