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Interview

«Nichts tun ist Malus»

Jean-Pierre Egger, Lehrmeister vieler grosser Trainer, erzählt, wie leicht man etwas für seine Fitness tun kann und weshalb er im Fieberdelirium bei offenem Fenster im Zug durch Sibirien fuhr.

FOTOS
Peter Mosimann
30. März 2021
Jean-Pierre Egger wurde zum besten Trainer der letzten  70 Jahre gewählt: «Ich hatte das Glück, als Chef der Trainer-Ausbildung in Magglingen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.»

Jean-Pierre Egger wurde zum besten Trainer der letzten 70 Jahre gewählt: «Ich hatte das Glück, als Chef der Trainer-Ausbildung in Magglingen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.»

Jean-Pierre Egger gilt als Fitness-Guru, doch derzeit ist er selber gerade nicht so fit. Der Rücken macht ihm zu schaffen, genauer eine Verengung des Spinalkanals. Gross anmerken lässt er es sich nicht. Der 77-Jährige macht beim Posieren für die ­Fotos alle Verrenkungen mit. Auch beim Gespräch nachher im Wohnzimmer seines Hauses in La Neuveville BE legt er keine Ruhepause ein. Diese überlässt er lieber seiner Katze, die im wärmenden Sonnenlicht am Fenster schläft. Frimousse gehörte der Nachbarin, streunte viel herum, war aber nie bei den Eggers zu Besuch. Bis die Nachbarin starb. «Da stand sie plötzlich vor unserer Tür», erinnert er sich. «Zuerst dachte ich: Was wollen wir mit einer Katze? Doch dann sprang sie zu mir aufs Sofa und legte sich auf meine Brust. Damit hatte sie mich gezähmt.»

Jean-Pierre Egger, Sie wurden letzten Herbst positiv auf Covid-19 getestet. Spürten Sie irgendwelche Symptome?

Glücklicherweise nicht. Ich schnappte mir das Virus wohl beim Trainieren in Leukerbad auf. Morgens um vier merkte ich, dass ich einen leichten Schweissfilm auf meinem Körper hatte. Aber sonst nichts, auch kein Fieber. Ich war einer dieser asymptomatischen Fälle. Ich glaube, mein starkes Immunsystem half mir. Auch Grippe habe ich nie. Nur einmal ging es mir richtig schlecht. Da sprang ich dem Tod von der Schippe.

«Ich sprang damals dem Tod von der Schippe.»

 

Was war passiert?

An der Leichtathletik-WM 2003 in Paris wurde mir grausam schlecht. Ich hatte über 40 Grad Fieber und schlotterte am ganzen Körper. Da wusste ich, dass ich Hilfe holen musste. Im Spital waren die Ärzte ratlos. Dass ich wegen einer Blase an der Ferse eine Blutvergiftung hatte, sahen sie nicht. Ich selber kam auch nicht drauf. Die Nacht war die schlimmste in meinem ganzen Leben: Ich hatte das Gefühl, ich fahre in einem Zug bei offenem Fenster durch Sibirien. Ich habe dieses Bild noch heute vor Augen. Die Krankenschwester legte kalte Umschläge auf den nackten Körper. Ich überlebte die Nacht knapp ​… ja, das ist das richtige Wort dafür: überleben. Am nächsten Tag sahen die Ärzte, dass das Bein sich bläulich verfärbt hatte. Erst jetzt gaben sie mir Antibiotika. Das Fieber ging innert zwei Stunden von 40 Grad auf 37 runter.

Wenn wir gerade im anekdotischen Bereich sind – welches Erlebnis war das schönste für Sie?

Eine gemeine Frage. Es war so vieles grossartig. Die Goldwettkämpfe mit Kugel-Werni. Oder die Silbermedaille mit der französischen Basketball-Nationalmannschaft, die sich 2004 an Olympia erst im Final gegen das Dream-Team geschlagen geben musste. Oder der WM- Titel von Valerie Adams: Sie kam 2010 zu mir, als sie vollkommen am Boden war. Ich hatte Erbarmen und willigte ein, mit ihr zusammenzuarbeiten. An die WM nach Daegu konnte ich sie jedoch nicht begleiten. Ich gab ihr ein Couvert mit, das sie erst am Morgen vor dem Wettkampf öffnen durfte. In diesem befand sich eine Fotomontage von mir: Man sieht mich darauf mit empor stehenden Haaren, als ich mich für die Olympischen Spielen 1976 qualifiziert hatte. Dazu schrieb ich in eine Sprechblase: «Valerie, go for gold!» Am Abend sass ich hier auf dem Sofa und schaute ihr im WM-Final zu, wie sie die Kugel 21,24 Meter stiess. So weit wie keine andere. Sie ging zu ihrer Tasche, zog das Foto mit den verrückten Haaren heraus und streckte es in die Kamera. Meine Frau schrie: «Mais Jean-Pierre, c’est toi!»

Eine schöne Geste.

