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Interview

«Ich beneide alle, die Käse essen»

Die deutsche Entertainerin Anke Engelke bringt die Menschen in der neuen Comedy-Serie «LOL» zum Lachen – weil sie selber nicht lachen darf. Im Interview erzählt sie, wie schwer ihr das fiel und weshalb sie die Menschen in der Schweiz aufknacken muss. ​

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Tobias Schult
26. März 2021
«Pupskomisch»: Anke Engelke zählt zu den Farbtupfern auf der Fernseh- Landkarte.

«Pupskomisch»: Anke Engelke zählt zu den Farbtupfern auf der Fernseh- Landkarte.

Anke Engelke kennt keine Berührungsängste und ist stets offen für neue Herausforderungen. Die 55-Jährige hat das Publikum im Laufe ihrer langen Karriere in fast jeder Form unterhalten. Als umtriebige SWF-Radiomoderatorin. Mit lustigen Sketches in Comedy-Serien wie «Die Wochenshow», «Anke» oder «Ladykracher». Als Moderatorin beim Eurovision Song Contest sowie der Berlinale, Schauspielerin und Synchronsprecherin von Marge Simpson. Kein Erfolg war ihr nur mit «Anke Late Night» (als Nachfolgerin von Harald Schmidt) beschieden.

Nun hat das japanische Format «Last One Laughing» («LOL») ihr Interesse geweckt. Dabei sperrte Bully Herbig («Der Schuh des Manitu») sie und neun andere namhafte Komikerinnen und Komiker sechs Stunden in ein Studio. Dort mussten sie versuchen, einander zum Lachen zu bringen, aber vor allem selbst nicht zu lachen. Wer zweimal lachte, der flog.

Anke Engelke, was ist lustig daran, nicht lachen zu dürfen?

Ich habe es bei «Last One Laughing» kaum ausgehalten, die neun Kolleginnen und Kollegen zu sehen, wie sie mit dem Lachen kämpften. Alle hatten ja eigene Techniken, um nicht zu lachen und rauszufliegen. Barbara Schöneberger hat dauernd gegessen und getrunken oder sich die Kaffeetasse vors Gesicht gehalten. Teddy Teclebrhan hat immer Geräusche gemacht und gestöhnt wie ein Zug oder geheult wie ein Wolf. Torsten Sträter sah vor lauter Beherrschung manchmal aus wie ein Foto: eingefroren.

Wie einfach fiel es Ihnen nicht zu lachen?

Mir das Lachen verkneifen zu müssen, obwohl es pupskomisch war, hat mich manchmal sogar körperlich geschmerzt. Carolin Kebekus sagte: «Leute, wir werden alle krank! Das Lachen zu unterdrücken, was mit zum Schönsten gehört – das kann nicht gesund sein!» (Lacht.)

Welche Künstler haben Ihren Humor geprägt?

Vor allem Monty Python und Loriot. Wir hatten Glück, konnten belgische Fernsehprogramme empfangen. Da liefen englischsprachige Serien und Filme mit Untertiteln. Deshalb kam ich schon sehr früh in den Genuss der Originalfassung von «Monty Python’s Flying Circus». Die Kombination aus Irrwitz, totaler Albernheit und hochgradig Intellektuellem fand ich umwerfend. Vielleicht ist mir deshalb gutes Timing so wichtig, und vielleicht habe ich deshalb keine Angst vor dem Albernen?

«Ich habe mein Herz an die Kunststadt Basel verloren.»

Anke Engelke

Als Sie elf waren, hatten Sie Ihren ersten TV-Auftritt. Wie wurden Sie Duettpartnerin von Udo Jürgens?

Wir hatten mit unserem Schulchor «Die Sonntagskinder» einen Auftritt in der Fernsehshow «Udo live ’77». Ein Kind sollte neben Udo Jürgens auf dem Klavierhocker sitzen und mit ihm das Lied «Johnny und Jenny reisen um die Welt» singen. Ich wurde ausgesucht, das ging ruckzuck, und jetzt gibt es eine Aufnahme, mit der ich in Rückblicken immer wieder konfrontiert werde. (Lacht.)

Haben Sie da schon etwas über das Showbusiness gelernt?

Wenn man in einem Chor singt, steht man oft auf der Bühne. Man entwickelt Furchtlosigkeit, aber das Wort Showbusiness gehörte noch nicht zu unserem Vokabular. Wir waren Kinder. Aber ich denke, dass damals schon etwas in der Luft lag, das ich inhaliert habe.

