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Starthilfe: Für feinen Fisch

Bei Kartoffeln ist klar: Von nichts kommt nichts: Wer im Frühling nicht pflanzt, wird im Herbst nichts ernten. Bei Fischen ist das nicht anders.

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Heiner H. Schmitt
30. März 2015

Hans-Ueli Zwimpfer im Boot vor seinem Bootshaus und zusammen mit Fritz Hostettler mit den frisch geschlüpften Fischen in der Brueti.


Ab und zu entdeckt Hans-Ueli Zwimpfer spezielle Gesellen in seinen Netzen. Es kommt immer wieder vor, dass ich einen Goldfisch fange. Aber auch Koi-Karpfen gibt es gelegentlich. Ausgesetzt von ihren Besitzern, eine leide Sache. Doch auch der 34-jährige Berufsfischer setzt jeden Frühling Fische im Sempachersee aus: Allerdings nicht, weil er ihrer überdrüssig geworden ist. Im Gegenteil. Die Monate davor hat er damit zugebracht, diese mit viel Herzblut aufzupäppeln. Es ist ja nicht so, dass wir einfach Fische aus dem See ziehen können, sagt der junge Sempacher, der den Familienbetrieb in 13. Generation führt. Würden wir keine Fische künstlich erbrüten, wäre damit bald einmal Schluss.

Stecknadel? Nein, Fisch!

Grad im Falle des Sempachersees: Obwohl sich dieser seit seinem Kollaps 1984 mit dem grossen Fischsterben wieder recht gut erholt hat, fehlt es in 10 bis 15 Metern Tiefe also da, wo die Felchen ihre Laichplätze haben noch immer an Sauerstoff. Keine Chance daher, dass sich die Fische selber fortpflanzen. Neben Zwimpfer setzen daher auch die zwei in Sursee und Oberkirch ansässigen Berufsfischer jeden Frühling zig Millionen von Fischchen aus.

Wobei der Ausdruck Fischchen leicht übertrieben ist: Wenn die frisch geschlüpften Felchen ausgesetzt werden, sind diese nur wenige Millimeter lang und nahezu durchsichtig. Sprich: Sie haben mehr Ähnlichkeit mit Stecknadeln denn mit Fischen. Die ersten acht Wochen sind entscheidend: insbesondere, ob genug Plankton da ist, damit sie sich ernähren können, sagt Zwimpfer, während er Eimer um Eimer mit Felchen in die Freiheit entlässt. Das ist immer ein schöner Moment, stellt er mit Blick auf die kleine Wolke neben dem Boot fest und wirkt wie der stolze Vater beim ersten Schultag seines Sohnes.

Die ersten acht Wochen sind entscheidend.»

Hans-Ueli Zwimpfer, Fischer in der 13. Generation

Wichtiges Utensil: Schwanenfeder

Nicht weiter erstaunlich eigentlich, denn auch er hat schon einiges mit den Kleinen erlebt: Los ging es in der Brutstation von Zwimpfer liebevoll Brueti genannt bereits im Dezember und Januar mit dem Streifen, dem Abstreifen der Eier der Weibchen beziehungsweise der Milch der Männchen. In speziellen Gläsern sogenannten Zuger Gläsern, denn in Zug wurden sie erfunden gedeihen die Eier etwas mehr als zwei Monate, bis die Felchenbrütlinge schlüpfen. Die Eier brauchen viel Sauerstoff, damit sie sich entwickeln können, erklärt Zwimpfer. Daher fliesst laufend frisches, 4 bis 7 Grad kaltes Seewasser durch die Gläser, hin und wieder greift er zusätzlich noch zur Schwanenfeder, um die recht klebrigen Eier in den ersten Wochen vom Glasboden zu lösen. Man muss ständig dran sein, erklärt er. Abgestorbene oder unbefruchtete Eier müssen entfernt werden, sonst können sich Pilze entwickeln. Täglich bedeutet das 2 bis 3 Stunden Aufwand.


Kaum geschlüpft, kommen die Tiere in den See. Die letzte Generation bleibt jedoch immer etwas länger in der Brueti. In grossen Becken wird sie mit Plankton gefüttert, bis sich die feinen Nädelchen zu etwa 2,5 bis 3 Zentimeter grossen Fischchen gemausert haben die natürlich viel bessere Überlebenschancen haben. Mit allen kann er den Aufwand nicht betreiben: Dazu reichen weder Platz noch Zeit.

Nur ein Bruchteil wird gross

Alles in allem wird Hans-Ueli Zwimpfer dieses Jahr wieder gegen 15 Millionen Felchen in die Freiheit entlassen. Viel Aussetzen heisst allerdings nicht, dass ich viel raushole, erklärt er. Da spielen so viele Faktoren mit: das Wetter, die Temperatur, das vorhandene Futter, wie viele Fressfeinde unterwegs sind Wenn alles gut gehe, seien 1 bis 2 Prozent der heute ausgesetzten Felchen in vier Jahren fangbereit. Leider gibt es immer wieder schlechte Jahre. 2008 war ein solches: nur 27 Tonnen Felchen wurden am Sempachersee gefangen, während die Erträge in normalen Jahren 50 bis 80 Tonnen betragen. Bitter, denn Felchen sind der Brotfisch der Schweizer Berufsfischer, sie machen weit über 90 Prozent der Fänge aus.

Beim Fisch ist er Purist

Das leider bezieht Zwimpfer, der schon als Bub vom Fischerdasein träumte, auch auf die Kunden. Mir tut es immer weh, wenn ich jemanden enttäuschen muss, der sich auf ein frisches Felchenfilet gefreut hatte. Selber isst er natürlich auch Fisch wenn auch nicht grad täglich. Ich hab halt auch gern ein Stück Fleisch, meint er fast entschuldigend. Beim Fisch erweist er sich als Purist: Am liebsten mag ich in Butter gebratene, nur mit etwas Salz und Pfeffer gewürzte Felchenfilets.

Abgestorbene oder unbefruchtete Eier müssen regelmässig entfernt werden.

Klar auch, dass jemandem wie Hans-Ueli Zwimpferdie Natur am Herzen liegt. Er begrüsst daher, dass beim Aussetzen der Felchen darauf geachtet wird, dass die von See zu See genetisch leicht unterschiedlichen Felchen nicht vermischt werden. Selbst dem Kormoran, dem erklärten Feind vieler Fischer, kann er einiges abgewinnen. Klar, wenn sich wie im letzten Herbst gegen 600 Exemplare hier am See aufhalten, futtern die so einiges weg. Selbst bei vorsichtigen Schätzungen komme man da auf rund 27 Tonnen Fisch. In guten Jahren steckt man das weg: Aber in schlechten Jahren, wenn man selber Verluste schreibt, ist das schon hart. Aber: Die Tiere sind echt clever, erzählt er. Manche warten in der Nähe des Boots, bis wir die Netze hochziehen und holen sich die Fische dann dort raus: Richtige Schlitzohren sind das.

Felchenfilets an leichter Kräuter-Rahmsauce PDF herunterladen PDF herunterladen PDF herunterladen PDF herunterladen