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Von Afrika nach Arosa

Er ist der erfolgreichste Schweizer Eishockeytrainer der Geschichte. Nun steigt er ins Hotelgeschäft ein. Weshalb HCD-Legende Arno Del Curto nach Arosa zieht.

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sven thomann/freshfocus, keystone
03. Mai 2021
Arno Del Curto (hier in St. Moritz GR) bezieht bald AHV, aufs Rosenzüchten hat er aber noch keine Lust.

Arno Del Curto (hier in St. Moritz GR) bezieht bald AHV, aufs Rosenzüchten hat er aber noch keine Lust.

Eigentlich wäre nun seine schönste Jahreszeit – wenn im Eishockey der Meistertitel ausgespielt wird, wenn sich Sieger von Verlierern trennen und der Ertrag einer ganzen Saison eingefahren wird. Mit dem HC Davos gewann Arno Del Curto zwischen 2002 und 2015 sechsmal den wichtigsten nationalen Titel. Während 22 Jahren stand er an der Bande des Traditionsklubs – im schnelllebigen Eishockeysport eine Unendlichkeit. Doch nun sagt der 64-jährige Bündner schon zur Begrüssung: «Ich habe mit Eishockey nichts mehr zu tun. Rein gar nichts. Ich kann gut ohne diesen Sport leben.»

Ständig auf Achse

Ab kommendem August erhält Del Curto die AHV. Doch mit dem Rentnerleben wird es für den Vater zweier erwachsener Kinder nichts: «Ich habe eine Sitzung nach der anderen – und bin fast ständig auf Achse.» So ist es unverändert schwierig, vom Engadiner einen verbindlichen Interviewtermin zu erhalten. Denn was früher galt, ist auch heute noch so: Arno Del Curto ist meistens da, wenn man ihn nicht erwartet; will man ihn aber sehen, schwebt er irgendwo im Orbit.

Doch dieses Mal klappt es mit dem Gespräch. Und die Neuigkeiten, die der Bündner überbringt, besitzen das Potenzial für eine grosse Saga oder mindestens für eine kleine Seifenoper: Del Curto, der sich noch im reifen Alter das Klavierspielen selber beibrachte und die Mondscheinsonate von Beethoven mit meisterlicher Präzision spielt, erfindet sich nochmals neu. Er will dem legendären Posthotel in Arosa GR neues Leben einhauchen – ausgerechnet in Arosa, dem historischen Rivalen seines langjährigen Arbeitgebers HC Davos. Im Dezember 2016 bei einem Brand vollständig zerstört, hat das bekannte Gasthaus eine grosse Lücke an der Oberseepromenade hinterlassen. Nun wird diese geschlossen. Schon bald sollen die Bagger auffahren – geht alles nach Plan, steht 2023 am See das neue Posthotel. Zum Zeitpunkt der Lancierung sagt Del Curto: «Eine Krise bietet immer auch Chancen. Und die wollen wir nutzen.»

Der Mann hat nach seinem jähen Ende in Davos und dem glücklosen Engagement bei den ZSC Lions wieder Lebensgeist und Motivation getankt. Mit der Autorin Franziska K. Müller arbeitet er derzeit an einem Buch, das seine persönliche Geschichte «auf pointierte Weise» nachzeichnet. Und daneben ist Del Curto zusammen mit dem Unternehmer Danko Baschura an einem Start-up beteiligt, das Glasabfall zu hochwertigem Baumaterial (Dämmbeton) recycelt, die Abfallberge reduzieren und den Müll zu Gebäuden, Strassen und Lifestyle-Produkten veredeln soll: «Vielleicht können wir damit zu einem bewussteren Lebensstil beitragen.»

