Beobachter auf der Seidenstrasse | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

Beobachter auf der Seidenstrasse

Patrick Rohr gönnt sich zwischendurch den Luxus eines eigenen Projekts: Dieses Mal reiste er für ein Buch der neuen Seidenstrasse entlang. Im Interview erzählt er, welches Land ihn besonders beeindruckte und weshalb er in China in einem Club auf der Bühne landete.

FOTOS
Ernst Coppejans, Patrick Rohr
11. Januar 2021
 Patrick Rohr wuchs im Wallis auf, heute lebt er in Amsterdam «im liberalen Holland.»

 Patrick Rohr wuchs im Wallis auf, heute lebt er in Amsterdam «im liberalen Holland.»

In normalen Zeiten pendelt Patrick Rohr (52) zwischen Zürich und Amsterdam und bereist als Fotograf ferne Länder. Eben erst hat der ehemalige Fernsehmoderator ein Buch über die neue Seidenstrasse veröffentlicht, deren Anrainerstaaten er besuchte – vor und zwischen der ersten und zweiten Coronawelle. Weil in diesen Tagen aber nichts normal ist, beschränkt sich sein Aktionsradius derzeit auf Amsterdam.

Patrick Rohr, Sie geben Medientrainings. Was raten Sie einer Person vor dem Interview mit der Coopzeitung?

Ich würde ihr raten: Begegnen Sie dem Journalisten auf Augenhöhe, nehmen Sie ihn ernst und halten Sie ihn nicht für ein nützliches Dubeli, das nur dazu da ist, Ihre Botschaften zu verbreiten!

Wann darf oder soll das Interview abgebrochen werden?

Ich empfehle, ein Interview nie abzubrechen, sofern es anständig geführt wird. Wenn jedoch die Sachebene verlassen wird und der Journalist in verletzender Weise auf die Frau oder auf den Mann spielt, hat der Interviewte das Recht zu sagen: Sorry, aber auf diese Art von Fragen habe ich keine Lust.

Bei welcher Frage brechen Sie dieses Gespräch ab?

Stellen Sie Ihre Fragen, dann sehen wir weiter. (Lacht.)

Wer hat Sie als Gesprächspartner rhetorisch am meisten beeindruckt?

Ich halte nicht viel von solchen Ranglisten … Aber wenn Sie darauf bestehen, dann sage ich Adolf Ogi. Er macht keine Mördergrube aus seinem Herzen und denkt nicht immerzu an die Konsequenzen, die eine Aussage nach sich ziehen könnte. Er ist auch schnell, witzig, selbstironisch und ehrlich.

Sie sind Fotograf, Buchautor, Moderator, Gesprächscoach und einiges mehr. Können Sie sich Ihre Aufträge aussuchen?

Als ich mich vor 14 Jahren selbstständig machte, nahm ich jeden Auftrag an, weil ich nicht abschätzen konnte, ob eine nächste Anfrage kommt. Heute weiss ich, es flattert immer etwas Spannendes rein. Tatsächlich lasse ich mich nur noch auf Sachen ein, die mir Spass machen. Bei einigen Projekten, vor allem in der Fotografie, werde ich zwar nicht reich, aber der innere Reichtum, den ich durch sie erlange, ist unbezahlbar. Ich komme an Ecken und Enden auf dieser Erde, wo ich sonst nie hinkäme.

Nämlich?

Wenn ich morgens um fünf mit den Teebauern in Laos aufstehe und sie mit meiner Fotokamera auf den Teebäumen, die es in dieser Gegend gibt, beim Pflücken begleite, ist das ein einmaliges, unvergessliches Erlebnis. In Äthiopien war ich für Helvetas dabei, als die Menschen in einem entlegenen Bauerndorf einen Wasserspeicher bauten. In Nepal übernachtete ich in einem Bergdorf auf 2000 Metern Höhe, wo wegen eines Erdbebens kein Haus mehr stand. Auf solche Erfahrungen möchte ich nicht verzichten. Deshalb leiste ich mir zwischendurch den Luxus, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, das mich in unbekannte Welten führt. So wie vor drei Jahren, als ich als Fotograf durch Japan reiste. Oder jetzt das Buchprojekt zur Seidenstrasse, das bisher die grösste Herausforderung war.

Wie ist die Idee entstanden?

Ich fand es verrückt, wie viel Geld China in dieses gigantische Infrastrukturprojekt, ein Netz von Handelsrouten durch 70 Länder, investiert. Ich stellte mir die Frage: Lassen sich diese Länder so einfach miteinander verbinden, wo doch einige von ihnen miteinander Krieg führen und auch politisch, kulturell, konfessionell grundverschieden sind? Man nehme als Beispiele das liberale Holland, wo ich lebe, und das totalitäre China. Grösser könnten die Gegensätze nicht sein. Oder steht die Wirtschaft derart über allem, dass die erwähnten Unterschiede gar keine Rolle spielen? Das wollte ich herausfinden und reiste zu den Menschen an der Seidenstrasse. Statt der geplanten zwölf Länder waren es am Ende wegen Corona noch sechs: China, Kirgisistan, Türkei, Rumänien, Ukraine, Polen.

