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Kulinarik

Kulinarik für Küchenzwerge

Keiner zu klein, ein Slow Foodie zu sein. Deshalb engagieren sich Laura Schälchli und Efa Guggenbühl im Kampf gegen das schnelle Essen. Mit viel Herzblut und einer fleissigen Kindertruppe.

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Stefan Schmidlin
09. November 2015

Im umgebauten Bauwagen erleben die Schüler gemeinsam, wie aus natürlichen Zutaten schmackhafte und gesunde Speisen entstehen.


Slow Food Planet-App

Ende 2010 wurde Slow Food Youth in der Schweiz erstmals von einer Handvoll jungen Menschen ins Leben gerufen. Ziel des Netzwerkes ist es, sich auszutauschen, gemeinsam Projekte zu realisieren und spannende Aktivitäten durchzuführen. Dies können beispielsweise Besuche bei lokalen Produzenten oder Projekttage sein, die zusammen mit Schulen realisiert werden. Des Weiteren findet einmal pro Monat ein Stammtisch statt, zu dem auch Nicht-Mitglieder kommen dürfen.

Ausserdem gibt es die Slow Food Planet-App. Sie zeigt, wo es in der Stadt Zürich gutes, sauberes und faires Essen gibt. Sei es im Restaurant, im Café oder in Läden. Die App richtet sich an Reisende, Pendler und natürlich an das einheimische Publikum.

Hier finden Sie mehr Informationen zum Markt in Zürich Die App auf iTunes herunterladen Die App auf Google Play herunterladen

Aus der Zeitung

Kinderleicht

Betreuerin Laura Schälchli will ihre Leidenschaft für gutes und gesundes Essen weitergeben.

Tatsache ist: Kochen mit Kindern dauert gaaanz schön lange. Doch genau das begrüssen Laura Schälchli (33) und Efa Guggenbühl (35), die ihre sechsköpfige Rasselbande zuerst einmal auf die gemalte Schnecke an der Wand aufmerksam machen. Wie isch en Schnägg?, fragt Laura gut gelaunt in die Runde. Laaangsam, tönt es unisono von den Holzbänken. Genau, freut sich die Quizmasterin. Deshalb ist sie auch das Wappentier von Slow Food. Wir nehmen uns Zeit beim Besorgungenmachen und Kochen. Denn beides sollte möglichst stressfrei und mit Spass ablaufen.

Es klappert die Mühle

Besorgungen gemacht haben schon die Grossen. Die Kleinen des Ferienhorts der Schule Scherr in Zürich dürfen sich voll und ganz dem Kochen widmen. Damit rechtzeitig zur Mittagszeit die Vollkornteigwaren mit Gemüsesauce auf dem Tisch stehen, muss zuerst einmal der Weizen geschrotet werden. Wow, cool, findet Chiara (10), die die elektrische Mühle mit Getreidekörnern füttern darf. Das bräunliche Mehl kommt jedoch weniger gut an. Grusig, urteilen ein paar der Kinder, nachdem sie vom Pulver probieren durften. Doch Laura erklärt: Im Getreide sind wichtige Ballaststoffe enthalten. Die helfen der Verdauung und machen obendrein satt.

Viel Wissen für wenig Geld

Bloss fünf Franken pro Kind kostet das halbtägige Programm, das Laura Schälchli und ihre Kollegin im Slow Mobil auf die Beine stellen. Auf Wunsch kommen wir an Schulen oder Märkte, erklärt die gelernte Naturpädagogin Efa. Mal veranstalten wir eine Geschmackswerkstatt, wie beispielsweise am Slow Food Market in Zürich, mal kochen wir verschiedene Gerichte. Aber immer gilt: Maximal acht Kinder dürfen mitmachen. Sonst wird es zu eng im Wagen.

Voll bei der Sache

Mahl-Zeit: Chiara und die Kinder lernen, wie aus Vollkorn Mehl gemacht wird.

Vom beschränkten Platzangebot bekommen die engagierten Schüler allerdings nur wenig mit. Der Reihe nach darf nämlich jedes Kind ein Ei aufschlagen. Während Nesthäkchen Moe (6) mit ihren Fingerchen noch etwas ungeübt die Schale eindrückt, zeigt sich bei Solaia (9), dass sie nicht das erste Mal in einer Küche steht. Zu Hause helfe ich oft beim Backen, erzählt sie, während sie gekonnt das Bio-Ei in die Schüssel befördert. Bevor Theodor (9) dran ist, stellt er seiner Kochlehrerin eine Frage: Was, wenn ein Bibeli rauskommt?. Efa muss lachen. Das darfst du dann mitnehmen.

