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Kulinarik

Zwischen Brauchtum und Religion

Das Osterfest wird unterschiedlich zelebriert. Auch auf dem Teller landet vor und während der Feierlichkeiten Verschiedenes - zu gewissen Zeiten bleibt dieser gar leer.

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FOTOS
Thomas Andermatten, zVg
01. April 2016

Die Kapuzinerbrüder im Kloster Brig-Glis bleiben ihrer Einfachheit auch während Ostern treu.


Vielfalt

Der Schein trügt: Die traditionellen braunen Kapuzinerkutten sieht man im Klosteralltag nicht mehr oft.

Doch rund um die kulinarischen Genüsse geht der christliche Hintergrund des Osterfestes gerne einmal vergessen. Denn was haben Schoggihasen und Zuckereier eigentlich mit Ostern zu tun? Gar nicht so wenig, wie uns Bibelwissenschaftler Ernst Axel Knauf im Interview (siehe Reiter Interview) verrät.
Und wie verhält es sich mit der Symbiose Ostern und Schoggihase bei jenen Menschen, die mit dem Fest der Auferstehung Jesu Christi mehr verbinden als bloss das grosse Schlemmen? Den Kapuzinerbrüdern zum Beispiel: In der Schweiz leben heute noch rund 150 Männer nach den Regeln des heiligen Franz von Assisi (1181/1182 bis 1226). Im Kloster in Brig-Glis VS sind es noch deren zehn. Wir haben sie besucht und gefragt, welche Bedeutung das Essen für sie hat vor und während der Osterzeit.

Beat Pfammatter (49), Guardian (rechts im Bild)

Ort der Stille und der Andacht

Genau drei Stunden zeigt mein Navi für die Fahrt von Basel nach Brig an. In 180 Minuten, so meine Gedanken, tauche ich also in einen Ort der Stille und der Andacht ein. Das Handy habe ich vorsorglich schon vor der Abfahrt auf lautlos geschaltet mein Schiffshorn-Klingelton.... ja, das wäre peinlich. Und nach eben diesen drei Stunden stehe ich vor der Klosterresidenz, mitten in der Oberwalliser Gemeinde, die 2008 zur Alpenstadt des Jahres gekürt wurde.
Dass der technische Fortschritt auch vor diesen Mauern nicht halt gemacht hat, davon zeugt die Türklingel inklusive Gegensprechanlage, die sich an der Seite der massiven Holztüre befindet. Ein wenig enttäuscht in meinen Vorstellungen war es ein schwerer eiserner Türklopfer drücke ich auf den Knopf.
Minuten später sitze ich in einem kleinen und spärlich eingerichteten Zimmer mir gegenüber Bruder Beat Pfammatter im traditionellen braunen Kapuzinergewand. Meine bewundernden Blicke bemerkend, fügt dieser sogleich mit süffisantem Lächeln an: Das habe ich mir nur für die Fotos übergestreift, im normalen Klosteralltag sei die Kutte doch ziemlich unpraktisch.

Während der Fastenzeit wird im Kloster besonders einfach gegessen.

Fasten ist freiwillig

Von Bruder Beat möchte ich nun gern wissen, welche Bedeutung das Fasten und das berühmte Ostermahl in seinem Kloster haben. Da muss man differenzieren, meint er. So beginnt in der römisch-katholischen Kirche die Fastenzeit am Aschermittwoch und dauert bis zum Karsamstag also 40 Tage. Streng genommen heisst dies, dass man sich während dieser Zeit nur einmal am Tag satt essen darf und komplett auf Fleisch verzichtet. Dabei werden die Sonntage als sogenannte Feiertage der Auferstehung nicht mitgerechnet, präzisiert Bruder Beat, der mit seinen 49 Jahren zu den jüngsten Ordensbrüdern der Schweiz zählt. Weit weg vom Durchschnitt also. Denn dieser beträgt hierzulande nicht weniger als 77 Lenze.
So ist der Bald-Fünfziger auch in seinem Kloster noch einer der Einzigen, der aktiv fastet. Denn, ergänzt dieser, nach dem 60. Geburtstag müssen sich das die Kapuziner nicht mehr antun. Und sowieso beruhe das mit dem Fasten schon länger auf freiwilliger Basis. Einzig auf Fleisch werde während dieser Zeit bewusst verzichtet. Doch findige Klosterköche machten sich die Not zur Tugend und kreierten spezielle Fastenspeisen. Diese nehmen in den Rezeptbüchern der Ordensküchen noch heute meist den grössten Platz ein.

