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Interview

«Da fühlt man sich ohnmächtig»

Marlen Reussers Horizont reicht weit über den Velosattel hinaus: Die Olympia-Zweite im Rad-Einzelfahren und Ärztin erklärt, weshalb es in der Schweiz grössere gesellschaftliche Umwälzungen braucht und wie sie über den E-Bike-Boom denkt.

FOTOS
Remo Neuhaus
22. November 2021

Marlen Reusser könnte sich fürs Fotoshooting PR-gerecht irgendwo im Sportdress aufs Rennvelo setzen. Stattdessen wählt die 30-jährige Bernerin die Aussichtsterrasse hinter dem Bundeshaus – und erscheint in Alltagskleidern und mit ihrem normalen «Göppu». Politik interessiert die frühere Präsidentin der Jungen Grünen Bern immer noch, auch wenn derzeit das Radfahren den Tagesablauf bestimmt.

Marlen Reusser, rede ich mit einer künftigen Bundesrätin? In einem Interview erklärten Sie, dass es in zehn Jahren so weit sei.

So habe ich das mit Sicherheit nie gesagt. Je älter man wird, desto mehr schliesst sich aus. Der Job einer Bundesrätin gehört noch nicht dazu. Es ist jedoch definitiv kein Ziel. Ohnehin wäre ich wohl nicht ausreichend konkordanzfähig. Denn meine Vorstellungen darüber, welchen Weg die Schweiz einschlagen soll, sind doch sehr dezidiert.

Wie sehen diese denn aus?

Wir versuchen, denselben Komfort und Lebensstil zu bewahren, einfach mit einem grünen Etikett. Es ist eine Farce. Wir sollten mehr auf kleinere Wirtschaftskreisläufe setzen, in denen die Menschen Jobs haben, die sie erfüllen und die ihnen direkt einen Mehrwert bringen. Das macht uns zufriedener, der Lebensstil wird gesünder und nachhaltiger. Jetzt ist das Gegenteil der Fall: Wir sind im Hamsterrad gefangen und sollen trotzdem darauf achten, dass es uns gut geht. Wir sollen uns mehr bewegen, gesünder essen. Das passt nicht zusammen. Konsum wird so zu persönlichem Ablasshandel. Das ganze System umzukrempeln, wird uns guttun.

Wie?

Es kann nicht sein, dass nur Kapital zu mehr Geld führt, während Arbeit sich allzu oft zu wenig rechnet. Hier geht die Schere auseinander. Wussten Sie, dass 26 Männern zusammen die Hälfte des weltweiten Vermögens gehört? Arbeit muss sich lohnen und dem Menschen ein gutes Leben garantieren. Das Steuersystem muss gerechter werden. Dafür braucht es grössere Umwälzungen. Das Problem ist, wer das Sagen hat.

Die Mühlen gerade in der Politik mahlen sehr langsam …

Langsam bis schlimmstenfalls rückwärts. Oder es werden Zeit und Ressourcen vergeudet mit Unnötigem. Die Minarett-Initiative ist so ein Beispiel. Da fühlt man sich doch ohnmächtig.

Sie wurden von Bundesrat Guy Parmelin für Olympia-Silber geehrt. Haben Sie ihm gesagt, dass er bald seinen Sessel räumen soll?

Ich habe ein Witzchen in diese Richtung gemacht. Aber eben: ein Witzchen.

Es ist seit dem Olympiarennen vier Monate her. Welche Bilder kommen Ihnen als Erstes in den Sinn?

Der Moment auf dem Podest. Da beobachtete ich mich, wie ich dachte: «Das wird aber ein langer Tag!» Dann machte es klick, ich war im Moment zurück und zu Tränen gerührt, weil mir all die tollen Menschen auf meinem Weg dahin in den Sinn kamen. Auch mein Zimmer im Hotel habe ich vor Augen, wenn ich zurückdenke. Wie ich Postkarten ausmalte und dazu das Hörbuch «Identitti» hörte. Ich verbrachte viel Zeit in diesem Zimmer, weil wir zwei Stunden entfernt von Tokio in der Bubble waren. Vom olympischen Spirit bekam ich nicht viel mit.

Olympiasiegerin Nina Christen fiel nach den Spielen ins sogenannte Cancellara-Loch. So nennt man die depressive Phase, die sich nach einem grossen Triumph einstellt. Wie war das bei Ihnen?

Ich kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt. Du stehst während Olympia wie unter Drogen, dein Gehirn kriegt immer neues Futter, weil es so viel Action gibt. Und zack, fällt das weg und du in einen Zustand, in welchem du nicht viel geben und auch nicht viel empfangen kannst. Deshalb ist es wichtig, dass du zuerst einmal ankommen kannst. Bei mir war die Situation anders, weil es nach den Spielen gleich mit einem brutal gefüllten Programm weiterging.

Sie bestritten dieses Jahr 28 Rennen.

Trotzdem fühle ich mich nicht abgekämpft. Vielleicht wäre ich in der England-Tour an meine Grenzen gekommen. Aber weil ich bei Paris–Roubaix stürzte, verzichtete ich darauf. So war ich nie komplett auf den Felgen. Ich achte auf meinen Energiehaushalt, trainiere weniger, wenn ich merke, dass mein Körper müde ist. Vielleicht lege ich 2022 trotzdem eine längere Pause ein.

Um was zu tun?

