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Allesesser: Obst und Gemüse? Schmeckt doch!

Kinder wollen essen, was sie mögen. Doch leider sind das selten gesunde Dinge so mancher Familientisch wird deshalb zur Kampfarena. Dabei gehts auch anders.

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Heiner H. Schmitt
19. Juni 2017

Emma (l.) und Sanne sind kulinarisch bewusst vielfältig erzogen worden. Sie mögen Fisch und auch das klassische Wintergemüse Federkohl.


Geschmacksprägung

Die Vorliebe für gewisse Lebensmittel ist meist nicht angeboren. Sie muss sich entwickeln.

Ganz genau weiss sie es nicht mehr. Doch irgendwann, erzählt Emma (11), mochten sie und ihre Schwester Sanne (9) keine Spargeln mehr. Sie weigerten sich, diese komischen Stängel zu essen. Für ihren Vater aber seien Spargeln das Grösste, etwas, das er in seinem Menüplan nicht missen möchte. Eines Tages standen plötzlich Prinzessinnenbohnen auf dem Tisch und die schmeckten den Mädchen, obwohl sie exakt wie Spargeln aussahen. So fanden die Spargeln wieder Eingang in ihr Geschmacksleben. Die kleine Anekdote zeigt, was Marketing in der Kinderernährung bewirken kann. Nur: Bei vielen Kids reichen selbst die kreativsten Vermarktungstricks nicht aus, um sie für Gemüse oder Obst zu begeistern. Was dagegen immer geht, sind Süssigkeiten. Viele Eltern verzweifeln täglich aufs Neue an ihrem Anspruch, den Nachwuchs ausgewogen und gesund zu ernähren.

Die Eltern von Emma und Sanne scheinen zu den Ausnahmen zu gehören, die diese Probleme nicht kennen. Sie haben es geschafft, dass sich ihre Töchter vielseitig ernähren. So kommen nicht nur für Kinder eher untypische Lebensmittel wie Federkohl, Spinat, Fenchel oder Sauerkraut auf den Teller. Die Mädchen essen auch Sushi, Trüffel und Miesmuscheln. Und sie mögen sie sogar.

Was lief in dieser Familie anders als bei den zahlreichen Picky Eaters, den wählerischen Kindern, die mit ihrem fortwährenden Hani nöd gern die Nerven ihrer Eltern strapazieren?

Oliven händeweise verschlungen

Martine (41), Sannes und Emmas Mutter, erinnert sich: Anfangs dachte ich, die beiden haben gar keinen Geschmack. Sie assen praktisch alles, was ich für sie pürierte. Diese erste Beikost stellte sie selber her. Gläschen bekamen die Mädchen höchstens in den Ferien. Nachdem sich ihre Kinder an Stückchen gewöhnt hatten, durften sie ab etwa neun Monaten alles probieren, was sie auf dem Esstisch fanden auch Oliven. Diese steckte sich die einjährige Emma gleich händeweise in den Mund, was die Eltern einigermassen erstaunte. Doch die Phase war irgendwann vorbei. Heute isst Emma keine einzige Olive mehr, erzählt Martine. Dafür könne sie von Pasta mit Pesto nicht genug bekommen.

Eine gewisse Toleranz zeigt die Mutter auch gegenüber Süssigkeiten. Natürlich bekommen die Mädchen mal Schokolade, ein paar Chips oder ein Glas Süssgetränk. Auch das sei schliesslich ein Genuss. Allerdings bekämen sie solche Sachen eher als etwas Besonderes am Wochenende oder auf einem Fest.


Essen als Teil der Lebensqualität

Was das breite Geschmacksspektrum der Mädchen sicher beeinflusste: Martine und ihr Mann lieben es zu kochen und zu geniessen auch schon bevor die Kinder zur Welt kamen. Gutes Essen ist ein extrem wichtiger Teil unserer Lebensqualität, sagt Martine. Sie kocht daher auch ab und zu gemeinsam mit ihren Kindern. Das sei zwar zeitintensiver, mache aber Spass und steigere die Vorfreude auf das gemeinsame Essen.

Einen weiteren Grund für die kulinarische Aufgeschlossenheit von Emma und Sanne vermutet die berufstätige Mutter in der Fremdbetreuung. Zwar seien die Gerichte in Krippe oder Hort geschmacklich eher flach, aber gleichwohl: Sie schmecken anders als zu Hause und bieten somit eine geschmackliche Variation. Wichtiger als das Kulinarische sei hier das Essen als Gemeinschaftserlebnis, vermutet Martine. Wenn es den Gspänli rechts und links am Tisch schmeckte, schmolz auch bei meinen Kindern schneller der Widerstand. Und wenn es mal gar nicht ging, habe man das verschmähte Mittagessen einfach ein paar Stunden später oder am nächsten Tag nochmals angeboten. Ein gewisses Mass an Konsequenz gehöre dazu. Extrawürste in Form von alternativen Gerichten gab es weder in der Krippe noch daheim.

