«Italiener sind enorm grosszügig» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Aktuell
Interview

«Italiener sind enorm grosszügig»

Der ehemalige Tessiner Radprofi Mauro Gianetti (57) erzählt, welche emotionalen Berg- und Talfahrten er beim Giro d’Italia erlebte und weshalb ihm die Italiener besonders ans Herzen gewachsen sind.

FOTOS
Melanie Türkyilmaz
19. April 2021
Mauro Gianetti auf seinem Lieblingsplatz, dem Velo:  «Radfahren tut dem Körpergefühl gut.»

Mauro Gianetti auf seinem Lieblingsplatz, dem Velo:  «Radfahren tut dem Körpergefühl gut.»

Die WM als Highlight

Mauro Gianetti

Mauro Gianetti (57) war 16 Jahre lang Radprofi. In Erinnerung bleibt er wegen seiner Silbermedaille an der Heim-WM 1996 in Lugano, aber auch aufgrund der vielen schweren Stürze. Seit 2017 ist er CEO des Radsportstalles UAE Team Emirates. Er lebt in Riazzino TI und hat zwei Kinder.

Mauro Gianetti, am 8. Mai startet der 104. Giro d’Italia. Sie selber haben die Rundfahrt sechsmal als Radprofi und noch öfter als sportlicher Leiter erlebt. Welches Jahr bleibt unvergessen?

Das war 1987, als ich meinen ersten Giro bestritt. Mir ging es gar nicht gut. Nach dem Aufstieg von Chiavenna auf den Splügen-Pass musste ich aufgeben. Ein paar Tage zuvor war ich gestürzt und hatte mir eine Gehirnerschütterung zugezogen. Gleich bei der Premiere nicht das Ziel zu erreichen, tat sehr weh.

Welcher Ort am Giro ist Ihnen ans Herz gewachsen?

Besonders die Küstenstrassen auf Sardinien finde ich unglaublich. Wenn ich jedoch einen einzelnen Ort herausgreifen muss, wähle ich den Marmolada, den höchsten Berg der Dolomiten. Der Aufstieg dort hinauf will einfach nicht enden, er ist rau und brutal anstrengend. Wenn du es jedoch ganz nach oben geschafft hast, ist die Freude umso grösser.

Zwei Radprofis, die Sie ins Herz geschlossen haben?

Da nenne ich zuerst Marco Pantani, weil er die Menschen bewegte und für grosse Emotionen sorgte. Und das weit über die Radsportfans hinaus. Aber auch Vincenzo Nibali beeindruckt mich immer, wegen seiner angriffigen Art, in die Pedale zu treten.

Die italienischen Medien zeigen sich stets verwundert, dass Lara Gut fliessend Italienisch spricht. Ist Ihnen das auch passiert?

Das ist offenbar das Schicksal von uns Tessinern … Ja, ich habe dieselbe Erfahrung gemacht, früher und auch heute noch. Viele sind sich nicht bewusst, dass die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist. Viele Italiener denken, dass wir nur Schweizerdeutsch sprechen. Ich war jedoch nie beleidigt, sondern fand es irgendwie auch lustig. Es spornt einen an, unser Land und auch mein geliebtes Tessin noch bekannter zu machen.

«Der Giro nimmt eine wichtige soziale Funktion ein.»

Mauro Gianetti

Wie ist Ihre Beziehung zu Italien?

Was mir an den Italienern besonders gefällt, ist ihre enorme Grosszügigkeit. Ich erinnere mich an die Zeit, als es weder Navigator noch Smartphone gab. Wenn ich mich irgendwo im Nirgendwo verfuhr und verzweifelt mein Hotel suchte, begleiteten mich die Menschen sehr oft bis zum gewünschten Ziel. Unterwegs erzählten sie mir ihr halbes Leben und luden mich gar zum Abendessen ein. Eine solche Offenheit wie in Italien habe ich nirgendwo anders erlebt.

Sie haben gleich das nächste Stichwort genannt: das italienische Essen. 

Ich wüsste nicht, wo ich beginnen und wo aufhören müsste. (Lacht.) Die Artischocken, die ich auf Sizilien geschlemmert habe, und die Spaghetti alla bottarga auf Sardinien …

… auch «sardischer Kaviar» genannt …

… genau – diese Gerichte sind so gut, dass man es gar nicht in Worte fassen kann.

Dieses Jahr kommt der Giro erneut in die Schweiz.

Es ist vorgesehen, dass die 20. und zweitletzte Etappe am 29. Mai von Verbania aus durch Ascona und Locarno führt und die Strecke dann hinauf zum San Bernardino und später zum Splügenpass verläuft. Das Ziel liegt wieder in Italien, auf der Alpe Motta. Es ist eine grosse Gelegenheit, der Welt unsere Schönheiten zu zeigen – und das in einer Zeit, wo die Menschen nicht mehr reisen können. Der Giro nimmt damit eine wichtige soziale Funktion ein. 

Wie das?

Wegen der Pandemie haben wir das Gefühl, dass es den Rest der Welt nicht mehr gibt. Der Giro bringt uns jene Orte nach Hause, die wir gerne besuchen würden. Uns wird wieder klar, dass sich die Welt draussen nicht verändert hat … (Pause.) Dass alles noch an seinem gewohnten Ort steht.

Das klingt gut, und doch überlagert der Fussball im Fernsehen alles.

Durch die leeren Stadien werden sich die Sportfans zu jeder Minute bewusst, wie abnormal die ganze Situation ist. Draussen auf der Strasse hingegen hat es überall Menschen, wenn auch mit Masken im Gesicht. Als es letztes Jahr nach dem Lockdown mit der Tour de France wieder losging, wurden so hohe Einschaltquoten wie noch nie erzielt. Viele Menschen hängten an den Bildschirmen, weil sie wieder ein Stück der Welt draussen sehen wollten. Die Bilder motivierten auch, wieder selber aufs Velo zu steigen.

Das Radsportfieber ist also ansteckend?

Ich finde schon. Die Menschen haben längst gemerkt, dass Radfahren ein Sport ist, der sich sehr einfach täglich ausüben lässt und der einem fürs eigene Körpergefühl guttut. Die Pandemie hat viel ausgelöst und dazu geführt, dass die Menschen viel bewusster darüber nachdenken, was zu einem gesunden Lebensstil beiträgt. Das Velo ist sicher ein Teil davon.

Mauro Gianetti, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.