Um den Kopf frei zu machen und etwas anderes zu erleben. Die WM wird uns nach Australien führen, was ökologisch ein Irrsinn ist. Aber wenn ich schon so weit reise, möchte ich das auch sinnvoll nutzen. Ich werde deshalb fragen, ob ich länger dortbleiben kann.

Kein schlechtes Gewissen wegen Ihres grossen Fussabdrucks?

Etwas schon. Aber ein schlechtes Gewissen ist keine clevere mentale Strategie, weshalb ich mich nicht davon übermannen lasse. Wo es ging, nahm ich Mitfahrgelegenheiten im Auto wahr oder fuhr mit dem Zug hin. Sonst wäre ich mit dem Flugzeug zehnmal mehr unterwegs gewesen. Zwischen «Mir ists wurst» und «100 Prozent nachhaltig» liegt ein Graubereich, in dem ich mich gescheit zu bewegen versuche.

Wie oft haben Sie sich während eines Rennens schon gewünscht, auf einem E-Bike zu sitzen?

Lustige Frage ... noch nicht ein einziges Mal! Das halte ich wie mit dem Doping: Wenn ich darauf zurückgreifen muss, höre ich lieber auf. Dann arbeite ich ­wieder als Ärztin. Ein

kluger Mensch hat mir erklärt: Gewinnst du ein Gesellschaftsspiel nach fünf Minuten überlegen und kannst dann den anderen zwei Stunden beim Spielen und Spasshaben zuschauen, bist du genau genommen der Verlierer. Das ist Sport, das Spiel spielen.

Was halten Sie vom E-Bike-Boom?

Nichts. Die wenigsten steigen vom Auto aufs E-Velo um. Es sind die Velofahrer, die auf die elektrische Variante umsatteln. In jedem E-Bike steckt viel graue Energie, ökologisch ist das nicht.

Der Frauenradsport fristet ein Mauerblümchendasein. Was tun?

Wir befinden uns in einem kulturellen Wandel, was die Rolle der Frau anbelangt. Dem hinkt der Frauenradsport hinterher. Da machen Verantwortliche mit, die bei den Männern nichts erreicht haben und es nun im Frauenradsport versuchen, mit denselben antiquierten Ansichten: Dass es nur bei den Männern richtig «fägt», während die Frauen auf dem Abstellgleis unterwegs sind. Deshalb wünsche ich mir, dass alle mal ein Frauenrennen einschalten. Dann sehen sie, wie bei uns die Post abgeht. Wir sind alles andere als Abstellgleis, herrje.

Sie reden sich gerade in Rage.

Mich nervt auch, dass der Frauensport «gefördert» werden soll. Wir brauchen aber keine Förderung, sondern Investitionen. Wer uns unterstützt, der investiert in ein Start-up, das sich lohnt.

Sie achten auf gesunde Ernährung und sind Vegetarierin. Wie einfach ist das im Spitzensport?

Es ist schwierig, weil man so viel unterwegs ist und meist in Hotels mit niedrigerem Standard untergebracht ist. Es gibt Essen vom Buffet, und das ist oft ohne Seele. Da ist nichts drin, das dir Kraft gibt. Genauso satt habe ich es, ständig Diskussionen übers Essen führen zu müssen. Ich möchte einfach mein Essen haben, bei dem ich sicher sein kann, dass es nachhaltig produziert wurde. Etwa Bio-Eier anstatt solche aus europäischen Legebatterien. Zuletzt lautete die Anweisung von oben, dass für alle nur noch Bio-Eier gekauft werden. Für die Betreuer, die auch fürs Essen zuständig sind, bedeutet das anscheinend zusätzlichen Stress. Also kaufen sie schon mal Eier aus konventioneller Haltung. Merke ich es, nerven sie sich, und dann beginnen die ganzen leidigen Diskussionen.

Verstehen die anderen im Team Sie?

Wenn wir darüber reden, spüre ich Verständnis. Ansonsten merke ich schon, dass wenig Bewusstsein vorhanden ist. Das würde ich mir von allen Menschen wünschen: Dass sie vor einem Essen einen Moment innehalten und sich bewusst machen, wo es herkommt, wer vielleicht dafür gestorben ist. Möglich, dass man dann beim nächsten Mal etwas anderes auf dem Teller haben möchte.

Was machen Sie in zehn Jahren?

Sie sind hartnäckig. (Lacht.) Ich lasse mich vom Leben leiten, ganz angstfrei. Weil ich eine stabile Familie hinter mir weiss. Das trägt einen durchs Leben. Ich bin gespannt, wohin der Weg führt.

Marlen Reusser, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Ärztin und Radprofi

Marlen Reusser

Marlen Reusser, 1991 in einer Bauernfamilie aufgewachsen, studierte Medizin und arbeitete als Assistenz­ärztin im Spital Emmental; als Nächstes folgt die Facharzt-Ausbildung. Die Bernerin nahm mit 22 Jahren als jüngste Velofahrerin am Alpenbrevet teil. Erst 2017 – parallel zu ihrem Medizinstudium-Abschluss – löste sie ihre erste Lizenz als Radfahrerin. Der Erfolg stellte sich schnell ein: Reusser wurde Schweizer Meisterin, gewann 2019 die Europaspiele und zweimal WM-Silber. Seit 2019 ist sie Profi; an den Olympischen Spielen in Tokio schaffte sie es aufs zweitoberste Podest – ihr bisher grösster Erfolg.