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Back-Fest: Home sweet home

Torten, Cupcakes, Kuchen: Backen liegt voll im Trend. Vor allem junge Menschen überbieten sich mit neuen Backkreationen. Dabei fragt man sich, was der Generation Internet wichtiger ist: der Geschmack oder eben doch die Optik?

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Heiner H. Schmitt
13. März 2017

Bloggerin Sophie Scaramuzza hat ihre Küche ganz auf das Backen ausgerichtet.


Reportage

Ein feiner Duft durchdringt das Einfamilienhäuschen von Sophie Scaramuzza. Die junge Mutter holt gerade ihren Marzipan-Nuss-Gugelhupf aus dem Backofen. Kaum ist das Gebäck abgekühlt, drapiert es die Hobbybäckerin auf einem hübschen Tortenständer, stellt es vor eine Leinwand und drückt ab. Was Sophie backt, landet gleich mit Bild im Internet. Denn Sophie backt nicht nur, um ihre Familie zu beglücken. Sophie backt und bloggt darüber.

Als die hauptberufliche Video-Editorin 2012 ihren Backblog lala Sophie ins Leben rief, konnte sie nicht ahnen, wie erfolgreich dieser dereinst werden würde. Durchschnittlich 18000 Mal pro Monat wird ihre Website mit Backrezepten aufgerufen. Damit hat es die 32-Jährige zur meistgelesenen Backbloggerin der Schweiz geschafft. Seit eineinhalb Jahren explodieren meine Zahlen, sagt Sophie Scaramuzza. Pro Woche stellt sie zwei neue Rezepte ins Netz. Wenige Stunden später bekommt sie erste Reaktionen. Und zwar von Lesern, die ihr Dessert bereits nachgebacken haben. Zurzeit erleben wir einen richtigen Back-Hype!

Bunter Rollfondant

Dies spürt auch Coop, die, wenns ums Backen geht, mit ihrer Marke Betty Bossi in der Schweiz federführend ist: Die Nachfrage nach Backzutaten und Dekorationsartikeln, etwa Fondant, nimmt seit einiger Zeit stark zu.

An der Zuckerpaste liegt es, dass Backen ein regelrechtes Revival erlebt. Angefangen hat alles damit, dass bunter Rollfondant einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde. So konnte man an Geburtstagsfesten mit schönen bunten Torten prunken, die nicht einmal der Dorfkonditor so gut hinbekommen hätte, weiss Betty-Bossi-Rezept autorin und Backspezialistin Claudia Boutellier. Und der Fondant hat einen Back-Hype ausgelöst, der seinesgleichen sucht. Egal, ob im Fernsehen, in Magazinen oder im Internet alles dreht sich darum, wer die schönste und feinste Torte backt.

Diesen Hype spürte man auch am Swiss Cake Festival, das Ende Oktober zum zweiten Mal stattfand. Der Andrang war riesig: 3500 Besucher aus der ganzen Schweiz nahmen dieses Jahr den Weg nach Dietikon ZH auf sich. In der Messehalle wimmelte es nur so vor Backbegeisterten. Egal, ob an der Tortenausstellung, bei Backdemonstrationen oder vor den Ausstellerständen die Besucherinnen (es waren nämlich mehrheitlich Frauen) standen dicht gedrängt aneinander und versuchten, mit dem Handy Bilder der beeindruckenden Backwerke zu schiessen.
Backen und Dekorieren sind in den letzten Jahren wahnsinnig beliebt geworden. Nicht zuletzt durch Backshows und Cake Design im TV, auf Social-Media-Kanälen und auf Blogs, sagt Lina Caroli, eine der Organisatorinnen des Swiss Cake Festivals.

Das Internet als Hauptverantwortliche des aktuellen Back-Hypes? Wahrscheinlich schon. Wer kann schon von sich sagen, dass er noch nie online nach einem neuen Rezept gesucht hätte? Suchte man früher im Kochbuch der Grossmutter nach Küchentricks, wird man heute in Internet-Foren fündig. Blogs animieren zudem mit gluschtigen Bildern, Kuchen und Guetzli nachzubacken.

Dafür werden appetitlich inszenierte Bilder immer wichtiger: Backbloggerin Sophie Scaramuzza ist das beste Beispiel dafür auf der Suche nach neuen Inspirationen für ihren Blog sucht sie nicht nach Rezepten, sondern direkt nach Essensfotos.

