Guten Tag Majestät | Coopzeitung
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Guten Tag Majestät

Bäume sind für Erica Bänziger wie Lebewesen, sie spricht auch mit alten Kastanien. Wenn es um Nahrungsmittel wie Marroni, Kürbis oder Knoblauch geht, ist die 48-jährige Kochbuchtautorin eine Institution in der Schweiz.

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Alain Intraina
10. Oktober 2016

Reportage

Erica Bänziger ist ein Wirbelwind. Quirlig sprudelt es aus ihr heraus: Klar, ich gelte hier als Kräuterhexe. Sie lacht. Es stört sie nicht weiter. Sie lebt so, wie sie leben will, mit ihren beiden Söhnen Oliver (11) und Fillippo (7) in einem Häuschen mit wunderschönem Garten in Verscio TI. Ihr Garten scheint ein Abbild ihrer selbst. Unzählige Beerensträucher, Frucht- und ein Olivenbäumchen, essbare Kapuzinerkresse, hübsch inszenierte Sukkulenten in Terracottatöpfen und vieles mehr machen aus diesen wenigen Quadratmetern eine üppige, bunte, lebensfrohe Pracht. Dazwischen flitzen unzählige Meerschweinchen durch einen eigens für sie angelegten Abenteuerparcours auf dem ganzen Gartengelände und machen Luftsprünge, sobald sie Erica Bänzigers Stimme hören. Das ist der Zoo meiner Söhne. Den Meerschweinchen könnte es nicht besser gehen als hier.

Ursprünglich wollte sie ja Försterin werden. Aber dort ist Mathematik gefragt, und die ist nicht so mein Fall. Dann dachte ich, Imkerin sei eine gute Idee, aber davon kann man ja leider nicht leben. Also habe ich mich für die Ernährungsberatung entschieden. Doch wenn man Erica Bänziger auf diesen Beruf reduzieren wollte, würde man ihr nicht gerecht. Es ist der Imperativ, der immer bei dem Wort Natur mitschwingt, der ihr ganzes Fühlen, Denken und Handeln mitbestimmt. Selbst wenn sie das Wort nicht ausspricht, wird klar, bei dem Thema Natur und Ökologie fordert sie Konsequenz. Wenn ich mir Bio-Produkte leisten kann, dann können das andere doch erst recht. Ökologisch konsequent einkaufen ist das Mindeste, was wir tun sollten. Alle Pflanzen und Lebewesen sind Geschenke der Natur. Ihr Wissen darüber scheint unendlich.

Zu Bäumen hat sie seit ihrer Kindheit eine spezielle und intensive Beziehung. Kastanien sind Bäume mit einer grossen Persönlichkeit, sie haben Charakter. Für mich sind sie Lebewesen. Edelkastanien werden so alt wie Methusalem. Auf der Alp Brusino am Monte Giorgio soll es eine Edelkastanie geben, die 1000 Jahre alt ist. Ob das stimmt oder nicht, wir können alte Kastanien ohne Weiteres mit Guten Tag, Majestät begrüssen! Wer sich beim Wandern unter einen alten Kastanienbaum stellt, kann seine spezielle Energie womöglich spüren. Gerade bei grosser Erschöpfung und Burn-out-Symp-tomen soll er wohltun. Edward Bach hat daraus seine Bachblüte Sweet Chestnut entwickelt. Ich bin überhaupt nicht die Erste, die dieser grossartigen Pflanze die Ehre erweist, sagt Bänziger. Die Edelkastanie zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Erde. Sie wurde schon vor Christus erwähnt. Später haben die Chinesen und Römer ihre nährende und heilende Wirkung gepriesen. Hildegard von Bingen zählte Maronen zu den 16 wertvollsten Heilmitteln überhaupt. Bei Kopfschmerzen und Nervenleiden empfahl sie in Wasser gekochte Kastanien zu essen, beispielsweise. Woher hat sie all dieses Geschichtswissen? Aus vielen Büchern.