Nämlich?

Die Freude daran, Menschen etwas zu schenken, etwas mit ihnen zu teilen. Das hätte ich in anderer Form auch in meinem ursprünglichen Wunschberuf als Lehrerin tun wollen. Ich brach das Studium aber nach der Zwischenprüfung ab, weil ich inzwischen als Radiomoderatorin beim Südwestfunk arbeitete.

Wie erklären Sie sich, dass «Anke Late Night» ein krachender Misserfolg wurde, obwohl Sie als Talkmasterin doch so gut auf Menschen eingehen können?

Ich war immer schon ein grosser Fan von «David Letterman» und anderen amerikanischen

Late-Night-Shows und fand es spannend, das Genre kennenzulernen. Rückblickend kann ich aber sagen, dass ich dafür nicht gemacht war und bin, weder für Stand-up-Comedy noch für ein tägliches Personality-Format.

Wie haben Sie den damaligen Sat.1-Chef Roger Schawinski wahrgenommen?

Ich bin ihm damals nicht oft begegnet, aber ich habe ihn als Geschäftsmann ­erlebt.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Schweiz?

Ich bin unheimlich gerne in der Schweiz. Zuletzt war ich mit Iris Berben in Zürich. Unsere Lesereihe «Komisch» führt uns an die herrlichsten Orte! Diese Tage in Zürich gehörten zu den schönsten des vergangenen Jahres, abgesehen von den «LOL»-Dreharbeiten. Schon in den zwölf Jahren, die ich beim Südwestfunk in Baden-Baden arbeitete, bin ich an freien Wochenenden regelmässig mit dem Zug nach Basel gefahren. Ich habe mein Herz an die Kunststadt Basel ­verloren. Die dortigen Museen, Theater und Galerien sind für mich absolute Favoriten.

Und die Menschen?

Die Schweizerinnen und Schweizer, die ich kennengelernt habe, sind auf charmante Art gleichzeitig offen und verschlossen. Als Kölnerin bin ich sehr aufgeschlossen, während die Menschen in der Schweiz ein bisschen mit angezogener Handbremse unterwegs sind. Ich fühle mich aber total wohl, obwohl ich die Leute zuerst etwas aufknacken muss.

Sie sollen eine grosse Käseliebhaberin sein. Weshalb essen Sie ihn dann nicht mehr?

Naja, wir wissen ja alle, wie es um den Planeten bestellt ist, und dass wir ihn im Interesse der nächsten Generationen dringend schützen müssen. Wir sollten also alle umdenken, verändern, verzichten. Aber ich finde es vermessen, von meinen Mitmenschen zu verlangen, dass sie ihren Lebensstil verändern, wenn ich es nicht selbst tue. Also habe ich bei mir angefangen: Worauf kann ich verzichten, worauf nicht?

Was haben Sie verändert?

Ich fliege nicht mehr innerhalb Deutschlands und nur einmal im Jahr innerhalb Europas. Eine Fernreise im Jahr muss reichen. Ich habe ein wunderbares kleines Elektroauto. Meistens steht es jedoch, weil ich gerne Rad, Strassenbahn und Zug fahre. Noch lieber gehe ich zu Fuss. Und ich ernähre mich komplett vegan. Wichtig ist, dass mir das niemand vorgeschrieben hat. Ich beneide jedoch alle, die Käse essen! (Lacht.)

Keine Lust auf eine Ausnahme?

In meinem nächsten Leben werde ich nur noch Käse essen! Schade um all die anderen Lebensmittel auf dieser Welt, aber für mich gibt es kein Zurück. Ich bin glücklich, dass ich 20 Jahre meines Lebens «nur» Vegetarierin war!

Worauf freuen Sie sich, wenn im Alltag wieder Normalität einkehrt?

Auf Berührung. Familie und Freunde in den Arm nehmen. Das Publikum berühren mit all dem, was Künstler machen.

Anke Engelke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Anke Engelke

Grande Dame des Humors

Anke Engelke, 1965 in Montreal (CDN) geboren, wuchs ab dem sechsten Lebensjahr in Köln (D) auf. Für ihre Leistungen auf unterschiedlichsten Gebieten der Fernsehunterhaltung wurde sie 14-mal mit dem Deutschen Comedypreis und dreimal mit der Goldenen Rose von Montreux ausgezeichnet. Die Entertainerin hat drei Kinder aus zwei Ehen. Als Komikerin ist sie ab 1. April in «Last One Laughing» (Amazon Prime Video) zu sehen.