Selbstständigkeit dank Internet

Das Internet bietet nicht nur Inspiration. Dank grosser Reichweite und geringen Kosten animiert es auch, den Traum von der eigenen Bäckerei zu realisieren. So manche Teilzeithausfrau hat sich mit dem Herstellen von schön verzierten Kuchen und Cupcakes ein zweites Standbein aufgebaut, weiss Betty-Bossi-Rezeptautorin Boutellier. Zu ihnen gehört auch Heidi Rieger aus Stäfa ZH. That Baking Girl, die ursprünglich als Sicherheitsbeamtin am Flughafen arbeitete, war mit ihren Motivtorten und liebevoll dekorierten Cookies so erfolgreich, dass sie diesen Juni ihre Leidenschaft zum Beruf machen konnte.

Backen hat mich nie interessiert. Doch als meine Tochter noch ein Baby war, schlief sie sehr viel. Ich musste mir eine Beschäftigung suchen, erzählt Rieger. Auf Blogs stolperte sie über Cookies. Also Guetzli, die mit einer Mischung aus Eiweiss und Zucker so liebevoll dekoriert sind, dass sie glatt als Kunstwerke durchgehen würden. Die Schweiz-Kanadierin merkte schnell, dass sie ein Händchen für die bunten Gebäcke hatte. Und die Internet-Gemeinschaft belohnte sie dafür: Alleine auf Facebook hat Rieger über 30000 Fans. Dafür sind professionelle Bilder wichtig. Wie auch Backbloggerin Sophie Scaramuzza, hat Heidi Rieger in ihrer Backstube eine Fotoecke eingerichtet. Jede Kreation wird abgelichtet, bevor sie in den Verkauf kommt.

Die leidenschaftliche Bäckerin gibt ihr Wissen auch gerne weiter. Etwa einmal monatlich leitet sie Kurse, in denen die Teilnehmer in die Geheimnisse der Torten-, Cupcake- und Cookieherstellung eingeführt werden. Dabei backt sie nicht wirklich gerne. Das ist für mich nur Pflicht. Es ist das Dekorieren, das mir wirklich Spass macht. Ginge es nach mir, könnte ich auch nur mit Torten-Dummies arbeiten, sagt Rieger. Natürlich müsse der Kuchen schmecken. Sie versucht es aber relativ unkompliziert zu halten, was die Geschmacksrichtungen betrifft. Vanille, Schoko, Karamell, manchmal etwas Frucht. So schmecken die Torten des Baking Girl.

Ihre neuste Kreation ist übrigens ein Cookie-Cake eine Torte dekoriert mit Guetzli. Das Schöne daran ist, dass auch die Dekoration nicht nur süss ist, sondern richtig gut schmeckt, schwärmt Rieger.

Aktuelle Backtrends

Cookie-Cakes sind in der Schweiz noch selten anzutreffen. Wie Kleidung folgt auch Backen gewissen Trends die meisten davon kommen aus den USA mit einiger Verzögerung zu uns.
Waren vor wenigen Jahren noch Muffins und Cupcakes das höchste der Gefühle, so sind aktuell Cake Pops, Mug Cakes und Macarons gefragt. Bei den Torten sind Naked und Drip Cakes angesagt. Im Gegensatz zu Motivtorten kommen diese ganz ohne den herrlich bunten, leider aber auch sehr süssen Fondant aus. Einzige Ausnahme: sogenannte Galaxy Cakes. Sie schimmern wunderbar in allen Farben des Universums.

Wenns um die Zukunft in Schweizer Backstuben geht, glaubt Betty-Bossi-Spezialistin Boutellier an eine Trendwende, weg von zu viel Künstlichkeit: Das Maximum an Farben und Dimensionen ist vermutlich bald erreicht. Daher wäre es möglich, dass wir alle irgendwann wieder dezentere Farben oder sogar alles wieder ganz natürlich wollen. Auch wenn sich damit weniger Leute beeindrucken lassen: Selbst gemachte Mailänderli, Lebkuchen oder ein Marmorcake sind halt schon etwas Feines.

Rezept

Die Quarkstollen sind das liebste Wintergebäck von Sophie Scaramuzzo.

