X

Beliebte Themen

Kulinarik

Fingerfood statt Babybrei

Füttern war gestern. Neuerdings bestimmen Babys selbst, was sie essen wollen. Und entdecken durch Baby-led weaning schon früh eine ganz neue Geschmackswelt.

TEXT
FOTOS
Alamy, Getty Images, zVg
26. September 2016

Alleine essen ist sinnlich, aber am Anfang auch Schwerstarbeit für die Kleinen.


Freie Hand

Oh doch, mit Essen spielt man! Denn das fördert die Entwicklung der Babys.

Von Grimassen bis hin zu verzückten Lauten: Beim Entdecken von Nahrungsmitteln durchlaufen Babys sämtliche Gemütszustände. In der Schweiz empfehlen Spezialisten nebst Mutter- und Säuglingsmilch ab dem vierten bis sechsten Monat feste Nahrung. Anfangs wird das Essen mit dem Mixer zerkleinert, später zerdrückt und mit dem Wachsen der ersten Zähne nur noch geschnitten.
Die meisten Kinder lernen den Geschmack von Rüebli, Apfel oder Fleisch über die Breinahrung kennen. Andere machen die ersten Erfahrungen direkt beim selbstständigen Essen von kleinen Stücken. Diese sogenannte Baby-led weaning-Methode wurde erstmals 2011 von der Universität Nottingham untersucht. Mit dem Ergebnis, dass Kleinkinder, die mit den Händen essen, weniger auf Zucker fixiert sind als diejenigen, die mit Brei und Kompott gefüttert werden.

Sandra Griffin (33), Ernährungsberaterin

Entdecken mit allen Sinnen

Im kanadischen Québec interessieren sich viele Eltern für diese Methode. Die Ernährungsberaterin Sandra Griffin (33) hat sie in den letzten drei Jahren bereits rund tausend Müttern vermittelt. Die Kanadierin selbst hatte davon gehört, als sie mit ihrem zweiten Kind Gilbert (heute vierjährig) schwanger war. Sowohl bei ihm als auch seiner kleinen Schwester Louise (22 Monate) wandte sie das selbstständige Essen erfolgreich an. Einer der Vorteile liegt darin, dass das Kind verschiedene Konsistenzen und Nahrungsmittel entdecken lernt. Und weil man ihm nichts in den Mund schiebt, wird es sich des Essensvorgangs bewusst, erklärt sie. Das Kind lerne, auf seine Körpersignale zu achten. Das kann bei der Vorbeugung von Fettleibigkeit helfen. In einer Zeit, in der Übergewicht bei Jugendlichen immer häufiger vorkommt, stösst diese Botschaft bei den Eltern, die ihren Kindern einen möglichst guten Start ins Leben ermöglichen wollen, auf Gehör.

Der Essensvorgang wird bewusst wahrgenommen.»

Sandra Griffin (33), Ernährungsberaterin

In der Schweiz ist diese Ernährungsmethode aber noch kaum bekannt. Im Kanton Waadt werden wir nur von wenigen Eltern darauf angesprochen, sagt die Ernährungsberaterin Laurence Margot (53), die sich offen für diese Herangehensweise zeigt. Es gibt grosse kulturelle Unterschiede, daher sollen Eltern ihre Kinder so ernähren, wie sie es für richtig halten. Das bestätigt auch Irene Maffi (45), Professorin für Anthropologie an der Universität Lausanne: Es gibt ganz unterschiedliche Theorien je nach Epoche und Land. Sie widersprechen sich oft gegenseitig, daher ist es für die Mütter schwierig, sich zurechtzufinden.

Hauptsache ausgewogen

Catherine Bussien (52), Ernährungsberaterin am Universitätsspital Genf, zeigt sich skeptisch in Bezug auf die selbstständige Nahrungsaufnahme von Babys. Allerdings findet sie es wichtig, dass man Kinder nicht zum Essen nötigt: Ein Zwang sollte immer vermieden werden. Das kann zu Essstörungen oder zu Übergewicht führen. Als Expertin stellt sie sich jedoch die Frage nach allfälligen Mangelerscheinungen: Ab dem Alter von sechs Monaten besteht, vor allem wenn das Kind noch gestillt wird, das Risiko eines Eisen-, Zink- oder Vitamin-B12-Mangels. Ausserdem birgt zu früh angebotene feste Nahrung Erstickungsgefahr. Daher sei es notwendig, die Konsistenz der Lebensmittel der Kaufähigkeit des Kindes anzupassen.

Mit dem Baby am Familientisch

Tipps

  • Berührung: Lassen Sie das Kind die Nahrungsmittel berühren. So lernt es die verschiedenen Konsistenzen und Geschmäcker kennen. Und entdeckt so nach und nach die Freude am Essen.
  • Geduld: Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus. Diesen gilt es zu respektieren. Üben Sie sich in Geduld. Das Kind wird bald schon selbstständig und sauber essen.
  • Vorbild: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran, indem Sie am Esstisch langsam und sauber essen.
  • Gelassenheit: Regen Sie sich nicht auf, wenn das Baby seinen Löffel wegschmeisst oder den Teller umdreht. Dieses Spiel trägt zu seiner Entwicklung bei. Erklären Sie ihm ruhig, dass man nicht mit dem Essen um sich werfen darf.
  • Ausdauer: Die Vorlieben der Kinder können sich rasch ändern. Weigert es sich, Kartoffeln oder Rüebli zu essen, liebt es diese vielleicht drei Monate später schon heiss. Beweisen Sie Ausdauer, indem Sie ihm das gleiche Nahrungsmittel immer wieder anbieten.
  • Hygiene: Teilen Sie den Löffel nicht mit Ihrem Baby. Denn dadurch können kariesfördernde Bakterien übertragen werden.
  • Sauberkeit: Nach dem Essen sind der Hochstuhl und der Boden in der Regel mit Essensresten bedeckt. Kurz mit dem Staubsauger oder einem feuchten Lappen darüber, und schon ist das Problem gelöst.

Fingerfood statt Babybrei was halten Sie davon?»

Diskutieren Sie mit: