Vom Fiebergepackt | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Porträt

Vom Fiebergepackt

Kaspar Tribelhorn (37) tritt seit über zehn Jahren als Starjongleur auf. Es ist sein Ziel, andere mitseiner Leidenschaft anzustecken.

TEXT
FOTOS
Valentina Verdesca
06. August 2021
Ganz in seinem Element: Am liebsten lässt der Starjongleur die Kegel fliegen. «Es spielt keine Rolle, was du tust. Wichtig ist, wie du es tust!»

Ganz in seinem Element: Am liebsten lässt der Starjongleur die Kegel fliegen. «Es spielt keine Rolle, was du tust. Wichtig ist, wie du es tust!»

Unter den hohen Decken drängen sich Requisiten auf säuberlich geordneten Regalen. Bälle, Kegel, Säbel, Fackeln, sogar eine kleine Kettensäge – wenn sie gerade nicht durch die Luft wirbeln, kommen sie auf ihrem angestammten Platz zur Ruhe. Gekleidet im roten Hemd und schwarzen Hut, die er unlängst zu seinen Wiedererkennungsmerkmalen gemacht hat, steht Kaspar Tribelhorn inmitten seines Reiches. Er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Schliesslich hat er gerade die Gele-genheit, über seine Leidenschaft zu sprechen. Ob auf der Strasse, der Kleinkunstbühne oder auf gebuchten Firmen-Events – der gelernte Elektroingenieur hat als Jongleur schon über 1000 Auftritte hinter sich. Doch Kaspar Tribelhorn ist mehr als «nur» ein Strassenkünstler. Als Buchautor und Workshop-Host hat er es sich zurBerufung gemacht, jeden, der interessiert ist, mit seinem Fieber zu infizieren. Denn: «Jonglieren macht Spass und ist gesund!»

«Es spielt keine Rolle, was du tust. Wichtig ist, wie du es tust!»

 

Mit 16 schaut er sich das Jonglieren bei einem Freund ab. Von da an ist es um ihn geschehen. Er fängt an zu üben wie ein Besessener, lernt immer neue Tricks und taucht in die Szene ab. «Das Schöne am Jonglieren ist: Es hört nie auf!», meint der Aargauer, «es gibt immer etwas zu verbessern, immer einen neuen Trick zu lernen.» Mit dieser bedingungslosen Hingabe perfektioniert Tribelhorn sein Handwerk. Lange betreibt er sein liebstes Hobby ausschliesslich zum Spass. Doch als er auf einem Festival eine fesselnde Strassenkunst-Show miterlebt, sieht er seine Berufung auf einmal klar vor sich: «Nach zehn Jahren war ich technisch gesehen so gut, dass es mich wundernahm, ob ich nicht auch eine Show machen könnte.»Tribelhorn nimmt sein Herz in die Hand, kündigt seinen sicheren Job und reist nach Köln. Sein Ziel: Auf den Strassen die Massen mit seinen Kunststücken zu beeindrucken und zu unterhalten. Doch die deutsche Grossstadt entpuppt sich als hartes Pflaster.

«Obwohl ich eigentlich schon ein guter Jongleur war, blieb einfach niemand stehen», lacht er. «Zum Glück hatte ichgelesen, dass man als Strassenkünstler mindestens 100 Auftritte braucht, um auch nur annähernd zu verstehen, worum es geht. Also bin ich am nächsten Tag wieder raus.» Am Ende des zweiten Tages fischt er knapp vier Euro aus dem Hut und schöpft neue Hoffnung. Zu Recht, denn mit jedem Auftritt wächst nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch sein Publikum.

Dabei muss er schnell feststellen, dass möglichst schwierige und waghalsige Tricks nicht immer den Nerv der Passanten treffen: «Es spielt keine Rolle, was du tust. Wichtig ist, wie du es tust!» Das Jonglieren sei das eine, die Leute dafür zu begeistern, das andere. Unterdessen hält er sich vor allem zu Beginn der Show etwas zurück und spielt lieber mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Das überträgt sich auch auf die gebuchten Auftritte, die ihm seine steigende Popularität mit der Zeit ermöglicht. Er sagt sich dabei: «Die Auftraggeber könnten ja auch einfach eine Leinwand aufbauen und Cirque-de-Soleil-Clipsspielen lassen. Also muss ich den Unterschied machen.» Diesen Unterschied sieht Tribelhorn im gemeinsamen Erlebnis. Jedes Mal aufs Neue muss er sich auf eine neue Gruppe einlassen und spüren, wie er sie abholen kann. Das Jonglieren an sich ist also nicht das einzige Handwerk, dass der Starjongleur auf seinem Werdegang perfektionieren musste.

Vom Künstler zum Autor

Die Auftritte auf der Strasse und an gebuchten Events bestimmten vor der Pandemie den Alltag des Starjongleurs. So stressig dies auch gewesen sein mag, die Begeisterung für sein Handwerk kam Tribelhorn nie abhanden. Die Bühne ist zwar mit viel Druck und Nervosität verbunden, doch wenn er für sich trainiert, hat das Jonglieren einen fast schon meditativen Effekt. Tatsächlich ist wissenschaftlich belegt, dass die Jonglage wirksam den Stress abbaut und die Hand-Auge-Koordination fördert. Kein Wunder also, dass es Tribelhorn ein Anliegen ist, seine Leidenschaft mit anderen zu teilen. «Ich habe praktisch alle Bücher auf Deutsch und Englisch zum Thema Jonglieren gelesen. Bei allen fand ich den Inhalt mangelhaft oder die Umsetzung einfach nicht ansprechend.» Es frustriert ihn, dass viele interessierte Jongleure zwar motiviert an die Sache herangehen, aber wegen der schlechten Anleitungen das Interesse verlieren. Als Tribelhorn einen Illustrator kennenlernt, bietet sich ihm die ideale Möglichkeit, das zu ändern. Er setzt sich an eine ausführliche Anleitung. Trick für Trick und Tipp für Tipp und mit ganz viel Liebe zum Detail füllen sich die Seiten mit Text und Bildern. Das fertige Buch mit dem Titel «Jonglieren – so einfach wie noch nie!» ist seither auf seiner Website erhältlich (starjongleur.ch).

Für Tribelhorn, der in Zeiten der Pandemie nicht mehr auftreten darf, stellt es eine willkommene Nebeneinnahmequelle dar. «Ich höre die Leute immer sagen, sie hätten kein Talent fürs Jonglieren. Das stimmt einfach nicht! Jeder normalbegabte Mensch – und das ist eine sehr breite Masse – kann das lernen.» Mit seiner Anleitung soll es am schnellsten gehen. Ob das stimmt? Es gibt nur einen Weg das herauszufinden. 

Ganz in seinem Element: Am liebsten lässt der Starjongleur die Kegel fliegen. «Es spielt keine Rolle, was du tust. Wichtig ist, wie du es tust!»