Der Zuhörer staunt. Aber Del Curto entkräftet alle Zweifel: «Ich war vor meiner Trainerkarriere im normalen Leben tätig – und bin es jetzt wieder.» Damit sagt Del Curto nicht die ganze Wahrheit. Denn «normal» war bei ihm kaum je etwas. Schon früh musste er Tiefschläge einstecken – auf wie neben dem Eis. Als Spieler bedeutete für ihn ein komplizierter Fussbruch mit 21 Jahren das Karriereende. Und auch als Unternehmer leistete er sich einen Misstritt. Zu seiner Zeit als Trainer beim Erstligaklub Küsnacht lancierte er eine Telefonmarketingfirma und schien auf dem Weg zum Durchbruch. Doch ein Mitarbeiter veruntreute Kundengelder und hinterliess Schulden von 250 000 Franken.

«Eine Krise bietet auch immer Chancen.»

Arno Del Curto

Spiegelei statt Fleisch als Menü

Del Curto stand am Abgrund. Doch er konnte seinen Vater überreden, die Hypothek auf das Familienhaus um eine Viertelmillion aufzustocken. Dank dieser Hilfe stotterte er die Schulden quasi vom eigenen Teller ab: «Ich ass Reis mit Spiegelei statt Fleisch. Und eine Zeitlang hatte ich nicht einmal genug Geld, um einen Kaffee zu bezahlen. Diese Erfahrung hat mich bescheiden gemacht und mental gestärkt», sagt er. Schon davor lief nicht alles nach Plan. Del Curto besuchte die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) in Horw bei Luzern mit Schwerpunkt Finanzen. Doch später entschied er sich, das Glück im Eishockey zu suchen. Als er im Alter von zwanzig Jahren für die Grasshoppers spielte, ermöglichte ihm der Präsident Albert Knecht jun. im Sommer ein Praktikum als Lohnbuchhalter in Nigeria. Als der Finanzchef in die Schweiz zurückgerufen wurde und nicht mehr auftauchte, war Del Curto plötzlich Chefbuchhalter einer Firma mit 800 Angestellten. Statt drei Wochen blieb er neun Monate in Kaduna.

Seine nächste Aufgabe geht Arno Del Curto nun mit demselben Engagement an, wie er einst an der Bande gestanden hatte. Wenn er vom Hotelprojekt in Arosa erzählt, gerät er ins Schwärmen: «Das neue Posthotel wird aus 30 bewirtschafteten Hotelsuiten mit je dreieinhalb Zimmern, einem grossen Spa und einem exklusiven Gastrobereich bestehen.» Und überhaupt: «Arosa ist einfach wunderschön!»

Das wirtschaftliche Fundament verspricht mehr als halbe Sachen. Senior-Partner von Del Curto ist Marcel Niederer (60), mit dem EHC Biel einst selber zweimal Meister und später als Sponsor der Tennisspielerin Belinda Bencic einer der wichtigsten Sportförderer des Landes. Nun tut er sich mit seinem alten Sportkollegen zu einem kongenialen Duo zusammen – mit klarer Rollenverteilung: Del Curto steht als Gesicht im Schaufenster und bringt sein Netzwerk ins Projekt ein; Niederer managt das Bauprojekt.

Aus Rivalen wurden Freunde

Der Relaunch des Posthotels ist eine Story von historischer Dimension. Die Geschichte des Hauses geht bis ins Jahr 1928 zurück. Damals wurde auf Initiative der PTT beim Bahnhof das topmoderne Hotel errichtet – unter anderem, um darin eine geografisch gut gelegene Poststelle unterzubringen. Nach sechs Jahren Unterbruch soll diese Tradition wieder aufleben. Und eine bessere Besetzung als Arno Del Curto als Frontfigur kann man sich nicht vorstellen. Denn mit alten Aroser Rivalen wie Guido Brun, Pietro Cunti, Beni Neininger oder Guido und Markus Lindemann verbindet ihn heute eine enge Freundschaft, die auch durch harte Duelle auf dem Golfplatz nicht gefährdet wird. Und als Sportsmann weiss er aus erster Hand, wie man nach Niederlagen aufsteht und einen Phönix aus der Asche zum Fliegen bringt.