«Die Schweizer haben beim Sex die Nase vorne, weil sie Ski fahren» | Coopzeitung
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«Die Schweizer haben beim Sex die Nase vorne, weil sie Ski fahren»

Ruth Westheimer nahm noch nie ein Blatt vor den Mund – und sie tut es auch in diesem Interview nicht. Ein Gespräch über die Frage, wie man Kinder am besten aufklärt, weshalb bei Sexportalen grösste Vorsicht geboten ist und was die Liebe sicher killt.

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gettyimages, imago
02. Juli 2021
Ratschläge für ein gesundes Liebesleben: Ruth Westheimer findet es wichtig, dass Paare Freude aneinander haben. «Lachen Sie! Auch beim Sex.»

Ratschläge für ein gesundes Liebesleben: Ruth Westheimer findet es wichtig, dass Paare Freude aneinander haben. «Lachen Sie! Auch beim Sex.»

Anruf bei Ruth Westheimer, besser bekannt als Dr. Ruth, in New York. Die 93-jährige Sexualtherapeutin und Soziologin lebt seit 65 Jahren in den USA, ist aber immer noch in die Schweiz verliebt, wo sie als Kind im Appenzell aufwuchs. Sofort sagt sie für das Interview zu: «Melden Sie sich nach Mittag wieder, dann habe ich Zeit.» Also neuerlicher Anruf zwei Stunden später.

Dr. Ruth Westheimer, reden wir über …

… ​um welche Zeitung handelt es sich schon wieder?

Die Coopzeitung in der Schweiz.

Okay, go ahead!

Die Coopzeitung ist eine Familienzeitung. Reden wir über Sex, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Eltern bekommen die drängendsten Fragen beantwortet, und die Kinder werden aufgeklärt. Das ist doch eine gute Sache, oder nicht?

Sehr, sogar in der heutigen Zeit. Trotz Television und Radio und so vieler Bücher über sexuelle Fragen ist es immer noch wichtig, die Menschen aufzuklären. Die Mädchen menstruieren heute früher. Und deshalb müssen sie darauf vorbereitet werden, damit sie nicht Angst bekommen, wenn sie plötzlich Blut in ihrem Höschen finden. Die Jungs müssen ausserdem wissen, dass sie einen nächtlichen Samenerguss bekommen können. Eine Mutter erklärte kürzlich, dass ihr Sohn nachts nicht auf die Toilette gehe. Dabei handelte es sich um einen Samenerguss, eine physiologisch völlig natürliche Sache. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, warum die Leute aufgeklärt werden müssen.

Wie klärt man die Kinder auf?

Man spricht mit ihnen ganz offen darüber und sagt ihnen, dass sie jederzeit fragen können. Am besten lässt man ein Aufklärungsbuch zu Hause auf dem Tisch liegen. Die Kinder werden ganz sicher danach greifen und sich das anschauen. Oder man lässt eben die Coopzeitung mit diesem Interview auf dem Küchentisch liegen.

Die Gesellschaft ist in sexuellen Dingen viel offener geworden. Trotzdem heisst es, dass die jungen Generationen weniger Sex hätten als früher. Erstaunlich, oder nicht?

Ich weiss nicht, ob das stimmt. Klar ist, dass viele Menschen, jüngere und ältere, wegen dieses schrecklichen Virus viel mehr allein sind als vorher. Ich glaube aber, dass es wieder besser wird. Ich bin eine Optimistin. Ich sage den Menschen auch gerne: Es gibt für alles immer eine Lösung! Das gilt auch für die Schweizer. Ich war sechs Jahre in Ihrem Land, in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945, im Kinderheim in Heiden in der Ostschweiz. Das war ein grosses Glück.

Wie sieht die Lösung aus, die Sie erwähnt haben?

Wer jetzt gerade alleine ist und keinen Partner oder keine Partnerin hat, auch weil es schwierig ist, jemanden kennenzulernen, der soll masturbieren. Schreiben Sie das ruhig in Ihre Familienzeitung! Aber er oder sie soll das nur privat tun, nicht öffentlich. (Lacht.) Im Badezimmer oder Schlafzimmer. Es werden wieder bessere Zeiten kommen. Auch in der Schweiz, in die ich gerne hinfahre. Jedes Jahr besuche ich Ihr Land, in dem ich gute Freunde habe. In Zürich, Uster, überall. Ich hoffe, das klappt auch dieses Jahr. Dann werden wir beide uns in Zürich treffen …

… ​das wäre natürlich sehr schön!

Und zwar im Sprüngli. Dort esse ich gerne Marroni-Eis mit Schlagsahne. Und ich habe noch ein Lieblingsgericht in der Schweiz: Spargeln, und zwar die grünen, nicht die weissen.

Ich verspreche Ihnen, dass wir uns beides gönnen werden.

