Vom Singen in der stillen Nacht | Coopzeitung
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Vom Singen in der stillen Nacht

Musik berührt unser Gemüt. In der Weihnachtszeit ganz besonders. Weihnachtslieder und Christmas-Songs sind denn auch gern gehört – bloss mit dem Selbersingen haperts.

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Illustrationen Corinna Staffe
27. Dezember 2021

Achtung, Familienweihnachtsromantikerinnen und -romantiker, jetzt müsst ihr stark sein. Ganz stark. Es gilt, von einer romantischen Vorstellung Abschied zu nehmen. Von der Vorstellung nämlich, dass die Familien in der Heiligen Nacht quer durch das Land andächtig um den Christbaum sitzen und Weihnachtslieder intonieren – mehrstrophig, zweistimmig, textsicher. Wenn singen, dann am ehesten noch die Klassiker: «Stille Nacht, heilige Nacht» (59 Prozent) und die zwei grossen O: «O du fröhliche» (55 Prozent) und «O Tannenbaum» (44 Prozent). Dies zeigt eine exklusive Umfrage, die die Coop­zeitung in Auftrag gegeben hat. Aber über ein Drittel (37 Prozent) geben an, gar keine Weihnachtslieder zu singen.

Welche Lieder singen Sie zu Weihnachten selber?

  • 37,1 % Ich singe keine Weihnachtslieder
  • 28,4 % Ihr Kinderlein kommet
  • 43,8 % O Tannenbaum
  • 54,6 % O du fröhliche
  • 58,7 % Stille Nacht, heilige Nacht

Weihnachten ohne Lieder? Damit hätte Michael Schuler (51) Mühe. «An Weihnachten zu singen und zu musizieren, ist in unserer Familie Tradition», sagt der Musikchef von Schweizer Radio SRF. Er selber greift dann zur Geige, seine Partnerin, sein Sohn, sein Vater, seine Mutter, notabene eine ausgebildete Sopranistin, seine Schwiegermutter, und wer immer sonst noch zugegen ist, stimmen ein, begleiten sich selber mit Klavier und Flöte. Gesungen werden dann die traditionellen Weihnachtslieder, nicht aber Schulers persönlicher Lieblingssong in dieser Jahreszeit: «Little Drummer Boy» – «eine Wahnsinnsnummer», findet Schuler. Aber das ist typisch: Die Lieder, die man am liebsten singt, sind nicht dieselben, die man am liebsten hört. «Ich kenne jedenfalls niemanden, der zu Hause ‹Last Christmas› singt», sagt Schuler und schmunzelt. Tatsächlich. Wie die Umfrage der Coopzeitung ebenfalls zeigt, führen sich die Befragten nicht am liebsten die traditionellen Weihnachtslieder zu Gemüte, sondern die eher poppigeren Christmas-­Songs, die ab Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden sind. Einzige Ausnahme: Der Überklassiker «Stille Nacht» liegt hier hinter «Last Christmas» auf Platz 2, gefolgt von «Feliz Navidad» und «All I Want for Christmas Is You».

Der Überklassiker «Stille Nacht» liegt hier hinter «Last Christmas» auf Platz 2.

 

Zwischen den traditionellen Weihnachtsliedern und den modernen Christmas-Songs liegen Welten. Die tendenziell langen, getragenen Lieder mit geistlichen Texten stehen eher kürzeren, oft munteren Songs mit positiven, gar witzigen Inhalten gegenüber. Vom (vermutlich) längsten deutschsprachigen Weihnachtslied, dem «Heiligobndlied» aus dem Jahr 1799, sind heute 156 Strophen bekannt – fast so viele wie von Griechenlands Nationalhymne (158). Den kürzesten Christmas- Song hat The A. Y. U. Quartet 2010 eingespielt: Seine Melodie besteht aus zwei Akkorden, sein Text aus zwei Wörtern – «Christmas Song» –, und er dauert eineinhalb Sekunden; weniger lang, als man braucht, um seinen ebenso sinnigen wie geistreichen Titel auszusprechen: «The World’s Shortest Christmas Song» («Das kürzeste Weihnachtslied der Welt»). Der Vergleich ist etwas plakativ, zeigt aber die Richtung. Selbst vom weltweit bekanntesten traditionellen Weihnachtslied «Stille Nacht, heilige Nacht» werden heute nur noch selten alle sechs ursprünglichen Strophen gesungen, man beschränkt sich auf drei – was ja immer noch den Grossteil der Leute überfordert.

Welches Weihnachtslied/welchen Christmas-Song hören Sie am liebsten?

  • 7,2 % All I Want For Christmas Is You
  • 12,9 % Stille Nacht, heilige Nacht
  • 10,6 % Feliz Navidad
  • 13,0 % Last Christmas
  • 6,6 % Little Drummer Boy

Was zeichnet einen erfolgreichen Christmas- Song aus? Wissenschaftlich erhärtete Kriterien kennt auch der Leiter der SRF-Musikredaktion nicht. Doch Michael Schulers Erfahrung sagt: «Die Melodie ist fröhlich und in Dur geschrieben, der Text enthält eine positive Botschaft, ist fantasievoll und Trost spendend.» Dabei ist ausgerechnet der grosse Weihnachtshit der letzten Jahrzehnte die Ausnahme, die die Regel bestätigt: George Michaels Liebeskummer-Song «Last Christmas». Doch der Rest … Gute Laune und Texte aus dem Reich der Fantasie, soweit die Ohren reichen. Die Amerikanisierung der Texte scheint niemanden zu stören. Selbst auf den Schweiz-Playlists hat der Santa Claus das Christkind verdrängt, die Elfe den Engel und das Rentier den Esel.

