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Interview

«Ich hatte Läckerli als Trösterli dabei»

Miriam Baumann ist die Chefin über die Welt der Läckerli. Im reduzierten Interview erklärt sie, was sie vom allgegenwärtigen Zucker-Bashing hält und weshalb sie ihrem Vater Christoph Blocher zur Abwahl gratulierte.

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Kostas Maros
22. März 2021
Läckerli-Gourmet Miriam Baumann (46) wäre gerne früher Mutter geworden. «Das Leben schreibt halt seine eigenen Geschichten.»

Läckerli-Gourmet Miriam Baumann (46) wäre gerne früher Mutter geworden. «Das Leben schreibt halt seine eigenen Geschichten.»

Die Frau hat Humor. «Wenn Sie wollen, dass das Interview von mehr Leuten gelesen wird, müssen Sie meinen Doppelnamen verwenden.» Miriam Baumann-Blocher (46) selber lässt den ledigen Namen gewöhnlich weg, «aus Effizienzgründen, weil man sonst mit Schreiben nicht mehr fertig wird». Effizient ist auch die gewählte Form des Interviews: Die Fragen bestehen nur aus Stichwörtern. Diese befinden sich auf kleinen Zetteln in einer Läckerli-Trommel. Die Chefin des Läckerli Huus greift nach dem ersten.

Miriam Baumann, wie lautet das erste Stichwort?

«Agenda». (Pause.) Ja, ich arbeite tatsächlich noch mit einer Papieragenda. Mit ihr habe ich den besseren Überblick. Sie ist sehr gut gefüllt, wobei ich mit den Jahren gelernt habe, dass es auch Zeiten braucht, in denen nichts drinsteht. Ich will nicht von Termin zu Termin hetzen.

Was steht auf dem nächsten Zettel?

«Dummheit». Darüber kann man vieles erzählen. Habe ich selber eine Dummheit begangen, ärgert mich das. Manchmal bin ich mit Dummheiten meiner Kinder konfrontiert. Sie haben schon Flausen im Kopf. (Lacht.) Was aber irgendwie normal ist. Auch ich hatte meine Flausen und habe sie immer noch, was aber nicht bedeutet, dass ich als Revoluzzerin gerne die ganze Welt auf den Kopf gestellt hätte. (Greift in die Läckerli-Box.)

Nächstes Stichwort bitte!

«Bitcoin». Etwas, das ich nicht verstehe. Ausser dass es ein Spekulationsobjekt ist, und auf solche lasse ich mich nicht ein. (Nächster Griff in die Box.) «Luxus»! Für mich bedeutet Luxus, wenn ich genug Zeit habe, um einfach so in den Tag hineinzuleben. Am Wochenende mal ein ausgedehntes Frühstück, ohne dass schon der nächste Termin ansteht. Oder kürzlich in den Skiferien: Unsere Tochter brauchte nach der Skischule eine Stunde für den Rückweg, weil sie überall hochkletterte und mit dem Schnee spielen wollte. Es ist doch schön, wenn man genug Zeit für so etwas hat. (Zieht das nächste Zettelchen raus.)

Läckerli-Gourmet Miriam Baumann (46) wäre gerne früher Mutter geworden. «Das Leben schreibt halt seine eigenen Geschichten.»

«Kinder».

Unsere Kinder sollen wissen, dass wir für sie da sind – auch wenn wir nicht immer anwesend sind. Ich wollte viele Kinder und wäre gerne schon früh Mutter geworden, weil ich es einen Graus fand, mit über 40 noch Kinder zu gebären. Nun ist es anders gekommen. Aus «vielen» wurden zwei, und ich wurde spät Mutter. Das Leben schreibt halt manchmal seine eigenen Geschichten.

«Zucker».

Ich bin seit jeher Zuckerfan, sehr zum Missfallen meiner Mutter. Momentan ist Zucker-Bashing gerade gross in Mode. Zu Unrecht, denn Zucker ist ein guter Nähr- und Inhaltsstoff. Es ist doch wie bei allem eine Frage des Masses. Niemand sollte aber ein schlechtes Gewissen haben, wenn er Zucker konsumiert. Und schon gar nicht, wenn er ein Läckerli isst.

Wie viele Läckerli pro Tag empfehlen Sie einer erwachsenen Person?

Von mir aus 20 Kilo pro Tag …

… wie war das nochmals, dass alles eine Frage des Masses sei?

Spass beiseite: Das muss man individuell anschauen, wie sich eine Person sonst ernährt, wie viel sie sich bewegt. Oft werden moderne Produkte als besonders gesund angepriesen. Schaut man sie genauer an, sieht man, dass das gute alte Läckerli immer noch viel gesünder ist. Es hat sich über die Jahrhunderte hinweg bewährt, mit dem Honig, den Nüssen und Mandeln, also gesunden Fetten. (Sie hält das nächste Stichwort hoch.)

«Abwahl».