So wurde in dieser Familie mehr oder weniger unbewusst umgesetzt, was Ernährungswissenschaftler empfehlen: Je eher man Kinder mit einer Vielzahl von verschiedenen Geschmäckern in Kontakt bringt, desto offener sind sie in ihrem späteren Leben gegenüber unterschiedlichsten Lebensmitteln. Dies ist nicht immer einfach und setzt bei den Eltern je nach Kind Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin voraus, denn es ist nervenschonender, dem quengelnden Kind nach zwei, drei erfolglosen Versuchen mit neuen Speisen wieder sein Lieblingsessen zu servieren.

Es ist nie zu spät!

Auch das ist Ernährungserziehung: Beim gemeinsamen Kochen entdecken Emma und Sanne mit Mutter Martine die Vielfalt der Lebensmittel.

Doch was, wenn die Kinder schon älter sind und immer noch Gemüse und Obst verschmähen? Können Eltern daran noch etwas ändern? Experten sagen: Ja. Allerdings: Je eher man damit beginnt, desto einfacher ist es. Hat sich der Gaumen der Kinder erst einmal an ungesunde Dinge gewöhnt, sind mehr Wiederholungen nötig, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Maier-Nöth (Interview online).

Fachleute sind sich einig: Eltern sollten stets Vorbild sein und Vorlieben und Abneigungen tolerieren. Schliesslich muss nicht jedes Kind alles mögen. Häufig handelt es sich nur um eine Phase, die vorübergeht. Auch Emma und Sanne schmeckt nicht alles. Ist das Essen zu scharf, gibt es Protest. Und Peperoni stehen auf der schwarzen Liste. Doch damit hat ihre Mutter kein Problem: Schliesslich mag sie die auch nicht!

Interview

Essen soll weder zum Zwecke der Erpressung noch zur Belohnung missbraucht werden, sagt Marguerite Dunitz-Scheer (62), Expertin für Essstörungen und Professorin für Kinderheilkunde. Das gelte ganz besonders für Süssigkeiten.

Was sollen Eltern tun, wenn sich der Nachwuchs am liebsten nur von Schokolade und Chips ernährt?
Keine Schokolade und Chips kaufen! Studien haben gezeigt, dass Kinder wenn man ihnen freie Hand lässt nur anfangs mehr ungesunde Sachen essen. Das reguliert sich zumeist in kürzester Zeit. Ab etwa sieben Monaten wählen Kinder aus einer normalen Mahlzeit intuitiv diejenigen Nahrungsmittel oder Speisen aus, die gut für sie sind.

Aber kann man Babys denn wirklich alles geben?
In den meisten nichtwestlichen Ländern steigt das vollgestillte Baby zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat von der Muttermilch auf die chinesische, indische oder thailändische Nahrung seiner Familie um. Das Kind erhält die von seiner Mutter vorgekaute Nahrung und wächst so in die Geschmackswelt seiner Kultur hinein. Also: Ja, man kann ab dem sechsten Monat so ziemlich alles geben, aber mit Mass und Vernunft; ein zwei Monate altes Kind kann natürlich kein Steak kauen!

Und was ist mit Allergien?
Echte Allergien sind sehr selten und haben fast immer einen familiär-genetischen Hintergrund. Viel häufiger sind dagegen Unverträglichkeiten. Sie sind allerdings deutlich harmloser und treten meist nur nach dem ersten oder zweiten Kontakt mit dem neuen Nahrungsmittel auf.

Das leidige Thema Süssigkeiten: Wie viel ist erlaubt? Und darf man sie als Belohnung einsetzen?
Nein, das ist unnötig und falsch! Essen soll weder als Strafe noch zur Belohnung missbraucht werden. Süssigkeiten an Geburtstagspartys und Festen reichen. Sie sollten nicht Teil des familiären Alltags sein. Bei zu dünnen Kindern sind gesunde Süssigkeiten wie selbst gemachter Kuchen oder Glace als Kohlenhydratquelle aber okay.

Was halten Sie von der Gesundheitskampagne 5am Tag Gemüse oder Früchte?
Das ist eine nette Initiative. Leider führen derartige Kampagnen bei Kindern häufig eher zu Widerstand als zu Kooperation. Rohkost und Frischobst sind herrlich, egal, wie oft man sie isst. Ein gutes Beispiel zu sein ist der einzige Weg einer nachhaltigen Ernährungserziehung.

