Die Kür der Kur | Coopzeitung
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Titelgeschichte

Die Kür der Kur

Früher stiegen die Menschen für die heilende Wirkung des Thermalwassers in dunkle Schluchten. Heute geht es bequemer: Wellnesstempel laden zum Baden ein.

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Christoph Kaminski
06. Dezember 2021

Gross muss die Verzweiflung gewesen sein, dass sich die Menschen im Mittelalter überhaupt auf diesen «schrecklichen Ort tiefster Verlassenheit», wie er gerne genannt wurde, einliessen: die Tamina-Schlucht oberhalb von Bad Ragaz SG. Schon der Weg dorthin war gefährlich. Wegelagerer machten die Gegend unsicher, Steinschlag war eine ständige Bedrohung. Aber es gab dort eine heisse Quelle und die versprach Kranken Heilung. So begaben sie sich zu Tausenden zur engen und dunklen Schlucht, wo sie in Körben mit Seilwinden zum warmen Nass hinabgelassen wurden. Bis zu zehn Tage mussten sie an diesem Unort ununterbrochen im 36,5 Grad blutwarmen Wasser verweilen, damit sich die Haut – so die Idee – auflöste und die giftigen Stoffe entweichen konnten. Es ist nicht überliefert, wie viele diese radikale Kur überlebten, aber offenbar gab es doch auch solche, die wieder gesund wurden und berichteten, welch wundersame Wirkung das Thermalwasser hätte. Jedenfalls kamen immer mehr Heilungssuchende nach Ragaz, weshalb 1872 das erste Thermalbad gebaut wurde.

Auch andere Quellen, etwa in Baden oder St. Gallen, machten sich die Menschen zunutze. In der ganzen Schweiz stieg die Zahl der Badeorte stetig an, wobei nicht mehr alle Besucher nur auf der Suche nach Genesung waren: Viele wollten auch relaxen, wie man heute sagen würde. «Es entwickelte sich in der Folge ein derartiger Luxus», heisst es im «Schweizer Bäderbuch» von 1926, «eine solche Vergnügungssucht und ein so leichtes Leben, dass Kirche und Staat gezwungen waren, strenge Massregeln zu ergreifen.» Auch in der Tamina-Schlucht wurde durchgegriffen: Ein Mann namens Rudi Teller war schon 1479 wegen Ehebruchs im Bad verurteilt worden und entging der Todesstrafe nur, weil seine Gattin «vorgerückten Alters» war.

Die Schweiz auf Platz 15

Heute haben sich die Gesetze längst geändert und die Beliebtheit der Thermal- und Mineralbäder ist grösser denn je. Das in Florida beheimatete Global Wellness Institute wies in einer Erhebung vor der Corona-Pandemie weltweit eine Wachstumssteigerung in diesem Sektor von jährlich fünf Prozent aus. Mit 73 Einrichtungen, die Thermalquellen nutzen, und Einnahmen von einer halben Milliarde Franken rangiert die Schweiz im globalen Vergleich an 15. Stelle; Spitzenreiter waren zu jenem Zeitpunkt China, Japan und Deutschland.

«Thermalbaden trägt zur Schmerzlinderung, Erholung und Entspannung bei.»

Matthias Fenzl, Balneologe

Corona bedeutet eine Zäsur in dieser Entwicklung, allerdings nur eine vorübergehende, wie es aussieht. Zwar machten die beiden Lockdowns ihren Betreibern zu schaffen, doch Sommer und Herbst entwickelten sich sowohl 2020 als auch in diesem Jahr «wieder prächtig», wie Claudio Duschletta vom «Bogn Engiadina» in Scuol GR bestätigt. Das Thermalbad Zurzach im Aargau, die grösste Freilufttherme der Schweiz, verzeichnete letztes Jahr wegen der Pandemie einen Gästerückgang um einen Drittel; statt des erwarteten Gewinns gab es einen Verlust von 1,9 Millionen Franken. Für die Monate Mai bis September wurden jedoch bereits wieder Rekordwerte bei den Besucherzahlen verzeichnet. Die Menschen wollen ganz offensichtlich nicht auf die wohltuende Wirkung des Thermalwassers verzichten.

«Den Drang nach alternativen Möglichkeiten, die Körper und Geist fit halten, können wir bestätigen», sagt Josef T. Molnar, der mit den Aqua-Spa-Resorts sechs Bäder vermarktet – so auch das Mineralbad in Samedan GR im Oberengadin. 25 000 Gäste pro Jahr zählt das vielleicht ungewöhnlichste Bad der Schweiz, das 2010 in einem ehemaligen Coop-Laden kunstvoll vom bekannten Basler Architekturbüro Miller & Maranta eingerichtet wurde. Auf vier Stockwerken sorgen glasierte Mosaikplatten und ausgeklügelte Lichtöffnungen für eine mystische Stimmung. Das Wasser stammt aus einer Quelle in 35 Metern Tiefe und muss aufgeheizt werden; Thermalwasser hingegen hat, um als solches bezeichnet werden zu dürfen, mindestens 20 Grad warm zu sein. Eine heilende Wirkung wird beiden nachgesagt. Das Mineralwasser in Samedan ist schwefelhaltig und soll insbesondere die Regenerationskraft des ganzen Organismus anregen.