An den Feiertagen selbst haben wir keine speziellen Gerichte.»

Beat Pfammatter (49), Guardian

Das sind vor allem Käse- und Eierspeisen wie beispielsweise Fastenkutteln ein Omelettengericht mit Zwiebelsauce, erklärt Bruder Josef Dähler, der gerade dabei ist, das Mittagessen zuzubereiten. Tortillas gibt es heute, sagt er und muss dabei schmunzeln. Nach eigenem Rezept wohlgemerkt und abgelesen von seinem Apple-Tablet (noch ein Stein meines romantischen Klostermosaiks, der bröckelt). Das ist halt schon einfacher, als das Ganze von Hand zu notieren, entschuldigt sich Bruder Josef und lacht laut heraus.

Schnecken als Spezialität

Eine weitere Fastenspezialität sind die Schnecken zumindest waren sie es, präzisiert Bruder Beat und ergänzt: Das war im 6.Jahrhundert, als Benedikt von Nursia, der Ordensgründer der Benediktiner, entschieden hatte, dass während der Fastenzeit keine Vierfüssler gegessen werden dürfen.
Einen regelrechten Siegeszug hätten die Kriechtiere damals gefeiert und dabei ein neues Zuhause in den Klostergärten erhalten. Heute ist diese Spezialität, die mit viel Kräuterbutter genossen wurde, aber gänzlich von den Klostertellern verschwunden.
Und was ist mit Ostern? Bruder Beat erahnt die Frage... An den Feiertagen selbst haben wir keine speziellen Gerichte. Weder Osterlamm noch sonst etwas Ausgefallenes.
Die Kapuziner seien ein einfacher Orden, der diese Einfachheit auch in kulinarischer Hinsicht lebt. Aber klar, auch wir werden Eier färben und ein paar Schoggihasen verdrücken, wirft Bruder Josef, hinter seiner Bratpfanne stehend, noch ein.

Der Sederteller

Beim jüdischen Frühlingsfest Pessach gilt beim Essen eine klare Ordnung.

Rabbi Lionel Elkaïm und seine Frau Myriam beim traditionellen Sederteller.

Was für die Christen Ostern ist, ist für die Juden Pessach. 2016 findet die jüdische Feier vom 23. bis zum 30.April statt. Also knapp einen Monat nach dem christlichen Osterfest. Doch auch im kulinarischen Bereich liegen die beiden Ereignisse nicht allzu weit auseinander.

An den ersten zwei Abenden von Pessach wird der Tisch mit Speisen symbolischer Bedeutung gedeckt Seder wird gefeiert: Man gedenkt der Geburt des jüdischen Volkes bei seinem Auszug aus Ägypten. Es ist ein Familienfest, erklären der Rabbi Lionel Elkaïm (54) und seine Frau Myriam (53), die seit zwanzig Jahren in Lausanne wohnen.

Danach werden die Speisen des Sedertellers gegessen. Es gibt immer ein Gemüse, das in Salzwasser getunkt werden muss. Dieses symbolisiert die Tränen. Es soll an das Leiden unserer Vorfahren erinnern, sagt Lionel Elkaïm. Dazu wird bitterer Salat oder Meerrettich zusammen mit einem süssen Mus aus Früchten aufgetischt. Das symbolisiert die Bitterkeit der Versklavung, die durch diesen festlichen Momentgemildert wird. Auf dem Teller befindet sich auch eine Lammkeule, die in Anlehnung an die Bibel einen ausgestreckten Arm darstellt. Und schliesslich gibt es ein hart gekochtes Ei als Symbol des Lebens und der Trauer.

