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«In Zürich hatte ich eine schwierige Zeit»

Christian Kohlund (70) zählt zu den erfolgreichsten Schweizer Schauspielern. Im Interview erzählt der Frauenschwarm, weshalb die «Schwarzwaldklinik»-Fans seine Figur sterben lassen wollten und wie der «Zürich-Krimi» zum Quotenhit wurde.

01. Februar 2021

TV-Traummann

Christian Kohlund (70)

Der Sohn des deutschen Schauspielers Erwin Kohlund (1915–1992, «Geld und Geist») und der Luzerner Darstellerin Margrit Winter (1917–2001, «Romeo und Julia auf dem Dorfe») wurde in den Achtzigern durch den Abenteuerfilm «Wettlauf nach Bombay» und die Serie «Die Schwarzwaldklinik» bekannt. Kohlund wird im Fernsehen meist als Frauenschwarm besetzt. Der Schweizer ist in dritter Ehe mit Schlagersängerin Elke Best (64, «Die Babys krieg’ immer noch ich») verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die neuen Folgen des «Zürich Krimi» laufen am 4., 11. und 18. Februar um 20.15 Uhr in der ARD.

Christian Kohlund, wissen die Leute, die Sie vor allem aus dem deutschen Fernsehen kennen, eigentlich noch, dass Sie Schweizer sind?

Nein, das ist kaum jemandem bewusst. Schön ist, dass es immer wieder Leute gibt, die mich an meiner Stimme erkennen: «Sie müssen Christian Kohlund sein!?»

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Karriere zurück, die Sie so bekannt gemacht hat?

Als Schauspieler führst du einen ständigen Kampf, um deine Existenz zu sichern, und gleichzeitig wünschst du dir, dass du etwas ganz Besonderes machst. Bei den kommerziellen Sachen fürs Fernsehen hat mein Herz zugegebenermassen nicht höher geschlagen, aber ich habe bei den Dreharbeiten die schönsten Länder der Welt gesehen und konnte es mir leisten, dazwischen meine Theaterleidenschaft auszuleben. Ich stand über 300 Mal mit dem anspruchsvollen Monolog «Clarence Darrow – Im Zweifel für den Angeklagten» auf der Bühne und habe dabei jeden Winkel im deutschsprachigen Raum kennengelernt.

Manchmal ist man erstaunt, wer alles «Traumhotel» schaut.

Sie werden lachen: Ich höre oft, dass sich Manager oder Ärzte, die nach harten Verhandlungen oder einem Tag im Opera- tionssaal nach Hause kommen und gerne bei dieser leichten Unterhaltung an exotischen Schauplätzen entspannen. Die 20 Episoden wurden allein im deutschsprachigen Raum schon 500 Mal ausgestrahlt. Sogar die Wiederholungen lockten an den Festtagen bis zu drei Millionen Zuschauer vor die Bildschirme – am Nachmittag!

Die «Schwarzwaldklinik» war in den Achtzigerjahren sogar der absolute Quotenrenner.

Ja, das war damals der Supererfolg, aber wir wurden auch gefragt: Wie kann man so einen «Scheissdreck» drehen? Als ich kürzlich wieder mal reingeschaut habe, wurde mir klar, weshalb die Serie funktioniert hat. Da brillierte ein Weltstar wie Gert Fröbe, Klausjürgen Wussow in seinen besten Jahren verkörperte den Professor Brinkmann, und die tolle Hannelore Elsner zählte ebenfalls zu den vielen ausgezeichneten Schauspielern, die dort ihre Visitenkarte abgaben. Bis zu 28 Millionen Zuschauer wollten die Serie sehen. Heute, wo man aus 500 Programmen wählen kann, ist so etwas undenkbar.

Welche Anekdoten fallen Ihnen zu Dr. Alexander Vollmers ein, den Sie in der Serie verkörperten?