Vom Trend zur Bewegung

Es sind nicht nur die lustigen Fragen und Einwände der lieben Kleinen, die das Kochen für die Betreuerinnen so amüsant machen. Es macht Freude zu sehen, wie Kinder sich für Lebensmittel interessieren, schwärmt Laura Schälchli von ihrem Engagement, das wie sie lachend meint sicherlich viele Karmapunkte einbringt. Bei den Kleinen könne man von Grund auf etwas bewirken, so die Präsidentin von Slow Food Youth Schweiz. Wir wollen Kinder für Lebensmittel sensibilisieren und ihnen Freude am Genuss vermitteln. Denn Ernährung soll eine Kombination aus lustvollem und bewusstem Essen sein. Buono, pulito e giusto, also gut, sauber und fair lautet noch immer das Credo der Fast-Food-Gegenbewegung, die 1986 von Carlo Petrini (66) gegründet wurde. Und fast 30 Jahre später liegt der Fokus mehr denn je auf der Erhaltung der regionalen Küche mit einheimischen Produkten und deren lokaler Produktion.

Wir wollen Kinder für Lebensmittel sensibilisieren.»

Laura Schälchli, Präsidentin Slow Food Youth Schweiz

Kurbeln wie die Profis

Produktion ist nun auch bei den Mini-Chefköchen angesagt: Efa Guggenbühl macht vor, wie der Teig durch die Maschine befördert werden muss. Sinan (10) und Solaia sind die Ersten, die ihr Talent unter Beweis stellen wollen. Er dreht an der Walze, sie nimmt behutsam die Nudeln in Empfang. Nevio (8), Moe, Chiara und Theodor haben die Aufgabe gefasst, die Teigwaren auf dem Geschirrtuch auszubreiten. Kurz da-rauf wird getauscht. Schliesslich sollen ja alle alles machen.

Bis die Tränen fliessen

Ich bin geübt und kann Zwiebeln mega klein schneiden, sagt Solaia, greift sich die Knolle und legt mit dem Schnippeln los. Tu die Zwiebel weg, sagt Sinan und verzieht das Gesicht. Ich muss auch weinen, sagt Gemüsechefin Laura, die wie ausnahmslos alle im Slow Mobil rote Augen bekommt. Passt beim Schneiden auf eure Fingerkuppen auf, mahnt die Absolventin der italienischen Slow-Food-Universität. Und zeigt ihren Lehrlingen, wie es der Profi macht: Nehmt die Finger zurück und schneidet am Knöchel entlang, dann kann nichts passieren!

Zu Tisch, kleine Herrschaften

Die Kochcrew im Uhrzeigersinn: Chiara (oben Mitte), Sinan, Efa, Theodor, Moe, Nevio, Laura und Solaia.

Das Gemüse ist klein geschnitten, zu einer Sauce verkocht und mit Gewürzen verfeinert, die Vollkornnudeln ziehen bereits im Wasser: Gleich kann es losgehen. Nevio deckt den Tisch. Das muss ich zu Hause auch immer machen, sonst krieg ich kein Taschengeld. Moe wartet bereits auf das Essen. Das kleinste Mitglied der Kochmannschaft muss ja schliesslich noch am meisten wachsen. Doch Teigwaren mit Sauce? Fehlanzeige! Ich esse nie Sauce, nur Ketchup, sagt die Sechsjährige. Gibts wenigstens Käse? Darauf verzichten wir bewusst, damit man die Teigwaren besser schmeckt, erklärt Efa. Schmeckts denn überhaupt? Normale Spaghetti sind viel feiner, findet Nevio und teilt damit gar nicht die Meinung seiner Schwester Solaia. Ich finde sie sehr gut, weil sie süsser sind, urteilt diese, nachdem sie ganze drei Mal Nachschlag verlangt hat. Braves Mädchen und lernfähig dazu. Denn was haben die beiden netten Frauen vom Slow Mobil zu Beginn erzählt? Vollkornteigwaren helfen der Verdauung und sättigen länger. Und abgesehen davon: Nur schon die Tatsache, dass sie selbst gemacht sind, macht sie zu etwas ganz Besonderem. Wenigstens in diesem Punkt sind sich alle einig.

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