Auch wenn Sie keine Ranglisten lieben …

… und noch ein Versuch …

… welches war Ihr prägendstes Erlebnis?

In Bischkek in Kirgisistan wollte ich an einem Abend eine Demo fotografieren gehen, doch mein Betreuer vor Ort riet mir davon ab. Noch während wir uns per SMS austauschten, hörte ich draussen erste Schüsse und Explosionen. Es gab Tote, viele Verletzte, die ganze Nacht hindurch, zwischendurch stieg Tränengas-Rauch bis in mein Hotelzimmer hoch. Plötzlich war ich mittendrin, in der Revolution.

 Patrick Rohr fotografierte der Seidenstrasse entlang - hier in Kirgistan.

Wie lautet Ihr Fazit: Ist die Seidenstrasse ein gutes Projekt, das unterstützt werden soll?

Viele Regionen entlang dieser Handelsroute werden profitieren, weil sie den wirtschaftlichen Austausch erleichtert. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass gewisse Länder in eine noch grössere Abhängigkeit von China geraten, wirtschaftlich und politisch. Denn China hilft zwar, die Infrastruktur der Seidenstrasse zu finanzieren, diktiert dafür aber auch die Spielregeln. Damit sich die anderen nicht einmischen – etwa, wenn die Uiguren in Konzentrationslager gesteckt werden.

In China besuchten Sie zwei Schwulenclubs und waren nachher total überrascht. Weshalb?

Weil ich in einem totalitären Land, das Minderheiten unterdrückt, anderes erwartet hätte. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Schwulen relativ frei fühlten. Einer von ihnen, Ben, erklärte, dass er als Mitglied der LGBTI*-Community keine Angst vor dem Staat habe. Ich bin mir da nicht so sicher, weil die Gefahr der Willkür in einer Diktatur grösser ist. In einer Demokratie wie der Schweiz fühle ich mich wohler, obwohl es lange dauerte, bis man die Ehe für alle einführte. Dafür ist auf dieses Gesetz Verlass.

*Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/ Transgender und Intersexual

Es gefiel Ihnen dort so gut, dass Sie auf die Bühne stiegen und tanzten.

Nein, man hat mich auf die Bühne geholt. (Lacht.) Ich war während einer Dragshow am Fotografieren, als eine Dragqueen anfing, mit mir zu interagieren. Irgendwann packte sie mich an der Hand und zog mich auf die Bühne. Dort setzten sie und eine Kollegin mich auf den einen Stuhl und machten sich einen Spass mit mir. Ich verstand zwar kein Wort, aber die Gesichter der Zuschauer liessen darauf schliessen, dass es lustig gewesen sein musste.

Wo war es als Schwuler weniger lustig?

Ganz klar in Polen. Ich erlebte während des Wahlkampfs, wie auf höchster politischer Ebene Stimmung gegen Mitglieder der LGBTI-Gemeinschaft gemacht wurde. Der Westen, so hiess es, wolle diese Bewegung Polen aufzwingen, dagegen wehre man sich mit allen Kräften. Auch die katholische Kirche macht da gerne mit, wohl auch, um vom Missbrauchsskandal abzulenken, der vor zwei Jahren publik wurde. Polen hinkt in dieser Beziehung anderen Ländern dramatisch hinterher.

Es folgen noch mehr Rankings, weil Sie so viel Freude daran haben. Welches Land liegt auf Platz 1, wenn es darum geht, nochmals hinzufahren?

Kirgisistan. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen sowie die atemberaubenden Landschaften haben es mir angetan. Ich würde gerne versuchen, das Land politisch zu verstehen.

Sie haben in Japan gelebt, wo im Sommer die Olympischen Spiele stattfinden. In welcher Disziplin schaffen Sie es aufs Podest?

Beim Reden.

Ihr exotischstes Essen?

Das bekam ich in Japan aufgetischt, dem Land mit der für mich besten Küche der Welt. Einmal gab es etwas Schlüpfriges, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kellnerin zeigte auf die Zone unter dem Bauch und wiederholte dauernd ein Wort auf Japanisch. Als wir nachschauten, zeigte die Übersetzung: Fischmilch. Das ist der Samen männlicher Fische. Es war sehr fein im Geschmack.

Wie soll man als Interviewer ein Gespräch beenden?

Mit einer guten Frage.

War das eine?

Nein.

Patrick Rohr, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Patrick Rohr

Globetrotter

Patrick Rohr (52), bis 2007 SRF-Moderator («Arena», «Quer»), leitet eine Kommunikationsagentur in Zürich und arbeitet auf der ganzen Welt. Beim Orell Füssli Verlag ist sein jüngstes Buch «Die neue Seidenstrasse» erschienen. Vor Weihnachten erkrankte Rohr an Corona. «Heute geht es mir wieder gut.»