Ich hoffe, es klappt dieses Jahr mit der Reise in die Schweiz. Ich habe vor Kurzem den Ehrendoktortitel an der Ben-Gurion-Universität in Negev in Israel erhalten. Leider nur über Zoom. Ich habe mich trotzdem gefreut. Da waren 2000 Leute am Zoom dabei. Ich habe viel Geld gesammelt, für Stipendien, damit alle studieren können. Ich selber durfte damals nicht in die Realschule in Heiden. Stattdessen konnten wir Mädchen nur den Haushaltsunterricht besuchen. Das galt übrigens für alle, auch die Schweizerinnen.

Gut, dass sich das geändert hat.

Das ist nicht nur gut, sondern fantastisch. Schreiben Sie das! Gott sei Dank! Wie viele wertvolle wissenschaftliche Arbeiten – auch über Sex – wären sonst verloren gegangen.

Womit wir wieder beim Thema wären. Sie haben ein Buch über Sex für Dummies geschrieben. Auch wir haben ein paar ganz banale, vielleicht sogar dumme Fragen. Was braucht es für guten Sex?

Das ist keine dumme Frage. Für guten Sex braucht es einen guten Partner oder eine gute Partnerin, die nicht nur sexuell informiert sind, sondern auch Spass daran haben, ihren Partnerinnen oder Partnern einen Orgasmus zu schenken. Sigmund Freud hat für uns Frauen eine schreckliche Aussage gemacht: Dass nämlich alle Frauen, die für den Orgasmus eine Stimulation der Klitoris brauchen würden, unreif seien. Ein solcher Orgasmus sei minderwertig, denn die höchste Lust könne nur durch das männliche Glied erreicht werden. Freud hat damit vielen Frauen unrecht getan, weil sie ihrem Partner nie erlaubt haben, die Klitoris zu berühren. Stattdessen haben sie auf diesen sogenannt reifen, vaginalen Orgasmus gewartet, der aber nie gekommen ist. Freud hätte einen Kurs bei mir belegen müssen, von mir aus in Zürich.

Sex beim ersten Date?

Absolut dagegen. Auch wenn man vom Gegenüber im Verlaufe des Abends sehr angeregt ist. Bitte warten Sie damit! Sie müssen zuerst Sicherheit haben, dass Hoffnung auf eine längere Beziehung besteht. Ich bin da sehr altmodisch und glaube immer noch an richtige Beziehungen. Auch beim zweiten oder dritten Mal ist es noch zu früh. Das gilt auch für die Schweizer. Lasst euch da nichts einreden. Haben Sie den Film «Ask Dr. Ruth» gesehen?

Ja, zur Vorbereitung auf dieses Interview.

Dann wissen Sie, dass wir vor zwei Jahren in der Schweiz gedreht haben. In Wengen. Die Schweiz hat mir das Leben gerettet und mir die Liebe zur Natur beigebracht. Nun will ich Ihnen noch etwas erzählen, als Erstem überhaupt.

Gerne, nur zu.

Aber nur, wenn ich nachher die Zeitung zugestellt bekomme …

… ​versprochen …

… ​und dass Sie mich zu Sprüngli mitnehmen …

… ​machen wir …

… ​und wir dann zusammen Marroni-Eis essen. Und Kirsch-Stängeli, denn die liebe ich auch. Sagen Sie Ihrer Zeitung, dass sie mir schon vorher eine Packung nach New York schicken soll.

Auch das gebe ich weiter. Was wollten Sie mir erzählen?

Ich bin jetzt schon seit 20 Jahren Witwe und weiss, wovon ich rede. Viele Menschen sind lonely, alleine. Statt zu jammern, bedient euch eurer Fantasie. Meine Fantasie spielt in der Schweiz.

Wie könnte es anders sein.

Ich war früher eine wunderbare Skifahrerin. Das habe ich von der Schweiz gelernt. Auch deshalb bin ich ihr dankbar, denn meinen dritten Mann, Manfred Westheimer, der aus Karlsruhe stammt und in die USA ausgewandert war, lernte ich auf der Skipiste kennen. Hier ist also meine Fantasie, die ich Ihnen als Erstem erzähle. Zieht euren schönsten Skianzug an … Ich selber habe einen rosaroten, den ich mir in der Schweiz gekauft habe. Bucht einen Skilehrer, der gut aussieht, aber hoffentlich nicht verheiratet ist. Er soll mit Ihnen auf den Berg hinauffahren – mit mir tut er das auf einem Schneemobil. Denn mit meinen immerhin schon 93 Jahren gehe ich nicht mehr auf den Skilift, das ist für jüngere Leute. Ich fahre also mit ihm den Berg hoch und dann wieder runter. Wenn ich mir das in allen Einzelheiten ausmale, macht mir das viel Freude.

Wäre es nicht schade, wenn diese Fantasie in Erfüllung gehen würde?

Warum schade?

Weil die Fantasie ihren Zauber verliert, wenn sie wahr wird.

So etwas kann wirklich nur ein Journalist aus der schönen Schweiz denken. Das wäre im Gegenteil wunderbar! Hallelujah!

Sexportale haben Hochkonjunktur. Was halten Sie davon?