Eine sehr schöne. Je komplizierter eine Sache ist, desto grösser fällt die Genugtuung aus, wenn sie von Erfolg gekrönt ist. Das waren super Momente. Ich konnte es jedoch auch akzeptieren, wenn es einmal nicht aufging. Verlieren gehört im Sport dazu. (Pause.) Unvergesslich war auch die ziemlich skurrile Begegnung mit Ben Johnson an Olympia 1988 in Seoul – zwei, drei Tage vor seinem Dopinglauf.

Warum skurril?

An einem wettkampffreien Tag gingen Werner Günthör und ich in den Kraftraum. Der Judoka Clemens Jehle schloss sich uns an. «Was machst du?», fragte ich ihn. Er: «Ein bisschen Bankdrücken.» Es sah alles nicht sehr strukturiert aus. Also sagte ich: «Okay, lass uns einen Wettkampf im Bankdrücken machen!» Ich hatte seit Jahren keine Hantel mehr angefasst, trotzdem forderte ich ihn heraus: «Ich drücke immer noch mehr Kilo hoch als du!» Und tatsächlich: Bei 120 Kilogramm war bei ihm Schluss, ich brachte es mit Müh und Not auf immerhin 150 Kilogramm und war mächtig stolz.

Gratulation …

… ja, aber die Story ist nicht fertig. Plötzlich betrat Ben Johnson den Kraftraum. Wie ein Sonnyboy zog er die Sonnenbrille hoch, setzte sich auf das Bänkchen und drückte locker die 150 Kilogramm hoch – so als wären es bloss 50 Kilo. Und das 10-, 15-mal. Dann stand er auf und ging wieder. Das war eine skurrile Szene. Wir anderen brüllten los, der ganze Raum dröhnte vom Gelächter. Das 100-Meter-Duell zwischen Ben Johnson und Carl Lewis sah ich mir auf der Tribüne an. Als Johnson durchs Ziel raste, sagte ich: «So etwas ist nicht möglich.» Das sollte sich bewahrheiten: Am nächsten Tag waren wir im Frühstücksraum, als Journalisten den Raum betraten und uns auszufragen begannen, wie wir über den Dopingskandal denken. Ben Johnson sei positiv getestet worden. In den englischsprachigen Zeitungen wurde ich dann John-Peter Egger genannt. Klingt gut. (Lacht.)

John-Peter Egger passt irgendwie zu einem Fitness-Guru.

Ein grosses Wort. Aber übertrieben. Dasselbe gilt für den Titel als bester Schweizer Trainer der letzten 70 Jahre, mit dem ich ausgezeichnet wurde. Ich sagte mir: Diese Auszeichnung hast du stellvertretend für all die Trainer erhalten, die erstklassige Arbeit leisten. Alles andere wäre arrogant. Ich hatte das Glück, als Chef der Trainer-Ausbildung in Magglingen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es gibt wenige Sportarten, mit denen ich nichts zu tun hatte: Ich half den Skispringern mit Simon Ammann, den Triathleten, Viktor Röthlin und vielen mehr.

Simon Ammann braucht sicher ein anderes Training als Werner Günthör.

Ich habe für Simi, den Vogel, praktisch dieselbe Methodik angewandt wie für Werni, den Elefanten. Simi muss beim Bankdrücken nicht dieselbe Anzahl Kilos nehmen wie Werni, sondern die gleiche Prozentzahl seiner Maximalkraft. Bei ihm sind es vielleicht nur 120 Kilogramm, bei Werni hingegen 280 Kilogramm, aber beide kommen auf 90 Prozent.

Reden wir über Fitness. Ich sitze pro Tag stundenlang vor dem Computer. Ein hoffnungsloser Fall, oder nicht?

Die meisten leben so, trotzdem besteht Hoffnung. Es geht einerseits darum, die Ausdauer zu stärken. Ich empfehle, dass Sie sich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde bewegen. Andererseits müssen Sie etwas im Kraftbereich tun. Haushalts- oder Gartenarbeit hilft schon mal, aber ein systematisches Rumpfkrafttraining ist noch besser. Ich sage immer: Den Rumpf zu kräftigen ist für das Krafttraining wie das Notenlernen in der Musik. Die richtige Haltung und eine gute Rumpfkraft sind wichtig.

Wie viel muss ich dafür tun?

Zweimal Training in der Woche sind für eine gute Kräftigung nötig. Die Übungen müssen Sie 10- bis 15-mal wiederholen, dann wächst der Muskel. Machen Sie mehr, stärken Sie Ihr Stehvermögen.

Wie atmet man bei den Kraftübungen?

Viele vergessen das Atmen, mit hochrotem Kopf mühen sie sich durch die Übungen. Es hat sich bewährt, während der Anstrengung durch den Mund auszuatmen und während der Entspannung durch die Nase einzuatmen.

Wie lange muss ich warten, bis ich einen Effekt sehe?

Etwas Geduld brauchen Sie schon. Ich veranschlage acht Wochen als Minimum für ein Aufbauprogramm, vier Monate wären noch besser. Denn zu Beginn nimmt der Athlet eher sogar ab, wenn er mit Krafttraining anfängt. Das frustriert ihn natürlich, wenn er nach vier Wochen plötzlich weniger Kilos auf die Waage bringt. Danach gehts aber aufwärts. Wenn Sie lange dranbleiben, bewirkt das Training wahre Wunder.