Zutaten

  • 150 g Rosinen
  • 2 EL Rum
  • 2 EL Orangensaft, frisch gepresst
  • 280 g Mehl
  • 1 TL Zimt
  • 2 TL Backpulver
  • 1 Bio-Orange
  • 1 Vanilleschote
  • 100 g Butter
  • 75 g Rohrzucker
  • 150 g Halbfettquark
  • 30 g geschmolzene Butter
  • 50 g Puderzucker

Zubereitung

  1. Die Rosinen mit Rum und Orangensaft mischen und über Nacht einweichen lassen. Dann die Flüssigkeit abgiessen.
  2. Den Ofen auf 200 Grad Ober- und Unterhitze vorheizen.
  3. Mehl, Zimt und Backpulver in einer Schüssel gut vermischen und zur Seite stellen.
  4. Die Orangenschale abreiben. Das Vanillemark auskratzen. Separat zur Seite stellen.
  5. Butter, Orangenschale, Vanillemark und Zucker 2 Min. lang cremig rühren. Nun den Quark dazurühren.
  6. Nach und nach das Mehl beigeben. Zum Schluss die Rosinen beifügen und alles zu einem geschmeidigen Teig zusammenfügen.
  7. Den Teig nun ca. 1,5 cm dick auswallen. Zuerst in ca. 3 cm breite Streifen und anschliessend in Quadrate schneiden. Die Quadrate auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen und ca. 10 Min. in der Mitte des Ofens backen.
  8. Die Mini-Stollen 5 Min. abkühlen lassen. Mit geschmolzener Butter be streichen und in Puderzucker wälzen.

Lebensmittelgesetz

Interview

Die Rüeblitorte bleibt der absolute Topfavorit Katja Rost

Katja Rost (42), Soziologin an der Universität Zürich, erklärt, weshalb Selber- backen so wichtig geworden ist.

Backen ist plötzlich wieder in es wird vom vermeintlichen Hausfrauen-Hobby zur Kunstform. Weshalb ist das so?
Dieses Revival hat sicherlich damit zu tun, dass Massenwaren überall zu finden sind. Sozialen Status erlangt man immer seltener darüber, weil man ein teures Auto besitzt oder einen exklusiven Kuchen aus der Konditorei mitbringt. Das kann heute jeder, auch infolge unseres hohen Wohlstandes. Die Frage ist, wie man sich in so einer Welt als Persönlichkeit noch abgrenzen kann. Eine Möglichkeit ist, etwas selber zu machen also Zeit und Kreativität zu investieren. War früher Geld das knappe Gut, so ist es heute die Zeit. Mit Backen, Kochen oder Selbereinmachen kann man sich aus der Masse abheben. Man kann es sich zeitlich leisten.

Durch das Internet haben Bäcker und Bäckerinnen mehr Vergleichsmöglichkeiten. Wird dadurch die Optik der Torten wichtiger als der Geschmack?
Durch die vielen verfügbaren Lebensmittelfarben und käuflichen Zusatzprodukte wird das Aussehen der Backwaren immer wichtiger. Allerdings macht sich hiermit der Trend selbst obsolet. Zwar ist der Kuchen dann selbst gemacht, sieht aber aus wie gekauft. Zudem zählt im Internet insbesondere die Optik einer Backware, da Bilder keinen Geruch und Geschmack verbreiten. Ich glaube trotzdem, dass die traditionelle Rüeblitorte der absolute Topfavorit in der sozialen Statushierarchie der Backtrends ist. Derartige Produkte sind authentisch und vereinen Musse, Zeit, Tradition und Können.

Weshalb kommen alle Backtrends eigentlich aus den USA?
Das ist bei den meisten Trends der Fall. Denken Sie nur an McDonalds, Mickey Mouse oder Boni-Systeme. Die industrielle Revolution setzte in den USA etwa 30 bis 50 Jahre früher ein als in Europa. Deswegen waren die USA in der Massenproduktion schnell führend und erlangten schneller einen hohen Wohlstand. Aus diesem Grund kommen die meisten Innovationen und Trends nach wie vor aus den USA. Die amerikanische Gesellschaft ist uns immer noch etwa 30 Jahre voraus. Im Guten wie im Schlechten.