Der Regisseur fragte mich, ob ich einen netten jungen Arzt spielen wolle, der die Hauptfigur Christa anbaggert, die ihn übrigens auch nicht schlecht findet. Da habe ich zur Bedingung gemacht, dass Vollmers einen schicken Oldtimer fahren darf. Durch den Mercedes 300 SL wurde er schnell «der mit dem schönen Auto». Das ZDF bekam auch jede Menge Briefe, weil es nicht angehe, dass sich dieser Kerl an Gaby Dohm heranmacht und so einen Keil zwischen «unser Traumpaar» treibt. Einige Leute schickten sogar Vorschläge, wie Vollmers aus der Serie rausgeschrieben werden könnte.

Nämlich wie?

In meinem Lieblings-Drehbuchentwurf wartet Vollmers auf einer Berghütte auf die Frau Professor. Er stolpert und wirft eine Laterne um, worauf das Stroh Feuer fängt und er qualvoll verbrennt. So fieberten die Leute damals mit! (Lacht.)

«Als ‹chline Bueb› bin ich hinter der Bühne herumgerannt.»

Christian Kohlund

Heute sind Sie regelmässig im «Zürich-Krimi» zu sehen. Der kommt zwar nicht wie die «Schwarzwaldklinik» damals auf 28 Millionen, aber doch immerhin auf sieben Millionen Zuschauer und zählt damit zu den quotenstärksten Donnerstagabend-Krimis auf der ARD. Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs?

Als mir Christine Strobl, die zukünftige Programmchefin der ARD, nach dem Auslaufen von «Das Traumhotel» gesagt hat, dass der Sender gerne ein neues, ganz auf mich zugeschnittenes Format entwickeln lassen möchte, hat mich das sehr gefreut. Es ist immer ein Kampf mit der Qualität der Drehbücher, und angesichts der Masse der Krimis ist es auch schwierig, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Mit Spitzenregisseur Roland Suso Richter haben wir nun beim «Zürich-Krimi» aber ein Level erreicht, das vom Publikum geschätzt wird.

Sie sind der einzige Hauptdarsteller der Reihe und gefühlt 80 der 90 Minuten im Bild. Wie stemmen Sie dieses Pensum?

Ich habe immer gerne hart gearbeitet. Aber es braucht viel Disziplin und den Glauben an das, was man macht. Ich bin froh, dass wir ein tolles Team haben, das mich versorgt und warm einpackt, wenn wir auf einem Pass acht, neun Stunden in der Kälte stehen. Nur so kann ich beim Kommando «Kamera läuft» mit 70 noch vereiste Schneehügel hinaufklettern! (Lacht.)

Was ist Anwalt Thomas Borchert, die Hauptfigur der Krimireihe, für ein Mensch?

Borchert ist ein älterer Mann, der in seinem Leben viel Mist gebaut hat. Er würde gerne wieder in den Spiegel schauen können. Er hatte sich in der Welt der Schweizer Wirtschaftsanwälte korrumpieren lassen, den Sohn, die Frau und sich selbst verloren und war nach Südamerika abgehauen. Im Grunde ist er jedoch ein Gerechtigkeitsfanatiker. Seit seiner Rückkehr in die Schweiz hat er seinen Idealismus wiedergefunden. Ach, ich habe ihn wahnsinnig gern! Es ist auch etwas Besonderes, weil ich wieder mal in der Schweiz arbeiten kann. Gerade in Zürich, wo ich jede Ecke kenne.

Schicken Ihnen die deutschen Autoren ihre ersten Drehbuchfassungen und Sie geben ihnen Tipps in Sachen Swissness?

Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an. Ich habe den deutschen Autoren gleich gesagt: «Macht nicht den Fehler, zu viele Helvetismen in die Dialoge einzubauen, sonst wirkt die Schweiz im Ausland schnell lächerlich.» So haben wir uns auf ein weitgehend neutrales Deutsch geeinigt, lassen die Morde jedoch vor der Zürcher Kulisse und in der Bankenwelt oder in der Pharma- oder Uhrenindus- trie, also typischen Schweizer Branchen, passieren. Die Innendrehs finden allerdings aus Kostengründen in Prag statt.

