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Interview

«Alles Schlechte hat auch sein Gutes»

Olympiasieger Donghua Li stellt sich neuen sportlichen Herausforderungen. Im Interview erklärt er, warum der Golfsport unterschätzt wird und ob er an den Kunstturn-Europameisterschaften in Basel Ende April immer noch eine Chance hätte. 

FOTOS
Herbert Zimmermann
12. April 2021
Golfbag statt Pauschenpferd: Donghua Li zeigt in der Morgensonne auf dem Golfplatz in Meggen kunstvolle Artistik.

Golfbag statt Pauschenpferd: Donghua Li zeigt in der Morgensonne auf dem Golfplatz in Meggen kunstvolle Artistik.

Donghua Li (53) schlägt als Treffpunkt für das Gespräch den Golfplatz Meggen im Luzernischen vor. An einem Sonntag, um halb sieben in der Früh! «Dann geht die Sonne auf und das Licht für den Fotografen ist perfekt.» Donghua Li ist auch ein Perfektionist. Früher stellte er das als Kunstturner unter Beweis, indem der gebürtige Chinese an Olympia 1996 am Pauschenpferd die perfekte Übung zeigte und für die Schweiz Gold gewann. Heute überlässt er ebensowenig etwas dem Zufall. Auch nicht beim Golfen: Er will nicht einfach nur ein bisschen mitspielen, sondern er plant ein Grossprojekt – die «Donghua Li Challenge».

Donghua Li, wir treffen uns auf dem Golfplatz. Starten Sie gerade eine neue Karriere?

Ja, ich sehe mich als Golf-Förderer. Ich betreibe den Sport sehr leidenschaftlich. Eine Zeitlang bin ich ja intensiv Motorrad und Snowboard gefahren. Dann habe ich das Golfen entdeckt. Ich spiele fast jeden Tag 18 Löcher, trainiere mehrere Stunden. Als während dem Lockdown die Golfplätze geschlossen waren, fuhr ich mit dem Boot auf den See hinaus und übte dort stundenlang den richtigen Schwung ... 

... hoffentlich ohne Bälle! 

Ja, klar. Trockenübungen – mit jedem der 14 Schläger zehn Minuten lang. Zu Hause richtete ich mir auf der Terrasse neben den Turngeräten einen Golfplatz ein. 

Was fasziniert Sie so sehr am Golfen?

Dass man in jedem Alter beginnen kann. Bei mir war dies erst mit 43 der Fall. Golf ist ein sehr sozialer Sport, man ist mit anderen Menschen zusammen. Kommunikation ist wichtig. Er fordert einen extrem: Ich dachte, als Spitzensportler würde ich mich viel schneller verbessern. Stimmt nicht: Ich spiele nun seit zehn Jahren Golf und bin erst bei Handicap 17,4 angelangt ... 

... also sozusagen in der Mitte zwischen top und flop. Wird Golf unterschätzt?

Sicher. Sie kennen die Sprüche: Golf ist kein richtiger Sport. Ich selber dachte lange: Ein weisses Bällchen durch die Luft jagen – wie langweilig! (Lacht.) Als ich dann an Prominenten-Turniere ein- geladen wurde, wollte ich es wissen. Zuerst musste ich aber Lehrgeld bezahlen. 

Weshalb? 

Als Kunstturner hatte ich keine Kondition. Früher ging es darum, während einer Minute alles abzurufen. Schnellkraft war wichtig. Beim Golfen hingegen musste ich plötzlich weite Strecken laufen. Bereits nach dem zweiten Loch war ich fix und fertig. Golfen ist ein Sport, der einen aber auch mental stark fordert, ohne dass man ein grösseres Risiko eingehen muss ... wenn man nicht gerade vom Ball getroffen wird. (Lacht.) Das ist mir passiert. Ich habe einen Ball an den Kopf bekommen und eine grosse Beule davongetragen. Es blutete sogar. 

Mit Verletzungen haben Sie in Ihrem Leben als Kunstturner viele Erfahrungen gemacht.

Ja, ich verlor bei Stürzen eine Niere, die Milz, riss mir beide Achillessehnen. Mit 16 bekam ich sogar eine Invalidenrente angeboten, die ich aber ablehnte. Zum Glück: Mit 19 wurde ich chinesischer Meister und war auf dem Zenit meines Leistungsvermögens. Doch dann stürzte ich vom Barren und stauchte mir zwei Halswirbel. Statt an die Olympischen Spiele nach Seoul zu fahren, stellte ich alles in Frage, sogar mein Leben. Doch alles Schlechte hat sein Gutes. Vorher war alles ganz auf den Sport fokussiert. Nun hatte ich viel Zeit, um meinen Horizont zu erweitern. Ich besuchte eine Filmschule in Peking, lernte Englisch – und Esperanza kennen. Ein Jahr später wanderte ich mit ihr in die Schweiz aus. Der schlimme Sturz war ein Wendepunkt in meinem Leben. Nicht der einzige. (Lange Pause.) 

