«Es war wie ein zweites Outing» | Coopzeitung
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«Es war wie ein zweites Outing»

Seit 20 Jahren kennen wir Jonny Fischer (41) als schlagfertigen Entertainer im Cabaret-Duo «Divertimento». Im eben erschienenen Buch «Ich bin auch Jonathan» legt der Komiker seine dunkle Vergangenheit offen.

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Christoph Kaminski
17. September 2021
Nach Jahren schwerer Selbstzweifel hat Jonny Fischer zu sich gefunden.

Nach Jahren schwerer Selbstzweifel hat Jonny Fischer zu sich gefunden.

Steht Jonny Fischer zusammen mit Manu Burkart (43) als «Divertimento» auf der Bühne, lacht die Schweiz. Als bekannt wurde, dass der gebürtige Baselbieter ein Buch schrieb, freuten sich die Fans. «Viele Leute erwarteten ein lustiges Buch», sagt Fischer. Doch lustig ist «Ich bin auch Jonathan», das von der Journalistin Angela Lembo-Achtnich (48) geschrieben wurde, nur selten. Vielmehr ist es eine Lebensbeichte, die erschüttert: Jonny Fischers Vater, der 2016 während Jonnys Hochzeitsreise verstarb, gründete eine fanatische Freikirche und misshandelte seinen rebellischen Sohn. Während Jonny geschlagen und erniedrigt wurde, schaute seine Mutter weg. Erst durch den Bruch mit dem Elternhaus und die Lehrerausbildung in seiner Wahlheimat Zug fand er den Ausweg in ein normales Leben. Doch die Traumata hinterliessen ihre Spuren. 

Jonny Fischer, Gratulation für den Mut, dieses berührende Buch zu veröffentlichen. Welche Reaktionen haben Sie bereits darauf erhalten?

Danke für das Kompliment, das freut mich sehr. Ich bin nämlich sehr nervös, denn ich befinde mich auf ungewohntem Terrain: Für einmal spreche ich nicht über ein Comedy-Programm, sondern über mein Leben, mein Heiligstes. Die ersten Reaktionen erhielt ich von den Leuten, die im Buch vorkommen. Deshalb haben wir die Veröffentlichung nochmals um ein Jahr verschoben, denn hier geht es nicht nur um mich.

Und wie haben sie reagiert?

Für meine Mutter war sehr schmerzhaft, was sie lesen musste. Viele Dinge hatte sie gar nicht gewusst. Wenn sie ihre Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen würde, sähe die wohl anders aus. Für Manu und mich hat sich das Buch jetzt schon als grosses Geschenk herausgestellt. Wir hatten es in den ganzen 20 Jahren noch nie so gut miteinander wie seit dem Zeitpunkt, als er das Buch gelesen hat. Er hat mir x Sprachnachrichten hinterlassen – heulend. Wie es ihn berührt habe, warum er dies und das nicht gesagt habe. Das war megaschön. Auch mein Mann geht anders mit mir um. Er nimmt mich mehr in Schutz, wenn er merkt, dass ich es verpasse, mich in Schutz zu nehmen. Und dennoch habe ich mit Angela erst diesen Juni entschieden, das Buch auch tatsächlich zu veröffentlichen. Sonst hätte ich sie bezahlt wie eine Psychotherapeutin für die letzten drei Jahre. Als ich aber merkte, dass das Buch bei   jedem etwas anderes auslöst, war ich   bereit dazu. Ich wollte nicht einfach eine selbstverliebte Biografie hinlegen.

Hatten Sie Erwartungen, was Sie mit dem Buch auslösen würden?

Nein, und das weiss ich auch jetzt noch nicht recht. Deshalb ist es für mich wirklich genau wie ein zweites Outing. Ich sage: Das bin ich, unverblümt. Ich gehe hier mit mir selbst streng ins Gericht. Ich stehe nicht nur lässig da, sondern gebe unverzeihliche Dinge zu, die ich zum Beispiel Manu an den Kopf geschmissen habe. Es ist gut möglich, dass einige Leute enttäuscht sind, weil sie lieber die tollen Dinge aus meinem Leben erfahren würden.

