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Im Rausch der Tiefe

Er kann minutenlang die Luft anhalten. Er dringt in unbekannte Tiefen vor. Der Zürcher Freitaucher Daniel Röttgermann gehört zu den grössten Abenteurern der Sportwelt. Und alles begann in einem Ruderboot.

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Andrea Zuccari
08. März 2021

«Dort unten ist es dunkel und kalt», sagt Daniel Röttgermann. Der 36-jährige Wahlzürcher aus Deutschland spricht nicht von einem modrigen Keller oder einer verwinkelten Höhle – sondern vom Ort, wo er die sportliche Erfüllung findet: die Tiefen von Seen und Meeren, dort wo man kaum noch Fische antrifft. «Doch für die hätten wir keine Zeit», sagt er lachend. Röttgermann ist ein Könner im Apnoe- oder Freitauchen, der wohl anspruchsvollsten Fortbewegung unter Wasser. Mit der Luft eines einzigen Atemzugs kann er sich minutenlang unter Wasser halten und dabei in Gefilde vorstossen, die eigentlich ohne Sauerstoffflaschen unerreichbar scheinen: «Freediving ist meine Leidenschaft – und ein Sport von grosser körperlicher und geistiger Herausforderung.»

In Sharm El Sheikh, dem ägyptischen Badeort am Roten Meer, erreichte er letztes Jahr den bisherigen Höhepunkt – oder besser: Tiefpunkt. Mit seinem italienischen Tauchpartner Tito Zappalà (31) stiess er in eine Tiefe von 130 Metern vor. Nach exakt 3:05 Minuten kehrten die beiden an die Wasseroberfläche zurück – und dürfen sich nun Weltrekordhalter in der Disziplin «No Limits, tandem» nennen.

Ein Zufall veränderte sein Leben

Dass es so weit kommen konnte, ist dem Zufall geschuldet. Röttgermann, aufgewachsen in Oberhausen im deutschen Ruhrgebiet, kam vor zehn Jahren in seinem Beruf als Informatiker nach Zürich. Die damalige Cablecom hatte in ganz Europa Fachpersonal gesucht. Als er eines Tages mit seiner Freundin in ihrem Ruderboot über den Zürichsee trieb, suchte er nach einer Möglichkeit, um den Kursschiffen nicht ins Gehege zu kommen: «Die Lösung war eine Ankerkette. So hätten wir unsere Position fixieren können – ohne ständig zu rudern.» Röttgermann suchte ein Fachge- schäft auf. Es war eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte. Zwar kaufte er keine Ankerkette, doch allein der Gedanke an dieses Utensil weckte in ihm Fantasien: «Ich stellte mir vor, wie ich daran in die Tiefe tauchen würde.» Dabei erinnerte er sich auch an seine Kindheit. Mit seinem Vater hatte er Tauchgänge im Mittelmeer unternommen. Und nun entwickelte er ausgerechnet im Binnenland Schweiz die Passion für dieses Metier von Neuem. Vor sechs Jahren machte Röttgermann sein Hobby zum Beruf. Mit seiner Firma Kaluna Freediving bietet er Kurse und Reisen zu Veranstaltungen und Wettkämpfen auf der ganzen Welt an.

Im Alltag trainiert er aber in wenig exotischen Gewässern – mit den Kolleginnen und Kollegen des Unterwasser-­Zentrums Zürich im See vor Herrliberg oder im Winter im Hallenbad Oerlikon. 64 Meter führte ihn der tiefste Tauchgang im Zürichsee hinunter, in Ägypten waren es 133 Meter. Die Faszination für diesen Sport vermischt sich mit dem Risiko: Tief unter der Wasseroberfläche herrscht ein Druck, der Trommelfelle zum Platzen und die Lungen an ihre Belastungsgrenzen bringen kann. Der Grat zwischen Triumph und Tragödie ist schmal:

«Es geht darum zu merken, wann man ans Limit stösst»

Daniel Röttgermann

Beim Weltrekord-Tauchgang in Ägypten waren Sicherungstaucher, Ärzte sowie Sicherungssysteme im Einsatz.

Schon zahlreiche Apnoetaucher kamen bei Rekordversuchen ums Leben: 2007 ertrank der Franzose Loïc Leferme (✝ 37), weil sich seine Sicherungsleine in 20 Metern Tiefe beim Aufstieg aus 171 Metern verhedderte. Der Österreicher Herbert Nitsch (50) verunfallte fünf Jahre später, als er mit einem selbstgebauten Schlitten die Tiefe von 249,5 Metern erreichte, aber aufgrund des Tiefenrausches beim Aufstieg einen Blackout erlitt und von Helfern viel zu schnell nach oben gezogen werden musste. 2015 tauchte die Russin Natalia Moltschanowa (✝ 53), Weltrekordhalterin im Streckentauchen, aus 35 Metern Tiefe nicht mehr auf und wurde nie gefunden. Weil sich bei No-Limit-Rekordversuchen immer wieder tödliche Unfälle ereignen, wird diese Form des Apnoesports kontrovers diskutiert.

Draussen hat Daniel Röttgermann gut lachen,  doch unter Wasser bleibt keine Zeit dafür. Da ist höchste Konzentration angesagt, sonst kann es gefährlich werden.

Tauche wenn möglich nie allein!

Auch Daniel Röttgermann kennt die Gefahren seines Sports ganz genau: «Freitauchen ist eine Risikosportart. Aber mit den nötigen Vorkehrungen kann man sie sicher ausüben.» Das Risiko lauert in den physikalischen Sachzwängen. Während jedes Tauchgangs sinkt der Sauerstoffpartialdruck in den Lungen – unterschreitet er einen gewissen Wert, kommt es zu einer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Dies kann zur Bewusstlosigkeit und verheerenden Konsequenzen führen. Denn ohne Unterstützung schafft es der Taucher nicht mehr nach oben. Deshalb nennt Röttgermann eine der wichtigsten Regeln: «Tauche wenn möglich nie allein!»

Entscheidend für einen erfolgreichen Tauchgang ist vor allem die Vorbereitung. Man müsse ruhig und kontrolliert atmen, die Muskulatur lockern und sich in einen Zustand der totalen Entspannung versetzen, erklärt Röttgermann. Als Massstab gilt Alexei Olegowitsch Moltschanow. Der 33-jährige Russe hielt bis zu sechs Weltrekorde, darunter jenen mit 250 Metern im No-Limit-Tauchen. 2013 blieb er sagenhafte 8:33 Minuten unter Wasser.

Das sind natürlich Extremwerte. Gleichwohl könne jede und jeder schnell grosse Fortschritte erzielen, sagt Röttgermann: «Ich spielte lange Tennis. Irgendwann kam der Moment der Stagnation. Im Freitauchen dagegen kann man sich Meter um Meter und Sekunde um Sekunde weiter verbessern.»