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Interview

«Meine Küche ist ein Zufluchtsort»

Viele Engländer verehren sie fast so sehr wie Prinzessin Diana. Die Londoner TV-Köchin und Kochbuch-Autorin Nigella Lawson zieht seit 23 Jahren weltweit Menschen in ihren Bann. Und das ist, so sagt sie im Interview, für sie noch immer ein Rätsel.

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Peter Brew-Bevan/Headpress/laif, rtl, Jonathan Lovekin, ZVG
01. Oktober 2021
Hat eine sinnliche Beziehung zum Genuss: TV-Köchin Nigella Lawson in ihrem Londoner Daheim.

Hat eine sinnliche Beziehung zum Genuss: TV-Köchin Nigella Lawson in ihrem Londoner Daheim.

Wirklich prominente Menschen kennt man nur schon anhand ihres Vornamens. Dabei hilft, wenn dieser sehr ungewöhnlich ist – wie bei der britischen Koch-Celebrity Nigella Lawson (61). Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass ihre Grossmutter die blauen Blüten der «Jungfer im Grünen» (Nigella damascena) so gerne mochte. Und deren botanischen Namen Nigella. Wenn in England ihre TV-Serie über die Bildschirme flimmert, heisst es, «sie flirtet wieder mit der ganzen Nation». Und das seit mehr als 20 Jahren. Zwölf Kochbücher hat sie verfasst, elf Kochshows produziert. «Wenn ich etwas verbieten würde, dann wäre es der Begriff ‹verbotene Freuden›», schreibt sie in ihrem neuen Buch «Kochen, essen, leben» und erklärt damit ein Stück weit ihr Phänomen. Denn als bekennender Sinnesmensch ist sie stets ruhelos auf der Suche nach einer noch befriedigenderen Seelennahrung, die sie dann mit «kindlicher Euphorie» teilt.

Lawson, die in Oxford Sprachen studiert und als Journalistin gearbeitet hat, ist die Intellektuelle unter den TV-Köchen. Sie arbeitet mit sinnlichen Metaphern und Superlativen, spickt ihre Bücher mit geistreichen Essays und schreibt «Liebesbriefe» an Zutaten. Sowohl bei der Lektüre ihrer Bücher als auch bei ihren Sendungen taucht man in eine heimelige und dennoch fesselnde Kulinarik-Welt des deftigen Soulfoods ein. Dabei kann man sich durchaus wie eines der Croissants ihres berüchtigten «caramell croissant pudding» fühlen, das in einen warmen Karamell-Vollrahm-Ei-Bourbon-Mix getränkt wird.

Nigella Lawson, Sie mögen ja kalorienreiche Gerichte. Was ist mit einem Schweizer Käsefondue?

Ich mag es punktuell … Aber im Alter lässt es sich einfach nicht mehr so leicht verdauen. (Lacht.) In einem winterlichen Setting hingegen kann ich mich durchaus dafür erwärmen.

Sie nennen Kochen eine Art «Zufluchtsort in sorgenvollen Zeiten». Was haben Sie während des harten Lockdowns in London gekocht?

Ich habe mich in den ersten Wochen fast nur von Kohlenhydraten ernährt: Brot, weisse Pasta, Ofenkartoffeln. Wahrscheinlich, weil sie uns erden, Gefühle von Gefahr dämpfen, uns irgendwie trösten. Ich habe ziemlich reingehauen.

Sie bezeichneten Kochen damals auch als «Lockdown-Aufheller» …

Ja, denn das waren ja für uns alle kleine Zeitfenster der Freude und des Genusses, in denen die Angst nicht regiert hat. Wenn sich der Fokus von der Angst wegbewegt, fühlt man sie nicht mehr.

Sie haben Ihr neues Buch während des Lockdowns geschrieben.

Das war ein Glücksfall. Um mich herum geschahen furchtbare Dinge und ich sass zu Hause und verfasste eine Liebeserklärung an Sardellen. Das Buchschreiben hat mir Gesellschaft geleistet.

Sie erlitten in jüngeren Jahren schwere persönliche Verluste. Sie haben Ihre Mutter, Ihre Schwester und Ihren ersten Mann – den Vater Ihrer Kinder – an Krebs verloren. Konnte Kochen Ihnen helfen?

Ja und nein. Denn in Zeiten grosser Trauer ist unser Geist unfokussiert und dann fällt Kochen schwer. Ich erinnere mich, dass ich damals etwa Kartoffeln aufgesetzt und sie dann komplett vergessen habe. Erst als es verbrannt roch und ich in die Küche gestürmt bin, habe ich mich wieder an sie erinnert.

«In Zeiten grosser Trauer fiel auch mir Kochen schwer.»

 

Und wie kann es uns helfen?

Der Akt des Kochens an sich, wenn man seine Sinne benutzt, man mit den Händen fühlt, etwas riecht, schmeckt, es brutzeln hört: All das kann das Gehirn beruhigen. Kochen besitzt etwas Meditatives und kann dich aus dem Kopf in den Körper führen. Das schenkt Erleichterung. Aber es funktioniert nicht, wenn man etwas besonders Anspruchsvolles kochen muss.