Ich sage allen, dass sie aufpassen sollen. Auch den Schweizern. Schreiben Sie: Uffpasse! Schreiben Sie das genauso auf Schweizerdeutsch. Uffpasse! Was einmal auf dem Schirm und im Netz ist, bleibt für immer und ewig da. Niemand soll masturbieren, wenn der Zoom oder die Kamera eingeschaltet ist. Ein amerikanischer Journalist hat genau das getan und seine Arbeit verloren. Zoom ist eine wunderbare Sache, auch für einsame Herzen. Aber man muss vorsichtig sein.

Welcher Mythos zum Thema Sex sollte endlich aus der Welt geschafft werden?

Erstens: Dass es schädlich ist, wenn man aufgeklärt wird. Zweitens: Dass es Sünde ist, wenn man sich selbst befriedigt. Das Gegenteil stimmt. Die Menschen dürfen masturbieren, schreiben Sie das so auf. Aber nicht am Zoom! Den Quatsch von Freud habe ich vorhin schon erklärt. Ewig hält sich auch die Meinung, dass die Grösse des Penis eine Rolle spielt. Dabei heisst es doch: Size doesn’t matter. Die Grösse spielt keine Rolle, ob man ein guter Liebhaber ist. Viel wichtiger ist, wie man ihn einsetzt.

Gibt es den G-Punkt?

Nochmals Quatsch. Grosser Quatsch sogar. Hört auf, ihn zu suchen! Grosses Ausrufezeichen! Die «Cosmopolitan» hat kürzlich eine Story veröffentlicht, dass es den G-Punkt gar nicht geben soll. Das hat mich gefreut. Wir müssen das aber endlich wissenschaftlich untersuchen und bestätigen lassen, von mir aus an der ETH Zürich.

Was ist die häufigste Frage, die Sie von Frauen gestellt bekommen?

Was man tun soll, wenn es beim Geschlechtsverkehr wehtut, obwohl man sich auf den Sex freut. Vor allem ältere Frauen wollen das wissen. Ich empfehle ihnen, eine Salbe zu verwenden, damit es besser gleitet. Und wenn wir gerade bei den über 50-Jährigen sind: Die Älteren müssen lernen, dass sie mit dem Sex nicht erst bis am Abend warten. Denn dann sind sie bereits zu müde. Deshalb empfehle ich Sex gleich nach dem Frühstück. Was gibt es Schöneres, als nach einem guten Schlaf aufzustehen, zu duschen, gemütlich Kaffee zu trinken und etwas zu essen und danach zusammen zurück ins Bett zu steigen. Morgens haben die Männer leichter eine Erektion. Auch für die Jüngeren lohnt es sich: Wenn die Kinder in der Schule sind, gehts zusammen zurück ins Bett!

Was fragen die Männer am häufigsten?

Warum die Frauen nicht so häufig Sex wollen wie sie. Was gar nicht wahr ist! Wenn die Beziehung und der Sex gut sind, haben sie genauso Lust. Wenn sie sich hingegen hassen, dann … forget about sex! Wenn es bei einem sich liebenden Paar aber ein Ungleichgewicht in den Bedürfnissen geben sollte, ist das kein Problem. Es gibt genug Möglichkeiten, um dem Partner oder der Partnerin einen Orgasmus zu schenken, auch ohne Geschlechtsverkehr, auch ohne Erektion. Dem Menschen stehen Hand, Mund und auch ein Vibrator zur Verfügung. Wenn Sie genug Zeit haben, erzähle ich Ihnen eine Geschichte dazu.

Ich habe Zeit.

Es gibt einen Vibrator, der wurde von einem Schweizer erfunden. Er erfand die elektrische Zahnbürste. Von der Zahnbürste zum Vibrator, das fand ich witzig und habe ihn promotet. «Eroscillator» hiess er. (Lacht.) Es gibt so vieles, das Spass bereitet. Kennen Sie das Brettspiel ‹Dr. Ruth’s Game of Good Sex›? Da beantworten Sie lustige Fragen über Sex, und am Ende haben Sie Freude aneinander. Nicht nur dasitzen mit einem langen Gesicht, sondern freuen Sie sich, dass Sie eine Partnerin oder Partner haben. Lachen Sie! Auch beim Sex.

Was ist der grösste Liebeskiller?

Langweile. Fantasie hilft dagegen – mit dem Skilehrer rauf und wieder runter. Aber nie mit dem Nachbarn! Das ist zu gefährlich, weil es wahr werden könnte. Oder wählen Sie mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner eine andere Umgebung. Liebe kann man auch auf allen möglichen Möbelstücken machen, auf dem Tisch, überall. Bitte in Grossbuchstaben: ÜBERALL!

Dr. Ruth Westheimer, wir danken Ihnen für das Interview.

Ich verrate Ihnen nun noch etwas: Die Schweizer haben beim Sex die Nase weit vorne. Weil sie Ski fahren und nicht nur faul herumsitzen. Couch-Potatoes, die den ganzen Tag auf dem Sofa liegen, haben viel weniger Lust auf Sex.