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Vom Winde verweht

Caro Glauser und ihr Freund Devon Rooschüz haben sich vom sicheren Hafen ihrer Jobs verabschiedet und segeln seit einem Jahr durch die Welt – manchmal auch gegen Wind und Wetter.

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Instagram (the_Kalli_kru)
17. Mai 2021

Normalerweise hätte es mehr Boote, die durch das kalte Wasser vor der Küste Menorcas segeln. Doch wegen Corona ist nichts mehr normal, auch nicht draussen auf dem Meer. Und so kann es manchmal einsam werden, sagt Caroline Glauser (29), die mit ihrem Freund, dem Südafrikaner Devon Rooschüz (30), seit über einem Jahr mit dem eigenen Segelschiff Kallisto unterwegs ist. Landgänge bieten immerhin die nötige Abwechslung. Manchmal werden sie beim Segeln auch von Delfinen begleitet oder von Schwertfischen, die sich bei ihren Luftsprüngen von der schönsten Seite zeigen. Und dann ist da noch Pablo, der vor ein paar Wochen in Mallorca «zugestiegen» ist: Pablo ist ein dreijähriger Mischling und fristete zuvor ein eher unglückliches Dasein im Tierheim. «Hier auf dem Boot scheint er zufrieden zu sein», sagt Caro, wie sie sich der Einfachheit halber selber nennt.

Die Aargauerin machte einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und arbeitete in der IT-Abteilung einer Grossbank in Zürich. Das Team war toll, das Pendeln, das Grossraumbüro und der tägliche Trott hingegen weniger. Umso besser, dass ihrem Freund, einem Chief Officer auf einer Motorjacht, den sie bezeichnenderweise beim Backpacking kennengelernt hatte, ebenfalls nach Abenteuer war. Also entschlossen sie sich, ihre sicheren Jobs zu kündigen und die Welt fortan mit dem Segelschiff zu erkunden. Der Zeitpunkt war – wenn auch zufällig – perfekt gewählt: Normale Reisen wären wegen Covid-19 schwierig geworden. Mit dem eigenen Boot, das sie zuvor monatelang umgebaut hatten, konnten und können sie hingegen ihr Fernweh problemlos stillen – wenn auch vorläufig «nur» im Mittelmeer. «Gerne wären wir im vergangenen Winter in die Karibik gesegelt», sagt Caro, «doch wegen der unsicheren Lage, was Corona anbelangt, schlugen wir das Winterquartier vor der Küste Mallorcas auf.»

Am Anker statt im sicheren Hafen

Dieses haben sie mittlerweile abgebrochen, um die Insel Menorca anzusteuern. Danach gehts nach Sardinien, weitere Destinationen könnten Tunesien, Griechenland und Zypern sein. Die Karibik steht erst kommenden Winter auf dem Programm. Eile hat das schweizerisch-südafrikanische Seglerduo keine, auch weil es bis jetzt viel weniger Geld benötigte als budgetiert. «Das war vielleicht die grösste Überraschung», sagt Devon, «am teuersten sind die Reparaturen, die immer wieder nötig werden.» Das Essen hingegen ist sehr billig, wenn man sich die Schweizer Preise gewohnt ist. Zudem vermeiden es die beiden, einen Bootsliegeplatz im Hafen zu mieten. Lieber legen sie ihr Boot draussen vor der Küste an einer möglichst windgeschützten Stelle an den Anker.

«Manchmal schaukelt es trotzdem ganz schön», sagt Caro, «dann ist nicht daran zu denken, dass man die Nacht ruhig durchschläft.» Vielmehr muss man bei stürmischen Zeiten ständig auf der Hut sein. Schon mehrmals hat die Kraft der Natur den Anker der Kallisto losgerissen, eine App schlägt dann sofort Alarm und zeigt an, wie weit man sich vom ursprünglichen Ort entfernt hat. «Das geht rasend schnell», hat Devon die Erfahrung gemacht, «einmal hatten wir uns innert weniger Sekunden um 250 Meter verschoben!»

Schönwettersegler sind Caro und Devon zwar nicht gerade, aber ihre Lust auf meteorologisch stürmische Verhältnisse hält sich doch in Grenzen. «Wenn möglich versuchen wir, ihnen auszuweichen», sagt sie. Das gelingt meist, aber nicht immer. Die unangenehmste Situation erlebten sie im vergangenen Oktober, als ein Sturm das Boot sowie die Nerven der beiden einer gehörigen Belastungsprobe unterzog.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Zuvor waren sie wochenlang friedlich durch die Kanäle und das Landesinnere Frankreichs getuckert und hatten beispielsweise den Eiffelturm vom Wasser aus bewundert. Als sie dann wieder vom Fluss aufs Meer wechselten und Richtung Spanien steuerten, wurden sie im Golf von Lyon von einem Sturm überrascht.

«Nichts hatte darauf hingedeutet», erinnert sich Devon, «die Wetteraussichten waren perfekt.» Plötzlich kam jedoch Wind auf, der immer stärker blies und schliesslich Spitzengeschwindigkeiten von 42 Knoten erreichte, was umgerechnet 78 Stundenkilometern entspricht. Die Folgen waren vier Meter hohe Wellen, die sich über dem Schiff auftürmten. «Es war, um ehrlich zu sein, nicht sehr angenehm», beschrieben sie die Situation, die sie aber heil überstanden, in ihrem Blog.

Insgesamt überwiegen jedoch die angenehmen Erlebnisse, die sie auf ihrer Reise machen. Wie lange diese über den nächsten Winter hinaus noch dauern wird, darauf wollen sie sich nicht festlegen. «Wir setzen uns keine Limite», sagen die beiden unisono, «dafür gefällt es uns zu gut.»