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Porträt

Hier wird das Brett zum Bogen

Im Bündner Oberland realisiert ein erwachsener Mann seinen Kindheitstraum und gibt Snowboards dabei ein zweites Leben. Er macht aus den Brettern Pfeilbögen.

FOTOS
Yannick Andrea
01. Februar 2021
Pauli Manetsch unterzieht den neuen Bogen einem Trockentest.

Pauli Manetsch unterzieht den neuen Bogen einem Trockentest.

Angefangen hat es … ja wie eigentlich? «Ist noch schwierig zu sagen», meint Paul «Pauli» Manetsch (63) und bläst ein bisschen Holzstaub von seinen Lippen. «Aber die ersten Pfeilbogen habe ich als kleiner Bub gemacht, mit Haselstecken und Sehnen aus Schnur.» Das war etwa zu der Zeit, als Winnetou und seine Apachen über die Kinoleinwände ritten. Danach ist in Sachen Pfeil und Bogen nicht mehr viel passiert. Bis Manetsch nach seiner vorzeitigen Pensionierung in Luzern vor einem Laden stand, der auf Pfeilbögen spezialisiert ist. «Ich kaufte mir einen Bogen, Pfeile, und beim ersten Schuss war es wieder da, dieses Gefühl von früher.»

«Das kann ich selber bauen»

Ein richtig guter Bogen mit einem Dutzend Pfeilen kostet zwischen 1500 Franken und fast unendlich. Manetsch dachte schon damals: «Den kann ich doch selber bauen.» Und so machte er sich in der Werkstatt, die er sich in seinem Haus in Disentis GR eingerichtet hatte, an die Arbeit. Erste Versuche mit Holz scheiterten dann aber an der Starrheit der Bögen oder endeten mit deren Bruch – zweite und dritte auch.

Szenenwechsel: Manetsch kurvt auf seinem Snowboard über die Pisten von Disentis, und auf einmal triff es den Netzelektriker wie ein Stromstoss aus heiterem Himmel. «Snowboards sind doch aus ähnlichen Materialien gemacht wie Pfeilbögen, verleimt, flexibel. Was, wenn man den Dingern nach ein paar Jahren ein zweites Leben geben würde, statt sie via Sondermüll zu entsorgen?» Er ging nach Hause, nahm sein altes Burton, zeichnete einen Bogen darauf, nahm die Stichsäge … und erlebte eine böse Überraschung: «Schon nach wenigen Zentimetern war das Sägeblatt stumpf. So ein Snowboard besteht zwar oft aus Holz, aber eben auch aus Metall und Carbon.» Heute benutzt Manetsch eine Spezialsäge mit gehärteten Blättern.

Pauli Manetsch sägt den Bogen aus, ...

... feilt am Griff und ...

... schraubt die Einzelteile zusammen.

Aber was fasziniert den gestandenen Mann dermassen am Bogenschiessen, dass er in seinem Wald sogar extra einen Parcours mit zwölf Stationen angelegt hat? Er gehöre nicht zu denen, die beim Bogenschiessen sich selber suchen und finden oder meditieren: «Es ist aber trotzdem eine mentale Sache. Du wirst ruhig, konzentrierst dich, spannst den Bogen und schiesst, ganz ohne zu zielen – ganz intuitiv. Und das Resultat siehst du sofort.» Wahrscheinlich sei dieses Resultat schon ein Spiegelbild des inneren Zustands, der Stimmung, in der der Schütze gerade ist. Aber Manetsch formuliert das anders: «Ich bin draussen in meinem Wald, tue etwas für Körper und Geist und fühle mich wohl dabei.» Sagts und widmet sich wieder seinem Bogen. Akribisch feilt und schmirgelt er am Griff aus Holz und entschärft die Kanten des Bogens mit der Feile. So ein Bogen, an dem Manetsch rund einen Tag arbeitet, besteht aus vier Teilen: der Sehne, die der Bündner aus bis zu zehn Garnfäden an langen Winterabenden selber dreht, und dem Griff aus Holz sowie den zwei Streifen Snowboard, die er mit dem Holzgriff verschraubt.

Spass an der Freude

«Klar habe ich auch hier zunächst Lehrgeld bezahlt», meint er zwischendurch. «Je nach Hersteller ist das Board-Material weicher oder steifer, und auch die Breite des herausgeflexten Streifens hat natürlich grossen Einfluss auf die Kraft, mit der die Sehne gezogen werden muss.» Für einen Erwachsenen sind das etwa 30 Pfund. Doch inzwischen hat er sein Metier im Griff. Im Sommer hat er Erwachsene und Kinder in die Kunst des Bogenschiessens eingeführt. Manetsch sagt unumwunden, dass seine Produkte keine Hochpräzisionsbögen sind. «Aber das ist auch nicht der Sinn der Sache. Ich mache das Ganze ja aus Spass an der Freude. Wenn ich dann sehe, dass die Schützen auf dem Parcours ebenso viel Spass haben, dann ist das so für mich okay.»