Wollten Sie auch für andere Menschen eine Lanze brechen?

Das Wichtigste für mich war, dass ich ohne Groll auf mein Leben zurückblicken kann. Das ich das abstreifen und sagen kann: Ab jetzt hat nichts mehr mit Schuldzuweisungen zu tun. Und darauf freue ich mich. Ich wollte auch, dass das am Ende rüberkommt: dass ich jetzt meinen Beruf und meine Partnerschaft geniessen kann.

Was war für Sie am wichtigsten: Der Entscheid, das Buch zu machen, der therapeutische Prozess mit den vielen Gesprächen oder die tatsächliche Veröffentlichung?

Der letzte war der grösste Schritt, aber am meisten passiert ist vorher. Das Schönste war, als Manu letztens zu Angela sagte, ich sei in den letzten drei Jahren ein anderer Mensch geworden und es sei so schön, mir zuzuschauen, wie ich mich über das Leben freue. Ich wusste: Damit ist das Ziel eigentlich schon erreicht. Aber wenn ich mit der Veröffentlichung auch nur einem einzigen Menschen helfen kann, ist es das schon wert.

Sie haben zwei Brüder und zwei Halbgeschwister, wurden von Ihrem Vater aber mit Abstand am meisten misshandelt. Im Buch sind Ihre Brüder fast nicht spürbar. Was für ein Verhältnis haben Sie heute zu ihnen?

Im Buch wollte ich bewusst nur meine eigene Geschichte erzählen. Natürlich haben sie mitbekommen, wie ich verprügelt wurde. Sie haben auch gesehen, wenn ich mit meinem Vater aneinandergeraten bin. Aber wir mussten ihre Geschichte ausklammern. Heute sehen wir uns einmal im Jahr. Im Moment mehr, weil es der Mutter nicht gut geht. Das ist sehr schön, auch wenn der Anlass nicht schön ist. Wir merken, dass wir trotz allem den gleichen Boden haben.

Man sagt, Blut sei dicker als Wasser. Sie scheinen die wichtigsten Menschen in Ihrem Leben ausserhalb der Familie gefunden zu haben. Was ist wichtiger: Seelen- oder Blutsverwandtschaft?

Das ist eine sehr gute Frage. Viele Leute haben mir gesagt: Es war sicher megaschlimm, dass deine Eltern nicht an deine Hochzeit kamen. Nein, war es nicht. Diejenigen, die mir am nächsten stehen, waren da. Ich hätte mich gefreut, wenn sie gekommen wären, aber zu dem Zeitpunkt standen sie mir überhaupt nicht am nächsten. Aber: Das Blut der Familie bleibt einem immer in den Adern.

«Das Buch ist ein wichtiger Schritt, es macht mich verletzbar», sagt Fischer.

Mit 15 Jahren haben Sie der Freikirche ihres Vaters entsagt und standen allein da. War Ihnen damals die Tragweite Ihres Schritts bewusst?

Nein, ich war zu jung, um das zu wissen oder die Konsequenzen abzusehen. Wir haben das auch mit Sektenexperten besprochen, und eigentlich ist so ein Bruch auch gar nicht möglich. Denn es gab damals nichts anderes im Leben als diese Kirche. Ich wusste aber, dass das die einzige Möglichkeit für mich ist, zu überleben. Es gab immer wieder Punkte in meinem Leben, in denen es nicht mehr ging und ich zu mir stehen musste. Vielleicht ist dieses Buch nach der Flucht und dem Outing nun der dritte Punkt in meinem Leben.

Unfassbar am fanatischen Glauben Ihres Vaters ist ja, dass Vergebung, ein zentrales Element des christlichen Glaubens, überhaupt nicht vorkommt. Sie haben erst im Lehrerseminar Vergebung erfahren. Woran glauben Sie heute?