Auf den Tisch gehören auch drei ungesäuerte Brotfladen. Während des Pessachs isst man kein gesäuertes Brot, in Anlehnung an die Eile, in der die Juden aus Ägypten fliehen mussten. Während des Seder trinkt jeder Gast vier Becher Wein oder Traubensaft. Dabei lehnt er sich nach links und drückt so die Freiheit aus.

Zur Erzählung der Flucht aus Ägypten kommen Gesänge und ein Mahl mit je nach Herkunft der Familie unterschiedlichen traditionellen Gerichten.

Interview

Ernst Axel Knauf ist assoziierter Professor für Altes Testament und Biblische Umwelt am Institut für Bibelwissenschaft der Uni Bern.

Was sind in Ihren Augen typische Osterspezialitäten?
Die traditionellen Festspeisen zu Ostern sind Fleischspeisen. Historisch erklärt sich dies durch die vorherige Fastenzeit: Mehrere Wochen verzichten die Christen dabei auf Fleisch; im Falle der Ostkirche also der orthodoxen Kirchen sogar nahezu vollständig auf tierische Produkte. Da ist es naheliegend, dass beim Festmahl zünftig Fleisch aufgetischt wird.

Und der Zusammenhang zwischen dem Lamm Gottes und dem Lamm als Osterspeise?
Da gibt es weder in der Bibel noch religionsgeschichtlich einen Bezug: Tatsächlich ist das Essen von Lamm oder auch Gitzi an Ostern schlicht saisonal bedingt. Es gibt männliche Jungtiere von Schafen und Ziegen, aber das Mastvieh ist noch nicht so weit.

Sie nennen in erster Linie Fleischspeisen, aber es gibt ja auch Ostergebäck, zum Beispiel Osterfladen.
Auch diese Speisen lassen sich mit der Fastenzeit begründen: Weil man in diesen Wochen allgemein spartanisch ass und keine Süssgebäcke herstellte, brauchte man kaum Eier. Da liegt es nahe, diese für spezielle Festgebäcke zu verwenden sei es für Osterfladen oder für eine Colomba wie in Italien.

Ist darin auch der Ursprung des Ostereis zu suchen?
Hier ist der Fall anders. Das Ei gilt im Christentum als Symbol der Auferstehung: So wie das Küken die harte Schale durchbricht, so kommt Jesus lebend aus seinem Felsengrab.
Hat auch der Schokoladehase einen historischen oder religiösen Hintergrund?
Der Hase ja: Er zählt zu den traditionell im Frühling gegessenen Tieren. Ausserdem stand er in der Antike für Fruchtbarkeit und Lebenskraft, was auch mit der Auferstehung in Verbindung gebracht werden kann. Aber wie es dazu kam, dass zu Ostern Schokoladehasen gegossen werden, ist nicht belegt.

Beim Hasen gibt es also gar keinen Bezug zur Bibel oder zur Religion?
Es gibt das Dreihasenbild, wie man es in verschiedenen gotischen Kirchen findet. Dieses stellt drei springende Hasen dar, die in Kreisform angeordnet sind. Es wird als Zeichen der Dreifaltigkeit gedeutet und es gibt einige frühe bemalte Ostereier, auf denen es auch zu sehen ist.

Eine Frage noch: Ist Ostern tatsächlich ein christliches Fest oder hat die Kirche da einfach heidnische Bräuche übernommen?
Das Ganze ist kompliziert: Es ist unbestritten so, dass wir Christen an Ostern die Auferstehung des Herrn feiern. Aber der Termin folgt dem jüdischen Pessach-Fest, das ursprünglich das Fest zu Beginn der Vegetationsperiode war. Als die Herden und mit ihnen die Dorfjugend von den Feldern weg auf die Bergweide zogen. Später wurde es mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten verbunden, an den auch in der Osterliturgie erinnert wird. Im Fall von Weihnachten ist das anders. Die Bibel nennt kein Datum für die Geburt Jesu, so übernahm die Kirche im Westen den Festtag des römischen unbesiegbaren Sonnengottes.

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