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Interview

«Ignoranz ist die grösste Gefahr»

Mit einer Community von rund sieben Millionen Followern ist Xenia Tchoumi (32) die erfolgreichste Influencerin der Schweiz. Im Interview erklärt sie, wie sie als Frau subtil diskriminiert wird und wie sich Corona am besten überstehen lässt.

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Instagram @xenia
18. Januar 2021
«Xenia Tchoumi, warum lachen Sie auf Instagram nie?» «Weil ich in der Modewelt arbeite, da wird auf Fotos selten gelacht.»

«Xenia Tchoumi, warum lachen Sie auf Instagram nie?» «Weil ich in der Modewelt arbeite, da wird auf Fotos selten gelacht.»

Xenia Tchoumi

Influencerin

Mit russischen Wurzeln im Tessin aufgewachsen, begann Xenia Tchoumitcheva als Zwölfjährige zu modeln. Mit 18 wurde sie bei der «Miss Schweiz»-Wahl Zweite hinter Christa Rigozzi (37). Nach dem Wirtschaftsstudium arbeitete sie in der Londoner Finanzwelt. Heute nennt sie sich der Einfachheit halber Xenia Tchoumi und präsentiert mit ihrem eigenen Unternehmen Millionen von Followern Brands aus Mode und Lifestyle. Sie lebt in London, reist aber gerne nach Lugano TI, wo es für sie nichts Schöneres gibt, als auf der Piazza Riforma Pasta zu essen.

Xenia Tchoumi, fühlen Sie sich als Frau manchmal diskriminiert?

Ja, solche Momente gibt es. Manchmal ist die Diskriminierung subtil, etwa wenn ich mit meinem Manager essen gehe und er automatisch die Rechnung bekommt – obwohl ich ihn eingeladen habe. Ein anderes Mal sass ich in einer grossen Runde am Tisch, ich trug flache Schuhe. Als ich aufstand, sagte einer der Ehemänner: «Das nächste Mal möchte ich dich in hohen Absätzen sehen!»

Das war schon weniger subtil.

Er sagte das ungeniert vor allen! Zum Glück kommt das in meiner Tätigkeit als Influencerin kaum mehr vor. Vielleicht auch, weil es sich noch um ein junges Business handelt, in dem alle sehr modern unterwegs sind, auch was die Gleichberechtigung anbelangt.

Dass auch Frauen an die Urne durften, ist erst 50 Jahre her. Irgendwie unglaublich, oder nicht?

Ja, weshalb wir Jungen uns vor Augen führen sollten, dass die Gleichberechtigung nicht naturgegeben ist, sondern hart erkämpft werden musste. Wir müssen Sorge zu ihr tragen und schauen, dass sie weiter vorangetrieben wird. Es ist gut, wenn man sich zwischendurch daran erinnert, wie die Gleichberechtigung entstanden ist. Denn die grösste Gefahr für sie, wie überhaupt für alle Rechte, ist die Ignoranz.

Sie sind eine gute Rednerin, wissen, wie man die Menschen überzeugt. Gehören Sie nicht in die Politik?

Momentan eher nicht. Ich spreche zwar viele Themen an, tue das aber eher auf unterhaltsame Art. Das geht gar nicht anders, wenn man rasch auf eine gewisse Anzahl Follower kommen will. Gleichzeitig steigt das Vertrauen in mich: Menschen schreiben mir, fragen mich um Rat, danken mir, dass ich ihnen bewusst gemacht habe, was es bedeutet, die Rechte der Frauen zu respektieren. Deshalb glaube ich, dass ich am richtigen Ort bin mit dem, was ich tue. Ich fühle mich gut.

Trotz Corona?

Für mich hat die Freiheit einen grossen Stellenwert. Ich reise viel und dorthin, wo ich will. Plötzlich war das nicht mehr möglich. Zu Beginn hatte ich tatsächlich Mühe mit der Pandemie. Das wurde jedoch mehr als kompensiert, indem ich plötzlich viel Zeit hatte, um über meine Arbeit nachzudenken und neue Ideen zu lancieren. Vorher war ich im Hamsterrad gefangen und musste immer rennen, rennen, rennen. Dann kam alles zum Stillstand. (Pause.) Ja, es geht mir gut.

Was fehlt ausser dem Reisen?

Die Dominikanische Republik, Bachata, neue Menschen kennenzulernen, in unerwartete Situationen zu geraten.

«Vorher musste ich im Hamsterad rennen, rennen, rennen.»

Xenia Tschoumi

In Ihrem Buch «Empower yourself» geben Sie Tipps, wie man Corona am besten übersteht.

Ich hatte das Buch im Januar fertig geschrieben. Dann kam Corona, und ich fügte noch ein Extra-Kapitel mit diesen Tipps dazu. Zum Beispiel, dass man seine negativen Gefühle nicht verdrängen soll. Man hat das Recht, wegen Corona wütend oder traurig zu sein – aber nur für eine gewisse Zeit. Dann sollte man sich aufrappeln und seine Gefühle zu Papier bringen und vor allem aufschreiben, was der Lockdown auch an Gutem mit sich bringen kann. Etwa dass Sie endlich Zeit haben, um eine neue Sprache zu lernen, neue Rezepte auszuprobieren oder Tagebuch zu schreiben.

Wer schreibt heute noch Tagebuch?

Man sollte es wieder mehr tun. Es ist kein Zufall, dass alle grossen Schriftsteller Tagebuch geschrieben haben. Ich lese gerne in meinen alten Notizen und bin oft erstaunt, wie viele meiner Träume sich erfüllt haben. Auch lasse ich gerne Gefühle aufleben, was verflossene Lieben anbelangt.

Sie bereuen diese nie?

Nein, nie. Ich liebe es, verliebt zu sein. Heute würde ich mich vielleicht nicht mehr in dieselbe Person verlieben, weil ich mich ja weiterentwickelt habe. Aber damals stimmte es, so tiefe Gefühle für diese Person zu empfinden.

Sind Sie immer online?

Eigentlich fast immer. Das ist mein grösstes Laster, geht aber nicht anders, weil ich mein Handy für die Arbeit brauche. Ich habe jedoch gelernt, besser damit umzugehen und baue ganz bewusst Auszeiten ein. Wenn ich zum Beispiel nach draussen in den Park gehe, dann habe ich das Handy ausgeschaltet.

Sie machten ein Burn-out durch…

...was auch sein Gutes hatte. Wie jetzt bei Corona hatte ich Zeit, in mich zu gehen. Ich arbeitete in der Londoner Finanzwelt, am Wochenende flog ich in die Schweiz zurück, um noch eine Show zu moderieren oder an einem Podium teilzunehmen. Irgendwann wurde es zu viel. Ich ging in mich und merkte, dass die Welt der Banken nicht meine war. Stattdessen gründete ich ein Web-Magazin und ging online.

Warum lachen Sie nie auf Instagram?

Weil ich in der Modewelt arbeite. Nicht, dass die Models dort nichts zu lachen hätten, aber sie zeigen sich auf Fotos selten lachend. (Lacht.) Gehen Sie auf Tiktok, da ist das anders: Sie sehen mich öfter lachen. (Lacht.)

Xenia Tchoumi, wir danken Ihnen für das Gespräch.