Das ist eine schwierige Frage, denn ich habe brutal Mühe mit den Begrifflichkeiten. Wenn ich heute «Gott», «beten» oder «Jesus» schon nur höre, stellt es mir gleich ab. Ich musste mich ganz klar distanzieren. Aber mir ist in den letzten acht Jahren so viel Schönes zugefallen, ohne dass ich etwas dafür tun musste, dass ich schon glaube, dass das Universum das Ganze steuert. Das macht mein Leben ungemein viel einfacher. In der Corona-Krise hätte ich eineinhalb Jahre jeden Tag fluchen und jammern können, aber stattdessen konnte ich es annehmen und mich fragen: Was kann ich machen, damit ich heute trotzdem einen guten Tag habe?

Glauben Sie also an Schicksal?

Ja. Die grossen Dinge fallen mir immer zu. Unter Umständen, die eigentlich gar nicht möglich sind. Wie das Kennenlernen meines Mannes, der sich so weit   ausserhalb meiner Welt befand. Drei Wochen nach unserem ersten Treffen sassen wir im Flieger nebeneinander, obwohl wir beide den Flug schon gebucht hatten, bevor wir uns überhaupt kannten. Da glaube ich dann schon an Schicksal.

Mit dem Schicksal gehadert haben Sie sicher, als Sie nach Ihren Traumata dann auch noch entdeckten, dass Sie schwul sind. Etwas, was bei Ihrem Vater als «Krankheit» galt.

Natürlich habe ich mit der Welt ge-hadert! Mein Rucksack war wahrlich schon schwer genug. Unterdessen glaube ich aber, das war auch ein Geschenk, damit ich heute hier stehen kann. Wie all die Dinge, die ich schmerzhaft lernen musste. Wie zum Beispiel, dass ich allen Leuten gefallen wollte, wodurch ich ein Gespür fürs Gegenüber entwickelte – das ist nun mein Beruf. Das ist ein Geschenk, aber es war nicht ganz gratis.

Und trotzdem war Ihre Berufswahl nicht nur glücklich, da Sie abseits des Rampenlichts lange unter Einsamkeit litten. Haben Sie sich je einen anderen Beruf gewünscht?

Ja, oft. Das Problem war, dass ich damals mein Selbstwertgefühl aus den Reaktionen der Fans zog. Ich las nach jeder Show jeden Kommentar und antwortete allen. Ich dachte mir oft: Wäre ich doch nur Kranführer und könnte die Welt in Ruhe von oben anschauen. Es hätte mich aber nicht glücklicher gemacht.

«Wenn ich heute ‹Gott›, ‹beten› oder ‹Jesus› schon nur höre, stellt es mir ab.»

 

Wann haben Sie verstanden, dass Applaus keine Liebe ersetzt?

Durch meinen Klinikaufenthalt 2012 hat sich etwas Wesentliches geändert. Als ich danach wieder auftrat, ging ich erstmals in meinem Leben auf die Bühne, um Freude zu haben. Mein Ziel war nicht, mehr Applaus als am Tag zuvor zu erhalten, sondern einfach alles zu geben. Wenn diese Leistung dann beim Publikum nicht so gut ankam, dann war das nicht mehr mein Problem. Und das nahm sehr viel Druck weg.

Wusste Manu Burkart Bescheid über Ihre Vergangenheit?

Ja, er wusste von Anfang an Bescheid und kannte auch meine Eltern. Nur warum es zwischen uns immer wieder geknallt hat, war ihm nicht bewusst. Aber das ist auch schwierig herauszuhören, wenn ich ihn anschreie, dass ich ihn hasse. Er musste alles im Zusammenhang lesen, um zu begreifen: Aha, der füllt sein Ego mit Applaus und hat das Gefühl, ich bekomme mehr davon. Kein Wunder, ist der böse auf mich. Dieses Verständnis hat vieles ausgelöst.

Jonny Fischer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Traurige Kindheit

Seine Lebensbeichte

Jonny Fischer, am 3. Dezember 1979 geboren, wuchs in einem streng christlichen Elternhaus in Läufelfingen BL auf. Diesem entsagte er 1994 und trat 1997 ins Lehrerseminar in Zug ein. 2005 hörte er auf zu unterrichten und setzte voll auf das Comedy-Projekt «Divertimento» mit Manu Burkart. 2016 heiratete er Michi Angehrn (32). Die beiden wohnen in Zug.