Haben Ihre Kinder Cosima, 27, und Bruno, 25, im langen Lockdown Mutters Gerichte vermisst?

Ach, ich weiss nicht … die sind ja schon so gross. (Lacht.) Aber ich habe ihnen einfach ab und an etwas via Kurier geschickt. In dieser Zeit musste ich ja unzählige Testgerichte zubereiten, unter anderem habe ich auch mit Brotbacken experimentiert. Davon hat in erster Linie meine Nachbarin profitiert. (Lacht.)

Bewahren Sie noch immer Pasta- und Kartoffelkochwasser sowie saure Milch fürs Brotbacken auf?

Ja, und ich muss immer aufpassen, dass daraus kein Fetisch wird. Aber die Wiederverwertung von Küchenabfällen ist einfach etwas Wunderbares. So gebe ich etwa Karotten-, Zwiebel- und Knoblauchschalen in die Milch für die Lasagne, um ihr Geschmack zu verleihen. Ein Neuzugang ist die Idee mit den Bananenschalen, die sich, in Stücke geschnitten, hervorragend in einem Curry machen. Solche Dinge begeistern mich.

Auch das Bhorta-Rezept mit Fischstäbchenstücken ist originell.

Das hatte ich bei der Journalistin Ash Sarkar auf Twitter entdeckt. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal ein Fischstäbchen-Rezept veröffentliche, aber es ist einfach fabelhaft. Ich schnipple da auch Kartoffeln vom Vortag rein.

Sie werden in England öfters für solche Rezepte kritisiert …

Weil sie mich als Chefkoch sehen, was ich nicht bin. Ich bin Heimköchin. Das hat für mich den Vorteil, dass ich mich kreativ austoben kann. An einen Chefkoch und an Restaurantbesuche sind hohe Erwartungen geknüpft. Ich dagegen bin komplett frei – ausser bei den Lieblingsrezepten meiner Kinder …

Sie betrachten sich selbst aber schon als Profiköchin?

Nein, denn ich habe keine professionelle Ausbildung und bin auch ziemlich unbeholfen. Der Umgang mit Messern fällt mir noch immer schwer und alles, was Präzision braucht, ist eine grosse Herausforderung. Aber das ist genau das, was den Menschen Mut macht: Es braucht keine besonderen Fähigkeiten fürs Kochen und es geht nicht um die Perfektion auf dem Teller.

Sie besitzen in Ihrer Heimat einen ähnlichen Status wie Lady Diana. Wie gehen Sie damit um?

Das ist schwierig, da ich mich mit diesem Bild überhaupt nicht identifizieren kann. Und es macht mich noch immer nervös. Als meine Karriere an Fahrt aufnahm, hatte ich einen pflegebedürftigen Mann, ein Kleinkind und ein Baby daheim. Es war also vieles ziemlich unperfekt und auch das Kochen fiel mir als Laie nicht immer leicht.

Sie identifizieren sich noch immer mit der Frau von damals?

Ich weiss einfach, wer ich bin und habe keine Zeit, etwas vorzugeben, was ich nicht bin. Deshalb spreche ich auch gerne über Dinge, die bei mir in der Küche schiefgehen. Heute habe ich natürlich mehr Ruhe und Zeit für die Rezepte. Aber nur, weil ich wegen meines Jobs im Fernsehen zu sehen bin, sollte mich dies nicht wichtiger erscheinen lassen, als ich bin.

Sie können sich Ihren Erfolg nicht erklären?

Ich denke, ich bin ein zugänglicher Mensch und dass sich die Leute wohlfühlen, mit mir in Verbindung zu treten. Und ich lerne wiederum viel von meinen Lesern. Kochen ist eine universelle und ziemlich intime Sprache, die uns Menschen miteinander verbindet.

Sie nennen sich selbst «vom Essen besessen». Was hält diese Leidenschaft am Köcheln?

Dass ich so ein Nimmersatt bin. (Lacht.) Nur mein Bruder Dominic ist noch gieriger. Ich denke sehr oft an das, was ich zubereiten und essen könnte. Das kann ungesunde Formen annehmen. Und ich hege einen unstillbaren Enthusiasmus, diese Obsession mit der Welt zu teilen.

Sie setzen sich für beige und braune Gerichte ein, die selten auf Instagram landen. Ihre Lieblinge?

Definitiv die Reissuppe mit Sellerie und Esskastanien. In der braunen Kategorie sind mir meine Fleischklösschen aus Blutwurst heilig. Das sind beides keine Trendgerichte, dennoch kommen sie nie aus der Mode. Trends bestimmen schlussendlich nicht, was wir im stillen Kämmerlein am liebsten essen.

Auf der anderen Seite mögen Sie auch farbenfrohes Essen ...

Ich liebe Kürbisse, die etwas Raffinesse und Schärfe benötigen. Und Randen, aus denen ich meistens Saucen mache, da ich sie für kalte Gerichte bevorzuge. Ich mag auch die Farben von Zitronen und Chicorées. Sie heitern mich auf und schenken mir Momente des Glücks.

Nigella Lawson, wir danken Ihnen für das Gespräch.