Rebellin auf Stöckelschuhen | Coopzeitung
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Reportage

Rebellin auf Stöckelschuhen

Die Geschichte einer Querdenkerin auf der Suche nach Balance. Tina Esther Wagner gewinnt den diesjährigen Autobiografie-Award «meet-my-life».

FOTOS
Kostas Maros
01. Februar 2021
Tina Esther Wagner macht fast alles mit. Auch ein Fotoshooting auf einem Senioren- fahrzeug, das sie noch lange nicht braucht.

Tina Esther Wagner macht fast alles mit. Auch ein Fotoshooting auf einem Senioren- fahrzeug, das sie noch lange nicht braucht.

«Ich bin eine Rebellin», sagt Tina Esther Wagner. Die 77-Jährige sitzt an einem Tisch im Essraum des Alterszentrum Trotte in Zürich. Unpersönlich findet sie es hier, unpassend. Sie möchte ihre Geschichte lieber in den eigenen vier Wänden erzählen. «Aber das geht nicht. Wegen Corona darf ich keine Gäste in meinem Zimmer empfangen.» Angst macht ihr die Pandemie nicht. Dafür hat die quirlige Frau mit der frechen Frisur in ihrem Leben zu viel erlebt. Zu viel ist ihr widerfahren, als dass sie sich vor einem Virus fürchtete.

«Angst ist ein schlechter Ratgeber ...»

 

«Rückwärts auf den Stöckelschuhen die Balance finden», heisst ihre Autobiografie, mit der Tina Esther Wagner den diesjährigen «meet-my-life»-Award (siehe Box) gewonnen hat. Und in der sie ihr eigenes Leben aufarbeitet und verarbeitet. Keine leichte Lektüre. Schon die ersten paar Seiten führen in die Abgründe und Perversion der menschlichen Seele.

Missbraucht und verprügelt

Als jüngste von drei Mädchen wurde sie, wie auch ihre Schwestern, vom eigenen Vater jahrelang missbraucht. Geborgenheit erfuhr sie nie, auch weil ihre Mutter sie nicht schützen konnte. In der Schule erhielt sie Prügel. Nicht wegen Ungehorsam. Einfach so. Und vermeintlich nicht grundlos. Denn Tina Esther Wagner ist Linkshänderin, Legasthenikerin und litt unter der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Es war die falsche Zeit für solche «Störungen». «Die Gesellschaft konnte damals mit Kindern, die nicht der Norm entsprechen, nicht umgehen», erinnert sie sich.

«Die Gesellschaft konnte damals mit Kindern, die nicht der Norm entsprechen, nicht umgehen»

 

Die kleine Tina liess sich dadurch aber nicht brechen. Sie wollte nie Opfer sein, auch wenn sie eines war. Sie selbst reflektiert es so: «Das Leben hat mich geprägt und zu dem gemacht, was ich heute bin – eine starke Frau, die sich nicht reinreden lässt und die keine Zeit verschwendet mit Sachen, die sie nicht glücklich machen.»

Fotomodell für grosse Modelabels

Es war diese Einstellung, diese positive Art, das Leben zu sehen, die schliesslich den Erfolg brachte. Nach der verhassten Schulzeit arbeitet Tina Esther Wagner bereits mit 14 Jahren als Modezeichnerin und Modeschöpferin und präsentierte ihre Kreationen als Hausmannequin gleich selbst. Es folgten Aufträge als Fotomodell für international renommierte Modelabels wie Christian Dior, Nina Ricci oder Jacques Heim. Ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist ihre Liebe für Stöckelschuhe. Auch mit bald 80 Jahren trägt sie diese noch, so oft es geht. Elegant sieht es aus, wenn Tina Esther Wagner mit ihnen im Essraum des Alterszentrum Trotte für den Fotografen posiert und die staunenden Blicke der Mitbewohner auf sich zieht. Noch heute läuft sie damit stilsicherer durch die Gegend, als manche 20-Jährige bei «Germany’s Next Topmodel».

«Ich wählte immer einen Weg, der zwar nicht einfach war, aber meinen Werten entsprach.»

 

Wenn die Zürcherin über ihr Leben berichtet, realisiert der Zuhörer rasch: Sie ist eine Frau von Welt. «Ich bin ja auch weit und viel gereist und habe viel gemacht», sagt sie dazu und erzählt von ihrem Psychologiestudium – «um mein Leben besser zu verstehen» – und von ihrem Kunststudium, «weil ich Kunst schon immer liebte». Sie berichtet von ihrem ersten Mann, einem Türken, mit blauen Augen, mit dem sie in New York (USA) und Istanbul (TRK) lebte und mit dem sie eine Tochter hat. Und von einem Ferienaufenthalt in der Schweiz, von dem sie mit ihrer damals neunjährigen Tochter nicht in die Türkei zurückkehrte, weil sie Mühe mit der Kultur und der Familie ihres ersten Mannes hatte. Und es passt, wenn Tina Esther Wagner dazu sagt: «Ich wählte immer einen Weg, der zwar nicht einfach war, aber meinen Werten entsprach.»

2002 starb ihr zweiter Mann. Ein bodenständiger Schweizer und IT-Spezialist. «Er brachte drei Kinder aus erster Ehe mit in die Beziehung», erzählt Wagner. Noch heute habe sie einen guten Draht zu ihnen, wie auch zur eigenen Tochter und den zwei Enkeln, die in der Türkei leben. An sie wendet sich Tina Esther Wagner auch mit ihrer Widmung in ihrer Autobiografie: «An meine zwei Grosskinder und Tochter. Für Eltern und Kinder, vor allem für junge Menschen, die nicht ins Schema passen.Legastheniker, Linkshänder, Querdenker, Zappelphilipps und solche mit ADHS.» 

Autobiografie-Plattform für alle

Meet-my-Life

Auf der aus der Universität Zürich heraus entwickelten nichtkommerziellen und werbefreien Autobiografie-Plattform www.meet-my-life.net ist es ganz einfach, seine Lebensgeschichte in einer strukturierten Form aufzuschreiben und neben vielen anderen gleich online zu veröffentlichen. Bereits in «Word» Geschriebenes kann einfach übertragen werden. Besondere stilistische oder orthografische Fähigkeiten spielen keine Rolle, genauso wenig wie die Nationalität oder die Sprache des Autobiografen/der Autobiografin. Unter dem Patronat von Coop wird jährlich ein Text mit dem Schweizer Autobiografie-Award ausgezeichnet. Nähere Auskünfte: info@meet-my-life.net