Weltweit steigt die Zahl der übergewichtigen oder adipösen Kinder. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich denke, dass in manchen Familien zu viel über gesunde Ernährung geredet wird, statt dass man eine sinnlich wahrnehmbare Koch- und Esskultur entwickelt. Es ist wie mit Sexualaufklärung aus dem besten Buch: Sie führt noch lange nicht zu einem glücklichen Sexualleben!

Welchen Rat können Sie Eltern geben?
Eltern sollten sich darauf beschränken, gesunde Lebensmittel einzukaufen, zu kochen und anzubieten. Sie müssen nicht bestimmen, was und wie viel das Kind davon in den Mund nimmt. Stattdessen sollten sie ihre eigene Koch- und Esskultur beobachten, überdenken und gegebenenfalls optimieren. Sie sollten das Essen geniessen, statt ständig darüber zu reden.

Kulinarik

So werden Kinder zu Feinschmeckern

Früh üben: Schon Babys lernen, ihre Geschmacksknospen zu schärfen.

Geduldig bleiben: Neue Lebensmittel bis zu 15-mal anbieten. Kinder brauchen unterschiedlich lang, bis sie sich an einen Geschmack gewöhnen.

Probieren lassen: Kinder neue Lebensmittel probieren lassen und behutsam heranführen. Erst einmal nur mit der Zunge probieren, beim nächsten Mal mit dem Mund befühlen und erst dann runterschlucken. Unbekannte mit bekannten Lebensmitteln mischen. Und auch wenns nicht gleich klappt: keinen Ersatz anbieten!

Behutsam auswählen: Nicht mit extrem aromatischen Gemüsesorten wie Spinat oder Rosenkohl beginnen. Herausfinden, ob das Kind lieber rohes oder gekochtes Gemüse mag.

Keinen Druck ausüben: Machtkämpfe belasten die Atmosphäre am Esstisch und sind eher kontraproduktiv.

Vorbild sein: Falls es Ihnen auch einmal nicht schmeckt: Behalten Sie es für sich.Kinder übernehmen Ihr schlechtes Essverhalten schneller als Ihr gutes.

Entspannte Atmosphäre: Streitgespräche vermeiden. Bei kleineren Kindern darauf achten, dass sie nicht zu müde zum Essen sind.

Dos und Dont's

Genetisch haben Kinder eine Vorliebe für Süsses und Fettes. Aber Geschmack ist auch eine Frage des Trainings.

Wie schafft man es, dass Kinder Gemüse und Obst mögen?
Kinder sollten ab Beginn der Beikostphase möglichst alles probieren. Dabei sollte man die gleichen Gemüsesorten im Abstand von ein paar Tagen wiederholt anbieten.

Das klingt so einfach. Warum klappt es bei so vielen Kindern dennoch nicht?
Es liegt nicht an den Kindern, sondern an den Eltern. Kinder kommen mit circa 10000 Geschmacksnerven auf die Welt und sind sozusagen wahre Superschmecker. Sie besitzen zwar eine genetisch bedingte Vorliebe für Süsses und Fettes. Was ihnen ansonsten schmeckt oder nicht, ist aber eine Frage des Trainings. Viele Eltern lassen sich leider zu schnell entmutigen und geben zu früh auf.

Wie weiss man, dass es sich lohnt, es weiter zu versuchen?
Wenn das Baby eine bestimmte Gemüsesorte nicht isst, heisst das nicht automatisch, dass es sie nicht mag. Es lehnt sie zunächst nur ab, weil es sie nicht kennt. Das wird häufig falsch interpretiert. Mindestens achtmal hintereinander sollten Eltern eine neue Gemüsesorte anbieten. Sind die Kinder älter als zwei Jahre bedarf es gar 10 bis 15 Versuchen.

Und diese antrainierte Vorliebe bleibt auch bestehen?
Ja, weitgehend. 70 Prozent der Säuglinge aus meiner Studie, die das Gemüse anfangs ablehnten, assen es noch neun Monate nach der Gewöhnungsphase. Die meisten davon assen es sogar noch nach sechs Jahren und zwar weil sie es mochten. Vermutlich bleiben solche früh erlernten Geschmacksvorlieben bis zum Ende der Kindheit oder sogar ein Leben lang erhalten.
Andrea Maier-Nöth ist Expertin auf dem Gebiet der frühkindlichen Geschmacksprägung. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin und Referentin für Gesundheitspsychologie und Ernährung.