In der Küche sind Esskastanien für die Kochbuchautorin so viel mehr als eine passende Beilage zu Wildgerichten und Rotkraut oder Vermicelles. Die köstlichen Kastanien können unsere Alltagsküche als kalorienarmes, vitalstoffreiches und vollwertiges Lebensmittel auf so vielfältige Weise in Salaten, Suppen, Vorspeisen, als Hauptgerichte und Dessert bereichern. Nur wenn es um die Schälerei geht, dann habe sie keinen wirklichen Geheimtipp. Das ist und bleibt so aufwendig, wie es immer war. Da greift auch die moderne Kräuterpäpstin auf das Vermicellespüree aus dem Handel zurück. Bio-Qualität, versteht sich.

Glauben Sie an die heilende Kraft von Bäumen? Oder ist Ihnen das zu esoterisch?

Edelkastanien

Das Brot des Tessin, Edelkastanien, gedeihen vor allem in Südeuropa. Sie brauchen viel Wärme, ein mildes Klima und eine regelmässige Pflege. Bis zur ersten Ernte vergehen bei einem frisch gepflanzten Maronenbaum rund 25 Jahre, bis zur vollen Ernte vergehen allerdings weitere 50 Jahre.

Ein gut entwickelter Kastanienbaum trägt je nach Standort jährlich etwa 100 bis 200 Kilogramm Früchte. Die Kastanien reifen zwischen Oktober und November. In der Südschweiz begann die Kastanienkultur vor rund 1000 Jahren. Für die Tessiner haben Esskastanien eine nicht immer einfache Geschichte. Noch bis in die 50er-, 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts galten sie als Brot der armen Leute. Denn die auf den Seitenhängen der Alpen angepflanzten Kastanienbäume lieferten ihnen mehr Kalorien als der Getreideanbau.

Ein Baum pro Kopf galt im Tessin so lange als grobe Faustregel, bis die Kastanie von Mais und Kartoffeln verdrängt wurde. Erica Bänziger: In Notzeiten konnten die Tessiner dank der Kastanie überleben. Im Tessin finden rund um die Kastanienernte verschiedene Veranstaltungen, Märkte oder auch Wanderungen statt. Erica Bänziger veranstaltet einen Koch- und Wanderplausch. Infos dazu findet man auf Erica Bänzigers Homepage.

Rezepte

Hier finden Sie die Kastanienrezepte zum Abspeichern und Ausdrucken. Viel Spass beim Nachkochen.

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Steckbrief

Erica Bänziger

Bis zu ihrem 19. Lebensjahr lebte Erica Bänziger (48) mit ihren Eltern in Berlin, da der Vater an der Schweizer Botschaft tätig war. Dort machte sie auch ihre Ausbildung zur diplomierten Ernährungsberaterin (198082), anschliessend zog sie in die Schweiz. Sie legte die Wirteprüfung ab und absolvierte eine Ausbildung zur diplomierten Gesundheitsberaterin. Seit 1990 übte sie selbstständige Tätigkeiten aus, unter anderem als Kursleiterin, Referentin und Dozentin an Heilpraktikerschulen, als Leiterin praktischer Kochkurse sowie Autorin zahlreicher Kochbücher beim Fona- und AT-Verlag.

Wie viele Bücher sie seit ihrem Erstling Die neue kalte Küche ohne Fleisch für den Alltag und Gäste im Jahr 1995 publiziert hat, kann sie beim besten Willen nicht mehr sagen. Da komme ich immer wieder durcheinander. Ungefähr 35 müssten es sein. Die Bücher Mango und Wildkräuter wurden an der Frankfurter Buchmesse mit Silbermedaillen ausgezeichnet. Auch dieses Jahr erwartet sie wieder eine Medaille.
Das Buch Kastanien hat Erica Bänziger mit Fredy Buri, Koch in den besten Küchen der Schweiz, herausgebracht. Kastanien, Fona Verlag, Fr. 28.50.