Vor zwei Jahren verloren Sie Ihren siebenjährigen Sohn.

Ich war bis vorher nie mit dem Tod konfrontiert gewesen, ausser dass ich selber zweimal fast gestorben wäre. Meine Eltern sind bald 80 und leben immer noch. Dann passierte dies. Eine Krebserkrankung, aus dem Nichts heraus. Ich fiel in ein schwarzes Loch, stellte mir viele Fragen. Vorher hatte ich alles für selbstverständlich genommen, auch die schönen Stunden mit meinem Sohn. Nun entwickelte ich ein Gefühl der Dankbarkeit. Dass wir auf dieser Erde sein dürfen. Es ist mir wichtig, den Moment auszukosten. Jetzt im Hier zu leben. Und ich habe mir neue Ziele gesetzt. 

Nämlich? 

Ich nenne es die «Donghua-Li-Challenge». Dabei fahre ich ab diesem Jahr mit dem Wohnmobil durch die ganze Schweiz, spiele an Turnieren mit oder bestreite mit verschiedenen Persönlichkeiten ein Duell. Und ich werde täglich trainieren. Ziel ist es, mein Handicap innerhalb eines Jahres einstellig zu machen. Vor allem aber interessiert mich der Weg dorthin – der Weg als Ziel: Bin ich dem Druck gewachsen? Wie packe ich das Ganze an? Wie baue ich das nötige Selbstvertrauen auf? Eine britische Produktionsfirma dreht einen Dokumentarfilm darüber, der dann auf einer Streaming-Plattform und im Fernsehen gezeigt werden soll. 

Zurück zum Kunstturnen: Wie wurde das Pauschenpferd zu Ihrem Steckenpferd?

Ich war zuerst vor allem im Bodenturnen stark, wegen meiner Verletzungen an den Achillessehnen hatte ich jedoch zunehmend Mühe bei den Sprüngen. Beim Pauschenpferd hingegen ist die Belas- tung der Beine nicht so stark. Da machst du fast alles mit dem Oberkörper. 

Und trotzdem gilt dieses Gerät als das Schwierigste von allen.

Der Druck ist sehr gross, weil jeder kleine Fehler sofort ins Gewicht fällt. Man macht alles auf diesen zwei kleinen Griffen. Das passt vielen nicht. Auch ich hasste das Pauschenpferd zuerst, ich sah mich ja eher als Mehrkämpfer. Je besser ich aber auf dem Pauschenpferd wurde, desto mehr begann ich es zu lieben. Auch das war eine Lektion fürs Leben: Man kann nicht überall gut sein. Manchmal muss man eine Entscheidung treffen. 

Hat Ihnen die Goldmedaille das Leben vergoldet?

Nicht finanziell, aber für mich persönlich. Der Triumph hat mir sicher viele Türen geöffnet. Auch in China. Als ich Olympiasieger wurde, gratulierten mir die anderen chinesischen Turner und auch die Presse. Ich war ein Beispiel dafür, dass man auch im hohen Turnalter von 28 Jahren noch Leistung zeigen kann. Die meisten Konkurrenten aus China waren ja bis zu acht Jahre, also zwei Generationen, jünger als ich – im Turnen dauert eine Generation vier Jahre. 

Sie wurden vor 25 Jahren auch Europameister. Hätten Sie heute an der Kunstturn-EM in Basel Ende April noch eine Chance? 

Ja, ich glaube schon. Bei anderen Geräten hat sich viel verändert, besonders am Reck. Zu meiner Zeit gab es ein oder zwei Flugelemente, heute sind es fünf, sechs, es ist noch gefährlicher geworden. Beim Pauschenpferd hingegen kommt es immer noch sehr auf die technische Sauberkeit an und da wäre ich wohl immer noch der Beste. 

Wie wichtig ist eine Europameisterschaft im Olympiajahr?

Die EM ist der letzte grosse Wettkampf vor den Olympischen Spielen. Wenn du eine starke Leistung zeigst, bleibst du den Kampfrichtern, die auch an Olympia dabei sind, in Erinnerung. Für mich war der EM-Titel damals sehr wichtig. Weil er zeigte, dass ich für Atlanta bereit bin. Und weil ich so an allen grossen Meisterschaften Gold gewonnen hatte. 

Donghua Li, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Kunstturn-Legende

Donghua Li, 1967 in Chengdu (CHN) geboren, trat mit sechseinhalb Jahren in ein Kunstturn-Internat ein – «die wohl härteste Sportschule der Welt», wie er sagt. Die tausenden von Stunden Training waren von Erfolg gekrönt: 1996 gewann er in Atlanta Olympia-Gold. Heute ist Donghua Li Unternehmer, er macht Turn-Shows, gibt Seminare und stellt sein Netzwerk zur Verfügung. Er lebt in Adligenswil LU und hat eine 24-jährige Tochter.

Weitere Informationen hier: http://www.donghua-li.com