Kohlund spielt am liebsten Anwälte: Darrow im Theater und Borchert im Fernsehen.

Und das rentiert sich?

Aber sicher. Vier Wochen Zürich kann sich eine normale Fernsehfilmproduktion mit einem Tross von 70 Leuten nicht mehr leisten. Für die Jubiläumsfolge «Borchert und der eisige Tod» stand uns glücklicherweise ein höheres Budget zur Verfügung, weshalb wir alles in und um Scuol drehen konnten.

Die Dreharbeiten zu dieser Folge im Bündnerland, so konnte man lesen, sollen Ihnen alles abverlangt haben.

Sie waren extrem anstrengend. Wegen der Höhenlage und weil die Zeit für Aussendrehs im Winter knapp ist. Wir mussten um halb sechs Uhr raus, damit wir schon das erste Licht nutzen konnten. Hinzu kamen einige lange Nacht- sequenzen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit am Zürcher Schauspielhaus?

Wenn meine Eltern Theater spielten, bin ich als «chline Bueb» immer hinter der Bühne herumgerannt und durfte später auch mal Tells Knaben spielen. Nach meiner Schauspielausbildung am Reinhardt-Seminar in Wien habe ich realisiert, dass du in einem festen Ensemble entweder zu denen zählst, welche die besten Rollen bekommen, oder nur mitschwimmst und leidest. Da ich in Zürich eine schwierige Zeit hatte, beschloss ich, künftig lieber freiberuflich tätig zu sein.

Höre ich da Vorbehalte gegenüber den subventionierten Theatern heraus?

Ich finde es absolut in Ordnung, dass die Kultur vom Staat finanziell stark unterstützt wird. Wenn ich jedoch als Intendant die 60 oder 70 Millionen Franken dazu nutze, um das Publikum davonzujagen, mache ich etwas falsch. Nicht, dass ich meinte, dass man den Leuten nichts zumuten könnte, das im besten Sinne querdenkerisch ist. Die Zuschauer sollten jedoch erwarten können, dass ihnen eine Geschichte erzählt wird.

Als Clarence Darrow sagen Sie auf der Theaterbühne: «Mit 20 willst du die Welt verändern, und mit 70 willst du die Welt immer noch verändern, nur weisst du inzwischen: Es geht nicht.» Denken Sie genauso?

Ich befürchte, er hat recht. Meine Frau und ich schauen uns viele historische Dokumentationen an und sind jedes Mal fassungslos, dass aus all den Katastrophen keine Konsequenzen gezogen worden sind. Die grossen Verfehlungen der Menschheit wiederholen sich immer wieder. So traurig es ist: Seine Beurteilung trifft zu, was aber nicht bedeutet, dass man aufgibt.

Wohl erst recht nicht, wenn man seit drei Jahren einen Enkel hat.

Stimmt. Ich freue mich wahnsinnig für meine Tochter, dass Niklas ein so wunderbarer Bub ist. Leider haben wir uns wegen der Pandemie nicht oft gesehen, ja sogar auf gemeinsame Weihnachten verzichtet. Aber momentan ist der In- zidenz-Wert leider derart hoch, dass ich die Gegend nicht verlassen darf.

Weshalb sind Sie aus München in den Bayerischen Wald gezogen?

Wir hatten das immer vorgehabt und es dann tatsächlich wahr gemacht, als die Kinder aus dem Haus waren. Das heisst nicht, dass wir uns hier völlig abschotten würden, zumal mich meine Frau auch meistens zu den Dreharbeiten begleitet. Es ist jedoch eine Wohltat, ein Refugium auf dem Land zu haben.

Christian Kohlund, wir danken Ihnen für das Gespräch.