Als mein Vater als Bundesrat abgewählt wurde, war ich im Büro. Ich verfolgte es nicht live. Meine Mutter schrieb mir eine SMS. Eine Überraschung war es ja nicht, es hatte sich abgezeichnet. Ich rief ihn an und gratulierte ihm, dass er sich das ​nun nicht mehr länger antun müsse. Das Ganze war eine Leidensgeschichte. Am Abend fuhr ich zu meinen Eltern und ging mit ihnen zur Feier des Tages schön essen. Natürlich hatte ich Läckerli als Trösterli dabei.

Welches Wort ist das nächste?

«Ausland». Wir machen zehn Prozent des Umsatzes im Ausland, vor allem in Japan und Deutschland, wobei da die Kunden mehrheitlich Schweizer sind. Wir tun uns schwer. Wir haben Versuchsballons steigen lassen, aber so richtig hoben diese nicht ab. Ein Japaner etwa vergleicht Läckerli mit Guetzli und diese sollten doch knusprig sein. Ein Läckerli ist aber nicht knusprig, sondern zäh. Deshalb findet er: «It’s not fresh!» Ich selber stand schon mit Schweizer Tracht in Tokio im Laden, aus Höflichkeit griffen die Japaner zu. Aber sie selber kämen nie auf die Idee, ein Läckerli zu kaufen. Deshalb richten wir da den Fokus lieber auf Rahmtäfeli und generell auf die Schweiz aus. (Sie greift nach dem nächsten Zettel.) «Zahnarzt».

Sie sagten ja, Läckerli seien zäh.

Deswegen hat sich bei uns aber noch nie jemand beschwert. Es kommt alle zwei Jahre mal vor, dass jemand auf ein Stückchen Nussschale beisst, das aus Versehen in den Läckerliteig hineingerutscht ist. Wir tun alles dafür, dass das nicht vorkommt. Dafür haben wir dann eine Versicherung.

Läckerli-Gourmet Miriam Baumann (46) wäre gerne früher Mutter geworden. «Das Leben schreibt halt seine eigenen Geschichten.»

Weiter, bitte!

«Kindheit». Meine war unbeschwert. Wir waren oft draussen, hatten viel Freiraum. Unsere Kinder sollen auf das Leben vorbereitet werden, aber trotzdem noch in ihrer eigenen Kinderwelt leben dürfen. (Sie hält das nächste Stichwort in die Höhe.)

«Homeschooling».

Meine Tochter geht in den Kindergarten, da musste ich mit ihr basteln. Ich kann aber nicht basteln. (Lacht.) Die Chancengleichheit, von der immer die Rede ist, kann man beim Homeschooling vergessen. Ich hatte Mühe, nur schon den Wochenplan zu verstehen. Was ist mit jenen Eltern, die kein Deutsch verstehen? Und wir reden hier bloss vom Kindergarten! (Nächster Zettel.)

«Aufruhr».

Als ich 2007 das Läckerli Huus übernahm, war die Aufregung in Basel gross. Eine Blocher aus Zürich übernimmt das Läckerli Huus, und dann ist sie auch noch jung! Es tut aber gut, wenn man sich beweisen muss. Ich merkte, dass die Aufregung gut für uns war. Wenn jeder Basler das Gefühl hat, dass das Läckerli Huus ihm gehört, dann zeugt das von einer starken Markenbindung. Andere Unternehmen geben viel Geld dafür aus. Dümmer wäre es, wenn es den Leuten egal wäre, was mit uns passiert.

Wir nähern uns dem Ende.

«Geschenk». Wir hatten letzthin Besuch zu Hause, und ich hatte doch tatsächlich keine Läckerli mehr. Das gab Ärger. Läckerli gehen immer als Geschenk.

Werden Sie manchmal nur eingeladen, weil Sie Läckerli mitbringen?

Das kann sein. Manchmal muss man sich Beliebtheit auch erkaufen. (Pause.)

Noch eins?

«Ferien». Sind wichtig, das predige ich auch in der Firma. Es gibt Mitarbeiter, die in den Ferien erreichbar sein wollen. Der Erholungseffekt ist nicht mehr der gleiche. Vielleicht muss man das wieder lernen. Vor zehn Jahren verreiste ich mit einer Kollegin nach Grönland und sollte drei Wochen nicht erreichbar sein. Ich bekam Panik: Was, wenn die Firma abbrennt? Da sagte mir meine Kollegin: «Willst du sie von Grönland aus löschen?» Natürlich hatte sie recht.

«Lieblingsessen».

Läckerli, klar. Sonst Tomaten-Spaghetti.

Miriam Baumann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Miriam Baumann

Chefin des Läckerli Huus

Miriam Baumann, 1975 in Meilen ZH als eines von vier Kindern von SVP-Politiker Christoph (80) und Silvia (76) Blocher geboren, liess sich nach der Matur vom Berufsberater alle Berufe dieser Welt zeigen und entschied sich zur Ausbildung als Lebensmittel-Ingenieurin. Sie arbeitete in einer Bonbonfirma und war Produktionsleiterin der Thurella AG, bevor sie 2007 alleinige Inhaberin des Läckerli Huus wurde. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Rheinfelden AG.