Was wäre denn ein solches Wunder?

«Haushalts- und Gartenarbeit hilft schon mal.»

 

In einem meiner Seminare sass das Kadermitglied einer Firma. Der Mann hatte die 50 noch nicht überschritten, litt aber bereits unter einer sichtbaren Rückenverkrümmung. Ich sprach ihn darauf an und machte ihm Mut, dass er sich auf keinen Fall damit abfinden müsse. Jeweils drei bis vier Minuten pro Tag würden reichen, um zu verhindern, dass aus ihm für immer ein buckliger Mann wird. Er bedankte sich und versprach mir, sofort mit der Übung zu beginnen. Fünf Jahre später – ich hatte diese Geschichte längst ­vergessen – kam ein Mann mit einer tadellosen Körperhaltung auf mich zu und fragte mich, ob ich ihm gefalle. Ich verstand erst nicht. Da erinnerte er mich an unsere erste Begegnung damals im Seminar. Ich konnte es nicht glauben.

Welche Übung hatte er gemacht?

Man lehnt sich mit dem Rücken an eine Wand, die Beine sind gestreckt, die Füsse haben vielleicht 25 bis 30 Zentimeter Abstand zur Wand. Nun geht es darum, die Ellenbogen Richtung Wand zu drücken, um die Schulterblätter von der Mauer zu lösen. Danach gehen Sie wieder in die Ausgangsposition zurück. Und das während ein bis zwei Minuten morgens und gleich lang am Abend nochmals. Damit kann jeder sofort anfangen. Auch Sie. Stellen Sie sich an diese Wand, wir fangen sofort damit an.

Gleich, zuerst aber noch diese Frage: Alle paar Jahre werden die wichtigsten Fitnesstheorien ins Gegenteil verdreht. Lange hiess es, man solle vor dem Sport dehnen und stretchen. Nun heisst es: Stretchen erst nach dem Training! Was stimmt denn nun?

Also da muss ich zugeben, dass bei viel zu vielen Fragen mittlerweile ein richtiges Puff herrscht. Aber hier ist der Fall klar: Stretchen bedeutet, dass man dem Muskel genau die Spannung nimmt, die ihm nachher bei einem Sprint oder einer anderen muskulären Belastung von Nutzen wäre. Das wäre ungefähr so unsinnig, wie wenn eine Geigerin vor dem Konzert die Saiten ihres Instruments entspannen würde. Ich rate eher zu einem kleinen Kräftigungsprogramm. Auch Mobilitätsübungen sind sinnvoll.

In welchem Alter ist der Mensch am fittesten?

Zwischen 25 und 30. Danach gehts abwärts – wenn Sie nichts tun, verläuft der Zerfall schneller und Sie laufen früher Gefahr, Ihre Autonomie zu verlieren. Wenn Sie sich eine halbe Stunde pro Tag körperlich betätigen, dann können Sie den Prozess des Alterns um zehn Jahre nach hinten hinauszögern. Weitere Trainings können diese Kurve noch weiter nach hinten verschieben. Sich bewegen ist Bonus, nichts tun ist Malus.

Welches ist die härteste Sportart überhaupt?

Da kommt mir zuerst Velofahren mit der Tour de France in den Sinn. Drei Wochen lang jeden Tag 200 Kilometer zurückzulegen, ist brutal. Oder der Ironman.

Welche Sportler werden unterschätzt?

Also ich unterschätze nie jemanden.

«Der härteste Sport? Velofahren an der Tour de France!»

 

Sie trainierten auch GC. Sind Fussballer nicht Weicheier im Vergleich zu anderen Sportlern?

Das dachte ich auch lange. Weil sie sich viel zu oft oscarreif auf dem Boden wälzen. Dabei müssen sich Fussballer gar nicht vor den anderen Athleten verstecken. Diese Erfahrung machte ich bei GC. Trainer war Rolf Fringer. Wir gingen mit einem Punkt in die Winterpause. Dort powerten wir zwei Monate durch. Als wir nach der Winterpause die ersten beiden Spiele verloren, geriet ich in die Kritik. Der «Blick» fragte: «War das Training von Leichtathletiktrainer Jean-Pierre Egger nicht zu hart für GC-Profis?» Ich beruhigte alle: «Das Training ist super, vielleicht müssen wir nur die Gesamtbelastung etwas reduzieren.» Das machten wir – und dann ging die Post ab: Wir gewannen zehn Spiele in Folge und hatten bald 16 Punkte Vorsprung auf den Zweiten. Wir wurden Meister und besiegten vor der WM in einem Testspiel Nigeria 4:0.

Jean-Pierre Egger, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Gleichfalls. Und nun stellen Sie sich bitte an die Wand, Beine strecken und dann die Schulterblätter lösen und wieder anziehen. Und das fünf Jahre lang morgens und abends. Dann melden Sie sich bitte wieder!