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Interview

Von Drachen und Prinzessinnen

Es war einmal ... das Märchen. Kinder betreten mit den uralten Erzählungen eine Zauberwelt, die sie in ihrer Entwicklung stärken kann, sagt die langjährige Märchenerzählerin Elisa Hilty.

21. Mai 2021

Elisa Hilty, wann haben Sie Ihre Liebe zu Märchen entdeckt?

Sie wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Während meine Mutter mit mir in Erwartung war, hat sie sieben Märchen geschrieben. Meine Eltern waren sehr offen für Literatur und haben mir viel vorgelesen. Später habe ich dann selbst Märchen verschlungen, auch in der Pubertät noch. Ich hatte ein Ritual, nämlich bis zur letzten Seite zu lesen und dann das Licht zu löschen, damit mich das Märchen in den Traum begleitet.

Wie wurde das Märchenerzählen zu Ihrer Berufung?

Als ich vor etwa vierzig Jahren an einem Schulbazar ein Märchen erzählte, kam eine Mutter auf mich zu und fragte mich, wie ich eine derart grausame Geschichte vortragen könne. Die Frage liess mich nicht mehr los und ich habe mich in der Folge intensiv mit Märchen aus aller Welt und ihren Hintergründen auseinandergesetzt und die Faszination für diese bildhaften Geschichten hält bis heute an.

Warum können sich gerade Kinder so sehr für Märchen begeistern?

Weil die Geschichten das magische Denken widerspiegeln, das Kindern eigen ist. Ich staune immer wieder, wie mühelos sie sich in der zauberhaften Welt der Märchen zurechtfinden. Sprechende Tiere, Tische, die sich von selbst decken – ein Kind benötigt keine rationale Erklärung für diese Wunder. In seiner Fantasie ist alles mit Leben erfüllt oder beseelt. Märchen bestätigen die Kinder durch die sprachlichen Bilder, das ist wichtig für ihre Entwicklung.

Könnte man sogar sagen, dass Kinder Märchen brauchen?

Unbedingt sogar. Wie keine andere Literaturgattung schafft das Märchen Ordnung in der kindlichen Gefühlswelt und bietet durch den dargestellten Leidens- und Erlösungsweg Entwicklungshilfe an. Oft ist die Hauptfigur mit einem Kind besetzt, das Not erlebt und sich Gefahren stellen muss. Damit kann ein Kind sich identifizieren, da es während seines Heranwachsens mit natürlichen Ängsten zu kämpfen hat. Am Ende geht die Geschichte aber gut aus, Märchen machen also Mut und zeigen dem Kind, dass schwierige Situationen überwunden werden können. Ausserdem erhält die Hauptfigur stets Hilfe von unerwarteter Seite, das Kind erfährt also auch «du bist nicht allein», was ungemein tröstlich ist und Zuversicht schenkt.

Grausamkeit ist in Märchen omnipräsent, wie geht das Kind damit um?

Märchen sind kein Zuckerguss, das stimmt. Aber Kinder verstehen instinktiv, dass das Böse existiert und somit zum Leben dazugehört. Ausserdem nimmt das Kind dies im Märchen anders wahr als ein Erwachsener: Die neiderfüllte Stiefmutter von Schneewittchen, die am Ende in heissen Eisenschuhen tanzen muss, sieht es nicht als leidende Frau, sondern als das personifizierte Böse, das seine gerechte Strafe erhält. Deshalb ist das gute Ende im Märchen so wichtig: Das Kind erhält dadurch die Sicherheit, dass das Gute trotz allem stärker ist, was Ordnung in die kindliche Welt bringt. Dennoch sind Märchen nicht moralisch, sie zeigen einfach menschliche Erfahrungen auf.

Wie lässt sich denn das Konzept von Vergehen und Strafe mit moderner Erziehung vereinbaren?

Bleiben wir bei Schneewittchens Stiefmutter: Sie verübt vier Mordanschläge auf das unschuldige Mädchen. Kinder verstehen instinktiv, dass das falsch ist, und wünschen sich, dass diese Taten Konsequenzen haben. Erwachsene sehen aber auch noch einen anderen Aspekt: Der Tanz in Eisenschuhen entspricht der Erkenntnis, etwas Schlechtes gemacht zu haben. Diese Instanz, das Gewissen, tragen wir alle in uns. Märchen geben Lebensbilder und zeigen den innigen Wunsch auf, Bestätigung für unsere Taten zu erhalten, seien sie gut oder böse.

Wie findet ein Kind den Zugang zu Märchen?

Indem die Eltern regelmässig vorlesen oder auch frei erzählen. Für den Anfang eignen sich kurze Märchen wie Rotkäppchen oder der Wolf und die sieben Geisslein wunderbar. Und möchte ein Kind ein bestimmtes Märchen immer wieder hören, wurde die Liebe zu dieser seelischen Vollwertnahrung geweckt. Ganz wichtig finde ich, dass die Märchenbücher keine Bilder enthalten. Diese wurden von Erwachsenen geschaffen und verwehren dem Kind, seine eigene Vorstellung zu entwickeln. Ein Ritual wie eine Märchenkerze, die zu Beginn angezündet und als Abschluss ausgeblasen wird, ist eine Möglichkeit, dem gemeinsamen Erlebnis noch mehr Bedeutung zu schenken.

Elisa Hilty, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Am 26. Mai findet der vierte Schweizer Vorlesetag statt. Mit vielen Aktionen soll das Bewusstsein für das Thema geschärft werden. Mehr Infos unter: www.schweizervorlesetag.ch

Elisa Hilty (72)

Märchenpädagogin

«Märchenbücher sollten keine Bilder enthalten.»