Von der positiven Wirkung des Thermalwassers ist auch Matthias Fenzl (60) überzeugt. Der Sportwissenschaftler ist im Medizinischen Zentrum und in der «Tamina Therme» in Bad Ragaz tätig und nutzt, wie er sagt, «Thermalwasser auch für Eigenerfahrungen». Fenzl bezeichnet sich als gut vernetzt mit der Balneologie, der Lehre von der therapeutischen Anwendung natürlicher Heilquellen. «Leider wird sie in der modernen Medizin gering geschätzt», bedauert er, «die niedrigen Reizstärken des Thermalwassers finden oftmals keine Anerkennung.» Dabei hätten auch geringe Reizdosen eine positive Wirkung auf den Organismus. «In unserer schnelllebigen Zeit hat der nachhaltige Genesungsprozess keinen Platz.» Lieber greift man zum schnell wirkenden Medikament.

Balneologie ist kein Hokuspokus

Fenzl hat zahlreiche Krankheitsfälle begleitet, in denen sich bei den Patientinnen und Patienten der Besuch des Thermalbads positiv ausgewirkt hat. «Ich erinnere mich an einen Fall mit chronischer Stressbelastung sowie Problemen beim Ein- und Durchschlafen. Zweimal Baden pro Woche reichte bereits, um sich vom Alltagsstress zu befreien.» Denn die Stimulation der Haut durch die permanenten Wasserschwankungen und den Wasserdruck hätten eine beruhigende Wirkung. Die Wärme des Thermalwassers wirkt entspannend, der Auftrieb schmerzlindernd – weshalb er besonders Personen mit rheumatischen Beschwerden eine Wassertherapie empfiehlt.

Fenzl legt Wert darauf, dass er den Methoden der Wissenschaft verpflichtet sei, die Balneologie also nicht irgendein Hokuspokus sei. «Die Wissenschaft bestätigt bei vielen Erkrankungen die Erfahrungen des Bäderwesens: nämlich dass Thermalbaden die subjektive Befindlichkeit bessert und zur Schmerzlinderung, Erholung und Entspannung beiträgt.»

Ob heute im Mineralbad Samedan ...

... oder um 1820 im Verenabad in Baden: Warmes Wasser wirkt wohltuend.

Zwar will gut Ding Weile haben, wie Fenzl sagt: Er sieht den nachhaltigsten Effekt in der Kurmedizin, zu der das Baden in Thermalgewässern gehört, denn auch in einem Zeitrahmen von drei bis vier Wochen. Aber sieben Tage am Stück wie früher in der angsteinflössenden Tamina-Schlucht müsse man dabei nicht im Wasser verharren. Im Gegenteil, kürzere Zeiten sind angesagt: «In Bädern zwischen 34 und 36 Grad sollte man idealerweise eine Stunde bleiben.»

Die Stresshormone nähmen dann am stärksten ab, ohne das Herz übermässig zu belasten. Nicht zu unterschätzen sei auch die Wirkung von Wechselbädern, die das Immunsystem stimulieren würden. Der Balneologe empfiehlt darum, 38 bis 39 Grad warme Bäder mit kalten abzuwechseln. Und schliesslich werde mit einem Thermalbad generell das Wohlgefühl gefördert, gerade auch bei Paaren. Fenzl: «Ich finde es jedes Mal ein Aha-Erlebnis, wenn sich Paare in Wellenform und völlig entspannt gegenseitig durch das Wasser ziehen und so auch ihre Zweierbeziehung formen.»

«In Bädern zwischen 34 und 36 Grad sollte man idealerweise eine Stunde bleiben.»

Matthias Fenzl, Balneologe

Wie wichtig genau dieses Sich-Wohlfühlen für die Gäste in einem Thermalbad ist, wissen dessen Betreiber längst. Ein modernes Thermalbad ist heute ein architektonisch herausragender Wellnesstempel, zu dem auch Sauna, Spa sowie ein Gastro-betrieb mit gesundem Essen gehören. Beste Beispiele dafür sind die «7132Therme» in Vals GR oder die «Tamina Therme» im Kurort Bad Ragaz. Und seit Neuestem auch die Wellness-Therme «Fortyseven» in Baden AG, die im November ihre Pforten öffnete; sie heisst so, weil das Wasser mit einer Temperatur von 47 Grad aus dem tiefen Innern der Erde emporsteigt, wo es zwischen 4000 und 12 000 Jahren lagerte.

Auf dem langen Weg reichert sich das Wasser mit all den Spurenelementen an, die dem Menschen guttun. Die Stadt Baden kann übrigens auf die älteste Bäderkultur der Schweiz zurückblicken: Die Römer förderten diese und bauten  kurz nach der Zeitenwende Aquae Helveticae So hiess die Siedlung auf dem heutigen Stadtgebiet Baden – zu Deutsch: Wasser der Schweiz. Später, im 17. Jahrhundert, musste in Zürich jeder Bräutigam, so erzählt es die Legende, seiner Frau vor der Hochzeit hoch und heilig versprechen, mit ihr regelmässig zu den Bädern in Baden zu reisen. Ein Brauch, den man ruhig wieder einführen könnte. Körper und Seele würden es danken.