Die Urmutter aller Christmas-Songs der neueren Generation ist zweifellos Bing Crosbys «White Christmas». Der Amerikaner sang das Lied am 25. Dezember 1941 erstmals öffentlich. Das war gut zwei Wochen nach dem Angriff auf Pearl Harbour und soll tröstlicher Balsam für die an die Front geschickten amerikanischen Soldaten gewesen sein. Und offenbar nicht nur für sie: 50 Millionen Mal verkauft, ist Crosbys «White Christmas» bis heute die meistverkaufte Single weltweit.

Dass liebliche Musik einen positiven Einfluss auf die Gemütslage des Menschen hat, ist wissenschaftlich bewiesen: Sie fördert die Produktion der Glückshormone Serotonin und Dopamin. Dies gilt auch – und besonders – für Weihnachtslieder. Den Beweis dafür liefern die Geburtenregister: In keiner Zeit des Jahres kamen in den letzten 50 Jahren so viele Kinder zur Welt wie Ende September/Anfang Oktober. Rechne!

Nach Crosbys weihnachtlichem Gassenhauer wagten sich immer mehr Interpreten und Inter- pretinnen an Lieder voller Sterne und Rentiere, Schnee- und Weihnachtsmänner. Immer mehr? Nein, eigentlich alle. Kaum einer, der nicht einen jahreszeitlich passenden Song oder gar ein ganzes Album auf den Markt brachte. Eine kleine Auswahl: 1950 kam Frank Sinatra mit «Let it Snow!», 1952 Louis Armstrong mit dem Album «White Christmas», 1957 der King mit «Elvis’ Christmas Album», 1970 beglückten uns Michael Jackson und seine Brüder mit «Jackson’s Christmas Album» (das es in den US-Charts auf Rang 1 schaffte), 1984 Wham! (George Michael) mit «Last Christmas», 1994 Mariah Carey mit «All I Want for Christmas Is You», 2011 waren es Michael Bublé mit «Christmas» und Justin Bieber mit «Mistletoe», 2014 dann Lady Gaga mit «Winter Wonderland», 2015 Helene Fischer mit «Weihnachten», 2016 Heidi Happy mit «Snow Falls On The Patio», 2019 Robbie Williams mit «The Christmas Present» oder 2021 Ed Sheeran & Elton John mit «Merry Christmas».

In seinem Job ist Michael Schuler dafür verantwortlich, welche Musik am Schweizer Radio wann läuft. Auch in der Weihnachtszeit. «Am ersten Advent streuen wir die ersten Weihnachtssongs in unser Programm ein», erzählt er, «etwa einen alle vier Stunden.» Dabei ist der Begriff Weihnachtslied oder Christmas-Song relativ weit gefasst. Oft reicht es, wenn darin von Schnee, Engeln oder Dezember die Rede ist. «Das Stück als Ganzes muss irgendwie Weihnachtsfeeling vermitteln.»

«Am ersten Advent streuen wir die ersten Weihnachtssongs in unser Programm ein. Etwa einen alle vier Stunden.»

Michael Schuler

Auf der Weihnachtsplaylist vor SRF 1 und 3 stehen mehrere Hundert, auf derjenigen der Musikwelle gar rund 2500 Stücke, die dieses Kriterium erfüllen, davon allein 40 Versionen von «Stille Nacht, heilige Nacht». Die 2500 Titel nacheinander zu hören, würde reichen, um fast eine ganze Woche lang ununterbrochen Lieder mit Weihnachtsgroove zu spielen. So weit geht man aber nicht mal bei der Musikwelle. Doch nach dem ersten Advent steigt die Zahl der gespielten Weihnachtstitel nach und nach. Bis Weihnachten: «Dann spielen wir zum Beispiel ab Mittag auf SRF 1 praktisch nur noch Weihnachtsstücke», sagt Schuler. Doch wenn die heiligen Tage vorüber sind, ist wieder elf Monate Schluss damit. Die allermeisten Songs auf der Weihnachtsplaylist sind bis zum nächsten Dezember tabu.

Der in den letzten fünf Jahren meistgespielte Christmas-Song auf SRF 1, 3 und Musikwelle ist übrigens – wen wundert? – «Last Christmas» von Wham!, der auch die Hitliste der Umfrage der Coopzeitung anführt. Lehnen wir uns also getrost zurück und warten auf die Ausschüttung der Glückshormone. Oder wir helfen diesen etwas nach, indem wir nebenstehenden Text von «Stille Nacht, heilige Nacht» ausschneiden, ihn zu Fami- lienweihnachten mitnehmen und dort singenderweise aus voller Brust jubilieren. Auf dass die Familienweihnachtsromantik wieder auflebe – und die stille Nacht etwas weniger stille sei! Stille Nacht, heilige Nacht