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Porträt

Hüter des Verschmähten

Wo andere Schrott sehen, sieht Peter Keller Ressourcen. «Ich kann einfach nichts wegwerfen», sagt der Sammler wider Willen und schafft es damit bis auf die Kinoleinwand.

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Bodo Rüedi
05. September 2021
Peter Keller weiss zu jedem Objekt in seiner Halle eine Geschichte zu erzählen ? und wo er was verstaut hat.

Peter Keller weiss zu jedem Objekt in seiner Halle eine Geschichte zu erzählen ? und wo er was verstaut hat.

Hat man das beschauliche Dörfchen Lütisburg SG im Toggenburg erst einmal gefunden, kann man Peter Kellers Reich gar nicht verfehlen: Alte Autos, ausrangierte Metallregale, ein in die Jahre gekommener Wohnwagen und viele andere Dinge drängen sich um eine Lagerhalle und vermitteln den Eindruck eines Schrottplatzes. Deshalb ist das Anwesen rund um die «Pitsch Stop Garage» vielen Leuten ein Dorn im Auge. Doch das ist Keller herzlich egal. «Ich mache mein eigenes Ding und will nur in Ruhe gelassen werden», sagt der 58-Jährige. «Ich schreibe schliesslich auch niemandem vor, was er auf seinem eigenen Land zu tun hat.»

Nun, es ist eine Frage der Perspektive. Da, wo andere bloss schrottreifen Abfall sehen, sieht der gelernte Automechaniker wertvolle Ressourcen, die einst in ein Produkt investiert wurden und die noch immer von Nutzen sein können. Wenn nicht für ihn selbst, dann für irgendjemand anders. «Wenn ich etwas wegwerfe, und jemand kauft dann genau dieses Gerät wieder neu, dann hat das doch keinen Sinn. Wir zerstören so viele Ressourcen», meint Peter Keller seufzend. Deshalb wurde er vom Filmemacher Manuel Schweizer (34), zu einem von drei Protagonisten im Dokumentarfilm «Auf die eigene Art» gewählt.

Projekte für ein ganzes Leben

Schweizer ist in Lütisburg aufgewachsen und sah als Jugendlicher in erster Linie das «Puff» auf Kellers Land – bis er ihn einmal besuchte. «Ich wollte nur mal mit ihm reden, weil sich seine Autos immer mehr in Richtung Kreuzung ausbreiteten», erzählt der Regisseur. Die nächsten drei Stunden ist er dann nicht mehr aus der Halle gekommen, fasziniert von Peter Kellers zahllosen Geschichten. «Peter ist mit seiner Menschlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit eine starke Persönlichkeit», sagt Schweizer.

Die Sammlerleidenschaft hatte Peter Keller von Geburt an: «Ich konnte schon als Kind nichts wegwerfen.» Er habe oft überlegt, wieso, aber er könne nicht anders, als hinter jedem Gegenstand den Aufwand zu sehen, der einst da reingesteckt wurde. «Ich kann einfach nicht Nein sagen. Nicht zu Gegenständen, aber auch nicht zu jemandem, der mich um Hilfe bittet.» Bald einmal entdeckte er seine Liebe zum Auto, die bis heute ungebrochen ist. Viele Bekannte bringen ihm ihr altes Auto zum Entsorgen. Manch ein Wrack steht nun auf seinem Grundstück, weil er es wieder herrichten möchte. «Das Auto ist ein Stück Kulturgut», sagt Keller. «Wenn ich ein Modell, das nicht mehr gebaut wird, verschrotte, dann ist es unwiederbringlich verloren.»

Beruflich hat Peter Keller nichts mehr mit Autos zu tun. Er arbeitet bei einem Messebauer. Aber jede freie Minute verbringt er in seiner Halle, die er 2004 gekauft hat, um sich nicht mehr auf Mietarealen für seine Sammelleidenschaft rechtfertigen zu müssen. Doch mittlerweile belastet sie ihn selbst. Die 27 ​× ​16 Meter grosse Lagerhalle ist bis unters Dach gefüllt. Sein mit viel Herzblut umgebauter Toyota, mit dem er 2018 und 2019 an der Low-Budget-Rally «CATrophy» durch Europa gefahren ist, fristet zugestellt auf einem Autolift sein Dasein. Von der Autowerkstatt, die die Halle einst war, ist nichts mehr zu erkennen. Stattdessen ist Kellers Reich voll mit allen möglichen «Projekten»: Schaufensterpuppen, die er verkaufen, ein Töff, den er wieder herrichten, alte Kameras, die er ausschreiben will, von den vielen Autos und Gebrauchsgegenständen aller Art ganz zu schweigen. «Mir ist das Ganze über den Kopf gewachsen», gesteht Keller, der jahrelang in Altmetallmulden nach Perlen fischte. «Ich müsste 130 Jahre alt werden, um all meine Projekte zu verwirklichen.»

Manuel Schweizer Stuntman

Filmregisseur und -produzent

Weder Sammler noch Messi

Am liebsten wäre dem Flawiler, der sich selbst nicht als Sammler sieht, er könnte alles verkaufen. Nicht wegen des Gelds, sondern damit die Gegenstände noch weiter gebraucht werden. Der Gedanke ist aller Ehren wert, allerdings wird das kaum passieren. Denn nur Keller selbst weiss, welche Schätze in den Tiefen seines Reichs schlummern. Es kommen immer mal wieder Bekannte vorbei, um zu stöbern, und einiges schreibt Keller aus, aber die Masse dieses Sammelsuriums ist einfach zu gross. Deshalb hat er ein neues, übergeordnetes Projekt: Er will zumindest so sehr ausmisten, dass die Halle wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen kann – als Autowerkstatt.

Kellers Umfeld würde eine solche Veränderung mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, denn viele reagieren mit Schrecken auf das mehr oder weniger organisierte Chaos. «Sie haben Angst, dass sie das eines Tages wegräumen müssen, wenn ich mal nicht mehr lebe», sagt Keller. Auch deshalb ist er bemüht, Struktur in sein Lebenswerk zu bringen. Aber sonst ist ihm eigentlich egal, was die Leute von ihm denken. Er tippt sich an den Schädel. «Solange es im Kopf stimmt, ist alles in Ordnung.» Doch auf eines legt er Wert: «Ich bin keiner dieser Messis, die man im Fernsehen sieht. Die können ja nicht einmal ihre Wohnung sauber halten.» Seit sieben Jahren wohnt er in einem Wohncontainer, der nur mit dem Nötigsten eingerichtet ist: «Bett, Fernseher, WC, Dusche – mehr brauche ich nicht.» Sein echtes Zuhause ist die Halle.

«Auf die eigene Art» mit Peter Keller läuft ab 9. September im Kino.